Kapitel 26
Family Portrait
Der Weg war leichter gewesen, als er angenommen hatte.
Er verbrannte sich auch nicht seine Finger, als er den Türgriff berührte. Kein Fluch traf ihn, als er das Haus betrat. Vielleicht lag es daran, dass er ohnehin erwartet wurde.
Ohne Umstände, ohne sich lange aufzuhalten, ohne näher in Augenschein zu nehmen, was ihm rechtmäßig zustand, was er aber zurückließ, machte er sich auf den Weg in die Höhle des Löwen.
Er ignorierte, dass er wusste, wie viele Stufen die kleine Treppe hatte, er ignorierte die Gerüche, die ihm vertraut waren, die Geräusche der Elfen, an die er sich gewöhnt hatte, das Ticken der Uhren, an die Millionen teuren Artefakte, die wunderschön und verboten waren, die Bücher in der Bibliothek, die er Hermine niemals würde zeigen können.
All der Reichtum, der ihn jetzt noch umgab, der aber bald schwinden würde.
Er atmete ein. Als er an der Halle vorbeikam, die die ausladende Treppe nach unten von den Zimmern hier trennte, bemerkte er, dass an der gegenüberliegenden Mauerwand ein Bild abgenommen worden war. Das Familienportrait hatte einen dunklen Fleck hinterlassen, den die Sonne bisher nie erreicht hatte. Mit den Jahren, nahm Draco an, würde auch dieses Überbleibsel verblassen und nicht mehr auffallen.
Seine Eltern hatten das Portrait abgenommen.
Er klopfte höflicherweise. Er bekam keine Antwort und öffnete die Tür. Sie schwang lautlos auf. Das Arbeitszimmer seines Vaters lag wie immer ruhig in der Nachmittagssonne.
Sein Vater saß in seinem Sessel. Er sah aus wie immer. Kühl und unnahbar. Daneben stand Narzissa, die die Bücher betrachtete und so tat, als hasse sie alles in diesem Zimmer, in diesem Haus.
Vor dem Schreibtisch saß der Berater der Familie in einem Sessel, einen dicken Vertrag auf dem Schoß. Er war der einzige, der höflich genug war, Draco anzusehen.
„Sehr pünktlich. Gut, dann… können wir ja anfangen." Der Mann räusperte sich. Wohl etwas unangenehm berührt davon, dass ihn seine Eltern nicht beachteten. Lucius starrte auf einen unsichtbaren Punkt auf seinem Schreibtisch. Draco erlabte sich, seinen Vater noch einmal zu betrachten. Er hatte immer einen schönen Vater gehabt. Ausnahmslos. Lucius war ein stolzer Mann. Narzissa hatte sich halb umgewandt, blickte aber stur aus dem Fenster.
Er wusste, er musste zur Hälfte sein Vater sein, zur Hälfte seine Mutter.
Er wusste, wie sehr er seine Eltern verletzte. Er räusperte sich also.
„Mr Wexford, schön Sie zu sehen. Sagen Sie mir doch einfach, wo meine Unterschrift verlangt wird." Draco machte sich gefasst.
„Ja, ja. Gut." Es war keine schöne Angelegenheit. Mr Wexford zog den ersten Stapel Unterlagen hervor. „Hier unterzeichnen Sie die Vorlage von Gringotts. Sie werden keinen Zugriff auf die Familienkonten haben." Die Stimme des Beraters zitterte ein wenig. „Sie werden keine Dividenden erhalten, und sie bestätigen, nach Lucius Malfoys Tod kein Erbe in Empfang zu nehmen." Zitternd reichte ihm der Mann die pechschwarze Feder.
Sie schrieb mit Blut.
Draco unterschrieb neben der Unterschrift seines Vaters. Als die Feder magisch seine Haut aufritzte, um mit seinem Blut zu schreiben, machte er keinen Laut. Seine Unterschrift gleich der seines Vaters bis hin zum letzten Buchstaben.
„Gut, gut. Dann…" Der kleine Mann fuhr sich über die nasse Stirn. „Weiter mit den Familienverträgen." Draco war nicht entgangen, dass für ihn kein Stuhl bereit gestellt worden war. Er sagt dazu nichts. „Hier unterzeichnen Sie, keine Anlagen zu bekommen, kein Mobiliar aus dem Haus ihrer Vorfahren zu entwenden, nachdem ihre Familie verstorben ist, und sie stimmen überein, Malfoy Manor, das Landhaus der Malfoy, das Chateau und sämtliche neue Anschaffungen, die in der Zukunft getätigt werden, nicht mehr zu betreten, und sich nur auf ein Meile zu nähern." Damit hatte er auch gerechnet.
