je ne suis pas genée
j'ai un esprit troublé

donne-moi un peu de temps

ça passera par le vent

..::~::..

Bip, bip, bip, machte der Wecker. Antoinette Villeneuve schrak hoch und tastete nach dem kleinen Radio. Sieben Uhr. Stöhnend ließ sie sich in ihre verlockend duftenden Kissen sinken. Warum war sie auch so lange wach geblieben? Um neun Uhr musste sie an der Metrostation Tuileries sein und Antoinette hatte noch nicht einmal alles gepackt. Sie warf ihre Decke vom Bett und stand schnell auf. Draußen war nichts zu hören. Schliefen denn alle noch?

Sie knipste die Lichter im Flur an und rieb sich verschlafen die Augen. Die Wohnung in der Avenue de Versailles lag still und dunkel da und Antoinette war die einzige Person, die wach war. Ungläubig warf sie einen Blick zur Schlafzimmertüre ihrer Mutter. Sie war nur angelehnt.

Oh Himmel, betete Antoinette, nicht schon wieder. Ein Blick in die Küche bestätigte ihre Befürchtung: Die Mutter war schon zur Arbeit gefahren. So wie jeden Morgen. Antoinette konnte sich an kein gemeinsames Frühstück in den letzten zwei Jahren mehr erinnern, aber irgendwie hatte sie gehofft, dass die Mutter an ihrem großen Tag eine Ausnahme machen würde. Da hatte sie sich wohl bitter getäuscht.

Lustlos knabberte sie an einem labberigen Brot herum, dass ihr die Mutter lieblos zusammengestellt hatte. Nie hat sie Zeit, dachte sie bei sich. Immer nur arbeiten. Waren alle Erwachsenen so blöd?

Sie sah zwar den Zettel, den ihre Mutter neben den Teller gelegt hatte, aber sie las ihn nicht. Was konnte da schon wichtiges drinstehen?

Nach La Défence war sie auch schon mit ihrem Bruder gefahren. Nicht einmal ihren Zauberstab hatte sie angesehen. Da brauchte sie auch keine doofen Zettel schreiben, wie Antoinette fand.

Sie hörte Schritte im Flur und einen Moment lang hoffte sie, dass es ihre Mutter war, doch es war nur ihr Bruder, der jedoch schon seine Schuluniform trug.

„Guten Morgen", rief er zwinkernd.

Charles war ein hochgewachsener Junge mit langem, lockigem Haar, das er stets zu seinem Pferdeschwanz gebunden trug. Er war sechzehn Jahre alt und der Schwarm aller Mädchen an der Beauxbatons Akademie. Antoinette konnte das gar nicht verstehen und auch überhaupt nicht glauben. Charles war eigentlich nur ein einziges, großes Ärgernis. Aber es gab immer ein paar alberne Gänse, die bei einem Blick in diese dunkelbraunen Augen schwach wurden.

„Bringst du mich zur Metro?", fragte sie schmollend.

„Muss ich wohl, oder? Was würde Maman sagen, wenn ich es nicht täte?"

„Gar nichts, ihr würde ja nicht einmal auffallen, wenn du mich stattdessen in eine Irrenanstalt stecken würdest."

Er tat, als müsse er darüber nachdenken und Antoinette musste sich beherrschen, nicht eine Gabel nach ihm zu werfen. „Ist ja in Ordnung, Schreihals, ich nehme dich mit", lachte er und verschwand im Flur.

Verärgert sah Antoinette ihr Brot an. Hoffentlich würde man sie nicht in den gleichen Turm wie ihn stecken.

..::~::..

„Kannst du nicht ein bisschen schneller fahren?", maulte Claire Rozier ihren Vater vom Rücksitz des kleinen Renault Twingos an.

„Hast du mal auf die Straße gesehen?", schimpfte ihr Bruder Louis vom Beifahrersitz aus.

„Aber wir kommen noch zu spät", jammerte Claire und sah hilfesuchend ihren ältesten Bruder Pierre an: „Sag doch auch mal was."

