Kapitel 23

Good Girl Gone, Gone, Gone…

„Pansy!" Ihre Mutter klang harsch und duldete keine Widerworte. So wie immer. „Du kommst zurück. Du wirst dich entschuldigen, und du wirst die Tasche sofort wieder auspacken! Wo denkst du, gehst du hin? Ohne Gold, ohne Bleibe, ohne Mann? Wie lange denkst du, hältst du es aus, bevor du weinend zurück gekrochen kommst? Du hast niemanden! Du bist niemand, ohne deine Familie!"

„Meine Familie? Du meinst die Menschen, die mich an einen alten, ekligen Mann verkauft haben, damit ihr Name nicht in Schande steht?" Ihre Mutter verdrehte die Augen, als würde sie sich einfach nur kindisch verhalten.

„Du hättest deine Karten besser spielen müssen, Pansy! Du hättest dich nicht an Draco Malfoy verschenken sollen, als er mit den Fingern geschnipst hat! Natürlich bist du keine gute Partie! Was denkst du denn nur? Du hast nur noch uns. Und du bist so schrecklich undankbar!"

„Weißt du was, Mum, geh zur Party zurück. Entschuldige dich für deine schrecklich undankbare Tochter, und lass mich gefälligst in Ruhe!"

„Wo willst du hin? Wer soll dich aufnehmen? Du wirst verhungern und auf der Straße vor Kälte sterben!"

„Schön! Besser tot auf der Straße als auch nur noch eine Sekunde länger hier in diesem Haus!"

„Niemand wird dich nehmen!", schrie ihre Mutter hysterisch.

„Gut! Ich will auch niemanden mehr!"

„Pansy!" Aber Pansy war aus der Tür getreten, atmete befreit die kühle Nachtluft ein. „Komm sofort zurück!" Sie würdigte ihre Mutter mit keinem Blick, mit keinem Wort mehr. Sie hatte genug. Einfach nur genug! Und ja, sie wusste nicht, wohin. Sie wusste nicht, was sie wollte, oder wo sie schlief. Aber es war egal! Sie dachte an Gregory, aber ihre Chancen mit ihm hatte sie genauso vertan wie mit allen anderen.

Sie verließ das Grundstück. Ihre Mutter folgte ihr nicht nach draußen, in die hereinbrechende Dunkelheit. Sie hatte nur ein paar Galleonen in der Tasche. Vielleicht konnte sie im Tropfenden Kessel unterkommen? Ansonsten hätte sie diese Idee angewidert, aber heute, da klang es wie eine gute Idee. Sie wusste, sie hatte ihre Taschen packen müssen, als es ihr zuwider wurde, ihr Hochzeitskleid auch nur anzusehen.

Dass sie ihre Eltern enttäuschte, das war sie gewohnt. Sie war schon kein Junge geworden. Dann dürfte ihre Flucht wohl nur ein kleiner Schlag sein. Ihr Vater würde es bestimmt begrüßen! Es tat ihr nicht mal leid, zu gehen. Eigentlich fühlte sie sich jetzt besser. Sie fühlte sich gut, wie sie es schon eine ganze Weile nicht mehr getan hatte!

Sie apparierte hinter dem weiten Garten direkt in die Stadt.

Menschen liefen eilig an ihr vorbei, auf dem nach Hause. Die Geschäfte hatten schon überwiegend geschlossen. Sie lief schnell die Straße hinab. Sie wollte nicht auch noch unnötigerweise von irgendwem erkannt werden. Die Stadt sprach schon genug über Menschen wie sie. Sie ließ die Eulerei hinter sich, Madame Malkins und den Laden mit den schönsten Hochzeitskleidern Londons. Es war alles egal.

Sanfte Regentropfen fielen auf ihren Schopf und sie zog rasch die Kapuze ihres Umhangs tief in die Stirn.