Er hielt den Blick gesenkt, denn plötzlich spürte er den Blick seiner Mutter auf sich. Er unterschrieb und ignorierte den Schmerz der Feder erneut.
„Dann haben wir die Unterlagen des Ministeriums." Der Mann kramte den nächsten Vertrag hervor und legte ihn auf den Schreibtisch. „Ihre Ausbildung wird aberkannt, Ihr Titel wird Ihnen ex nunc entzogen. Sie dürfen in der Abteilung nicht mehr arbeiten, haben keine Akteneinsicht, und Ihr Name wird von sämtlichen Gehaltslisten gestrichen." Draco unterschrieb auch dieses Dokument.
Das war alles noch nicht weiter schlimm. Das war alles, was im Rahmen des natürlichen Ausgliederungsprozesses stattfinden musste.
„Dann kommt das letzte Formular", kündigte der Berater an und tauschte wohl noch einen letzten Blick mit Lucius, den dieser aber nicht erwiderte. „Unterschreiben Sie, dass Sie von nun an nichts mehr mit der ehrenwerten Familie Malfoy zu tun haben werden. Der Status als Reinblüter wird Ihnen formell aberkannt und gewährt Ihnen keinen weiteren Zutritt mehr zu der Vereinigung, Clubs, dem Komitee und schließt Sie aus der Reinblütervereinigung für jetzt und für immer aus." Draco setzte die Feder wieder auf, und dieses Mal zuckte Lucius mit den Fingern. Er sah es genau.
„Der nächste Teil bezieht sich auf die Schuldenentrichtung." Darauf hatte Draco gewartet. Er hatte Hermine nichts davon erzählt. Sie hätte wahrscheinlich darauf bestanden, ihn zu begleiten und hier einen Aufstand zu machen. Aber er hatte sie nicht verärgern wollen. Er sah sie am liebsten fröhlich. Oder wütend auf ihn. Denn dann konnte er sie einfach küssen, und ihre Wut verrauchte irgendwann.
„Sie erklären sich damit einverstanden, Lucius Malfoy die Unkosten zu begleichen, die ihm auf Grund ihrer Ausbildung, Erziehung und Lebenserhaltung entstanden sind. Bis zum Begleich der Schulden, zahlen Sie jeden Monat einen entsprechenden Betrag, der diese Kosten deckt. Die Summe beläuft sich mit dem heutigen Tage auf…" Der Mann räusperte sich kurz. „Die Summe beträgt 750 Milliarden Galleonen, und sollten Sie nicht in der Lage sein, den Betrag zurückzuzahlen, erstrecken sich die Schulden weiter auf ihre zukünftige Frau, ihre zukünftigen Kinder, deren Kinder und deren Kinder, bis die Schulden an die Malfoys vollständig zurückgezahlt worden sind."
Er atmete langsam aus. Sein Leben würde nicht ausreichen. Und auch das Leben seiner Frau, welche es auch sein würde, nicht, und das Leben seiner Kinder auch nicht.
Er wusste, er könnte verzichten. Nicht heiraten, keine Kinder bekommen, und dann starben die Schulden mit ihm.
Und er legte die Feder nieder.
„Das ist zu viel, Lucius", erklärte er nur. „Ich will nicht, dass nach meinem Tod meine Kinder und Kindeskinder immer noch an eine Familie gebunden ist, die dann bereits ausgestorben ist, und Galleonen in einem Verlies hortet, auf das niemand mehr Zugriff hat." Sein Vater sah ihn immer noch nicht an. „Du stirbst in vierzig Jahren. Und dann was? Dann habe ich über tausend Jahre Schulden bei einem Geist?"
Niemand sprach.
„Ich kann das nicht unterschreiben. Gib mir weniger Schulden. Ich bitte dich!"
„Du… bittest um gar nichts", knurrte Lucius so zornig, dass Draco dachte, er würde sich gleich erheben und ihn verfluchen.
„Ich kann nicht riskieren, dass meine Familie, sollte ich eine haben, für immer Schulden hat!"
„Das hättest du dir vorher überlegen sollen!"
„Vater-"
„Wag es nicht, dieses Wort noch ein einziges Mal zu benutzen!", donnerte Lucius' Stimme so laut, dass sogar Narzissa zusammenzuckte. Und sie war für gewöhnlich schussgleichgültig.
