Kapitel 16
Das erste Mal
Sie wusste nicht, warum sie so wütend war. Sie wusste nur, sie war ziemlich wütend. Und ihre Hand zitterte. Zitterte so stark, dass der giftgrüne Scheck beinahe aus ihren Händen glitt. Und ihre Schritte waren schnell. Sehr, sehr schnell.
Und sie hatte noch nicht sicher im Kopf, was sie sagen wollte, aber es hatte etwas damit zu tun, dass er ein Arschloch war. Dass er sie bezahlen wollte. Dass er es nicht vor seiner Mutter verheimlichte. Dass er all das tat, mit seiner zukünftigen Frau im Schlepptau. Und… weil er eben ein Arschloch war! Dieser Punkt zählte zweimal.
Sie war oben angelangt. Die Böden waren teurer. Die Tapeten waren teurer. Alles war hier teurer! Und es regte sie zu recht gerade noch mehr auf!
Ihre Hand schlug praktisch gegen seine Tür, und sie wollte das Schild am liebsten abreißen. Das Schild auf dem sein Name in goldenen Lettern stand!
Die Tür wurde geöffnet, und sie verschluckte sich praktisch an den Worten.
Eine Frau hatte geöffnet.
„Ja?"
„Äh… ich…"
„Ms Granger, kann man Ihnen helfen?" Die Frau kannte sie, aber sie kannte die Frau nicht.
„Ich…"
„Miss Cadogan, ich übernehme das Gespräch", erklärte er jetzt. Die Frau nickte und schritt aus der Tür.
„Wer ist das?", fragte Hermine verwirrt, weil sie es nicht mochte, wenn sie jemanden nicht erkannte, den sie vielleicht kennen musste.
„Meine Sekretärin, was willst du?"
Ach ja. Sie war wütend!
„Du Arschloch!", schrie sie jetzt und schleuderte ihm den Scheck ins Gesicht. Er wich aus und sein Blick folgte dem Stück Papier, das auf den Boden segelte. Er sah gut aus.
„Was? Bist du verrückt geworden? Hör auf zu schreien!" Er schloss die Tür. Wieso sah dieser Arsch eigentlich immer und überall gleich gut aus?!
„Du musst die Tür nicht schließen!" Nein, denn alles was sie bloß nicht wollte, begann damit, dass er die Tür verschloss!
„Oh doch. Anscheinend hast du vor-"
„Was fällt dir ein, deine Mutter auf mich zu hetzen?", schrie sie weiter. Er stutzte.
„Meine…?"
„Ja, deine Mutter, Malfoy!"
Er schien etwas zu begreifen, was sie nicht begriffen hatte. Und es war ihr egal, was dieser Schönling verstand, was sie nicht verstand. Es hielt sie nämlich nicht davon ab, zu schreien.
„Ich habe gar nichts gemacht."
„Und deine Frau ist hier?", fuhr sie zornig fort.
„Meine was?"
„Oh, tu nicht so! Deine Zukünftige, deine Versprochene, die Mutter deines Sohnes!", zählte sie auf.
„Was ist dein Problem? Was willst du eigentlich von mir?"
„Ich bin kein Stück Fleisch, Malfoy! Du hast kein Recht, mir einen Scheck zu geben! Du hast kein Recht, deine Mutter in sowas einzuweihen, und ich habe es nicht nötig, mich an meiner eigenen Arbeitsstätte von einer dämlichen Todesserin anschreien zu lassen!"
„Hey! Hör zu, ich habe nichts davon getan! Gut, der Scheck ist meiner. Aber ich habe es bestimmt nicht Narzissa gesagt! Und ich wusste nicht, dass Antoinette hier auftaucht!" Er atmete heftig. Und der Name seiner zukünftigen Frau reizte ihre ohnehin angespannten Nerven bis zum letzten bisschen an Rationalität.
„Du bist krank!"
„Was? Könntest du dich abregen?"
„Ich werde den Scheck nicht nehmen! Ich will nichts mit dir zu tun haben! Ich will nicht mit dir-"
„-schlafen? Du willst nicht mit mir schlafen, ja ich weiß, Granger."
„Ja! Ich hoffe, du weißt das! Deine Mutter scheint es nicht zu wissen. Und ich hasse es, dass es Menschen gibt, die tatsächlich glauben, ich würde so unsäglich tief sinken und wirklich zulassen, dass du… dass du…"
„Dass ich? Dass ich was? Hast du dich jetzt für Blaise entschieden?", wollte er zornig wissen.
„Für Blaise? Zabini?" Ihre Stimme überschlug sich hysterisch. „Was?"
„Vergiss es. Und der Scheck hat eine völlig andere Bedeutung! Der Scheck ist für dich, als Schadensersatz! Er hat nichts mit Sex zu tun!"