Der Tropfende Kessel wirkte verlockend in der Dunkelheit, als sie ihn erreichte. Sie zog die Tür mit einem Ruck auf und trat ins warme Innere. Sie schritt eilig zur Theke, stellte ihre Tasche auf einem Hocker ab und wartete, bis der Wirt sie ansah.

„Hallo", sagte sie scheu.

„Ja?" Er wischte über die Theke und wirkte nicht freundlich, nicht vertrauenserweckend, aber auch nicht wirklich interessiert an irgendwas.

„Wie teuer ist die Nacht hier?", fragte sie also mit verhaltener Stimme.

„Drei Galleonen", erklärte er schroff. „Aber kein Zimmer mehr frei", fügte er hinzu und wischte weiter.

„Oh. Wie lange habt ihr auf?", fragte sie weiter und zog den Umhang aus.

„Bis der letzte geht", erwiderte er, hob die Braue, und sie nickte schließlich.

„Gut. Einen doppelten."

„Doppelten was?"

„Ein doppelten von dem Stärksten, was Sie haben", sagte sie nur.

„Pansy?" Seine Stimme erkannte sie immer, und jetzt gerade wollte sie nicht wahrhaben, dass er es war. Sie bereitete sich innerlich auf Immunität vor. Sie wandte sich auf dem Hocker um, und vergaß, wie sie sagen wollte.

„Hey, Pansy", sagte auch Hermine Granger, die sich wohl mit Draco Malfoy eine Seefrüchteplatte teilte. Sie tranken Butterbier. Der Anblick war so seltsam, dass sie heftig blinzelte.

„Was…?", war alles, was sie sagte.

„Willst du dich zu uns setzen?", schlug Draco dann vor, deutete auf den Platz neben sich und perplex erhob sie sich schließlich von ihrem Hocker, als ihr der Wirt ihren Doppelten hingestellt hatte. Sie leerte ihn noch im Gehen, und stellte fest, der Wirt hatte sie nicht enttäuscht. Das war wirklich stark gewesen! Doppelt stark! Sie schüttelte sich kurz und hustete heftig.

„Was machst du hier?", fragte Hermine Granger jetzt. Pansy konnte sie nur anstarren.

„Was macht ihr hier? Zusammen?", fügte sie völlig verwirrt hinzu.

„Granger geht gerade mit mir essen."

„Als was?", fragte sie, ehe sie sich beherrschen konnte. Das war unhöflich. Aber wahrscheinlich schaffte sie es heute nicht mehr, höflich zu sein.

„Als mein Date."

„Dein…?"

„Keine Mätresse!", unterbrach Hermine sie eilig. Es schien ihr wichtig sein, das klarzustellen.

„Wenn dein Vater das raus findet, dann-"

„Dann was?", wollte Draco gelassen wissen, biss genüsslich in einen Shrimp und sah sie fragend an.

„Dann bist du arm", stellte sie tonlos fest.

„Dann könnten wir einen Club aufmachen. Das wäre mal was Neues."

„Du hast deine Tasche dabei? Willst du hier übernachten?", ignorierte Hermine Dracos Worte wohl einfach, und Pansy fühlte sich unangenehm fixiert.

„Lange Geschichte", sagte sie nur, tonlos. Sie hob ihr Glas in die Höhe. „Noch einen!", rief sie in Richtung Theke. „Sie haben hier leider kein Zimmer mehr frei. Aber glücklicherweise haben sie solange auf, bis ich gehe. Und das heißt, heute Nacht bleibt es warm für mich!" Der Wirt kam an den Tisch, beachtete das seltsame Trio nicht, und Pansy trank gierig die scharfe Flüssigkeit, die sie vergessen ließ, dass heute der schlimmste Tag war.

„Oh, das ist… dumm", sagte Hermine mit echtem Mitleid. „Ich würde dir ja irgendeinen Platz anbieten, aber die Wohnung, die ich mir heute angesehen und reserviert habe, hat leider keine Möbel. Es gibt noch andere Rasthöfe hier", fuhr sie aber fort.

„Kein Geld", erwiderte Pansy nur und atmete laut aus.

