Kapitel 13

Surprise

Er schloss die Tür und lehnte sich gegen das schwere kalte Holz. Hauselfen bewegten sich still und beständig durch die Halle, putzten Gemälde, die Teppiche oder den Boden. Sie trugen Tabletts, und es herrschte das stille Treiben, was jeden Tag im Haus herrschte.

Seine Hand fuhr zu seinem Gesicht und kopfschüttelnd schloss er die Augen.

Das war doch nicht wirklich passiert?! Er war doch nicht wirklich heute in Grangers Haus aufgewacht und hatte gewagt zuzugeben, dass er sie als Mätresse wollte, oder? Und… sie hatte nicht abgelehnt! Das war doch nicht wirklich passiert? Was hatte ihn geritten?

Er lehnte den Kopf zurück, atmete langsam aus und wollte nur noch duschen. Wie erwartet war seine Abwesenheit nicht aufgefallen. Oh Salazar! Bei Glück sah er sie zumindest ohnehin nicht mehr wieder! Der Tag war an ihm vorbeigezogen, wie ein schlechter Traum.

Wie ein Albtraum. Zuerst diese verfluchte Panik, dann Schlammblüter in einem Haus und – fuck!

Er hatte seine Unterlagen vergessen. Sie wäre bestimmt clever genug, sie im Ministerium auf seinen Schreibtisch zu legen. Wenn er ehrlich war, war er jetzt auch nicht besonders scharf darauf, dem Schlammblut oder den Blutsverrätern Gold zu schenken.

Oh ja, richtig. Dieser Streit war auch in diesem Haus noch nicht beendet, fiel ihm ein.

Merlin, er hatte sie gefragt, ob sie mit ihm schlafen würde! Wieso hatte er solche Regungen nicht in der Schule verspürt?

Merlin, hatte er sie etwa gefragt, ob sie Jungfrau sei? Er hatte das Gefühl, einen momentären Schwächeanfall gehabt zu haben. Gelenkt von Panik und Zerstörung. Bei klarem Verstand hätte er… ganz bestimmt nicht gefragt!

Ihm war tatsächlich übel. Und ihm fiel auf, dass es ihm in ihrem Haus nicht ganz so schlecht ging, wie jetzt. Die letzten Tage waren zu viel gewesen.

Er war sich selber zu viel gewesen!

Fast schrie er auf, als einer der Hauselfen mit einem leisen Plopp aus dem Nichts neben ihm auftauchte.

„Fuck, verflucht! Avalaon!", knurrte er ungehalten. Es war der einzige Hauself, den er kannte. Der einzige Hauself, den er vielleicht akzeptierte. Vielleicht.

„Master Draco, kein guter Zeitpunkt", sagte der Elf sehr ruhig.

„Was?"

„Master Draco sollte nicht hier verweilen." Es klang wie ein schlechter Satz aus einem Buch.

„Was ist los?" Er kannte das Haus schließlich. Seine Mutter würde sich hier irgendwo aufhalten. Und natürlich war es kein Ort, um zu verweilen, aber er war einfach schlicht und ergreifend fertig mit sich und der verdammten Welt.

„Sir, Sie-"

„Wieso die Panik? Was ist los?", wollte er müde wissen.

„Sie waren die Nacht über weg", stellte der Elf ernst fest. Einem war es also aufgefallen, ging ihm freudlos auf. Dem Diener.

„Ja. Ich…" Was? Er war bei einem Schlammblut im Gästezimmer gewesen? Hatte dort auch den Tag verbracht und ihr auch noch vorgeschlagen, mit ihm zu schlafen? Hatte er ihr sogar gesagt, sie sähe akzeptabel aus? Wüsste er es nicht besser, würde er behaupten, er sei untervögelt und sonst was! Das war gar nicht der Fall! Gut, etwas wenig Sex in den letzten Wochen, aber das war auch gar nicht sein Problem. Er brauchte dringend Kontakt zu Blaise! Aber der war ja vollkommen übergeschnappt.

Der Elf sah ihn abwartend an. „Das geht dich gar nichts an", beschloss Draco zu sagen. Der Elf verneigte sich widerwillig.

„Sie möchten nicht bleiben", erklärte der Elf jetzt wieder ruhiger.

„Wieso nicht?"

