Kapitel 17
Secrets out
Er flog förmlich die Stufen hinab. Er pfiff. Er verhielt sich so untypisch, wie eigentlich noch nie. Das letzte Mal, als er ansatzweise so etwas getan hatte, wie vor Freude zu pfeifen, war, als er das Vertrauensschülerabzeichen geschickt bekommen hatte.
Und jetzt… sollte er wahrscheinlich nicht pfeifen. Aber seine Mundwinkel hoben sich automatisch. Er versuchte es zu unterdrücken. Es war unmöglich.
Die Tür des Arbeitszimmers seines Vaters schlug regelrecht zornig ins Schloss. Aber nicht einmal das konnte seine Laune trüben. Ein Streit am Morgen würde Kummer und Sorgen vertreiben, oder wie auch immer es hieß.
Er hatte den Treppenabsatz erreicht, rauschte durch die Halle, die wenigen Stufen hinunter in den Salon und schaffte es, unberührt von der Anwesenheit zu sein.
„Narzissa, Antoinette", sagte er nur, griff sich eines der Croissants, goss sich eilig Tee ein, ehe es die Elfen tun konnten, und blätterte durch den Propheten im Stehen. Er zog die Krawatte enger, und überflog einen Artikel über Besenkontrolle mit relativ großem Interesse.
Verflucht herrlicher Tag!
„Wohin gehst du?", fragte seine Mutter verwirrt und ärgerlich.
„Arbeiten", erklärte er.
„Wann hörst du auf damit?", wollte sie unwirsch wissen. Er hob lächelnd den Blick. Das verwirrte Narzissa nur noch mehr.
„Aufhören? Ich glaube nicht, dass das möglich ist", erwiderte er ruhig.
„Was? Draco, niemand arbeitet, bevor er muss. Und du hast nicht einmal dort zu sein."
„Wenn ich nicht da bin, weiß ich nicht, ob alles zu meiner Zufriedenheit erledigt wird", entgegnete er knapp.
„Deine Frau-", begann sie, aber nahm einen weiteren Schluck Tee, stellte die Tasse ab und schenkte Antoinette sogar ein feines Lächeln.
„Meine zukünftige Frau wird auch noch heute Nachmittag hier sein, und dann werde ich mich durch die Prozedur an Anzügen und Schuhen, durch Dekoration und Geschirr quälen, Mutter." Und die Ehre, Narzissa Mutter zu nennen, ließ sie verstummen. „Ladies, wenn ihr mich entschuldigen würdet?" Er rollte den Propheten ein und tippte sich an den unsichtbaren Hut.
Er verließ den Salon mit einem letzten Bissen vom Croissant.
„Draco!"
Seine Mutter hatte ihn zornig eingeholt. Sie hielt ihn am Arm fest, und ihr Blick war so wütend, dass er kurz inne hielt.
„Ja?"
Ihre Lippen wurden schmal. So schmal, dass sie nur noch eine dünne Linie des Zorns waren.
„Was denkst du, tust du?", flüsterte sie so aufgebracht, dass er stutzte.
„Arbeiten? Ich dachte, dass hätte ich erklärt? Heute Nachmittag bin ich-"
„Halt den Mund!", unterbrach sie ihn harsch. „Du triffst sie, richtig?", fügte sie wütend hinzu, die Stimme immer noch gesenkt. Er fixierte seine Mutter jetzt. Sie war tatsächlich wütend. Auf ihn. Und… sie hatte ihn anscheinend schneller durchschaut, als er angenommen hatte.
„Was? Wovon sprichst du?"
„Verkaufe mich nicht für dumm, Draco Lucius Malfoy! Wag das ja nicht!", knurrte sie böse. Sein voller Name hatte schon vor zehn Jahren nichts Gutes aus ihrem Mund bedeutet. „Deine Frau sitzt am Esstisch und ist hier wegen dir!"
„Nein, sie ist hier wegen dir. Wegen dem Anwesen und ihrem sündhaft teuren Hochzeitskleid."