„Was ist das? Ein Spiel? Eine Wette? Ist Blaise jetzt mit dabei, bei dem Spiel, mich in den Wahnsinn zu treiben? Wieso bleibst du nicht Zuhause? In deinem Palast, wo du hingehörst, bei deiner Frau, wo du hingehörst?"
„Schön, dass du mir zuhörst. Bist du fertig?", wollte er ruhig wissen, und sie atmete langsam aus.
„Ja", sagte sie böse.
„Ich habe dich gefragt. Du hast nein gesagt. Es ist vorbei. Die Sache ist gegessen, Granger."
„Was machst du dann immer noch in meinem Ministerium?", wollte sie wissen.
„Dein Ministerium? Oh, es ist dein Ministerium. Entschuldige. Ich dachte, es gehört allen magischen Mitgliedern der Gesellschaft."
„Du weißt, was sich meine!"
„Nein, erklär mir, was du meinst!", forderte er ruhig.
„Nein! Ich will nicht mit dir reden. Ich will dir nichts erklären. Ich will dein Gesicht nicht sehen, deinen Namen auf keinen Schecks lesen und deine Familie nicht vor Askaban bewahren, nur weil ihr Gold besitzt! Ich will nicht, dass du eine Panikattacke bekommst und dann in meinem Haus schläfst! Und ich will nicht, dass du mich etwas fragst, wozu ich niemals ja sagen würde! Und ich will nicht, dass deine Mutter so etwas von mir denkt!"
„Oh, sie denkt noch ganz andere Sachen von-"
„Malfoy!", unterbrach sie ihn zornig.
„Ok", sagte er nur.
„Ok?", vergewisserte sie sich, und er bückte sich nach dem Scheck.
„Ok", bestätigte er, zerriss ihn vor ihren Augen und atmete gereizt aus. „Ich glaube, du veranstaltest all das Drama, weil du es eigentlich willst", erklärte er offen.
„Nicht wahr. Ich glaube, du bist nur hier, weil du deine Frau nicht leiden kannst", erwiderte sie.
„Nicht wahr", wiederholte er die Worte, die sie gesagt hatte.
„Ich gehe!"
„Kann's kaum erwarten", reizte er sie. Sie überlegte es sich anders und kam auf ihn zu.
„Ich rate dir, nicht zu spielen, Malfoy!" Er musste tatsächlich lächeln.
„Oh, ich bin im Moment nicht derjenige, der spielt." Sie musste ihn ansehen, um sich zu vergewissern, dass er wirklich Draco Malfoy war.
„Du wolltest mir eine Million geben?"
„Nein. Eigentlich wusste ich, dass es dich aufregen würde, du hier her kommst und ich den Scheck zerreißen kann. Einem Schlammblut würde doch kein vernünftiger Mensch-" Sie hatte sich abgewandt, stürmte zur Tür, aber er hatte ihr nachgesetzt, hatte sie am Unterarm festgehalten und drehte sie wieder zu sich herum.
„Lass mich los!"
„Das willst du?", wagte er zu fragen, und sein Blick fixierte ihren.
„Ja!"
Er ließ sie los. Er fuhr sich durch die Haare.
„Wenn du das nächste Mal zu mir kommst, mich anschreist, mit mir spielst, und alles an dir eigentlich nur aussagt, dass du mich jetzt gerade ziemlich dringend willst – dann werde ich es mir holen. Dann werde ich dich einfach nehmen. Hast du mich verstanden?" Seine Stimme war rau, nur ein Knurren, heißer Zorn direkt vor ihr.
Und genau jetzt machte ihr Herz einen Satz. Unpassend, bodenlos und völlig aus dem Blauen heraus.
„Nein", flüsterte sie kopfschüttelnd. Merlin, waren seine Augen blau. Er war unheimlich wütend, obwohl sie eigentlich unheimlich wütend sein sollte.
„Dann rate ich dir, nicht mehr hier her zu kommen", fuhr er sie an. „Und du solltest jetzt gehen. Jetzt, Granger", presste er hervor. Anscheinend riss er sich gerade zusammen. Aber sie wusste nicht, weshalb.
„Was?"
„Geh oder ich vergesse mich! Ich habe gerade eine Millionen Galleonen vor deinen Augen in der Luft zerrissen, kann mich um die Rückbuchung kümmern, kann es anscheinend auch noch vor meiner verrückten Mutter rechtfertigen – und dich… will ich jetzt nicht mehr sehen, denn sonst könnte es passieren, dass ich die Grenzen unserer ohnehin nicht vorhandenen Höflichkeit überschreite und tue, was ich ohnehin einfach hätte tun sollen!", schrie er aufgebracht. Sie stemmte plötzlich die Hände in die Hüften.
„Und das wäre was genau, Malfoy?"
Und sein Hände schossen vor, umschlossen ihre Schultern, und wie von selbst hielt sie die Luft an. Er brachte sie näher an sich, so dass das Blau seiner Augen zu glühen schien.
