Kapitel 14

Dresscode

~ Harry ~

„Benötigen Sie Hilfe, Sir?"

Er wandte sich erschrocken von seinem Spiegelbild ab und schüttelte hastig den Kopf.

„Nein. Nein, danke", sagte er hastig. Der Mann, ganz in schwarz gekleidet, verließ die Toilettenräume wieder. Anscheinend war man hier einfach nicht allein. Sein Herz klopfte lauter. Es war fast lächerlich, denn er hatte den gefährlichsten schwarzen Magier aller Zeiten bekämpft und gewonnen. Und jetzt stand er wie ein Junge in einem Badezimmer und hatte ernsthafte Sorge, ihn wieder zu verlassen.

Er würde zu spät kommen. Und zum ersten Mal begriff er, dass Hermine vielleicht nicht falsch gelegen hatte. Er beugte sich wieder über die wenigen Unterlagen, die er mitgebracht hatte. Sie waren nass geworden, als er sich die Hände gewaschen hatte. Einige Wasserflecken hatten die Worte völlig durchweicht. Seine Stirn runzelte sich ärgerlich. Er war immer noch vollkommen schusselig. Ein Auror der Spitzenklasse, aber ohne Ginny vollkommen aufgeschmissen. Zu schade, dass sie nicht hatte hier sein können.

Hermine hatte wieder recht. Das würde er ihr nicht sagen. Sie kam ihm zurzeit gefährlich unausgeglichen vor.

Er atmete wieder aus. Er sah nicht so aus, wie er gehofft hatte. Er sah aus wie… Harry. Einfach nur Harry. Selbst der Angestellte, der ihn gerade angesprochen hatte, sah besser aus als er. So, als würde er wirklich hier her gehören. Die Portraits, die auch in den Badezimmern hingen, betrachteten ihn stumm. Wahrscheinlich zu arrogant, um zu sprechen. Sie kannten ihn mit Sicherheit nicht.

Er wusste, es war mittlerweile auch überheblich von ihm, anzunehmen, dass ihn selbst Portraits erkannten. Er hatte nicht verhindern können, ein wenig überheblich zu werden.

All die Bücher, die über ihn geschrieben wurden, all die Aufmerksamkeiten, die Türen, die sich magischerweise öffneten, ohne dass er es wollte.

Es wurde Zeit. Wirklich Zeit. Worum ging es? Irgendein Privileg, was er nicht besaß, aber schleunigst finden musste!

Er stolperte aus den Türen des Badezimmers und zwei Angestellte betrachteten ihn, als wäre er betrunken und könnte etwas kaputt machen. Er hob die Hand, um zu bedeuten, dass es ihm ausgezeichnet ging, verfing sich im Umhang, strauchelte kurz und kam grinsend wieder hoch. Beide Angestellte sahen nun sich an.

Harry warf einen verzweifelten Blick zur Decke. Merlin! Ja, Hallo, Harry Potter mein Name. Sie fragen sich, wie ich Dutzende von Todessern umgebracht habe, ohne beim ersten Versuch tragisch umgekommen zu sein? Ja, ich frage es mich auch…. Er musste wenigstens innen einen guten Eindruck machen! Wenigstens das! Bitte…!

Er öffnete die Tür, aus der bereits eine tiefe Stimme drang. Er hatte den Anfang versäumt. Aber gut. Er war es gewöhnt, dass sich Blicke auf ihn richteten, und er keine Ahnung hatte, wie er sich verhalten musste.

Er klopfte. Die Stimme verstummte.

Und er öffnete eine seltsame Tür zu einer Vergangenheit, die er so nicht mehr im Gedächtnis gehabt hatte.

„Mr Potter. Sie sind zu spät."

Seine Worte waren nicht einstudiert, nicht geplant. Nicht einmal besonders gut überlegt. Was tat er hier nur? Hinter ihm öffneten sich dir Türen wieder.

„Sir, Ihre Unterlagen?", murmelte einer der Angestellten. Hatte er sie doch tatsächlich im Badezimmer liegen lassen! Er atmete resignierend aus. Draco Malfoy hatte die eine Augenbraue gehoben. Er stand neben dem Lehrer, oder was es auch immer war.

Harry griff sich hastig seine Unterlagen. Der Mann verschwand mit einer knappen Verbeugung.

„Ich… ja. Entschuldigung. Ist es… wie Unterricht?", fragte Harry vorsichtig, der sich sonst nicht erklären konnte, weshalb Draco Malfoy vorne stehen musste. Er sah aus den Augenwinkeln Goyle, Zabini, den ehemaligen Kapitän von Slytherin und noch ein paar Gesichter mehr, die er vage dem Zaubertrankunterricht zuordnete.