„Weil sie böse sind!", sagte der Elf jetzt konsterniert. Draco zuckte die Achseln. Seine Eltern waren immer böse. Er kannte keinen anderen Zustand in diesem Haus. Seit seiner Geburt nicht.

„Die Ballsäle oben sind in einem abscheulichen Zustand. Ich werde die Hauselfen später dafür noch bestrafen. Die Böden haben sie regelrecht verkommen lassen!", hörte er die blasierte Stimme seiner Mutter. Der Elf wirkte plötzlich geschäftiger.

„Gehen Sie!", sagte er mit Nachdruck und verschwand. Draco lehnte immer noch an der breiten Haustür. Mit wem sprach seine Mutter? Sie würde bestimmt nicht Lucius mit den Böden belästigen.

Ehe er sich entscheiden konnte, bogen zwei Frauen um die Ecke. Zuerst dachte er, er sähe nicht recht, denn es war zweimal seine Mutter. Dann blinzelte er. Nein. Die zweite blonde Frau war nur ähnlich groß, ähnlich gebaut und ihre blonden Haare waren etwas kürzer.

Wer war die blonde Frau? Eigentlich unwichtig, denn wenn sie mit seiner Mutter verkehrte, ohne nach fünf Minuten sterben zu wollen, dann war es niemand, den er kennen musste.

„Mein Sohn lebt noch", sagte Narzissa plötzlich, als sie ihn erkannte. „Antoinette, jetzt kannst du ihn kennen lernen, ehe wir beschließen, ob wir unten oder oben feiern." Die hohe Gestalt der fremden Frau kam näher, und kurz fühlte er sich etwas bodenlos. Antoinette? Der Name kam ihm fremd vor und dennoch…! Irgendwas rührte sich in ihm, während er sich langsam aufrichtete, bereit zum Kampf. Bereit zu fliehen.

Er würde seiner Mutter ohne Weiteres zutrauen, eine Ministeriumshexe geschickt zu haben, um ihn verhaften zu lassen. Oder sie hatte Beweise erfunden, die ihn einfach nach Askaban brachten. Oder die Dame wäre hier, um ihm zu erklären, weshalb er genau doch keinen Erbteil ausgezahlt bekäme. Er schluckte schwer. Das Mädchen war so alt wie er, so groß wie er, so blond wie er. Sie wirkte ernst und ihr schönes Gesicht gleichmütig.

„Antoinette-Honora", stellte sie sich knapp vor, und er hörte, ihre Stimme war verliebt in ihren eigenen Namen. Honora? Magische Familien waren verrückt mit ihren bekloppten Namen, stellte er wieder fest.

„Hey", erwiderte er, weder höflich, noch interessiert. Wenn sie mit seiner Mutter verkehrte, dann würde er sie nicht vögeln. So viel stand fest! Wieso musste seine Mutter ihn nerven? Sie ignorierte ihn doch sonst auch den Rest des Tages. Damit kamen hier doch alle ganz wunderbar zurecht.

„Mein Vater ist Kenneth Theodor Gerard?", fuhr das Mädchen etwas verstimmt fort. „De Elyogne?", setzte sie hinzu. Alle Namen bewegten etwas in ihm. Er wusste nur nicht, ob es überwiegend gut oder schlecht war. Seine Mutter hatte ihm einen so hasserfüllten Blick zugeworfen, als hätte er es komplett versaut – was auch immer!

„Draco, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit. Am besten kommst du von der Tür weg und begrüßt unseren Gast." Sie betonte das Wort Gast als wäre es kein Gast. Sondern etwas Wichtigeres als das. Er fuhr sich wieder durch die Haare.

„Um was für eine Feier geht es jetzt wieder, mit der du unsere Nerven ruinieren willst, Narzissa?", wollte er müde wissen. „Denkst du nicht, dass du genug getan hast?" Das meinte er auf jede mögliche Weise. Genug Partys, genug Bälle, genug Unsinn. Er hasste seinen Vater dafür, dass er nicht durchgriff, dass er seine Frau nicht züchtigte, wenn sie sich verhielt, als dürfe sie eine eigene Meinung haben. Sie könnten ein ruhiges Leben führen, und er könnte sich zu gerne mit seinem Vater identifizieren, wäre er nicht ein betrunkenes, verweichlichtes Arschloch!

Deine Feier, Draco", erklärte seine Mutter. Ihre Mundwinkel zuckten kalt.

