Kapitel 22
New Ways
Er hatte das Gefühl, sein Mund würde niemals wieder in der Lage sein zu sprechen, zu fühlen, zu essen, und er spürte einen völlig neuen Respekt für Muggel, die anscheinend jeden Schmerz über unerträglich lange Zeit hinweg auskurieren mussten. Mit mittelalterlichen Methoden! Es war ihm schleierhaft, wie sie solange wie Zauberer leben konnten. Ihm war klar, er würde es nicht aushalten.
„So. Sie sind fertig. Die Betäubung legt sich in den nächsten zwei Stunden. Wie kann man sich selber mit so einem Zauber belegen?" Der Zahnarzt lehnte an der Wand, während er einige der brutalen Instrumente reinigte. Draco fuhr sich vorsichtig mit der Hand über sein Kinn. Nach keiner Schlägerei hatte er jemals solche Schmerzen gehabt.
Und die Frage war wohl sehr berechtigt. Langsam atmete er aus. Immerhin spürte er einen Teil seiner unteren Mundpartie wieder. Merlin sei Dank noch nicht den vollen Schmerz!
„Was wissen über unsere Gesellschaft?", fragte er und lehnte den Kopf zurück in den doch sehr bequemen Stuhl. Er hatte sich schon fast an den sterilen, etwas unangenehmen Geruch gewöhnt, der in der Luft lag.
„Was ich weiß? Sie wissen, meine Tochter ist eine Hexe, Mr Malfoy. Ich weiß also-"
„Nein. Über die Reinblüter", korrigierte er seine Frage ruhig.
„Ich weiß, dass Hermine uns mit einem Vergessenzauber belegen musste, uns deportiert hat, für ein ganzes Jahr. Und das nur wegen Menschen wie Ihnen. Liege ich soweit richtig, Mr Malfoy?" Draco überlegte. Das hatte er nicht gewusst. Aber er nahm an, er kannte den Grund dafür. Muggel waren gefährdet gewesen. Es war wohl die sicherste Lösung.
„Das ist Vergangenheit, Mr Granger", erwiderte er.
„Ich bin nicht nachtragend, Mr Malfoy. Aber meine Frau und ich werden keinen Menschen vergeben, die andere foltern und umbringen. Und was ich jetzt über Ihre feine Gesellschaft weiß? Nicht besonders viel. Und das, was mir Hermine oder meine Frau erzählt haben, das bringt Sie nicht unbedingt auf einen besonders grünen Zweig." Draco nickte wieder langsam.
„Zählt meine Entschuldigiung irgendwas, Sir?", kam er zu dem Punkt dieser Unterhaltung. Zuerst dachte er, der Mann würde nichts mehr sagen. Dann jedoch atmete er langsam aus.
„Nein. Aber das Urteilungsvermögen meiner Tochter nehme ich ernst." Im Innern spürte Draco ein angenehmes Ziehen, und es kam von keiner Betäubung. Anscheinend mochte ihn Granger doch mehr als sie es ihn spüren ließ! „Was wollen Sie mir sonst noch über sich erzählen, Mr Malfoy?" Er wusste, ihm blieb nicht mehr viel Zeit vergönnt, mit dem Mann, mit der er sich zumindest neutral stellen wollte. „Dass sie reich sind? Besser als wir?" Und jetzt musste er lächeln.
„Oh, das bezweifle ich stark, Mr Granger. Sehr stark. Aber mit einem Vermögen kommt einiges an Verantwortung. Verantwortung, die nicht leicht zu tragen ist. Und… ich finde… nach und nach… immer mehr…, dass…" Was wollte er sagen?
„Warum sind Sie hier?", wiederholte der Mann jetzt ruhig seine Frage. „Wenn Sie es mir nicht sagen, dann lassen Sie mir nur einen Schluss zu, Mr Malfoy."
„Welcher wäre das?", sprach sein Mund die Worte, die Draco nicht wirklich hatte sagen wollen. Der Mann war anders als sein Vater. Und doch empfand er vielleicht wenigstens einen Hauch Respekt. Er war nicht wie Granger. Er schrie nicht, er wurde nicht sofort fuchsteufelswild. Er blieb ruhiger. Er musste annehmen, Grangers Temperament kam nicht von ihrem Vater.
„Dass Sie meine Tochter lieben."
Die Worte zu hören klang noch lächerlicher, als sie vielleicht auch nur zu denken.
Draco schluckte schwer. Das Schlucken fiel ohnehin noch schwer. Konnte man jemanden lieben, ohne mit ihm Sex gehabt zu haben?