„Dem du keine Beachtung schenken wirst, weil du ein Schlammblut zur Ablenkung hast!" Sie flüsterte jetzt leiser. Er lehnte sich näher vor.
„Das passiert in deinem Kopf, Narzissa", erwiderte er vorsichtig. Sie griff in sein Hemd und vergaß wohl völlig, dass sie ihn für gewöhnlich nicht berührte, nicht anfasste, sich Zorn niemals anmerken ließ. Sie musste ziemlich wütend sein. Es war ihm schleierhaft, warum.
„Draco, du wirst nicht offensichtlich sein! Du wirst nicht glücklich pfeifend die Treppe runter kommen, weil sich eine Schlampe gefunden hat, die deine seltsamen Neigungen befriedigt, während ein perfektes Exemplar von Frau in deinem Haus sitzt und darauf wartest, dass du sie liebst!" Sein Mund öffnete sich perplex. „Wenn es für dich nicht anders geht, dann wirst du es verheimlichen! Du wirst dich treffen, wenn es niemand merkt. Nachts, früh am Morgen. Aber du wirst es nicht forcieren! Du wirst es nicht prostituieren, nur weil du dich mit keiner Sekunde um die Gefühle deiner Frau scherst! Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt!"
„Narzissa, ich bin erwachsen. Du kannst mir gar nichts-"
„Ich bin deine Mutter. Und ob du es willst oder nicht, ich werde deine Mutter bleiben. Bis zu meinem Tod. Und du bist mein Sohn. Und so ungern ich es habe, dass die Hälfte meiner Gene in deinem Körper sind, so ist es eben. Denn ich muss mich jeden Tag für das erbärmliche Exemplar an Sohn schämen, der eine falsche Entscheidung nach der anderen trifft! Ich hätte dich schlagen sollen, als es klar wurde, dass du die Seite deines verdammten Vaters wählen würdest!"
„Und nicht deine?" Seine gute Laune war fort. Einfach fort.
„Geh, wenn du gehen musst. Und wag es ja nicht, Antoinette mehr Schmerzen zu bereiten, als unbedingt nötig, du egoistischer Mistkerl!"
Und ihm kam ein erschreckender Gedanke.
Er hatte falsch gelegen. Oh, so verdammt falsch!
„Ich bin nicht Lucius", sagte er ruhig. Ihre Nasenflügel bebten wütend.
„Draco, du bist auf dem besten Weg!", erwiderte sie. „Deine Frau mit einem Schlammblut zu ersetzen, ist wohl das Schlimmste, was du ihr antun kannst, oder nicht?" Er schüttelte knapp den Kopf, machte sich von seiner Mutter los, und räusperte sich.
„Ich weiß wirklich nicht, wovon du sprichst", erklärte er noch einmal.
„Ja. Natürlich nicht." Sie wirkte verletzt. Verletzter, als sie jemals ausgesehen hatte. Und ihm ging auf, sie sah ihn nicht mehr als ihren Sohn. Nein. Sie sah ihn als ihren Mann. Der wohl genau dasselbe getan hatte. Anscheinend in einer langvergangenen Vergangenheit.
Er hatte sich geirrt. Er passierte auch ihm ab und an, gab er zu.
Sein Vater war es nicht gewesen.
Seine Mutter liebte Lucius. Das hatte er nicht kommen sehen.
Alles, aber nicht das. Und er spürte, wie sich etwas in seiner Brust anspannte, spürte, wie etwas zerbrach, was vielleicht ansatzweise einmal vorhanden gewesen war. Gegenüber seiner Mutter.
„Wir sehen uns später. Ich muss los." Seine Worte waren hohl. Er klang merklich leer und ausgelaugt. Narzissa wirkte kühl, wie immer. Kühl, als wäre sie niemals vor ihm in tausend Scherben zerbrochen.
Sie sagte nichts mehr.
Er hatte sich angewandt.
