Das letzte Drittel der Reise, verlief die Metro oberirdisch und die Hälfte der Erstklässler presste begeistert die Nasen an die Scheibe und jauchzte vor Vergnügen, wann immer die Metro einen Satz über die Straße oder ein anderes Hindernis machte, natürlich beinahe ohne, dass man es drinnen bemerkte, wenn man nicht nach draußen sah. Der Himmel färbte sich langsam rosa und die Sonne stand schon tief und blendete die Schüler in den Abteilen.
Chloe und Romaine schauten ebenfalls in den herrlichen Sonnenuntergang.
„Ich hätte nie gedacht, dass es so lange dauert", murmelte Chloe.
„Stimmt", pflichtete Romaine ihr bei. Sie war müde, auch wenn sie es nicht gerne zugab. So viele neue Dinge waren auf die eingeprasselt und es war so furchtbar laut, dass man gar nicht anders konnte, als müde zu werden, sobald der Krach nachließ. Romaine wünschte sich gerade in ein weiches, kuscheliges Bett. Hoffentlich sah man ihr das nicht an. Aber Chloe würde sie sowieso nie verraten, immerhin war sie ihre Cousine.
„Ich bin schrecklich gespannt auf die Académie. Maman hat mir so viel darüber erzählt."
„Was denn alles?" Romaine unterdrückte ein Gähnen und lauschte.
„Sie haben ein unterirdisches Quidditchfeld", sagte Chloe strahlend.
„Unterirdisch?"
„Ja, es ist in den Boden eingelassen, man muss hinunter steigen, um auf die Tribünen zu kommen."
„Hat deine Maman überhaupt Quidditch gespielt?"
„Ja, natürlich", sagte Chloe ein wenig beleidigt. „Zweifelst du etwa daran?"
„Nein, nein." Romaine winkte ab. Jetzt bloß kein Streit.
Chloe schien dennoch ein wenig verärgert zu sein und warf hoheitsvoll ihren dunkelblonden Schopf über die Schulter. „Maman war Hüterin für Helissio."
„Ich glaub's dir ja. Erzählt mir lieber andere Sachen, ich mag Quidditch nicht."
„Ich bin doch nicht dein Radio", maulte Chloe, „hör dir das an, was ich dir zu sagen habe, oder lass es."
Romaine seufzte. Sie durfte die Leute nicht immer provozieren, aber sie war so furchtbar schnell genervt, wenn sie müde war. Um vom Thema abzulenken, zeigte sie auf zwei Mädchen, die nicht weit entfernt von ihnen saßen und in etwa gleich alt waren.
„Was denkst du, in welches Haus die kommen?" Sie wusste, dass Chloe gerne tratschte und sie selbst tat es auch für ihr Leben gern.
„Die beiden sind langweilig. Sagace."
„Woher weißt du, dass sie langweilig sind?"
„Ich habe schon mit ihnen gesprochen."
Romaine runzelte die Stirn. „Und warum bist du dir mit Sagace sicher?"
„Hör mal, Romi, ich habe nicht umsonst meiner Maman jeden Abend in den letzten Wochen zugehört, um alles über die Académie herauszufinden. Und glaub mir, das war alles andere als spannend."
Chloe war und blieb ein hitziges Ding. Zweifelte man an dem, was sie sagte, konnte es gut sein, dass sie mindestens drei Wochen nicht mehr mit einem sprach und sich mit einem ziemlich unfeinen Fluch verabschiedete. Das wollte Romaine nun nicht riskieren, wo sie doch außer ihrer Cousine niemanden hier kannte.
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Michelle setzte sich ruckartig auf, als es dunkel wurde und sie spürte Leonies Hand auf ihrem Arm. Sie sagte zwar keinen Pieps, doch auch sie war ein wenig erschrocken, als die Metro plötzlich einen Sprung in absolute Schwärze getan hatte. Sie hörte, wie verschiedene Leute tuschelten, doch niemand klang wirklich verängstigt und so schüttelte sie Leonies Hand ab und setzte sich wieder bequem hin.
„Das gehört bestimmt dazu", erklärte sie ihrer neuen Freundin selbstsicher, auch wenn sie sich in diesem Moment keineswegs sicher war, dass das wirklich die Wahrheit war.
Die Lampen waren erloschen und nur ganz langsam drangen die ersten Umrisse von draußen zu ihnen hinein. Erstaunt sah sich Michelle um und vergaß sogar einen Moment, grimmig dreinzuschauen, was sie seit dem Moment getan hatte, als ihr Bruder ihr versprochen hatte, nachher noch einmal wieder zu kommen. Das hatte er nicht getan und sie nahm es ihm hochgradig übel.