Ja, natürlich war es früher Tradition gewesen. Seine Eltern hatten bestimmt keinen Sex gehabt, bevor sie geheiratet haben. Nicht so wie er! Nicht so wie er, verdammt noch mal, der seine Verlobte gegen eine Wand vergewaltigt hatte! Er musste diese Erinnerung verdrängen. Er musste. Er musste einfach! Jetzt war er viel zu weit gegangen, um sich über alle kleinen Dinge den Kopf zerbrechen zu müssen.
„Mr Malfoy? Habe ich Recht? Oder gibt es einen anderen Grund, weshalb Sie hier sind?"
Er atmete langsam aus. Er hatte das Bedürfnis, diesen Stuhl eigentlich nicht mehr zu verlassen. Dann ruckte er mit dem Kopf.
„Es gibt zwei Dinge, wegen denen ich hier bin", erwiderte er, ohne die Frage wirklich zu beantworten, griff in seine Tasche und zog ein Stück Papier hervor, welches mittlerweile schon ganz zerknittert war.
„Was ist das?", fragte der Mann, mit einem Hauch von dem Misstrauen, was er von Granger bereits gewöhnt war.
„Wenn ich zugebe…, Ihre Tochter zu lieben, dann müssen Sie diese Bedingung akzeptieren." Im Geschäfte machen war er wesentlich besser, als im Gefühle offenbaren.
Und wenn er nur darüber nachdachte, was sein Vater wohl dazu sagen würde, gefiel es ihm im Zahnarztstuhl noch um einiges besser als vorher. Er wusste, er würde eventuell ohnehin aufstehen müssen, aber vorerst hatte er sich wohl noch ein paar Überraschungsminuten gekauft.
Und… hatte er gerade gesagt, dass er sie liebte?
Konnte er das irgendwie auf die Betäubung und die Drogen schieben, die er hier verabreicht bekommen hatte? Er wartete geduldig, während der Mann langsam und skeptisch das Papier entfaltete.
„Wo ist er?" Die Frau wirkte zerstreut und verloren. Und natürlich wütend. „Ich weiß, er ist zu Ihnen gekommen! Also leugnen Sie es erst gar nicht!", fuhr sie energisch fort. Hermine überlegte, ob sie der Frau sagen sollte, in welchem Zimmer Draco lag, oder ob das unfair wäre. Eigentlich verdiente er genau das!
„Er ist-" Sie hob die Hand, wollte in die Richtung deuten, da schrie die Frau zornig auf. Sie schien zu weinen.
„Ich fasse es nicht! Ich kann nicht begreifen, dass ich wirklich hier stehe, mich erniedrige und irgendeine Muggel fragen muss, wo mein Verlobter ist! Können Sie sich vorstellen, wie sich das anfühlt? Wahrscheinlich nicht! Wer sind Sie schon? Er wollte mich heiraten! Mich! Und jetzt will er Sie? Eine Muggel? Ohne Gold, ohne Chancen? Niemand lehnt mich ab!", rief sie aufgebracht. Die Patienten im Wartezimmer lugten gespannt um die Ecke. Hermine fühlte sich gehalten aufzustehen.
„Wieso gehen wir nicht ein Stück", schlug sie gereizt vor.
„Wieso sollte ich mit Ihnen irgendwo hingehen? Sie verlogene, trügerische Ehebrecherin!" Hermine schob sie einfach nach draußen, ehe es noch einen Skandal in der Praxis gab.
„Ich bin keine Ehebrecherin. Und Sie hören sofort auf zu schreien!" Schon waren sie draußen. Die blonde Frau atmete heftig ein und aus.
„Wieso will er Sie und nicht mich? Erklären Sie mir das!", verlangte sie zu wissen, und eine Ähnlichkeit zu Narzissa war ohne Zweifel vorhanden. Vielleicht waren alle Reinblüterfrauen gleich.
„Vielleicht weil ich nicht immer nur an mich denke, nicht glaube, dass ich die Schönste im Land bin und alles bekomme, was ich will?", versuchte Hermine einen Versuch, und die Blonde schien nur eine Sache verstanden zu haben.
„Er will Sie also wirklich?", schrie sie außer sich, und Hermine verdrehte die Augen.
„Nein, will er nicht!"
„Weshalb ist er dann hier bei Ihnen und nicht Zuhause bei mir?"
Das war tatsächlich eine Frage, die Hermine nicht ohne Weiteres beantworten konnte. Aber teilweise wusste sie die Antwort.