„Es ist zu viel! Nimm eine andere Summe! Setz einfach einen Betrag fest, den ich jeden Monat zahlen muss, bis zu meinem Tod! Das reicht an Strafe! Das reicht an Rache! Lucius!", wiederholte er nun eindringlicher.
„Brauchen Sie noch eine Weile? Dann würde ich draußen-?", versuchte Mr Wexford sich zu retten, aber Lucius' Hand schlug flach auf den Schreibtisch.
„Nein, es gibt nichts zu besprechen. Das ist die abgemachte Summe." Draco atmete langsam aus.
„Das ist mehr als du jemals besessen hast, Lucius", sagte er durch zusammen gebissene Zähne, und Lucius hob erneut den tödlichen Blick.
„Na und? Wenn ich will dann sind es gleich 800 Milliarden. Also, was wird es, Draco? Ja oder nein? Ich weiß nicht, ob deine Muggelfreundin es so gerne sehen würde, dich für zehn Jahre in Askaban besuchen zu müssen!" Draco schloss die Augen.
„Ich bitte dich, übertrag die Schulden nicht", wiederholte er leiser.
„Wenn du alles zahlst, jeden Sickel, dann hast du nichts zu befürchten."
„Das ist unmöglich."
„Ja, als gewöhnlicher Abschaum ist so etwas natürlich unmöglich! Und deine Blutsverräter und Schlammblüter sollen dafür zahlen, dass sie dich aus deiner Familie und deiner Pflicht gerissen haben. So läuft es nun mal, Draco. Unterschreib oder lass dich nach Askaban verschiffen!"
„Wie lange dauert der Askabanaufenthalt, Mr Wexford?" Und jetzt trat Narzissa näher an den Schreibtisch. Völlig verblüfft blätterte der Berater durch die Zettel, die er bei sich trug.
„Äh… der Aufenthalt? Wenn Sie gegen die Bedingungen verstoßen? Warten Sie… ich war nicht darauf vorbereitet, dass…" Er suchte weiter. „Ah, hier. Der Aufenthalt beträgt neun Jahre und vierundvierzig Tage, Mr Malfoy", endete er sehr leise.
„Ab wann?"
„Draco", sagte Narzissa plötzlich mahnend. Er zwang sich, nicht aufzusehen.
„Nun, ab Vertragsbruch. Also, ab dem Zeitpunkt, wenn Sie dieses Haus verlassen, Mr Malfoy." Der Berater sah ihn mit sehr großen, sehr traurigen Augen an.
„Nimm doch Vernunft an", unterbrach Narzissa die Stille mit scharfer Stimme.
„Wenn das ein Machtspiel werden soll, ich werde nicht nachgeben. Ich werde mich bestimmt nicht zwischen dich und die Dementoren werfen, wenn sie kommen, Draco."
„Kein Machtspiel. Keine Tricks. Ich habe dir gesagt, ich lasse nicht zu, dass du ihr Schulden auferlegst, und wenn der Weg über Askaban führt, dem zu entgehen, dann gehe ich diesen Weg lieber, als ihr diese Last aufzubürgen." Er atmete wieder aus.
„Sie wird dich nicht nehmen, wenn du ein Jahrzehnt in Askaban gewesen bist."
„Gut, das ist ihre Entscheidung. Dann muss sie immerhin nicht ein Leben lang einem Namen verpflichtet sein, der nur Schlechtes bringt!"
„Du redest nicht so in meinem Haus, hast du verstanden?" Lucius war aufgesprungen, fixierte ihn mit kaltem Hass und Abschätzung, und Narzissa zeigte tatsächlich Spuren von Nervosität, denn ihre Finger drehten an ihrem Ehering, den sie aus Pflichtbewusstsein immer noch trug.
„Ihr hört beide auf!", peitschte Narzissas Stimme laut durch das Zimmer. „Du willst ihn wirklich nach Askaban schicken?" Sie richtete wohl den ersten Satz seit Jahren direkt und unaufgefordert an Lucius.
„Wenn er sich widersetzt, dann habe ich keine andere-"
„Du willst unseren Sohn nach Askaban schicken?"
„Narzissa, hör auf damit. Er ist kein Teil dieser Familie mehr!" Draco schloss die Augen, ergriff die Feder erneut und unterzeichnete das Schriftstück, was seinen sofortigen Aufenthalt in Askaban beschloss.