„Unterricht?", wiederholte der Mann. Duke van Dyle, wie er es seinen schmierigen Unterlagen entnahm. „Wenn Sie es so ausdrücken möchten." Harry spürte alle Blicke auf sich. Namen, die er mit Todessern in Verbindung brachte. Wieder dachte er an Hermine.

„Soll ich… mich setzen?", fragte er unsicher und wusste nicht weiter.

„Ich bitte Sie darum. Mr Malfoy erklärt gerade das Grundprinzip einer Reinblütervereinigung." Harry stutzte. Das war… nett? Er nickte nur und schritt zu einem leeren Platz, relativ weit vorne. Er musste nur drei Schritte gehen. Hastig setzte er sich und richtete dann gespannt den Blick auf Malfoy. Den er noch nie hatte sprechen sehen, ging ihm auf.

„Mr Malfoy, wenn Sie fortfahren würden?"

Malfoy wirkte gelangweilt. Sein Blick glitt zu ihm. Harry fühlte sich unwohl. Sehr, sehr unwohl. Er war sich bewusst, dass ihn alle anstarrten. Und er war sich bewusst, was sie dachten. Denken mussten, wenn man ihn so sah! Es war schon immer ein Problem gewesen. Er war in eine Situation hineingeboren worden, von der er nichts wusste, sich nicht ausgekannt hatte – aber dennoch damit umzugehen hatte, wie ein Fisch im Wasser. Dumbledore verlangte von ihm gegen tausend Leichen zu kämpfen? Hölle, dann tat er es! Er musste laut einer Prophezeiung sein eigenes Leben opfern, um die Zaubererwelt zu retten? Wenn es das sein musste, was für eine Wahl hatte er wirklich? Seine Ehefrau wollte in einen Reinblüter-Club, weil es sie glücklich machte? Dann tat er das.

Und er würde sich einmal wünschen, ein Auftreten zu haben, das Menschen beeindrucken konnte. Vom ersten Augenblick an. Nicht erst, nachdem endlose Zeitungsberichte darüber verfasste wurden, was für ein Lügner er war. Er musste in Tunieren teilnehmen, bei denen ihm vorgeworfen worden war, er hatte es gewollt. Er hatte Menschen getötet, war geflohen, hatte gekämpft, aber im Moment war dies alles nicht zu erkennen.

Er wusste, alle anderen dachten, das konnte unmöglich Harry Potter sein.

Ihm kam es selber manchmal viel zu merkwürdig vor. Nur Ginny schien sehen zu können, wer er war. Wie er wirklich war. Hinter all seiner Schusseligkeit. Der Verplantheit und der Nervosität, die er noch nie hatte ablegen können.

Er versuchte so ernst und heroisch wie möglich auszusehen. Wahrscheinlich sah er nur so aus, als müsse er dringend zur Toilette…..

„Das Prinzip leitet sich von dem einfachen Grundsatz der Reinheit ab", erklärte Malfoy. „Blut ist…" Er unterbrach sich. Er sah ihn jetzt nicht mehr an. Sein Blick war abgedriftet.

„Ja?", wollte der Lehrer ungeduldig wissen.

„Blut ist der…"

„Mr Malfoy, würden Sie bitte fortfahren?"

„Blut ist rein, wenn… die Zauberer…" Und Harry runzelte die Stirn. Malfoy fuhr sich durch die hellen Haare. Auch er wirkte hier besser aufgehoben als er selbst. Malfoys Kleidung stank nach Gold. Sein Aussehen war privilegiert, und Harry wunderte sich, dass sich Malfoys Stimme nicht vor Euphorie überschlug, wo er doch anscheinend von reinem Blut und dessen Vorteilen sprechen konnte. Harry spürte, wie er selber immer angespannter wurde.

„Mr Malfoy, Sie werden-"

Aber Malfoy verdrehte gereizt die Augen, und wartete die Worte nicht weiter ab.

„Blut ist rein durch die Verbindung eines Zauberers und einer Hexe mit einem magischen Stammbaum von mindestens drei Generationen. Ohne Einschlüsse." Harry hatte sich geräuspert.

„Einschlüsse?", fragte er, ohne dass er überlegt hatte. Die Blicke wandten sich ihm zu. Jetzt ging ihm auf, dass er sich vielleicht hätte melden müssen. Wie lief es hier? War es tatsächlich wie Unterricht? „Ich meine…" Er hob langsam, etwas unwillig die Hand in die Höhe.