„Weil es schwer ist, Antoinette, ok? Wer kann sich schon so jung vorstellen, dass alles geplant ist? Merlin, sein Sohn hat einen Namen! Ihre Gebärmutter wird manipuliert. Das tut weh! Sie lassen sich behandeln, wie ein Schaf das zum Schlachten geführt wird. Niemand in Ihrer Gesellschaft sieht wohl ein, wie verrückt und scheußlich ihr Verfahren ist? Wer will schon jetzt wissen, wie sein Leben aussieht? Auf den Tag genau? Auf den Sickel genau? Sie kennen Malfoy doch gar nicht! Sie wissen doch gar nicht, was er will, was er mag, was nicht, und wo seine Schwächen liegen, mit denen Sie ihn zumindest manchmal hinter dieser grässlichen Fassade hervorlocken können, die er so arrogant und selbstverliebt vor sich trägt!"
Sie war ganz außer Atem.
„Sie lieben ihn!", rief Antoinette kopfschüttelnd aus. „Haben Sie den Mätressenvertrag schon unterzeichnet? Ist es das?" Fast klang sie hoffnungsvoll.
„Nein! So etwas würde ich nie unterzeichnen!"
„Sein Vater hat mir erzählt, was er gemacht hat!", sprudelte es aus Antoinette hervor.
„Was?" Hermine war verwirrt.
„Er schlägt das Vermögen aus! Schlägt es einfach aus! Für jemanden wie Sie! Wissen Sie überhaupt, wie ich dastehe? Was ich meinem Vater sagen kann? Wissen Sie, wie schwer es für Frauen ist?" Hermine schloss die Augen.
„Ich weiß, wie schwer es Muggel war, Antoinette. Und Sie sollten sich nicht darum scheren, was Ihnen irgendwer vorschreibt! Sie sollten sich lieber darum kümmern, dass Sie glücklich werden! Denn egal, wie gut es geplant wird, Sie haben nur das eine Leben! Nur dieses! Sonst keines mehr! Und Sie stehen hier, in einem fremden Land, schreien mich an, suchen Ihren Verlobten, der ganz klar kein Interesse an Ihnen hat – und Sie denken immer noch nicht an sich, sondern nur an irgendeinen Scheißkerl!"
„Sie verstehen es nicht!", schrie die Blonde wieder. Diesmal aber weinte sie wirklich.
„Lieben Sie ihn denn?", wollte Hermine wissen. Ihr graute fast vor der Antwort.
„Ich… ich…!" Das Mädchen schüttelte verwirrt den Kopf. „Diese Frage stellt sich nicht", flüsterte sie tonlos.
„Doch! Doch, ich stelle diese Frage! Liebst du Draco? Ist er der eine, für den du alles aufgeben würdest? Egal, was! Für den du diesen Vertrag mit Vergnügen eingehst? Ist es das, was du willst? Ist er der eine?" Und wieder schüttelte das Mädchen die schönen blonden Haare und begann zu schluchzen.
„Nein!", flüsterte sie heiser. „Nein, aber-"
„Nichts aber! Denk für dich selber, Merlin noch mal! Du musst nicht tun, was irgendeine hundert Jahre alte Inzesttradition von dir verlangt! Tu einfach, was du willst, was in deinem Leben wichtig ist! Nimm den, den du liebst und heirate nicht irgendeinen Reinblüter-Idioten, nur weil er der nächste in der Schlange ist!"
„Ich kann… nicht zurück! Meine Familie würde mich verstoßen", wisperte sie voller Tränen. Hermine konnte nicht verhindern, auszuatmen, sich die Haare aus der Stirn zu wischen, und schließlich die Arme zu heben.
„Wenn du willst, kann ich dir helfen." Was sagte sie denn da? Sie musste verrückt geworden sein.
„Du willst mir helfen?", vergewisserte sich die Blonde unsicher und wirkte wieder skeptisch.
„Wenn dir Gold nicht die Welt bedeutet, und du ein ganz normales Leben willst, dann gibt es hundert Wege, das zu erreichen. Du bist klug und selbstständig und fähig, deine eigenen Entscheidungen zu treffen, Merlin noch mal!"
„O… Ok!"
Das war alles, was das Mädchen sagte. Sie nickte heftig. Die Tränen verschwanden. „Ja. Ich will keinen Reinblüter heiraten. Ich… will eigene Entscheidungen treffen." Sie klang, als würde sie zum ersten Mal äußern, was sie wirklich dachte. „Was muss ich tun?"
„Wir brauchen eine Wohnung", murmelte Hermine, der mit Schrecken einfiel, dass sie Antoinette wohl schlecht nach Hause bringen konnte. Wahrscheinlich wurde es ohnehin Zeit, endlich mal auszuziehen und… das Leben zu beginnen, was sie wirklich wollte.
