Kapitel 19
Misunderstood
„Wie konntest du?"
„Es war nichts, Harry!"
„Wie konntest du mir das antun?"
„Es ist nichts passiert, Harry!"
Und dieses Gespräch fand seit einer Stunde in genau dieser Struktur statt. Und Hermine wollte schon längst aufgestanden sein, wollte sie längst unterbrochen haben, um anzukündigen, dass sie ins Bett wollte, aber anscheinend war das nicht möglich. Und Harry hatte sie noch nicht angeschrien dafür, dass er sie eigentlich ursprünglich mit Malfoy bei einem fragwürdigen Gespräch in ihrem Büro gefunden hatte.
Sie hatte ein schlechtes Gewissen durch und durch und war eigentlich froh, dass sich Harrys Zorn erst mal nur auf Ginny konzentrierte, auf die sie auch sauer war.
Aber sie war auch sauer auf Harry. Und sie war eigentlich nur hier, um schlimmeres zu verhindern. Ginny hatte sie eingeladen, unwissend von all dem, was passiert war.
Und unterm Strich war es auch ihre Schuld, dass Harry von der Ginny-Malfoy-Sache erfahren hatte. Aber eigentlich war Ginny auch selber schuld!
„Ich kann nicht fassen, dass du das getan hast!"
Hermine schloss die Augen, atmete langsam aus und zählte die Sekunden, die zäh vergingen.
„Harry, es ist fast fünf Jahre her!"
„Hat eine Witwe nicht sieben Jahre zu trauern? Wie lange nachdem wir Schluss gemacht hatten?"
„Witwe? Du warst nicht tot, Harry", erinnerte sie ihn jetzt.
„Wie lange, Ginny?", schrie Harry, und Hermines Kopf, sank in ihre Hände.
„Ein paar Wochen?", vermutete Ginny vage. Harry schnappte vor Entrüstung nach Luft.
„Wie konntest du nur?" Harry stürmte aus dem Wohnzimmer. Ginny folgte ihm.
Hermine wollte nur nach Hause. Einfach nur nach Hause. Zu ihren Eltern. Zu normalen Muggeln, denen all das egal war.
Dann hörte sie undeutliches Geschrei aus der Küche. Anscheinend zerbrach Glas auf dem Boden, wieder Geschrei, und dann fiel die Tür ins Schloss. Waren beide jetzt auf den Flur gegangen, damit noch mehr Menschen in den Genuss des Streites kamen?
Aber kurz danach kam eine geknickte Ginny ins Wohnzimmer zurück. Hermine blickte in ihre Teetasse, die leider immer noch leer war. Tee wäre jetzt gut.
„Was ist passiert?", fragte Hermine, ohne dass sie es wirklich wissen wollte.
„Die Hochzeit findet nicht statt", flüsterte Ginny verzweifelt.
„Was?"
„Harry ist weg. Die Hochzeit ist abgeblasen."
Es verging ein stiller Moment. Dann brach Ginny in Tränen aus, sank an Hermines Seite, und Hermine konnte nur stumm Ginnys Kopf streicheln, während diese stumm in Hermines Schoss schluchzte.
Das lief alles überhaupt nicht gut. Ganz und gar nicht gut.
„Ginny, das ist nur ein Streit. Ein kleiner Streit. Harry wird es einsehen, ihr werdet es klären und…"
„Und was, wenn nicht?", schluchzte Ginny laut. Und Hermine hatte darauf keine wirkliche Antwort. Wenn nicht… dann würde sie allen Glauben in die Liebe verlieren, nahm sie an. Ginny und Harry waren das perfekte Paar. Und das seit Jahren.
„Ich werde Tee aufsetzen und bleibe heute hier. Wie klingt das für einen Anfang?", schlug Hermine jetzt vor. Ginny nickte dankbar. Hermine nahm an, Harry hatte noch keine Zeit gehabt, Ginny zu erzählen, wann er erfahren hatte, dass es wohl damals eine Malfoy-Situation gegeben hatte. Ansonsten wäre Ginny wohl auch wütend auf Hermine.
„Das klingt gut", murmelte Ginny und sank verloren auf den Sessel. Harry musste einfach wiederkommen! Harry musste einfach!
Oder sie würde ihn umbringen!
„Du hattest also was mit Malfoy", begann Hermine seufzend. Ginny schluchzte wieder.