Sie wusste nicht, weshalb sie nicht fragte. Er hatte etwas an sich, was ihr Angst machte.
„Und ich dachte, vielleicht könntest du dir diese Dinge einmal näher ansehen. Denn ich glaube nicht, dass diese Leute schon einen Vertrag mit ihren Hauselfen aufgesetzt haben. Und es wäre doch eine Schande, wenn neue Gesetze so missachtet werden würden, nicht wahr, Hermine?"
„Ich… denke schon, ja?"
„Und? Wie läuft es sonst so in der Abteilung?" Er lächelte ein wunderschönes Lächeln.
„Äh… Blaise, seit wann interessiert dich diese Abteilung?"
„Sie gehört dem Ministerium an und ist doch ziemlich eng mit unserer verbunden."
„Aha?" Sie war verwirrt.
„Eigentlich wollte ich dich noch etwas fragen", begann er schließlich. Die Stimme rau und angenehm, die Veela-Gene gefährlich nahe dran, sie zu beeinflussen.
„Was?", fragte sie also harscher als beabsichtigt.
„Du trinkst Kaffee, richtig? Und ich dachte, ich bitte dich um ein privates Gespräch."
„Wo?"
„Hier?"
„Hier? In meinem Büro?", erkundigte sie sich.
„Du… klingst ängstlich. Wir können in der Kantine-"
„Blaise, wieso bist du überhaupt schon hier? Du arbeitest doch wenn dann erst nach deiner Hochzeit in-"
„Draco setzt ein gutes Konkurrenzbild."
„Ach?"
„Ja. Es gefällt mir, eher zu beginnen. Dann sieht es nicht gezwungen aus. Und wir können wirklich etwas verändern."
„Verändern? Ihr wollte etwas verändern?"
„Erzähl mir nicht, du hast mit Draco noch nicht darüber gesprochen?" Er lächelte schon wieder. Jedes Mal, wenn er den Namen sagte, machte ihr Herz einen Satz. Merlin, sie musste aufhören.
„Ich… habe noch nicht wirklich-"
„Mit Draco gesprochen? Ich denke schon. Aber es ist deine Sache. Nicht meine", fügte er lächelnd hinzu. „Also, heute Nachmittag Kaffee?" Und er schenkte ihr ein so strahlendes Lächeln, dass sie perplex nickte. Mist! Er war verflucht berechnend!
„Blaise-"
„Ich finde es ohnehin beeindruckend, dass du Draco nicht übel nimmst, was er getan hat." Welche von den vielen Dingen meinte er? Sie nahm ihm eigentlich alles Übel, außer der Tatsache, dass er anscheinend ihre Knie in Pudding verwandeln konnte. Merlin…! Sie war krank.
„Was er getan hat? Ihr wart doch alle Todesser!", versuchte sie einen verzweifelten Versuch, dem Gespräch irgendeine Richtung zu vermitteln. Blaise hatte vor zwanzig Minuten einfach in ihrer Tür gestanden, ihr Büro komplimentierte, ihre Bluse, ihre Arbeit, ja, sogar ihre pinken Notizzettel!
„Nein." Er lachte tatsächlich. „Das ist natürlich furchtbar. Aber… ich dachte eher an die Ginny Weasley Geschichte. Ihr seid alle tatsächlich so gute Freunde, dass es nicht weiter wichtig ist. Das ist beeindruckend." Und sie starrte ihn an. Was? Wovon sprach er? Er musste sie veralbern.
„Ginny…?", wiederholte sie langsam.
„Ach, es ist ja auch lange her." Sie entschied sich für den einzigen Weg, der möglich war, ohne dass sie anfing wie eine Verrückte zu schreien.
„Ja. Lange her", entschied sie sich eisig zu sagen. Es klopfte. Der Mann der Stunde war also auch angekommen. Und er wirkte schlecht gelaunt. Aber er hatte wieder einmal kein Recht dazu!
„Blaise", begrüßte er ihn, aber es klang nicht, wie eine Begrüßung.