Er schob sie nach hinten, sie strauchelte, während sie verblüfft rückwärts lief. Aber er hielt sie aufrecht, schob sie weiter, bis sie unsanft gegen seine Tür gedrückt wurde. Er ließ ihre rechte Schulter fahren, griff zum Türgriff und sein Blick fixierte sie böse.
„Nein", beantwortete er also eine Frage, die sie nicht gestellt hatte. „Raus!"
Sie stieß ihm zornig die Hände vor die Brust. Etwas, was sie schon längst hätte tun sollen!
„Du hast kein Recht sauer zu sein! Du wurdest nicht gerade bis auf die Knochen blamiert!"
„Granger-"
„Nein! Ich bin dran! Ich wurde beleidigt! Und es ist mir egal, welchen Stress du jetzt mit Gringotts hast, denn ich habe nicht darum gebeten, von dir zum Millionär gemacht zu werden! Du darfst nicht wütend sein! Bei dir ist alles in bester Ordnung!", schrie sie so zornig, wie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr. „Du konntest das Schlammblut blamieren und-"
„Halt deine Klappe!", unterbrach er sie knurrend. „Geh raus! Verschwinde aus meinem verdammten Büro! Ich will dich hier nicht sehen!" Und er verlor seine Fassung. Er verlor so ziemlich alles, was er eben noch besessen hatte.
„Du-"
„Nein!" Er atmete hastig aus. „Nein, Granger! Halt den Mund!"
„Malfoy-"
„Nein!" Er schüttelte heftig den Kopf. „Du verstehst es nicht! Du hast kein Recht hier her zu kommen, ok? Es geht dich nichts an. Du hast keine Meinung zu haben! Du bist eine verfluchte Frau! Ohne Meinung, ohne Rechte, kapiert?", schrie er außer sich, und ihr Mund öffnete sich perplex. Was?! „Du darfst so nicht mit mir sprechen! Und Lucius liebt sie! Er hat sie immer geliebt! Er ist der verdammte Schwächling! Er ist derjenige, der nicht mit seinem Leben zurecht kommt! Er ist der, der versagt hat! Nicht ich! Verflucht noch mal nicht ich!"
Seine Brust hob und senkte sich sehr schnell. Sein Atem ging laut und traf heiß in ihr Gesicht. Roch sie den Hauch von Alkohol? Konnte das sein?
Und vielleicht wurde er ihr gefährlich. Denn nicht nur roch sie den Alkohol in seinem Atem. Sie sah auch die Tränen in seinen Augen. Sie wusste nicht, warum er weinte. Sie wusste nicht, was passiert war, sie wusste nur – jetzt gerade sorgte sie sich! Sie sorgte sich so sehr, dass sie keine Worte finden konnte.
Und anscheinend hatte er Gefühle. Und er war so ein Arschloch!
„Geh endlich!", brachte er schwach hervor, schloss die Augen, und sie merkte noch, wie ihre Hände wie von selbst einen Weg zu seinem Gesicht fanden, in seinen Nacken griffen und er mehr als überrascht die Augen öffnete, als sie ihn zu sich zog.
Und sie hatte den Fehler gemacht.
Nicht er.
Sie hatte den Fehler gemacht!
Und er versteifte sich augenblicklich unter der Berührung ihrer Lippen, die zaghaft und ungeschickt auf seine trafen. Und es passierte nichts. Er küsste sie nicht zurück! Er bewegte sich nicht mehr. Und sie wusste, sie musste zurückweichen, sie –
Und plötzlich schlang er die Arme um ihren Körper, zog sie heftig an sich, und ihre Hände fanden einen Weg in seine dichten Haare, ohne dass sie sagen könnte, wann es passiert war! Sie spürte ihn überall. Seine Lippen verschlossen ihren Mund, und hungrig drang seine Zunge zwischen ihre Lippen. Es war der perfekte Kuss!
Aber… das konnte nicht sein! Etwas Perfektes konnte doch nicht zwischen ihr und Draco Malfoy stattfinden! Es konnte nicht! Aber sie war völlig willig, ihren Verstand und ihr besseres Wissen aufzugeben, wenn er sie einfach weiter küssen würde.
Seine Finger gruben sich härter in ihre Hüften, und sie stöhnte auf, denn jetzt presste er sie gegen seine Tür, und sie spürte etwas viel Wesentlicheres, etwas viel größeres.
Er stützte sich selbst gegen sie, schien dem Druck in seiner Hose so Erleichterung zu verschaffen, und sie schien dieses Gefühl in ihm zu verursachen. Seine Hand schlang sich um ihren Nacken, grub sich in ihre Locken und fixierte ihren Kopf, um sie noch einmal voller Verlangen zu küssen.
Und das war der Tag, an dem sie Draco Malfoy das erste Mal wirklich küssen wollte.
