Romaine nutzte die Gelegenheit, um ohne besonderes Aufsehen zu verschwinden. Wieso hatte sie sich denn auch treffsicher die einzige Muggelgeborene ihres Jahrgangs ausgesucht? Ach, das musste nun wirklich nicht sein, nicht für den Anfang, auch wenn das Mädchen vielleicht einige Qualitäten haben mochte, so waren ihr diese nicht interessant genug, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Ein wenig ziellos steuerte sie auf eine der hinteren Sitzgruppen zu, wo sie ihre Cousine Chloe vermutete. Die gesamte Familie Chevallier war nach Beauxbatons gegangen und die Mutter hatte ihr eingeschärft, sich einer wahren Chevallier gemäß zu benehmen. Romaine hatte zwar keine Ahnung, wie man sich denn so benahm, aber sie nahm einfach mal für sich an, dass man vor allem natürlich die Ehre der Familie aufrecht hielt. Immerhin war der Stammbaum der Familie Chevallier bis ins achtzehnte Jahrhundert lückenlos zurück verfolgbar. Und natürlich musste man vornehm sein.
Das Mädchen von eben war weder reinblütig, noch vornehm gewesen, also auch nicht weiter beachtenswert. Die Metro setzte sich nun ratternd in Bewegung und endlich erspähte sie Chloe im Halbdunkeln. Endlich verstand sie auch, wofür die gesamten Ölfunzeln gemacht waren, offenbar verließ die Metro den Tunnel nicht, denn draußen herrschte nur endlose Schwärze.
Eines der älteren Mädchen erhob sich zwei Tische vor ihnen und räusperte sich laut. Dann richtete sie den Zauberstab auf ihre Kehle und sagte laut und deutlich: „Sonorus."
Das Stimmgewirr brach ab und Romaine setzte sich leise neben Chloe, die ein bisschen verwirrt drein sah.
„Liebe Schüler, liebe Erstklässler. Ich heiße euch herzlichst willkommen in der Metro nombre treize. Nächster Halt: Beauxbatons Académie."
Vereinzelter Jubel erklang, doch Romaine sah einige Gesichter, die sich gelangweilt wegdrehten. Offenbar hielt sie die Ansprache nicht zum ersten Mal und Chloe machte mittlerweile auch schon Anstalten, weg zu hören. Dennoch lauschte sie weiter andächtig, denn sie war neugierig, was das Mädchen zu erzählen hatte.
„Mein Name ist Isabell Durand. Ich bin eine der neun Vertrauensschüler von Beauxbatons. Dies hier ist mein Kollege Louis Legrand von Gladiateur."
Am Tisch rechts stand ein leicht gebräunter Junge auf, der sein schelmisches Lächeln zeigte und Chloe nebenan deutete aufgeregt auf ihn. Das schwarze, kurze Haar trug er beinahe abrasiert, nur in der Mitte deutete ein feiner schwarzer Streifen ein paar mehr Haare an.
Isabell sprach weiter: „Wir hoffen natürlich, dass ihr alle ausgeruht und fit für ein neues Schuljahr seid. Bitte zieht, sofern ihr es noch nicht getan habt, eure Schuluniformen an, damit die Einschulung gleich beginnen kann, sobald wir in Beauxbatons ankommen. Dort erwartet euch Madame Brusson, die die Erstklässler instruieren wird, bezüglich des Auswahlverfahrens. Die älteren von euch, werden natürlich wie gehabt am Festmahl teilnehmen. Unsere Schülersprecherin Aurélie wird sich eurer annehmen. Die anderen Vertrauensschüler werdet ihr ebenfalls heute Abend noch kennenlernen."
Romaine wunderte sich ein bisschen, dass die Schülersprecherin sich nicht selbst zu Wort meldete. Vielleicht war sie aber auch gar nicht im Zug, immerhin war es keine Pflicht, die Metro Linie dreizehn zu benutzen, aber dennoch taten es die meisten Schüler. Es war wesentlich bequemer. Dennoch wusste Romaine, dass es andere Möglichkeiten gab, zur Schule zu kommen.
Offenbar hatte Isabell geendet, auch wenn Romaine das Satzende nicht mehr mitbekommen hatte, klatschte sie pflichtschuldig. Sie hatte zwar nur die Hälfte verstanden, aber ein Blick auf Chloe sagte ihr, dass es ihrer Cousine ebenso ergangen war. Das beruhigte sie zumindest ein bisschen.