„Captain, die Mannschaft ist aufgewärmt. Auf die Besen, fertig, los", erklärte Blaise anscheinend in einer Manie einer Slytherin-Vergangenheit, die sie nicht verstand und nicht kannte. Er lächelte dabei, und Draco schoss ihm einen zornigen Blick zu. „Also, bis heute Nachmittag, Hermine", schloss er, erhob sich und verließ ihr Büro. Draco sah ihm nach, bis er sich umwandte.
Hermines Herz klopfte schneller. Sie wusste nicht genau, warum, aber es regte sie auf, dass er einfach ihr Büro betrat, und sie fand es dreist. Aber tief in ihrem Innern spürte sie, dass sie es ihm nicht zu übel nahm. Sie spürte, wie ihre Handflächen feucht wurden, weil er einfach diese Reaktion bei ihr hervor rief.
„Vielleicht sieht es merkwürdig aus, Reinblüter der Reihe nach bei dir zu empfangen. Gib mir das nächste Mal Bescheid, wenn du noch Menschen bei dir sitzen hast", merkte er kühl an, schloss ihre Tür und legte den Umhang ab. Er fuhr sich durch die Haare, und ihre Finger kribbelten.
„Dir Bescheid geben?", wiederholte sie heiser. „Ich habe dich nicht hier hin eingeladen." Das war kein guter Anfang für ein Gespräch. Sie spürte wieder einen Funken Wut erwachen, denn anscheinend ließ Draco nichts anbrennen. Gar nichts! Nicht einmal Ginny Weasley!
„Nicht?" Und etwas änderte sich in seinem Gang, in seinem Blick, in seiner ganzen Erscheinung, als er den Abstand zu ihr schloss, und sie sich nur zu schnell erhob.
„Malfoy…", begann sie drohend, aber es ließ ihn gänzlich unbeeindruckt. Anscheinend hatte sie gestern eine Büchse der Pandora geöffnet und musste jetzt mit der Tatsache leben, dass sie Draco Malfoy geradezu eingeladen hatte, ihre Privatsphäre zu stören.
„Oder entscheidest du dich für Blaise?" Seine Stimme klang immer noch erstaunlich freundlich. Gefährlich freundlich. Sie wusste nicht genau, auf was sie sich eingelassen hatte, aber er sollte ihr keine Angst einjagen! Sie war schließlich… erwachsen? Klüger als er? Was war es doch gleich…?
„Für…?"
„Zumindest hat er mir erklärt, dass dies sein Ziel ist."
„Ziel?" Sie kam sich immer dümmer vor, während sie langsam zurück wich.
Aber sie konnte nicht weiter zurück, und jetzt stand er vor. Er hob seine Arme.
„Was? Du hast mich, Granger. Was willst du noch? Willst du klären, warum ein Todesser ein widerliches Geschöpf auf dieser Erde ist? Warum Gold allein nicht glücklich macht? Bitte, ich lade dich ein, es zu tun." Sie sah ihn an. Ihr Mund öffnete sich langsam.
„Malfoy-"
„Was? Wir müssen doch nicht wieder von vorne anfangen? Es ist nicht so kompliziert."
„Ich finde, es ist verdammt kompliziert", flüsterte sie.
„Nein. Ich habe dir vorgeschlagen, den Vertrag zu unterzeichnen und mit mir eine Affäre zu haben. Du hast gesagt, du willst niemals mit mir schlafen, weil du ein verfluchtes Miststück bist, was nur spielen wollte. Und dann hast du eingesehen, dass du es doch willst. Und jetzt sind wir hier", erklärte er in höchst arroganter Manie.
„Ich habe nie…! Du bist…" Seine Mundwinkel hoben sich.
„Wir hätten das in Hogwarts machen sollen. Das wäre verflucht heiß gewesen." Er war einfach näher gekommen, und wie von selbst hoben sich ihre Hände zu seiner Brust, um ihn wegzuschieben. Er stöhnte gereizt auf. „Granger!"