„Du sitzt auf meinem Umhang."

Beleidigt rutschte Claire ein Stück zur Seite. Verstand denn niemand wie dringlich das hier war? Was wäre denn, wenn sie am ersten Tag gleich zu spät kam? Da wäre sie sicher bei den strengen Lehrern, von denen ihre Brüder immer erzählten, unten durch. Und Claire wollte nicht auffallen. Ihre Haut juckte, wie so oft, wenn sie aufgeregt war und sie versuchte den Zwang, sich zu kratzen, zu unterbinden. Maman hatte gesagt, dass sie irgendwann ganz scheußlich aussehen würde, wenn sie immer kratzte und seitdem traute sie sich kaum noch. Aber manchmal war es einfach unerträglich, so wie jetzt.

Pierre jedoch gab ihr einen Schlag auf die Finger.

„Lass das. Du weißt doch, was Maman...", er senkte die Stimme, „...gesagt hat."

Pierre sprach nicht so gerne vor dem Vater von ihrer Mutter. Die Eltern waren geschieden führten einen ewigen Krieg gegeneinander und langsam hing es den dreien zu den Ohren raus. Nicht nur, dass die Mutter ständig darauf bestand, dass die Kinder logen, wenn man sie nach ihrem Blutstatus fragte, nein auch die allabendliche Flucherei ihres Vaters nervte sie alle. Claire war nicht zuletzt deswegen so begierig endlich nach Beauxbatons zu kommen, weil sie auch den Streitereien ihrer Eltern damit entkam.

„Da sind wir doch schon", rief Louis von vorne und tatsächlich steuerte der Vater einen Bordstein an und parkte das Auto da.

„Kommst du nicht mit, Papa?", fragte Claire, als ihr Vater keine Anstalten machte, aus dem Auto zu steigen.

Ihr Vater schüttelte den Kopf. „Nein, Claire, heute nicht. Deine Brüder bringen dich aber ganz sicher zum Gleis."

„Mh", machte Claire ein wenig verstockt. Sie fand es ziemlich gemein vom Vater, nicht mit in die U-Bahn-Station zu gehen.

Sie nahm ihren Koffer heraus und reichte Louis den Käfig mit ihrem Kater Charlie, der sich schon wieder hinter seinen Decken verkrochen hatte. Charlie war ein rechter Hasenfuß und fürchtete sich sogar vor den Mäusen, die er eigentlich fangen sollte. Trotzdem mochte Claire ihren Kater. Er war halt etwas Besonderes.

Sie winkten ihrem Vater noch einmal zum Abschied und dann war er auch schon fort.

„Warum kommt Papa nicht mit zur Metro?", fragte Claire ihren Bruder Pierre.

„Er ist ein Muggel", Pierre lächelte ein bisschen schief, „außerdem hat er Angst, dass Maman auftaucht. Auch wenn er das nicht zugibt."

„Aber die ist doch in Urlaub", rief Claire entrüstet.

„Erwachsene sagen manchmal eine Menge Dinge, die unsinnig sind", schaltete sich nun auch Louis ein.

„Komm", gnädig wechselte Pierre das Thema, „wir müssen runter. Die Bahn fährt in zwanzig Minuten."

..::~::..

Ein wenig unschlüssig stand Michelle Dumont vor dem heruntergelassenen Gitter des Kiosks. Die Scheiben dahinter sahen aus, als wären sie noch nie geputzt worden und sie konnte nicht sehen, ob es in dem Laden überhaupt noch etwas zu kaufen gab. Nicht einmal ein Spiegelbild gab es, so staubig waren die Fenster. Das bisschen was sie sah, machte ihr keinen Mut, so wirkten ihre braunschwarzen Haare schmutzig und ihre Nase wirkte noch zehnmal größer, als sie es tatsächlich war. Außerdem ringelten sich schon wieder die ersten Löckchen durch die geglättete Pracht, trotz der vielen Mühe, die sie sich damit gemacht hatte. Das war ja nicht zum Aushalten. Ihr Bruder war gerade vor ihren Augen mit ihrer Maman verschwunden. Also musste das doch auch für sie möglich sein. Das Problem war jedoch, sie traute sich nicht. Sie konnte doch nicht einfach gegen dieses harte Gitter laufen. Und viel mehr noch ärgerte es sie, dass es vielleicht jemand bemerken könnte.