„Nein!", schrie Narzissa, aber das Blut war bereits getrocknet. „Draco", sagte sie tonlos. „All das wegen einem Schlammblut?" Sie schüttelte traurig den Kopf, aber sie weinte nicht. Sie verließ das Arbeitszimmer, ohne ein weiteres Wort. Lucius betrachtete seine Unterschrift und atmete aus.
„Gut. Wie du willst." Er setzte sich wieder und ließ mit dem Zauberstab die Flammen im Kamin auflodern.
„Sir, Lord Malfoy, bitte. Ist es denn nötig? Ich-" Doch der eisige Blick seines Vaters ließ den Berater verstummen. Draco hatte keine Ahnung, wie er es Hermine erklären sollte. Sie würde so sauer sein, dass sie sowieso nicht mehr mit ihm sprechen würde.
„Askaban", rief sein Vater in die Flammen und nach keiner Sekunde erschien das faltige Gesicht eines grobschlächtigen Zauberers mit glänzender Glatze in den Flammen.
„Askaban, Zauberergefängnis. Ihre Angaben, bitte."
Lucius erhob sich.
Und nach einer kleinen Ewigkeit löschte er die Flammen.
Er nahm wütend eine Feder vom Schreibtisch, griff sich den ursprünglichen Vertrag, strich etwas durch und zerriss schließlich die Bestätigung für Askaban, die Draco gerade unterzeichnet hatte. Er sah nicht auf, als er den Vertrag zu ihm herüber schob.
„Ich hoffe, diese Summe wird für dich aufzubringen sein", knurrte er tonlos.
Draco neigte sich vor. Er wusste nicht, was sein Vater dachte. Er wusste nicht, was für Lucius richtig war und was nicht. Aber er glaubte, dass war das Äußerste an Liebe, die Lucius ihm zeigen konnte.
Lucius hatte den Betrag geändert. Der Berater lehnte sich neugierig vor und schien erleichtert aufzuatmen.
„Gut, unterschreiben Sie hier, und Sie verpflichten sich zu einem Schuldbegleich von… einhundert Galleonen." Draco betrachtete seinen Vater, der sich weigerte den Blick zu erwidern. Er war wieder zurück in seinen Sessel gesunken.
Und Draco unterschrieb den Vertrag. Ein letztes Mal.
Der Berater wartete auf ein weiteres Wort, aber Lucius sprach nicht mehr.
„Gut, dann…. Mr Malfoy, Sie sind gehalten, das Anwesen augenblicklich zu verlassen. Ihre ehemaligen Räumlichkeiten sind verschlossen. Nichts in diesem Haus steht mehr in Ihrem Besitz, mochte es dies auch früher einmal getan haben. Mit diesem Zeitpunkt sind Sie… lediglich… ein noch geduldeter Gast. Der Vertrag ist bindend, bis zum Tod ihrer Eltern und darüber hinaus." Er glaubte, dass der Berater tapfer versuchte, keine Gefühle zu zeigen.
„Danke", sagte Draco. Er verharrte noch einen Moment, aber Lucius sah nicht mehr auf.
Er nickte dem Berater zu, der traurig neben dem Schreibtisch stand. Dann verließ er das Arbeitszimmer seines Vaters. Das Haus lag still. Er nahm an, seine Mutter hatte sich in ihren Teil des Hauses zurückgezogen. Alle Bilder waren entfernt, die beweisen konnten, dass er hier einst gelebt hatte.
Er zog den Umschlag aus der Tasche. Darin befand sich eine Nachricht mit Hermines neuer Adresse. Sie wusste, wo er heute noch hatte hingehen müssen. Und er hatte ihr versprechen müssen, zu sagen, dass seine Eltern ihn erreichen konnten. Er hatte ihr nicht erklärt, dass es völlig unerheblich war. Sein letztes Gold betrug noch knapp zweihundert Galleonen. Hundert davon steckte er in breiten, fliederfarbenen, extra geprägten Scheinen mit in den Umschlag. Er lehnte ihn gegen eine antike Vase auf einem Beistelltisch.
Er wusste bereits, dass sich weder Lucius noch Narzissa bei ihm melden würden.
Er sah sich noch ein letztes Mal um, lauschte ein letztes Mal dem Ticken der Uhr und sagte sich, dass es wohl nicht wirklich etwas gab, was er hier vermissen würde.
Er war ein geduldeter Gast. Und Gäste gingen irgendwann. Und das würde er tun.
Genau jetzt.