„Hör auf damit! Gestern war…"
„Was? Ein Versehen? Du wusstest nicht, was du tust? Wieso kostet es dich so viel Zeit, die einfachsten Dinge hinzunehmen. Es hat nichts mit Logik zu tun. Es hat nichts mit Vernunft-"
„Nein. Bei dir hat einfach alles mit deinem verdammten Penis zu tun, oder?"
„Nein!" Er atmete langsam aus. Wie war das passiert? Wie war sie hier her gekommen? Hatte sie ihn nicht noch vor einer Woche abstoßend gefunden? War sie selber schuld?
„Ich bin doch nur dein Ventil."
„Mein Ventil?", wiederholte er belustigt.
„Ja! Damit du deiner Reinblüterwelt zumindest einmal entkommen kannst!" Er lachte auf.
„Ok, wenn Streit zu deinem Vorspiel gehört, dann-"
„Malfoy!", schrie sie wütend. „Ich bin kein Preis! Ich bin kein Objekt von dir und Blaise! Ist das eine Perversion in euren Köpfen? Das Schlammblut zu bekommen? Für was? Und danach passiert vor allem was konkret? Ist das Spiel dann vorbei?"
Jetzt sah es so aus, als verliere er die Fassung.
„Ich habe darüber nicht nachgedacht, verflucht. Wieso musst du das jetzt tun?"
„Was? Weil es wichtig ist!"
„Nein, ist es nicht. Du könntest mich einfach küssen, wir hätten Sex auf deinem Schreibtisch, und damit hat es sich!"
„Du bist widerlich."
„Ich bin widerlich? Ich denke, deine Freunde würden die Sache anders sehen", gab er knapp zurück. Und ihr fiel wieder ein, weshalb sie noch so unglaublich wütend war.
„Und Ginny Weasley?", erkundigte sie sich mit zittriger Stimme, und zuerst sah er sie verständnislos an. Sein Blick glitt wieder zur Tür, und er begriff.
„Was hat er erzählt?" Er klang so, als würde er eine Lappalie abtun wollen.
„Ginny?", wiederholte sie heiser und konnte nur den Kopf schütteln.
„Ich habe nicht mit ihr geschlafen!", rechtfertigte er sich. Er schien sehr schnell in diesen Modus wechseln zu können, fiel ihr auf – und was?!
„Du hast... nicht mit ihr geschlafen? Oh, was für ein Glück!", schrie sie. Er schloss die Augen.
„Was hat dieser Bastard erzählt? Es ist nicht weiter wichtig, Granger", fuhr er sie an. Sie hatte sich erhoben, denn sitzen bleiben konnte sie nicht.
„Seit wann hast du Sex mit Ginny Weasley? Ist das eine Lüge? Ist das ein Trick? Willst du Harry komplett wahnsinnig machen? Willst du, dass er dich umbringt?", erkundigte sie sich außer sich.
„Was? Es war so nicht! Ich hatte keinen Sex mit ihr! Ich… - es ist auch egal!", schrie er. „Ich bin nicht hierhergekommen, um mich zu streiten!"
„Oh wirklich? Für dich mag es egal sein! Für mich ist es-"
„Granger! Hör auf zu schreien! Ich bin nicht hier her gekommen, um mich anschreien zu lassen! Das habe ich zu Hause zu Genüge!"
„Nein, du bist hier her gekommen, um mich auf meinem Schreibtisch flachzulegen, richtig? Wie Ginny? Oder Lavender? Oder Pansy, oder wen auch immer?"
„Granger-"
„Du willst es unkompliziert? Dann solltest du vielleicht damit anfangen, aus meinem Leben raus zu bleiben!" Sie ging um ihren Schreibtisch herum. Wütend und völlig ratlos. Ginny! Ginny! Sie konnte es nicht fassen.
„Du gehst nicht", informierte er sie knapp, hielt sie am Arm auf, und sie versuchte sich loszumachen. „Ich lasse mich Zuhause nicht anschreien, nur um hier dasselbe vorzufinden!", knurrte er.