Über der Metro spannte sich eine Kuppel, ganz wie eine Pariser Metrostation, doch auch gleichzeitig vollkommen anders. Die Fliesen, die sich an der Decke entlang spannten, zeigten einen Sternenhimmel mit funkelnden Sternen, Kometen und sogar dem Mond. Langsam gewann das Deckengemälde an Leuchtkraft und Michelle konnte staunend immer mehr Einzelheiten erkennen. Die Fliesen an der Wand waren mit Gemälden von Bäumen bedeckt. Wenn man genau hinsah, bewegten sie sich leicht und raschelten sogar ganz leise. Der Bahnsteig, der in den Pariser Stationen normalerweise mit kühlen Fliesen bedeckt war, zeigte hier Gras. Es raschelte, es wisperte und es bog sich sanft in einem Wind, den sie alle nicht fühlen konnten.
„Das ist toll", flüsterte Leonie atemlos und Michelle musste ihr zustimmen. Sie mochte solchen Schnickschnack zwar normalerweise nicht, doch vor diesem Stück Zauberkunst konnte man einfach nur den Atem anhalten.
Die Türen der Metro öffneten sich wie von Geisterhand und plötzlich konnte man Geräusche, wie in einem Wald hören. Von irgendwoher plätscherte das Wasser und man konnte sogar Vögel hören. Ein bisschen wie in einem Urwald, dachte Michelle. Leonie hob ihren Koffer hoch und sah sich ein wenig verwirrt um. Bisher hatte noch keiner Anstalten gemacht, auszusteigen. Vielleicht war das hier so üblich.
Einige Gestalten erschienen auf dem Dschungelbahnsteig, Gestalten in langen Kutten, so wie sich Michelle Anhänger eines Satanskultes vorstellte. Es waren sechs und jede davon trug eine Kerze in der Hand.
„Erstklässler bitte zu mir."
Eine der Gestalten hatte sich von den anderen gelöst und hatte nun ihre Kapuze zurück geschlagen und Michelle sah, ein wenig erleichtert, dass sich darunter eine Lehrerin mit vollem, leicht gelocktem Haar verbarg, die eigentlich ziemlich freundlich aussah.
Tuschelnd erhoben sich die anderen Erstklässler, und begannen, ihre Sachen zusammenzusuchen, doch die Lehrerin lächelte nur und hob ihren Zauberstab.
„Es ist nicht nötig, dass Sie Ihre Sachen selber tragen. Treten Sie einfach nur hervor."
Wieder entstand ein Tumult, als plötzlich Koffer, Taschen und Tierkäfige den Schülern um die Ohren flogen und schließlich hinaus, in die Dunkelheit der Metrostation schwebten.
Michelle und Leonie erhoben sich beide und waren so ziemlich die Ersten, die das Gleis betraten.
„Das ist Wahnsinn", flüsterte Michelle zu Leonie.
Die Bäume wirkten beinahe echt und sie hatte sogar das Gefühl, dass die Fliesen federten, ganz wie eine grüne Sommerwiese.
Hinter ihnen drängelte sich eine kleine Truppe Jungs zu der Lehrerin hin und Michelle sah nun zum ersten Mal alle Erstklässler. So viele unterschiedliche Mädchen und Jungs. Ein wenig hilfesuchend sah sie sich nach ihrem Bruder um, doch Dominic wartete wohl darauf, dass seine Klasse aufgerufen wurde. Jedenfalls konnte sie ihn nirgends entdecken. Wo war er nur immer, wenn man ihn brauchte?
„Mein Name ist Professeur Noelle Brusson." Sie neigte leicht den Kopf, wie eine kleine Verbeugung, fand Michelle. „Ich unterrichte nicht nur Runen, ich bin auch diejenige, die euch zum Auswahlverfahren begleiten wird."
Nun waren alle Erstklässler still, das Auswahlverfahren war ein Grund zu heftigen Spekulationen und scheinbar kannte keiner einen genauen Bericht darüber, obwohl natürlich viele von ihnen ältere Geschwister hatten.
„Keine Angst, das Auswahlverfahren ist ein vollkommen harmloses Stück Magie, doch es wird euch natürlich für den Rest eurer Schulzeit prägen, denn es wird euch einem Turm zuteilen. Wir pflegen hier einen friedlichen Umgang unter den Türmen und befürworten die Rivalität zwischen ihnen nicht, so wie das vielleicht an anderen Zaubererschulen praktiziert wird."
Michelle und Leonie lauschten mit großen Augen.
„Euch ist es erlaubt, zu zaubern, während eures Versuchs. Wir erwarten keine vollständigen, komplizierten Zauber, macht euch darum keine Gedanken."
So nett Professeur Brusson auch sprach, für Michelle klang das Auswahlverfahren geradezu beängstigend, auch wenn sie absolut kein Feigling war.
Hinter ihnen wurden nun die anderen Schüler aus der Metro geführt, die ihnen natürlich neugierige Blicke zuwarfen. Unter ihnen sah Michelle Dominic und zeigte ihr den nach oben gestreckten Daumen. Sie entspannte sich ein wenig.
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Antoinette, Claire und Florence hatten sich an das Ende des kleinen Trupps gesellt und warteten nun ein wenig ängstlich auf das, was da kommen würde.