Seine…?

Oh.

Sein Herzschlag fiel in einen schweren Rhythmus. Und ohne groß nachzudenken, hob er schließlich die Hand. Jetzt betrachtete er die Frau vor sich doch genauer. Und wäre sein Tag nicht ohnehin schon völlig versaut, dann wäre jetzt das Ende gekommen.

„Überraschung, Draco", sagte Narzissa sanft. Oh ja, das war eine verfluchte Überraschung, dachte er zornig. Seine Mutter hatte sich selbst für ihn ausgesucht. Das war die Hölle! Granger hatte keine Ahnung von der Hölle. Das Mädchen betrachtete abschätzend seine Hand.

„Ich bin unhöfliche Männer gewöhnt. Ich hoffe doch aber zu den Feierlichkeiten, wird er mich erkennen?", wandte sie sich kühl an seine Mutter. Kurz schloss er die Augen. Fuck, fuck, fuck! Sie ergriff schließlich seine Hand. Er schüttelte gerade die Hand seiner Verlobten. Salazar, das war hart. Und das, was ihn am meisten störte, wagte er nicht mal in seinem Kopf zu denken. Aber es kam immer wieder an die Oberfläche. Nur ein einziger Gedanke: Sie war nicht brünett. Das war alles.

„Dann ist hier alles geklärt. Antoinette, wir müssen noch über die Farben der Dekoration sprechen. Ich bin sicher, Draco hat Verständnis, wenn-"

„Nein!", sagte er hart. Egal, für was er Verständnis haben sollte, er hatte es nicht. Seine Mutter wollte ihn in Lucius verwandeln, und das würde er verhindern! Wie auch immer!

„Was?", fragte sie leise. „Welche Farben bevorzugst du denn? Als ob es dich interessiert", fügte sie böse hinzu.

„Grün", entschied er sich wahllos.

„Draco, grün ist keine Option."

„Hm, wer hat hier denn wohl das Recht, Narzissa? Der Mann oder die Frau? Häuser werden noch mal auf wen übertragen? Männer oder Frauen? Wer ist wichtiger, mächtiger und hat Befehlsgewalt? Männer oder Frauen?", erkundigte er sich gelassen, und seine Mutter starrte ihn hasserfüllt an.

„Ich wohne in welchem Flügel?", erkundigte sich das Mädchen desinteressiert und schien nur darüber nachzudenken, wo sie ihn nicht sehen würde. Er beschloss etwas zu tun, was er Jahre nicht getan hatte.

„Ich muss weg. Grün", fügte er noch einmal hinzu. Grün sähe beschissen aus, aber er konnte es. Er würde es tun. Und damit hatte sich das Thema. Er lief an den Frauen vorbei, legte einen grauenhaften Abgang hin und seine Schritte führten ihn zum Ende der Halle, die kurze ausladende Treppe nach oben, durch den kleinen Saal bis er vor einer Tür Halt machte.

Er klopfte. Einmal. Zu mehr konnte er sich nicht aufraffen.

„Was?"

Er zögerte. Er wollte nicht. Aber der hormonelle Haushalt im Herrenhaus drohte zu wechseln. Er musste also. Er stieß einen Fluch zum Himmel, als er die Klinke runter drückte und die geölte Tür aufsprang. Sein Vater hatte den Blick gehoben. Er kannte ihn nur an seinem Tisch. Arbeitend. Ob er wirklich immer arbeitete, bezweifelte Draco allerdings stark.

„Seltener Besuch", stellte er fest, senkte den Blick wieder auf den Tisch. „Was ist? Brauchst du Gold? Wieder eine Unterschrift für einen Scheck?", wollte Lucius wissen, und Draco betrat langsam das Arbeitszimmer. Er würde es erben.

Er würde sich hier genauso vor seiner Frau verschanzen wie Lucius. Verflucht.

„Hast du Alkohol?", fragte er also. Die Frage brauchte keine Antwort. Sein Vater hob langsam den Blick.

„Es ist drei Uhr nachmittags."

Draco sagte nichts, stand etwas ziellos in dem großen Arbeitszimmer, und Lucius lehnte sich zurück. „Ich habe keine Zeit", fügte Lucius hinzu. Gelogen. Jedenfalls war Draco überzeugt, dass es eine Lüge war. „War es das? Wenn du es nicht aushältst, in der Küche werden dir die Hauselfen Alkohol geben können."