„Ich hab Geld", erklärte Draco jovial.

„Du hast Geld?", wiederholte Pansy, nicht sicher, was das bedeuten sollte.

„Ja. Ich hab private Anlagen zurückgelegt. Der Betrag ist lächerlich, aber er reicht für… einen Monat", grinste er jetzt. Sie schüttelte den Kopf.

„Draco? Bist du… verrückt geworden?"

„Wieso? Anscheinend hast du auch sehr clever, deine sieben Sachen gepackt und bist dramatisch geflohen. Und auch noch ohne einen Plan." Sie schüttelte verwirrt den Kopf.

„Ja, aber ich tue das aus Liebe! Ich tue das, weil ich keine andere Möglichkeit habe, als mich sonst umbringen zu müssen!"

„Wer sagt, dass du die einzige bist, die was aus Liebe tut?" Er hatte eine Augenbraue gehoben. Pansy tauschte rasch einen Blick mit ihm und Hermine. Die jedoch starrte mit hochroten Wangen auf den Seefrüchteteller.

„Nein!", rief Pansy aus. „Das wäre… verrückt." Und Draco Malfoy lachte. In all der Hoffnungslosigkeit lachte ihr ehemaliger bester Freund, ihr Schwarm, der Mann, dem sie die Schuld zuschob, schlecht zu sein.

„Hunger, Pansy?", fragte er und bot ihr seine Gabel.

„Hat sich Blaise auch in eine von euch verliebt und lässt alles zurück?" Sie sah jetzt Hermine an. Diese räusperte sich verlegen.

„Nein. Glaube ich nicht. Aber Lavender würde sich bestimmt freuen."

„Was passiert jetzt?", fragte sie schwach und sah wieder Draco an. Dieser zuckte nur die Schultern.

„Wir haben gleich ein Date mit Potter. Denn meine…", Draco unterbrach sich selbst. Dann fuhr er wieder fort. „Hermine hat Antoinette überzeugt, auch ihre Bestimmung direkt aufzugeben und will mit ihr zusammen ziehen." Pansys Mund klappte langsam auf.

Sie hatte Dracos Patzer gehört. Aber sie konnte sich gerade nur auf eine Sache konzentrieren.

„Deine Verlobte ist bei Potter und zieht mit Hermine zusammen?"

„Nein, nein! Wir ziehen nicht zusammen. Ich helfe ihr nur… na ja, sie wollte…"

„Hermine rettet alle Reinblüter", erklärte Draco kauend, immer noch bemerkenswert ruhig und gut gelaunt. „Machst du dafür auch Anstecker, die du verteilst?", fragte er neckend, und Hermine schlug ihm tatsächlich auf den Arm. Pansy konnte es nicht wirklich begreifen.

„Ihr habt tatsächlich ein Date", stellte sie schockiert fest. Sofort zog Hermine die Hand wieder zurück. „Und… wo schläfst du?" Dracos Blick war über sie hinausgeglitten.

„Na ja, ich hatte Pläne. Aber ich glaube, die zerschlagen sich gerade, wenn ich darüber nachdenke. Ja, wahrscheinlich habe ich schlechte Karten", sagte er lächelnd. „Wenn du dich umdrehen würdest?", schlug er schließlich vor. Pansy wandte sich auf der schmalen Sitzbank um. Ihr Mund öffnete sich erneut.

„Greg!", rief sie dann aus. Gregory sah sie genauso verblüfft an, wie sie gerade noch Draco und Hermine. „Du bist noch in der Stadt!" Sie sprang in die Höhe und spürte bereits den Alkohol in ihren Beinen wirken.

„Jaah?", sagte er nur. „Was tust du hier? Das… ist doch nicht deine übliche Umgebung", bemerkte er kalt. Sie senkte den Blick. Sie verhielt sich schon wieder nicht wie eine Dame. Sie schaffte es einfach nicht. Immer noch nicht.