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Beobachtete die verschiedenen Schüler schon eine ganze Weile, einige gingen auf und ab, und eine Sechsergruppe, sie vermutete, dass es die Vertrauensschüler waren, schlenderte durch den Zug, der leise in der Dunkelheit dahin schoss. Offenbar war es ihr Job, sich mit den Erstklässlern zu unterhalten und Leonie hatte ebenfalls eine Menge Fragen, doch niemand beachtete sie. Die meisten Schüler hatten schon einen Sitzplatz gefunden und sprachen nun mal leiser, mal lauter miteinander.
Jemand warf eine Tasche auf den freien Platz neben ihr und erschrocken sah Leonie nach oben in das Gesicht eines in etwa gleichaltrigen Mädchens mit langen, beinahe schwarzen, leicht gekräuselten Haaren.
„Ist hier noch frei?"
„Oui", murmelte Leonie und rutschte ein Stück zur Seite, musterte die Andere aber immer noch neugierig.
„Ich bin Michelle Dumont", das Mädchen streckte ihr die Hand hin.
„Leonie Weber." Sie ergriff die Hand und schüttelte sie.
„Das klingt nicht sehr französisch", entgegnete Michelle forsch.
Leonie seufzte: „Ich bin auch keine Französin. Meine Eltern sind Deutsche."
„Na ja, niemand ist perfekt."
Michelle lachte laut und nach einer Weile fiel auch Leonie in ihr Lachen ein. Sie war froh, dass sich jemand neben sie gesetzt hatte, denn von alleine hätte sie sich nicht getraut, jemanden anzusprechen. Dabei war sie doch eigentlich gar nicht so schüchtern. Umso besser, dass Michelle es noch viel weniger war.
„Kennst du schon jemanden hier?", fragte Leonie.
„Nur meinen Bruder und seine alberne Freundin."
„Oh. Wer ist denn dein Bruder?" Leonie sah sich suchend um.
Michelle deutete auf einen jungen Mann, Leonie schätzte ihn auf sechzehn oder siebzehn, mit blondem zerzaustem Haar und hohen, aristokratischen Wangenknochen, hielt die Hand einer schmalen, hochgewachsenen Sechstklässlerin, die gerade damit beschäftigt war, eine jüngere Ausgabe von sich selber zu Maßregeln.
„Schau bloß nicht so genau hin. Mein Bruder hat jede Woche eine Neue."
So hatte Leonie das gar nicht betrachtet, doch sie errötete peinlich berührt.
Michelle kramte derweil in ihrem Rucksack und zog triumphierend eine Dose mit Keksen hervor. Auch Leonie bot sie ein paar an und die staunte nicht schlecht, wie schnell das Mädchen die Kekse verputzt hatte und dann, ganz ungeniert rülpste.
„Pardon", machte Michelle, auch wenn es sich nicht anhörte, als ob ihr das wirklich unangenehm war.
In diesem Moment überlegte Leonie ernsthaft, ob sie wohl besser, nein gesagt hätte, als Michelle sich nach einem Platz erkundigt hatte, doch die nächsten Worte beruhigten sie wieder.
„Ich bin echt froh, dass ich mich neben dich gesetzt habe. Die Hühner da drüben", sie zeigte auch eine Mädchentraube, die sich kichernd auf einem samtenen Sofa kugelten, „hätte ich nach zwei Minuten gefressen."
Leonie fragte sich, ob ihre neue Freundin das wohl ernst meinte, Michelle wirkte wie jemand, dem das durchaus zuzutrauen war. Dennoch fühlte sie sich an ihrer Seite wohler, als sie sich die ganze Fahrt bisher gefühlt hatte.
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Als Antoinette sich an der dahin rauschenden Metro sattgesehen hatte, stellte sie fest, dass Romaine verschwunden war. An ihrer Stelle hatte sich ein Mädchen in ihrem Alter nieder gelassen, die das komplette Gegenteil von Romaine war: dunkle Locken, ein lustiger Leberfleck neben dem Auge, der ein wenig aussah, wie eine Lachträne und ein Gesicht, aus dem sie über beide Ohren strahlte.
„Bonjour", plapperte sie sogleich los, als sie bemerkte, dass Antoinette sie ansah, „ich bin Florence."
„Angenehm. Ich bin Antoinette", entgegnete sie.
Das Mädchen gegenüber hatte einen dicken Kater im Arm. Sein Fell wirkte beinahe schon bläulich, doch ansonsten schlief das Tier tief und fest.