„Mr Malfoy, erklären Sie Mr Potter den Begriff Einschlüsse", leierte Duke van Dyle gereizt herunter, und Malfoy atmete langsam aus.

„Schon gut. Ich nehme an, Muggelgeborene wären eine Art Einschluss?", vergewisserte sich Harry und verlor an Nervosität. Denn damit kannte er sich aus. Mit Vorurteilen und Ungerechtigkeiten. Und er konnte nicht verhindern, Hermine vor sich zu sehen, wenn dämliche Zauberer von Einschlüssen sprachen. Es dauerte eine Weile. Und es war wohl eher eine seiner schlechteren Eigenschaften, dass er sich schnell in Dinge steigern konnte, die vielleicht gar nicht so viel Temperament bedurften.

„Natürlich sind Sie das", erklärte der Lehrer aufgebracht.

„Eine Verbindung zu einem Muggel oder einer Muggel unterbricht das Gebot der Reinheit", sagte Malfoy, als hätte er es auswendig gelernt.

„Und dann was?", wollte Harry jetzt wissen.

„Was…?", wiederholte Malfoy langsam und runzelte die Stirn.

„Wird man enterbt? Als Schande gezeichnet? Was?" Er wusste, wahrscheinlich durfte man hier so nicht sprechen. Und wahrscheinlich würde Ginny ausrasten, würde sie erfahren, dass Harry ihren Platz in der hohen Gesellschaft verwirkt hatte, weil er sein Temperament nicht unter Kontrolle hatte.

„Dann ist man ein Halbblut. So wie du", informierte ihn Malfoy und tarnte seine Worte geschickt, so dass sie nicht zwangsläufig eine Beleidigung darstellen mussten.

„Und Hermine wäre dann was…?", wollte er langsam wissen. Malfoy verzog kurz den Mund.

„Eine Muggel. Hermine Granger ist eine Muggel", erwiderte er angespannt.

„Meine Herren, Abschweifungen behindern den Unterricht", schnappte der Lehrer. „Mr Malfoy setzen Sie sich wieder. Wir fahren fort." Malfoy schritt zu seinem Platz. Und Harry erntete einen ziemlich wütenden Blick. Auch den war er von Malfoy mehr als nur gewöhnt. Eigentlich hatte sich nicht viel geändert. Wieder einmal saß er zwischen Menschen, die ihn verurteilten. Aber diese eine Schreckensstunde würde er aushalten.

Aber mehr nicht!

Und jetzt hatte sich etwas geändert. Die Blicke der anderen war plötzlich nicht mehr abschätzend. Jetzt waren sie böse. Und er wusste, Hass rührte nur von der Angst her. Von Angst und Neid. Und damit war klar: Er hatte Recht. Die anderen hier nicht.

Er fuhr mit dem Arm über das Pergament und begann zuschreiben, was der Mann vorne erzählte. Und schon wie damals bei Umbridge, gelang es ihm, nicht zuzuhören.

Er schrieb, passte auf und wusste aber in derselben Sekunde, dass ein Haufen Unsinn war. Fast musste er lächeln. Dass sich diese Gesellschaftsschicht genötigt fühlte ihn, Harry Potter, aufnehmen zu wollen, war sozusagen etwas wie ihr eigenes Todesurteil.

Er hatte zumindest etwas in eine gute Richtung bewegt.

Nein. Es hatte seine Laune nicht unbedingt gehoben.

Was zum Teufel hatte Potter da zu suchen gehabt? Und selbst, dass er Blaise hatte überreden können ins Ministerium zu gehen, hob sein Gemüt nicht.

„Sie ist also da?", fragte Blaise jetzt, gleichmütig. Draco musste sich wieder besinnen.

„Ja."

„Und? Wie sieht sie aus?" Anscheinend versuchte Blaise wenigstens, Interesse vorzuheucheln.

„Gut", gab Draco also nach.

„Und das ist schlecht?" Blaise taute auf. Wahrscheinlich, weil Draco es nicht schaffte, die Bitterkeit abzulegen.

„Nein, ist es nicht. Sie ist… Narzissa. Im übertragen Sinn."

„Deine Mutter rangiert unter den heißesten Mütter unserer Gesellschaft. Du solltest dich verflucht glücklich schätzen." Draco spürte die Übelkeit. Noch so ein Spruch, und er würde gehen.

„Aha", sagte er also. Er wusste, wie Narzissa aussah. Ja, Salazar noch mal, ihm war auch der Ödipus-Komplex ein Begriff. Dass er Muggel verabscheute, bedeutete nicht, dass sie nicht auch interessante Dinge entdeckt hatten. Merlin sei Dank war die kurze Phase vorüber, in denen er von seiner nackten Mutter geträumt hatte. Es schauderte ihn noch immer, wenn er daran dachte.