Und das wunderschöne Mädchen wirkte zum ersten Mal wirklich schön.
„Das meinst du ernst? Wenn ich meine Sachen aus dem Malfoy Haus hole, dann bist du da?" Hermine überlegte, wie sie jetzt noch aus der Sache raus käme, aber sie wusste eigentlich schon, dass sie nicht der Mensch war, der Versprechungen nicht halten würde.
„Ja, ich bin da. Hier." Sie holte ein Stück Papier aus ihrer Hosentasche. Mit dem Zauberstab schrieb sie Harrys Adresse drauf. „Komm da hin, wenn du deine Sachen hast. Vielleicht habe ich mich bis dahin um eine Wohnung gekümmert. Wenn nicht… dann… freut sich Ginny bestimmt", log sie. Das Mädchen nickte so dankbar, dass sie Hermine unbeholfen umarmte.
„Danke! Das… das ist das erste Mal, dass ich etwas für mich selber tue. Hermine, richtig?" Hermine nickte ergeben. Ja, Namen austauschen, wäre vielleicht auch von Vorteil. „Ich bin Antoinette", stellte sich das Mädchen etwas schüchtern vor. „Ich… bin heute Abend da! Um neun." Damit verschwand sie ziemlich eilig. Aber Hermine konnte ihr nicht verdenken, so schnell wie möglich bei den Malfoys ausziehen zu wollen. Und was hatte sie nur gemacht? Wahrscheinlich würde Narzissa sie umbringen. Aber das war auch schon nicht mehr wichtig.
„Und weiter?"
Sie erschrak heftig und wandte sich um. „Nachdem du mich um meine Verlobte gebracht hast – wie ist der nächste Schritt? Wirst du mein Gold verschenken? Oder… mein Haus abbrennen?" Er kam langsam die Stufen der Praxis runter zu ihr auf die Straße. Seine Wange war ein bisschen geschwollen.
„Du könntest mit einem Zauber die Schwellung-", begann sie, aber er unterbrach sie mit einem Kopfschütteln.
„Ich will keinen Zauber anwenden."
„Tut… mir leid mit Antoinette", platzte es aus ihr raus.
„Mir nicht", gab er wohl ehrlich zurück.
„Wie lange… stehst du da schon?", wollte sie leise wissen.
„Eine Weile. Übrigens, ich wollte dich in deinem Büro nicht anschreien. Und einen Mätressenvertrag ziehe ich nicht in Betracht", fuhr er glatt fort.
„Was willst du?", fragte sie völlig ratlos und fuhr sich durch die Haare, die völlig wild über ihre Schultern fielen, wie immer, wenn sie sich zu sehr aufgeregt hatte.
„Nichts. Ein Essen. Du und ich. Bitte?"
„Und da willst du mir wieder erzählen, dass ich dich reize und du eine Mätresse brauchst, und wie groß dein Vermögen ist, und dass dein Sohn den Westflügel-" Er hatte ihr den Zeigefinger auf die Lippen gelegt, und sie hielt hastig die Luft an.
„Nein", entgegnete er ruhig. „Ja, du reizt mich, klar. Auf allen Ebenen. Aber… wenn zu zustimmst, dann erzähle ich dir höchstens, wie süß du bist, wenn du dich aufregst, und versuchst, das Richtige zu tun. Ich stelle mich dir vor, erzähle dir von meiner Familie und vielleicht von der tragischen Geschichte, wie ich eine Menge Gold verloren habe. Für ein einziges Mädchen." Seine blauen Augen sahen sie ruhig an.
„Du… gibst dein Gold doch nicht wirklich auf? Oder? Ich meine…, doch nicht wirklich, oder?!" Er lächelte wieder.
„Keine Ahnung. Willst du das?"
„Malfoy, ich will-"
„Mit mir essen gehen?", unterbrach er sie mit einem beinahe flehenden Blick. „Ich habe solche Zahnschmerzen, und ein bisschen Mitleid wäre wirklich nett, und außerdem habe ich-"
„Ok", gab sie schließlich nach. „Eine Bedingung."
„Jede", sagte er sofort.
„Was hattest du mit meinem Vater zu besprechen?"
„Beim Essen?" Sie hasste es, auf Antworten zu warten. Hatte sie gerade wirklich zugestimmt, mir Malfoy essen zu gehen? Hatte er wirklich gerade alles aufgegeben?
„Wie willst du eigentlich bezahlen, wenn du jetzt arm bist?" Sie musste ein wenig lächeln.
„Ha ha, Granger", sagte er nur sehr, sehr trocken.