„Ich hätte es dir schon noch erzählt. Aber… es war wirklich nur einmal. Und nicht mal lange. Und es war auch nicht… so gut. Harry ist wesentlich besser als Malfoy! Und… vielleicht hätte ich ihm das sagen soll?" Hermine überlegte sich, wie Harry es wohl gefunden hätte, hätte Ginny ihm erklärt, dass Harry sie besser zum Kommen bringen würde als Malfoy, und sie entschied sich, dass es ein Thema war, was Harry besser nie wieder besprechen müsste.
„Ginny, Harry ist einfach nur verletzt und eifersüchtig", erklärte sie ruhig.
„Er ist richtig wütend!"
„Ja, wärst du das nicht? Wenn du erfahren hättest, Harry hätte… keine Ahnung, Pansy Parkinson geküsst, dann wärst du doch auch-"
„Er hat Pansy Parkinson geküsst?", brauste Ginny auf und war wieder auf den Beinen.
„Was? Nein, natürlich nicht. Das war ein Beispiel. Ich meine doch nur, wenn-"
„Oh, der kann sein blaues Wunder erleben! Gnade ihm Merlin, wenn er so etwas gemacht hat! Ich werde ihm schon noch-"
„Ginny! Hypothetisch, aber… damit bestätigst du meinen Punkt", murmelte Hermine, denn Ginny hatte sich die Jacke übergezogen.
„Pansy Parkinson! Dass ich nicht lache! Er will die Hochzeit abblasen? Nein! Ich werde die verdammte Hochzeit abblasen! Pansy Parkinson!", wiederholte sie verächtlich. Die Tränen waren vergessen.
„Ginny!", rief Hermine ihr erfolglos hinterher. Super. Sie würde niemals wieder irgendwelche Beispiele verwenden. Nicht hier, in diesem gefährlichen Umfeld, wo alle einfach alles immer missverstehen wollten! Die Tür fiel wieder ins Schloss. Jetzt war sie allein in Ginnys und Harrys Wohnung. Sie könnte auch einfach hier bleiben.
Dann müsste sie sich Zuhause nicht mit der Frage ihres Vaters auseinandersetzen, weshalb sie nicht langsam mal ausziehen wollte.
Und auch ihre Mutter könnte ihr keine Vorhaltungen machen, dass sie noch immer Single war, und ihre letzte Chance in Form von Ron davongezogen sei.
Sie hatte Blaise nicht gesehen heute. Sie hatte es sogar komplett vergessen. Es wunderte sie ein wenig, dass er kein Interesse bei ihr weckte. Durch seine Gene sollte sie sich sowieso zu ihm hingezogen fühlen, aber das war nicht der Fall.
Sie zwang sich, nicht an Malfoy zu denken. Sie war froh genug, dass Harry nicht auch noch dieses Thema angefangen hatte. Wirklich froh!
Und sie war zumindest fast überzeugt, dass die Hochzeit nur temporär abgeblasen war. Harry würde das doch niemals wirklich ernst meinen! Sie wusste, er liebte Ginny. Und sie war Ginny zwar auch böse, dass sie kein Wort gesagt hatte, aber… es war wirklich lange her.
Eigentlich musste Harry nur seine Eifersucht unter Kontrolle kriegen.
Sie musste auch ihre Wut eingrenzen, denn es nützte nichts, sich über Malfoy aufzuregen. Sie hatte eigentlich angenommen, sie wäre längst darüber hinaus, sich über diesen verdammten Idioten aufzuregen!
Aber wahrscheinlich lag sie falsch. Sie wusste nur eines mit Sicherheit: Reinblüter änderten sich niemals! Niemals. Für gar nichts auf der Welt!
Schlechte Neuigkeiten sprachen sich noch mit viel größerer Beliebtheit rum als gute, stellte sie immer wieder fest. Und sie hatte sich weit über die Brüstung des Geländers gelehnt, um kein Wort zu verpassen.
„Ich muss sie sehen!"
„Mr Goyle, ich glaube nicht, dass dies möglich ist. Meine Tochter ist nicht Zuhause!" Ihre Mutter konnte also nicht nur zu ihr kühl und distanziert sein. Nein, sobald ein weiterer Blutsverräter auftauchte, zeigte sie auch dem ihre schlechten Seiten.
„Sagen Sie ihr, dass ich hier war!"
„Sicher." Das war eine Lüge. Ihre Mutter würde es ihr niemals sagen, das wusste Pansy.
„Ich will, dass Sie es ihr sagen. Ansonsten komme ich wieder. Jeden Tag. Und jeden Tag danach, bis ich sicher bin, dass Pansy weiß, dass ich hier war!", drohte er jetzt mit lauter Stimme.