„Alles geregelt? Alle Verträge bereit für-" Blaise unterbrach sich selbst. Draco war ihm dankbar. Denn die Verträge interessierten ihn einen Scheiß. Er folgte Blaises Blick – und war überrascht.

„Ich hoffe, ich kann annehmen, hinter Granger liegen ein Haufen Goldbarren?", erkundigte er sich glatt. Er hatte sie bereits aus den Augenwinkeln gesehen, als sie die Kantine betreten hatte. Blaise ließ sich allerdings nicht beirren. Es machte Draco nervös. Verflucht nervös.

„Hm, ja", erwiderte Blaise abwesend. „Denkst du, sie wäre offen für-"

„Einen Mätressenvertrag?", beendete Draco ungläubig den Satz seines ehemaligen Freundes, den er in einer stillen Ecke schlichtweg umbringen würde!

Blaise sah ihn an.

„Du hast sie schon gefragt?"

Es traf ihn unerwartet.

„Was? Ein Schlammblut? Nein. Würde ich nicht", log er so ernst er konnte. Blaise runzelte die schöne Stirn. Bekanntschaften mit schönen Männern, machten Draco nervös, denn man wusste nie, in wie weit man ihnen trauen konnte. Wahrscheinlich hörte es genau hier auf.

Und aus den Augenwinkeln sah Draco, wie sie näher kam. Spürte ihre Anwesenheit deutlich. Sein Kragen wurde unangenehm eng. Salazar, sie sollte bloß nicht auf die Idee kommen –

Zu spät.

„Malfoy, die hast du vergessen", sagte sie unbeteiligt, ja, Merlin, beinahe vollkommen gleichgültig. Hatte er ihr doch nicht das unpassendste aller Angebote unterbreitet? Hatte er sie doch nicht ziemlich erbärmlich darum gebeten, mit ihm zu schlafen? Er hob den Blick nicht. All seine Anstrengung konzentrierte sich darauf, sie nicht anzusehen. Sie nicht zu beleidigen. – Und Blaise eine ziemlich gute Ausrede zu erzählen.

„Wo hat er sie vergessen?", fragte Blaise lächelnd.

„Nirgendwo, Mr Zabini", sagte Granger jedoch, und er war dankbar. Blaise sah ihn an.

„Ach so. Nirgendwo. Natürlich." Oh Fuck. Wieso wurde alles immer komplizierter? Granger ging. Und so gerne Draco den Blick heben wollte, er tat es nicht. Tat es verdammt noch mal nicht!

„Ich dachte, du hättest deinen Spaß mit Brown gehabt?"

„Ich hatte Spaß, ja. Aber sie war es nicht, die ich an dem Abend gewollt hatte." Blaise blickte Granger tatsächlich nach.

„Nicht?", wollte Draco wissen.

„Nein. Aber du hattest sie ja eher nach draußen gezogen als ich es konnte." Blaise glaubte ihm also kein Wort.

„Da ist nichts passiert. Natürlich nicht! Unser Blutstatus ist-"

„Ja, ja", unterbrach ihn Blaise gereizt und trank seinen Tee. „Du warst auch überhaupt nicht nervös, als Potter heute aufgetaucht ist."

„Was? Warum sollte ich wegen diesem dämlichen Narbengesicht nervös sein?"

„Weil er uns alle nervös macht, Draco. Nur du hast seine Prinzessin angefasst."

„Ich dachte die kleine Weasley ist Potters Prinzessin?"

„Du hast also Hermine Granger tatsächlich gehabt?"

Das wäre verflucht gut. Dann säße er jetzt nämlich an sämtlichen längeren Hebeln – und nicht sie!

„Nein. Ich hatte die kleine Weasley", erklärte er jetzt eilig, um das Thema zu wechseln.

„Was?" Und Blaise schien anzubeißen. „Du hattest was? Weiß Potter das?"

„Nein, natürlich nicht, Blaise. Denkst du, ich renne durch die Schule, nur um es ihm auf die Nase zu binden? Ich denke, ich habe mehr Stil als das. Sie ist eine Reinblüterin."

„Blutsverräterin, würdest du doch sagen, oder nicht?" Draco verdrehte die Augen. „Du hast mit ihr geschlafen?", vergewisserte sich Blaise fassungslos.

„Nein, nicht unbedingt."

„Nicht?"

„Sagen wir, ich habe sie lediglich… zum Kommen gebracht."