Professeur Brusson sprach zwar freundlich zu ihnen, aber irgendwie zweifelten sie daran, dass der kleine Test so vollkommen harmlos war, wie die Lehrerin sie glauben machen wollte. Und das was sie nun sprach, überzeugte sie erst recht nicht.
„Euch kann bei diesem Versuch nichts geschehen, auch wenn es für euch vielleicht einmal gefährlich aussehen sollte. Folgt einfach eurem Weg und euch kann gar nichts geschehen."
Antoinette fand, dass sie ein wenig zu fröhlich wirkte, ganz als ob sie wollte, dass ihnen etwas geschah.
„Gibt es noch irgendwelche Fragen?", hakte die Lehrerin nach, ließ ihnen jedoch kaum Zeit, sich eine wirkliche Frage zu überlegen. „Nein? Wunderbar. Nun, dann fangen wir doch einfach hier vorne an."
Sie nahm das Mädchen am Arm, das gerade in ihrer Nähe stand.
„Name?"
„Leonie Aliena Weber", sagte das Mädchen, ziemlich verängstigt und Antoinette verstand sie vollkommen. Ihr wäre auch nicht wohl, dort vorne stehen zu müssen.
„Wunderbar, Leonie, Sie sind die Erste, die in die catacombes geht. Ihren Zauberstab haben Sie dabei?"
Das verängstigte Mädchen nickte nur und folgte der Lehrerin bis zu einem Tunnel der Metrostation, der nicht beleuchtet war. Von dort schien das stetige Plätschern zu kommen und Professeur Brusson reichte dem Mädchen mit den braunen Locken eine Kerze. „Für alle Fälle", sagte sie aufmunternd.
„Ich will da nicht rein", wisperte Claire neben ihr und Antoinette musste ihr gedanklich zustimmen. Auch sie wollte nicht.
Das Rascheln und Zwitschern schien lauter zu werden, ganz als wenn sie sich in einem Tropenhaus im Zoo befinden würden. Antoinette war einmal da gewesen und so hatte es sich angehört.
Schreie ertönten, dumpf und animalisch. So klangen Schreie von Affen, dachte Antoinette bei sich. Florence neben ihr war schon ganz blass geworden.
Professeur Brusson hatte derweil eine neue Kerze aus ihrem Umhang gezogen und starrte diese nun interessiert an. Der Lichtschein flackerte und nach einer Weile erlosch die Kerze schließlich.
„Wunderbar", rief sie und klatschte in die Hände.
„Die Nächste, Sie da." Sie zeigte auf das Mädchen mit den schwarzen, leicht krausen Haaren. Antoinette hatte sie schon ein paar Mal in der Metro gesehen.
„Michelle Dumont."
Das Mädchen hatte einen entschlossenen Gesichtsausdruck und wirkte sehr angespannt und ernst, als es die Kerze ergriff und in den dunklen Tunnel hinein marschierte.
Antoinette wünschte sich in diesem Moment genauso mutig zu sein, wie dieses Mädchen. Bestimmt würde sie aussehen wie ein verschrecktes Reh, wenn sie dort vorne stand.
Dieses Mal verging mehr Zeit, bis die Kerze, die Professeur Brusson scheinbar aus dem Nichts geholt hatte, erlosch und einige Schüler klatschten nun höflich, da es sich offenbar um etwas Gutes handelte.
„Adrien Lamorliére", stellte sich gerade vor. Ein schmächtiger, blasser Junge.
„Der wohnt bei mir in der Nachbarschaft", flüsterte Florence.
„Rücken Sie alle ein wenig auf, damit ich einen besseren Überblick habe", rief Professeur Brusson laut und die Erstklässler setzten sich scharrend in Bewegung. Jedoch war nun niemand mehr darauf bedacht, sich nach vorne zu drängeln.
So ging es schließlich erbarmungslos weiter, Schüler um Schüler wurde in die catacombes geschickt und die übrig gebliebenen trauten sich kaum, etwas zu sagen, so angespannt waren sie alle. Doch irgendwann fand sich Antoinette ganz vorne wieder, während Claire, Florence und noch ein paar andere Erstklässler es irgendwie geschafft hatten, sich hinter ihr herumzudrücken, obwohl sie vorher definitiv vor ihr gestanden hatten.
Die Kerze in der Hand der Lehrerin ging aus und Antoinette musste unwillkürlich schlucken.
„Wunderbar." Sie reichte Antoinette die Kerze, die sich ganz von selbst wieder entzündete. „Ihr Name?"
„Marie Antoinette Villeneuve", sagte Antoinette so leise wie möglich.
Die Lehrerin machte eine einladende Geste: „Dann mal hinein mit Ihnen."
Antoinette atmete tief durch und wandte sich zum Eingang der catacombes. Sie warf Florence und Claire noch einen letzten Blick zu, dann war sie plötzlich allein in der Dunkelheit, als hätte der Tunnel sie vollständig verschluckt.
Über die wunderliche Nachahmung ihrer Mutter mussten alle drei Mädchen herzhaft lachen.