„Du hast mit Ginny geschlafen!", schrie sie.
„Habe ich nicht!", widersprach er laut. Er schloss die Augen.
„Wie konntest du? Ist dir nichts heilig? Denkst du eigentlich nicht an Harry oder an die Gefühle von irgendwem anders?" Seine Augen brannten sich in ihre.
„Granger, meine Gedanken gehen selten zu Harry, und wenn, dann ist er mir gleichgültig, ok? Es war nichts, was ich gewollt oder geplant hätte! Ich bin sicher, sie bereut es genauso wie ich, und an welche Gefühle soll ich noch denken?" Aus seinem Mund klang es wie eine Fangfrage.
„Du bist ein Arschloch!", sagte sie schließlich.
„Du hast mich geküsst, schon vergessen?", erinnerte er sie eisig an den gestrigen Tag.
„Es tut mir leid."
„Du kannst es nicht zurücknehmen. Oder dich dafür entschuldigen!", knurrte er.
„Du kannst nicht alles haben!", erklärte sie, angestrengt, um eine ruhige Stimme.
„Ich habe nicht vor, alles zu haben."
„Lügner!", schrie sie jetzt.
„Granger, was zum-"
„Geh einfach!", fuhr sie ihn an. Und völlig perplex stand er vor ihr. Er hatte sogar ihren Arm losgelassen, so sehr schienen ihn ihre Worte zu überraschen.
„Was?" Er klang ratlos, als träfen ihn diese Worte unvorbereitet, völlig aus dem Nichts. „Was soll das jetzt?" Er sah plötzlich müde aus. „Ich dachte, wir hätten-"
„Wir haben gar nichts, Malfoy!"
„Ich habe nicht mir ihr geschlafen", wiederholte er gepresst.
„Darum geht es nicht!"
„Worum geht es? Dass du mich verabscheust?" Fast klang es wie eine lächerliche Anschuldigung aus seinem Mund.
„Du bist verheiratet!"
„Und wenn es nicht so wäre?"
Und kurz schwiegen sie. Kurz gab es eine Stille, die etwas in ihrem Innern bewegte. Was sagte er? Was wollte er damit überhaupt sagen?! Er atmete langsam ein.
Dann sah er sie an, riss den Blick von ihren Lippen los und atmete wieder aus. „Vergiss die Frage, Granger", sagte er schließlich ruhig.
„Ja, werde ich. Denn auch dann wärst du immer noch-"
„Nicht", unterbrach er sie, fast sanft. „Sag es… nicht."
Kurz fühlte sie sich machtlos. Ja, was wäre, wenn er nicht gebunden wäre? Gefangen in der seltsamen Reinblüter-Geburtenmaschine? Würde sie dann wirklich zögern? Ja, natürlich! Es änderte doch nichts an der Tatsache, dass er ein kaltes Monster war! Er hat im Krieg den Mund nicht aufbekommen, um etwas zu ändern, und das wäre nicht anders gewesen, hätte er die Möglichkeit gehabt.
Sie bedeckte kurz mit der Hand ihre Augen, fuhr sich dann durch die Haare und sah ihn wieder an. Er stand immer noch vor ihr. Und sie glaubte nicht, sich jemals an eine solche Nähe erinnern zu können. Er war so gemein zu ihr gewesen, und auf einmal, weil sich ihr Körper in eine Richtung entwickelt hatte, die er ansprechend fand, sollte sie alles vergessen? Sie sollte vergessen, wer er war, zu was er bestimmt war, und dass er sie immer schlecht behandelte? Immer noch schlecht behandelte, vor allem! Sie sollte ihren Verstand und ihr besseres Wissen einem Sexualtrieb unterwerfen?
Ja. Ihre Knie wurden weich. Ja. Er küsste wie ein Gott. Ja! Ja! Ja! Sie wusste das. Ihr Körper wusste das. Er wäre wahrscheinlich unglaublich im Bett. Auch daran hatte sie keinerlei Zweifel.