„Sie verlassen sofort mein Grundstück!", befahl ihre Mutter harsch.
„Ich komme wieder! Und sie werden mich schon verfluchen müssen, wenn Sie mich aufhalten wollen, Mrs Parkinson!", rief er zornig. Pansy lehnte sich weiter vor, konnte ihn aber immer noch nicht sehen.
„Wagen Sie es nicht, mich herauszufordern. Die Beamten des Ministeriums sind schneller hier, als sie es schaffen würden, zu fliehen."
„Ich will nur, dass Sie versprechen, Pansy mitzuteilen, dass ich hier war, um mit ihr zu sprechen!", verlangte er gepresst.
„Ich sagte schon, das werde ich."
„Versprochen?", vergewisserte er sich jetzt.
„Ja, ja. Gehen Sie!", befahl ihre Mutter tonlos. Dann hörte Pansy, wie sich die Tür schloss. Nachdem ihre Mutter aufgebracht murmelnd aus der Halle verschwunden war, schlich Pansy eilig die Stufen hinab. Sie bog ab, zur Hintertür und schlüpfte nach draußen. So schnell ihre Schuhe sie trugen, umrundete sie das Haus. Sie sah Goyle noch, ehe er apparieren konnte.
„Goyle!", rief sie leise. Er hielt inne. Überrascht wandte er sich um.
„Pansy!", rief er aus.
„Shht! Leise, sonst hört dich meine Mutter. Ich habe gehört, was passiert ist. Weshalb bist du hier her gekommen? Bist du verrückt geworden?"
„Ich… ich wollte…" Auf einmal war er sehr wortkarg. Er sah mitgenommen aus. So, als hätte er Tage nicht geschlafen.
„Ich habe gehört, deine Eltern haben dich rausgeworfen?" Sie flüsterte immer noch. Sie sah sich um, falls die Hauselfen ihrer Mutter Bescheid gaben. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, denn sie hatte keinen Mantel mitgenommen.
„Ja", bestätigte er.
„Und… du hast alles aufgegeben? Du hast Vertrag zerrissen? Zumindest erzählt das Mrs Zabini in der Winkelgasse", ergänzte sie, um die Quelle preiszugeben.
„Ja, habe ich", bestätigte er erneut.
„Wieso?", wollte sie völlig verblüfft wissen. „Du hattest doch alles!"
„Ich…"
„Ich begreife nicht, was in dich gefahren ist!", fuhr sie ihn an. Sie konnte gar nicht anders, als wütend zu werden. „Du hattest doch alle Möglichkeiten dieser Welt. Das perfekte Leben, die perfekte Zukunft, eine perfekte Frau!" Sie sah, wie er unschlüssig den Mund öffnete.
„Nichts ist perfekt, Pansy. Ich hatte keine Wahl. Ich werde in dieses Leben gezwungen", erklärte er jetzt.
„Oh, wirklich schwer für dich. Ich würde alles geben, um an deiner Stelle zu stehen!", flüsterte sie aufgebracht. „Jetzt hast du nichts mehr! Und was konnte so schlimm gewesen sein, dass du deine perfekte Zukunft zerrissen hast?"
Er schwieg für einen kurzen Moment. „Ein Leben ohne Liebe ist nicht weiter lebenswert."
„Du hattest ein Leben mit allen Absicherungen. Ohne Komplikationen. Ich glaube, ein Leben ohne Geld ist nicht lebenswert, Goyle. Deswegen bist du doch hergekommen, oder? Du wolltest dir Gold borgen, richtig? Ich denke, ich kann heimlich etwas aus Gringotts holen und dir zukommen lassen." Sie erwartete, dass er erleichtert aufseufzen würde, ja, dass er ihr vielleicht um den Hals fiel. Dass er zeigte, dass er dankbar für ihr Angebot war, aber… seltsamerweise wirkte sein Gesicht verschlossen.
„Du… könntest dich bestimmt bei deinen Eltern entschuldigen, erklären, dass es nur eine Kurzschlussreaktion war!", fuhr sie fort.
Wieso sagte er nichts? All ihre geheimen Fantasien, dass sie seine geheime Mätresse sein konnte, verflüchtigten sich zu nichts. Er hatte es versaut! Aus unerklärlichen Gründen.
„Draco hatte recht", sagte er fassungslos.
„Draco? Du hast mit Draco gesprochen? Er weiß das, und er hat dich nicht aufgehalten?" Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Greg, bist du denn komplett wahnsinnig geworden?" Jetzt wurde er wütend.