Genervt sah sie sich um. Hier konnte doch jeder das Geheimnis kennen, warum kam nicht jemand und ging mit ihr hinein? Das war ja nicht zum Aushalten. Warum hatte sie auch so große Töne gespuckt und behauptet, sie könne ganz alleine durch die magische Pforte gehen?

Noch einmal sah sie sich um, dann hielt sie die Luft an, umklammerte ihren blauen Koffer und machte einen Schritt vorwärts. Ihr wurde kalt und sie hatte das Gefühl nicht atmen zu können, aber sie nahm allen Mut zusammen und machte noch einen Schritt, dann war es vorbei.

Michelle taumelte ein Stück vorwärts und kam dann in der wunderlichsten Metrostation heraus, die sie je gesehen hatte. Anders als andere Metrostationen war dies hier kein Tummelplatz für Obdachlose und Punks, sondern ein wahrhaft prächtiger Ort, ganz wie sie sich Versailles vorstellte, auch wenn sie nie dort gewesen war.

Feiner Marmor bedeckte das Gleis und glänzte im Licht der wartenden Metro. Die Metro war alt, sie sah beinahe aus wie eine der Pferdestraßenbahnen, die Michelle einmal im Geschichtsunterricht in der Grundschule gemalt hatte. Der ganze Tunnel war gefliest und zu ihrer linken hing ein riesiges, verschnörkeltes Schild mit der Aufschrift:

Tuileries – piste treize

Beaxbatons académie

Dann sah sie auch ihre Mutter und ihren Bruder, die weiter vorne standen. Ihre Mutter sprach mit einer anderen Frau, die Michelle nicht kannte. Dominic plauderte mit einem älteren Mädchen, die Michelle sogar schon einmal gesehen hatte. Das Gesicht der Griechin war unverkennbar und Michelle hatte sie glühend beneidet, als Dominic sie einmal mit nach Hause gebracht hatte. Denn Nyx Leandros war schlank, um nicht zu sagen ungesund schlank, doch Michelle wurde immer wegen ihres Babyspecks aufgezogen und wenn man da jemanden wie Mademoiselle Leandros vor die Nase gesetzt bekam, dann war das einfach deprimierend. Sie hatte zwar keine Ahnung, ob Nyx die aktuelle Freundin ihres Bruders war, aber der wechselte sowieso ständig die Mädchen wie Socken, warum also sich den Blödsinn merken?

„Chérie, steig bitte ein. Die Bahn fährt bald." Ihre Mutter winkte sie zu sich und drückte ihr zwei feuchte Küsse auf die Wangen.

Verärgert wischte Michelle sich das Gesabber ab: „Maman, lass das."

„Versprich mir, dass du sofort wenn ihr angekommen seid schreibst. Und wehe dir, ich höre Klagen über dich. Leer deine Taschen."

„Was?"

„Leer deine Taschen, Michelle."

Murrend zog Michelle zwei Bluffknaller aus ihrer Jackentasche.

Die Mutter schürzte zwar die Lippen, sagte jedoch nichts, stattdessen bedachte sie nun Dominic mit ihren feuchten Küsschen, was Michelle grinsend zur Kenntnis nahm.

„Brauchst gar nicht so zu grinsen, kleine Pestbeule", zischte er ihr zu und verschwand mit Nyx in einem der Abteile vorne.

Michelle streckte ihm die Zunge raus, auch wenn er es nicht sah. Egal wie lieb sie ihren Bruder hatte, aber seine Liebesgeschichten, nein, die wollte sie gar nicht so recht verstehen.

..::~::..