„Verdammt, Draco! Das würde Potter absolut fertig machen! Wieso hast du ihm das nicht gesagt?"

Weil er dann wahrscheinlich nicht mehr hier sitzen würde, überlegte er dumpf.

„Ich halte Potter für begabter als du. Ich glaube, wer das Schlagengesicht umbringen kann, verfügt über mehr Magie als wir", bemerkte er knapp.

„Es gibt also tatsächlich etwas, was ich nicht über dich weiß?" Blaise schüttelte fassungslos den Kopf.

„So wie ich nicht weiß, dass du Granger haben willst."

„Ich fand sie damals schon betörend sexy, als Vertrauensschülerin, mit dieser Uniform", schwärmte Blaise. „Und aus Gryffindor. Aber diese Ansicht scheinst du zu teilen. Wo hast du die kleine Weasley gehabt?" Blaise schien sich wirklich zu interessieren. Das war auch pervers.

„Quidditchzelt", gab Draco knapp zurück. „Sechstes Jahr, nachdem Potter sie abserviert hat. Dachte mir, das wäre ein guter Zug." Blaise schüttelte den Kopf, und Draco trank nachdenklich seinen Tee. „Lange her. Ich dachte aber, du wärst vollauf zufrieden mit deinen Verträgen, deiner Frau, deinem-"

„Draco, ich bitte dich. Wir wollen es alle nicht. Wir tun es dennoch. Du weißt doch, wieso. Es ist eben die Pflicht. Und natürlich kümmere ich mich um meine Mätressen, denn lieben werde ich meine Frau nicht. So oder so nicht. Ich werde Granger fragen. Es sei denn, du gibst mir als mein bester Freund einen Grund, es nicht zu tun." Draco lachte auf.

„Oh bitte, tu was du willst."

„Du willst sie also nicht?", vergewisserte sich Blaise ernst.

„Nein. Ich will sie nicht."

„Sicher, Draco? Ich frage sie nämlich. Nicht plump, nicht mit den Worten eines Reinblüters. Denn ich könnte mich für sie ernsthaft interessieren." Blaise Blick glitt durch die Kantine, fand Granger an einem Tisch mit der kleinen Weasley, und Draco spürte, wie sich seine Brust enger zusammen zog. Für gewöhnlich hatte er keine Sorge, ein Mädchen nicht zu bekommen. Für gewöhnlich musste er aber auch nicht mit Blaise um dasselbe Mädchen kämpfen. Tat er das? Nein, natürlich nicht.

„Du kannst dich für niemanden ernsthaft interessieren. Du bist dann verheiratet."

„Was denkst du, haben all unsere Väter getan? Denkst du etwa, Lucius liebt Narzissa? Nein, natürlich nicht. Er hat eine andere an der Seite. Und noch eine."

„Nein, hat er nicht."

„Oh, Draco, sei nicht naiv", lachte Blaise.

„Nein!", schrie Draco jetzt zornig, und seine flache Hand knallte auf die Holzplatte, dass der Tee schwappte. Blaise warf ihm einen höchst ungläubigen Blick zu. „Mein Vater liebt meine Mutter."

„Draco, das ist-"

„Halt deine verfluchte Klappe, Blaise!"

Und er hatte keine Ahnung, was ihn in gefahren war! Er hatte keine Ahnung, warum er eine Liebe verteidigte, die ihn nicht interessiert, ja, die er selber für vollkommen falsch hielt – und er wusste nicht, warum es wichtig war, dass er recht hatte! Warum er nicht wollte, dass sein Vater doch nicht in seine Mutter verliebt war, dass er doch nicht ein Weichei war! Wieso wollte er es nicht wahrhaben? Weil es nicht wahr war! Er kannte Lucius. Er machte sich über Lucius lustig, gerade weil er ein Schwächling war!

Er atmete schneller und wusste nicht, wie er auf die Beine gekommen war. Jetzt stand er vor Blaise, der ihn ansah. Mit einer Mischung aus Mitleid und Überlegenheit. Er hasste den Blick! Er hasste ihn!

Er griff nach dem Ordner. „Und du kannst es versuchen", knurrte er zornig, als er sich ein letztes Mal vorlehnte und seinem besten Freund den Krieg erklärte. „Du kannst gerne versuchen, sie zu bekommen. Aber ich hoffe, dir ist vollkommen klar, dass sie dich niemals nehmen würde… - wenn sie mich haben kann."

Und mit dieser sehr waghalsigen Aussage rauschte er aus der Kantine, in der er eben seine erste Szene veranstaltet hatte.

Salazar, er brauchte was zu trinken!