Aber… was wäre wenn…? Was wäre, wenn sie sich verliebte? Nicht auszudenken wäre das! Denn er wäre verheiratet, sie wäre jemand, der sie niemals hatte sein wollen – und vor allem wäre sie dann auch noch allein! Emotional gebunden an Draco Malfoy – der vielleicht, oder auch nicht, mit Ginny geschlafen hatte! Ihrer Ginny! Er würde sich nie ändern.
Sie würde sich nie ändern.
„Ok, wie wäre es, wenn du mich nicht mehr sehen würdest, mich nicht mehr wollen würdest, wir nichts mehr machen, du nicht mit Ginny schläfst und zurück zu deiner Frau gehst?"
„Das mit Potters Verlobten war nicht-" Sie hatte die Hand gehoben.
„Ich will es nicht hören!"
„Es ist Jahre her!", widersprach er ärgerlich.
„Ich will es wirklich nicht hören, ok?" Ja, es machte sie wütend. Wütend vor allem, weil Ginny ihr nichts gesagt hatte. Mit keinem Wort! Sie sah, wie er den Blick von ihr gelöst hatte. Sie sah, wie sein Ausdruck in sich zusammen brach. Er seufzte auf.
„Du… hast Besuch", sagte er schließlich, tonlos und bereit auf eine Auseinandersetzung. Seine Fäuste hatten sich geballt, und sein Kiefer war unheimlich angespannt. Sie wandte sich beinahe ängstlich zur Tür um. Ihre Augen schlossen sich kurz.
Oh nein!
„Geh. Weg. Von. Ihr", knurrte Harry, den Umhang vom Training wie immer schwarz verkohlt. Brandlöcher schwelten noch, und sein Gesicht klebte vor Dreck.
„Potter, du-"
„Kein Wort!", unterbrach ihn Harry, als er den Zauberstab zog.
„Du hast das völlig miss-"
„Du willst Hermine in einen Vertrag zwingen, in dem sie Sex mit dir haben muss?", erkundigte sich Harry zornig, und Draco sagte nichts. „Du hast mit meiner Verlobten weiß Merlin was gehabt?" Wieder schwieg Draco. „Nenn mir einen guten Grund, dich nicht hier und jetzt zu verfluchen?"
„Du würdest deinen Job verlieren?", versuchte Draco einen schwachen Versuch, Humor anzuwenden.
„Nehm ich in Kauf. Das Ministerium ist sowieso eher vorgesehen für Verräter und Todesser, wie du einer bist!" Sie sah, wie Harry immer zorniger wurde und Draco immer gelassener. Vielleicht war es eine Art Enthropie, eine Ausgeglichenheit, die nur in dieser Form existierte, wenn Gut und Böse aufeinander trafen. „Und du!" Jetzt hatte sich Harry an sie gewandt. „Wie kannst du das tun? Wie kannst du das in Erwägung ziehen? Bist du wirklich so oberflächlich? Du fällst auf sein Äußeres rein? Ich dachte, du wärst klüger als all die anderen Mädchen, die in seine Falle getappt sind!"
„Harry, ich-"
„Du wirst doch wohl nicht Malfoys Mätresse? Wie viel Gold bietet er dir, Hermine?"
„Er bietet mir kein Gold!" Sie wusste, das war nicht unbedingt der Punkt auf der Agenda, den sie als erstes abhaken sollte. Aber sie fühlte sich gehalten, klar zu stellen, dass sie es freiwillig tat. Weshalb das allerdings gut war, war ihr kurzzeitig entgangen.
„Was dann? Was willst du von ihm?" Harry hatte den Zauberstab immer noch erhoben. Hermine wusste, er brach damit schon einige Gesetze, die ihn seine Stelle kosten konnten. Und Malfoy wusste das auch.
„Nichts! Ich will-"
„Es geht dich nichts an", unterbrach Draco sie jetzt rigoros. „Und wenn du dich wirklich mit mir duellieren willst, dann wäre ich lieber vorsichtig."