„Nein, ich…"

„Sie hat alles aufgegeben. Wahrscheinlich tun sie hier etwas ins Trinkwasser. Alle Reinblüter geben alles auf. Nette Wendung eigentlich", mischte sich Draco ein.

„Du… hast…? Du heiratest ihn nicht?", vergewisserte sich Gregory und seine Stimme zitterte etwas.

„Nein. Ich… heirate ihn nicht."

„Warum nicht?" Pansy spürte ein Hauch Hitze in den Wangen. Gregory war schmaler geworden. Seine Kleidung stank nicht nach Reichtum. Nein. Er trug eine Jeans. Er kam wohl gerade von draußen, denn noch hatte er auch einen Schal um. Ihr Mund öffnete und schloss sich wieder. Es war eigentlich egal. Gregory würde sie nicht mehr wollen. Sie hatte kein Zuhause mehr – aber sie hatte auch nicht wirklich etwas zu verlieren, fiel ihr auf.

„Wir sollten gehen", hörte sie Hermine eindringlich sagen.

„Wirklich? Jetzt, wo es spannend wird?"

„Draco!", hörte Pansy Hermine gepresst sagen. Und zu ihrer großen Überraschung fügte sich der unnahbare Draco Malfoy den Worten einer Muggel, die er allem Anschein nach nicht hatte leiden können.

„Ach Greg, danke für dein Angebot, dein Zimmer hier zu teilen, aber ich glaube, Pansy wird es dringender brauchen. Und ich hab das Gefühl, wenn du dich neu entscheiden könntest, würde ich den kürzeren ziehen", erklärte Draco noch knapp, ehe er ein paar Galleonen auf den Tisch warf, um das Essen zu bezahlen und sich dann von Hermine nach draußen schieben ließ.

„Mach's gut Pansy, wir sehen uns bestimmt öfters", schien Hermine zu versprechen, und lächelte dabei. Pansy nickte nur verblüfft. Immer noch völlig verblüfft!

„Also? Sagst du mir wieso, oder muss ich deine Mutter fragen?" Gregory schien immer noch wütend auf sie zu sein. Vielleicht sollte sie Hermines Rat befolgen und sich woanders nach einem Zimmer umsehen. Sie griff nach ihrem Umhang.

„Weißt du, wir sollten nicht streiten. Ich-"

„Pansy! Was ist? War er doch nicht reich genug?" Sie spürte Tränen in sich aufsteigen. Sie spürte, dass sie den Tag vielleicht doch nicht ohne Tränen beenden konnte. Tapfer und stark. Denn Goyle musste es ihr ja unmöglich machen!

„Ja. Genau, das ist es. Er hatte nämlich so wenig Millionen, dass ich beschlossen habe, lieber ganz arm zu sterben! Du bist so ein Idiot!" Sie wischte sich zornig über die Wange.

„Mit mir hat es also nichts zu tun, ja?", vergewisserte er sich böse, und sie lachte freudlos.

„Nein. Nein, absolut nicht!" Er nickte schließlich und ballte die Fäuste. Bevor er sich von ihr wegdrehen konnte, schlug sie ihm heftig gegen den Arm. Erschrocken sah er sie an. „Es hat alles mit dir zu tun, du blöder Arsch!" Wieder war sie keine Dame, kannte keine Höflichkeiten, aber dieses Mal war es wohl unwichtig, denn bevor sie wusste, was passierte, lag sie tatsächlich in seinen Armen. Er zog sie heftig an sich, dass sie kurz keine Luft bekam.

Er senkte stürmisch den Kopf, und hatte sie gedacht, es wäre unangenehm und unmöglich Gregory Goyle zu küssen, dann nahm sie genau jetzt all ihre Vorteile und schlechten Vorahnungen zurück. Denn er küsste sie so voller Leidenschaft, dass sie am liebsten in seinen Armen versunken wäre. Ihre Augen schlossen sich automatisch, und wären ihre Knie nicht ohnehin vom Alkohol schon weich, dann wären sie es jetzt garantiert!