Das Innere der Metro war das Seltsamste, was Antoinette bisher gesehen hatte. Sie war immerhin Muggelgeboren und hatte noch nicht viel Gelegenheit gehabt, sich an das „typisch Magische" zu gewöhnen. Zwar war sie natürlich, wie alle anderen Erstklässler, in La Défence gewesen, um sich einen Zauberstab und all den anderen Kram zu besorgen, der jetzt gut verstaut in ihrem Koffer lag, doch das hier war noch einmal anders.

Eine wilde Ansammlung von verschiedenen Polstermöbeln stand kreuz und quer in der Metro, während kleine, willkürlich zusammengestellte Tische die Plätze miteinander verbanden. Manche Sessel waren grün, einige waren rot. Weiter hinten sah sie ein goldenes Sofa mit roten Troddeln. An den Wänden der Metro hingen einige Bilder in silbernen Rahmen und zeigten verschiedene Szenen, doch alle waren sie irgendwie mit Reiterei oder zumindest Pferden verbunden.

Hier und da standen ein paar Öllampen auf den Tischen und manche hingen sogar an den Wänden des Zugs. Überall lagen Teppiche aus, die garantiert nicht zusammen passten. Antoinette fand es hier ganz wunderbar und musste sich immer wieder staunend umsehen. Sie nahm in einem flauschigen braunen Sessel Platz und schob den Koffer unter den Tisch.

Ein Mädchen mit blondem, beinahe weißem Haar, ließ sich auf das Sofa gegenüber fallen. Sie trug einen lila Haarreif und musterte Antoinette recht offensichtlich, was ihr ein wenig unangenehm war.

„Bonjour", rief sie sogleich.

„Bonjour", erwiderte Antoinette schüchtern

Neben ihr gaben sich gerade zwei ältere Mädchen ein Begrüßungsküsschen. Antoinette betrachtete interessiert das Schulwappen auf dem Jackett des fremden Mädchens. Die überkreuzten Zauberstäbe kannte sie auch, aber sie hatte keine Ahnung, wofür das Pferd auf blauem Grund stand.

„Gladiateur", antwortete das Mädchen vor ihr, die den neugierigen Blick bemerkt hatte.

„Verzeihung, was?"

„Na Gladiateur." Das Mädchen vor ihr wedelte mit den Armen, als hätte sie es mit einer Irren zu tun.

Antoinette schämte sich dafür, dass sie so gar nichts wusste. Sie wusste natürlich, dass es drei verschiedene Türme in der Akademie gab, auf die die Schüler aufgeteilt wurden, doch ihr reichte vollkommen, wenn sie wusste, dass es die gab, und nicht wie sie hießen. Antoinette war schrecklich vergesslich.

„Ich bin Romaine Chevallier", plapperte die andere ungefragt weiter. „Meine Cousine Chloe ist hier auch irgendwo." Sie fixierte irgendeinen Punkt hinter Antoinette, doch Antoinette zwang sich, sich nicht umzudrehen, damit sie nicht wie der letzte Bauerntrampel wirkte. So nickte sie nur huldvoll.

„Antoinette Villeneuve."

Das Mädchen, das sich als Romaine vorgestellt hatte, musterte sie nun noch genauer und Antoinette rutschte unruhig in den weichen Kissen herum. Konnte sie das nicht lassen?

„Bist du auch Reinblütig?", fragte Romaine neugierig.

„Nein", antwortete Antoinette ein wenig beschämt.

„Oh", Romaine sah sie ein wenig verblüfft an, „aber du bist doch wenigstens Halbblut, oder?" Dann senkte sie ihre Stimme zu einem Flüstern hinab: „Du bist doch nicht so richtig... muggelgeboren, oder?"

„Doch."

„Oh", machte Romaine erneut. Bevor sie jedoch noch etwas erwidern konnte, setzte sich die Metro quietschend und ratternd in Bewegung. Die Köpfe einiger angehender Erstklässler erhoben sich erwartungsvoll.