„Oh ja?", lachte Harry auf. „Richtig! Während ich Voldemort vernichtet habe, hast du… was hast du noch mal gemacht? Nach deiner Mummy geweint?" Hermine schloss die Augen, als sie spürte, wie sich Draco aus der Starre löste und um sie herum schritt.
„Ja, ihr Waisenkinder seid immer neidisch auf andere Eltern. Seien es auch die schlimmsten Kandidaten", erklärte Malfoy langsam.
„Zieh endlich, Malfoy!", drohte Harry jetzt.
„Ihr hört auf! Beide!" Sie war dazwischen gegangen und würde hundert Punkte von beiden Häusern abziehen, wenn nötig. Leider ging es nicht mehr ganz so einfach.
„Fehlt nur noch Weasley, der mit den Fäusten droht. Wo ist er eigentlich? Immer noch Single und arbeitslos, nehme ich an? Verflucht, nicht mal Granger will ihn haben!" Sie schoss ihm einen zornigen Blick zu.
„Ja, aber sie will nicht mal dich, Malfoy. Was sagt das über dich?"
„Harry!", sagte sie entrüstet. Was sollte das? Sogar Harry unterstellte ihr, schlecht zu sein? Sie hasste Männer. Allesamt.
„Ich will, dass er geht!", rief Harry zornig.
„Lass es endlich sein. Pack den Zauberstab weg, und hör auf, dich wie ein Idiot aufzuführen!"
„Oh ja! Ich bin der Idiot! Ich will ja auch mit Malfoy einen Sex-Vertrag haben!", schrie Harry. „Und kommst du Ginny zu nahe, bringe ich dich um!", fügte er in Richtung Malfoy hinzu. Damit war Harry mehr als zornig gegangen. Einfach so. Na ja, nicht einfach so. Hermine hatte noch einen giftigen Blick bekommen, der ihr eindeutig klar machte, dass dieses Gespräch noch nicht vorbei war. Malfoy atmete heftig ein und wieder aus.
„Großartig. Genau darauf hatte ich heute gehofft", murmelte er kalt. „Hast du noch irgendwelche Freunde hier versteckt, die mir ans Leben wollen?", wollte er knurrend wissen, und sie zeigte auf die Tür.
„Raus!"
Er fuhr sich mit beiden Händen durch die hellen Haare. Dann schloss er wieder den Abstand zu ihr. Sie schüttelte schon mal präventiv den Kopf.
„Weißt du, ich würde dir einiges an Gold zahlen, Granger", flüsterte er ruhiger. „Nett, dass du es gar nicht willst. Und ich hoffe, dir ist klar, dass du in deinen ganzen Tiraden nicht ein einziges Mal die Worte ausgesprochen hast. Du hast mit keinem Wort auch nur angedeutet, dass du mich nicht willst."
Ihr Mund öffnete sich langsam.
„Ich hoffe, dass erklärst du Potter, dem Choleriker, wenn er dich nachher wie ein Kleinkind anschreit, weil du nichts ohne ihn entscheiden darfst." Er schwieg, betrachtete ihr Gesicht eingehender und lächelte. „Das tust du doch, oder? Für mich."
Sie sah ihn an und hasste ihn in dieser Sekunde mehr als jemals zuvor. Er nickte schließlich.
„Und immer noch nicht sagst du die Worte…. Verflucht interessant, findest du nicht?", fügte er grinsend hinzu, schien sich zusammen zu reißen und sie nicht zu küssen, und sie fühlte Tränen in sich aufsteigen. Mit einem letzten Blick auf sie, verschwand er schließlich so, wie Harry auch verschwunden war.
Wieso hatte sie jetzt nicht einfach die Worte gesagt, verdammt? Wieso hatte sie nicht gesagt, dass sie ihn nicht will! Garantiert nicht will! Absolut nicht will?
Und sie wusste es nicht.