„Wahnsinnig, weil ich mich entscheide, mein Leben selber zu bestimmen? Wie wenig Selbstrespekt hast du eigentlich, Pansy?", wollte er plötzlich wissen. „Würdest du deine Familie verkaufen, nur damit du genug Gold hast, um niemals einen Finger rühren zu müssen?" Sie begriff nicht. Was sagte er da? Er wollte Gold von ihr und beleidigte sie? Was erlaubte er sich!
„Ich denke, du solltest deine letzten Karten nicht verspielen. Wer soll dir sonst Gold borgen, Goyle?", wollte sie überlegen wissen. Er lachte plötzlich.
„Gold? Nein, Pansy! Ich bin nicht hergekommen, um stinkendes Gold von dir zu borgen, Merlin noch mal!" Er schrie. Er würde die Hauselfen aufschrecken, die im Garten arbeiteten.
„Sei ruhig!", zischte sie zornig. „Was willst du dann?" Er sah sie an. Lange. Dann atmete er plötzlich aus.
„Eigentlich… will ich gar nichts hier."
„Aber… du standest doch gerade noch vor unserer Tür!", widersprach sie verwirrt.
„Ja. Beantworte mir eine Frage, Pansy", begann er jetzt ruhiger. Er ließ sie nicht aus den Augen. Sie waren grün, fiel ihr auf. Sehr grün. Hatte Potter nicht auch so grüne Augen? Hatten die Zeitungen nicht ständig davon berichtet? Welche Augenfarbe hatte Demetrius eigentlich? Sie wusste es nicht mal. „Liebst du deinen zukünftigen Ehemann?"
Was war das für eine Frage? Natürlich nicht. Sie würde es niemals tun. Nicht mal für alles Gold der Welt würde sie ihn lieben können! Wie auch? Er behandelte sie wie den allerletzten Dreck. Unwürdig, zu entscheiden. Unwürdig, zu existieren.
Aber wenn sie nicht alles verlieren wollte, um am Ende mit absolut gar nichts da zustehen, dann musste sie tapfer sein. Schon allein, damit Goyle nicht noch weniger von ihr hielt. Er hielt sie ja anscheinend sowieso für erbärmlich. Das hatte er ihr ja gerade klar gemacht.
Ziemlich deutlich. Sie brauchte nicht noch jemanden, der sie plötzlich für unwürdig hielt!
Und erst Recht nicht Goyle! Er sollte zumindest nicht so schlecht von ihr denken, wie all die anderen.
Sie räusperte sich. Ihr fiel wieder ein, dass sich im Vorgarten streiten wohl nicht besonders sittlich war. Manchmal brach die alte Pansy einfach durch. Sie kam an die Oberfläche, und sie vergaß jede Form der Höflichkeit. Sie vergaß, an welche Regeln sie jetzt gebunden war.
„Natürlich liebe ich Demetrius. Ich kann von Glück reden, dass er sich für mich entschieden hat. Und ich bin mir sicher, wenn du um Verzeihung bittest, werden dir deine Eltern schon vergeben." Sie versuchte ein Lächeln, aber sie glaubte nicht, dass es besonders überzeugend war.
„Ok", sagte Goyle. Er wirkte plötzlich machtlos. „Dann… leb wohl. Und… ich wünsche dir ein schönes Leben. Ich hoffe, er behandelt dich richtig", fügte er leiser hinzu, ehe er sich abwandte. Sie konnte sich nicht beherrschen.
„Wohin gehst du?", rief sie ihm nach, in der Hoffnung, seine Aufmerksamkeit noch einmal zu erregen. Sie sah, wie er die Achseln zuckte, ehe er apparierte, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie seufzte auf. Er war gegangen!
Und wenn er kein Gold wollte, was hatte er dann gewollt? Wieso hatte er eher alles aufgegeben, als nur einmal darüber nachzudenken, sie als seine Mätresse haben zu wollen? Sie dachte, sie hatten einen Moment gehabt! Sie dachte, er hätte es auch gespürt! Anscheinend hatte sie sich getäuscht. Gregory gab wohl lieber alles auf, als sich eine geheime Beziehung mit ihr vorstellen zu wollen.
Sie war dumm gewesen. Das würde nicht wieder passieren. Ihr wurde kälter, und stumm lief sie zurück zum Haus. Ein Haus, das schon lange kein freundlicher Ort mehr war.
Aber wahrscheinlich gab es keine freundlichen Orte mehr.