Antoinette mochte Tiere, auch wenn die Mutter ihr keines gekauft hatte. Sie hatte nur mal einen langweiligen Hamster besessen und der war nur nachts wach gewesen und hatte sie mit seinem Krach genervt.
„Das ist Louis", rief Florence, glücklich, dass sich jemand für ihren Kater interessierte.
Ein blonder Junge, ein wenig älter als die beiden, beugte sich zu ihnen hinab.
„Ja, was gibt es?"
„Oh", machte Florence beschämt, „mein Kater heißt Louis... wir haben über ihn geredet."
Das Mädchen neben ihm, Antoinette schätzte, dass es seine Schwester war, denn sie hatten die gleichen, dünnen, blonden Haare und die gleichen grauen Augen, ließ sich neben Antoinette auf die Sessellehne fallen.
„Seid ihr auch Erstklässler?", fragte sie neugierig.
„Ja,", antwortete Florence, „ich heiße Florence."
Auch Antoinette stellte sich vor.
„Mein Name ist Claire Rozier. Rutsch mal ein Stück."
Antoinette tat wie geheißen und fühlte sich langsam etwas sicherer, auch wenn sie sich gewünscht hätte, dass ihr Bruder Charles, wie er es versprochen hatte, wenigstens einmal zu ihr herüber kam.
Erst als Louis sich entfernt hatte, sprach Florence wieder. „Das ist ja so furchtbar peinlich", jammerte sie, doch Claire winkte ab.
„Der fühlt sich auch sonst gerne mal angesprochen, wenn er es nicht ist. Ein typischer Bruder, den man gerne jemand anderem schenken möchte. Möchtest du einen?"
„Ich hab schon einen", murmelte Florence düster.
„Ich auch, aber vielen Dank. Vielleicht brauche ich mal einen besseren", lachte Antoinette.
„Meine beiden wollten mir nicht einmal sagen, wie das Auswahlverfahren funktioniert." Claire senkte verschwörerisch die Stimme. „Sie haben mir etwas von einem Labyrinth und einem Test und Monstern erzählt, aber ich glaube ihnen kein Wort."
„Ja, eine ähnliche Geschichte hat André mir auch erzählt", tuschelte Florence nun auch.
„Vielleicht stimmt es ja dann", überlegte Antoinette.
Die zwei Mädchen sahen sie fassungslos an. „Als ob. Das ist doch totaler Blödsinn. Das machen sie nur, um uns zu ärgern."
Antoinette musste sich ein Grinsen verkneifen, denn sie merkte, dass die zwei nun verunsichert waren. In Wahrheit hatte sie sich darüber keine Gedanken gemacht, wie man in seinen Turm eingeteilt wurde. Das waren doch sowieso nur Klassen, damit man sie besser unterteilen konnte und einen Grund hatte, Sportveranstaltungen abzuhalten. Was war also daran schon besonders?
„In welchem Turm sind deine Brüder?", fragte Florence Claire.
„Die sind beide in Sagace."
Antoinette sah Louis Abzeichen auf der Brust. Eine Krone auf rotem Grund. Sagace also. Sie kannte das Zeichen nicht, zu Hause sprachen sie nie viel über die Schule und Antoinette hatte sich bis vor kurzem auch nicht wirklich dafür interessiert, schließlich war der Funke erst sehr spät bei ihr übergesprungen. Sie wusste zumindest, dass ihr Bruder ein weißes Emblem mit einer Lilie trug, das Zeichen für Helissio.
„Sie haben bestimmt gelogen", sagte Florence gerade tröstend zu Claire, die nun doch ein wenig nervös wirkte.
Offenbar hatte Antoinette ein Teil des Gesprächs überhaupt nicht mitbekommen, denn sie hatte nicht gemerkt, wie sich das Gespräch erneut der Prüfung zugewandt hatte.
„Ich finde es peinlich, dass wir kaum etwas wissen", murrte Florence. „Meine Maman ist zwar eine Hexe, aber sie hat André immer verboten, zu viel zu erzählen."
Sie äffte die Stimme ihrer Mutter nach: „Claire wird noch früh genug wissen, wie es in der Schule ist, hör auf ihr Flöhe ins Ohr zu setzen... Bestimmt hatte sie nur Angst, dass ich danach gar nicht mehr in die Muggelschule gehen will."
Über die wunderliche Nachahmung ihrer Mutter mussten alle drei Mädchen herzhaft lachen.