„Ich…" Sein Vater sah nicht auf. Draco atmete aus. Er schritt weiter nach vorn und setzte sich in den Sessel vor dem Schreibtisch. Als er kleiner war, hatte er oft hier gesessen. Hatte seinen Vater beobachtet und gedacht, niemand wäre eindrucksvoller oder mächtiger als er. Lucius hob irritiert den Blick. Er war alt geworden.

„Was ist?"

„Gar nichts", erwiderte Draco gereizt. Er blieb, wo er war. Lucius lächelte plötzlich.

„Du musst keine Angst vor ihr haben. Sie wird sich fügen, egal, was du verlangst." Draco war sich nicht sicher, über wen er gerade wirklich sprach, aber er schnaubte auf.

„Ja, ist das nicht großartig?", murmelte er schwach. Lucius legte die Feder beiseite.

„Was willst du jetzt? Bestätigung? Eine motivierende Rede? Ich habe vorhin über Floh mit Duke Dyle gesprochen. Du warst nicht in der Vorbereitung. Ansonsten ist dir doch auch alles egal", erklärte Lucius. Draco konnte nicht sagen, ob er wütend war oder nicht. Zumindest hoffte er, dass Lucius wütend war.

„Willst du wissen, wo ich war?" Draco wusste nicht, weshalb er seinem Vater diese Frage anbot. Lucius schien auch verwirrt zu sein.

„Nein, wieso? Du warst die Nacht über fort. Denkst du, ich habe es nicht bemerkt? Allerdings ist es mir gleichgültig, wo du warst." Ja. Das wusste er. Eine Beziehung zu seinen Eltern hatte er vor Jahren verwirkt. Er lehnte den Kopf zurück. Er kannte niemanden, der seine Gedanken teilen würde. Blaise fügte sich, Gregory würd sich fügen, Pansy war auch schon verwandelt und sein Vater? Sein Vater war eine andere Sache. Lucius atmete gereizt aus.

„Draco, es ist Tradition. Du als allererster warst doch immer gleichauf mit Traditionen. Es ist nur eine Ehe. Nichts weiter. Das hast du doch gesagt."

„Ja, verdammt", gab Draco zurück, fuhr sich wieder durch die Haare und sah Lucius lächeln. Dann erhob sich sein Vater schwerfällig aus seinem Sessel, schritt zu der Vitrine und holte eine Glaskaraffe hervor. Er stellte das schwere Stück auf den Schreibtisch, holte ein Glas heraus und setzte es vor Draco auf einen Kristalluntersetzer. Dann goss er die helle Flüssigkeit ins Glas. Und Draco kannte die Bewegung von früher. Lucius hob die Hand. Unwillkürlich erwartete Draco den Schlag.

Aber er folgte nicht. Sein Vater fuhr ihm lediglich durch die Haare. Das war zwar nichts Besonderes für andere, aber für ihn war es… neu. Er hob den Blick.

„Schwäche steht dir nicht", merkte Lucius jetzt an.

„Jaah, Dad", erwiderte er bloß, schloss die Augen und ließ sein Gewicht um nur vielleicht zwei Zentimeter zur Seite fallen. Er lehnte nun am warmen Körper seines Vaters. Und das war wohl die größte Zuneigung seit zehn Jahren. „Sag es dem Miststück nicht", murmelte er nur. Das letzte, was er wollte, war, dass seine Mutter wieder eine Angriffsfläche mehr hatte. Und eher ungelenk legte Lucius den Arm um seine Schulter. Manchmal vergaß Draco eine ganz entscheidende Sache: Lucius war sein Vater. Dagegen war kein Kraut gewachsen.

Und auch, wenn es keine Liebe war, war es doch das Äußerste an Gefühlen, was zustande kommen konnte. Jetzt gerade.

Und wäre er nur noch ein wenig sentimentaler, würde er bestimmt weinen oder so etwas lächerliches.

Aber nichts passierte. Keiner von ihnen bewegte sich.

Das war wohl die wirkliche Überraschung des Tages. Er hatte Angst. Und anscheinend ging er dann zu seinem Vater. Wie früher. Er ließ die Augen zu. Auch als ihm sein besseres Wissen empfahl, zu gehen. Er blieb, wo er war. Für jetzt.