Der Boden unter ihren Füßen war weich, beinahe, als bewege sie sich über echtes Gras. Doch wenn Antoinette den Boden beleuchtete, dann waren es nur ganz normale Fliesen. Gut, ganz normal waren sie nicht, denn das aufgemalte Gras bewegte sich und raschelte sogar. Die Kacheln an den Wänden zeigten den Dschungel. Antoinette war sich sicher, dass es der Dschungel war, denn überall hingen Lianen, Schlingpflanzen und fremdartige Gewächse, die sie nie gesehen hatte und die es ganz sicher nicht in Frankreich gab. Irgendetwas machte ein zirpendes Geräusch, wie eine überdimensionale Grille. Hoffentlich gab es hier drinnen keine solchen Tiere, dachte Antoinette ängstlich. Sie ekelte sich vor Insekten. Dann hörte sie hinter sich etwas, das wie das Rauschen von mächtigen Schwingen klang. Ein Raubvogel? Aber hier drinnen gab es doch keine Tiere. Es gab nur sie und die bemalten, aber magischen Kacheln.
Antoinette erschrak, als eine Ratte vorbei huschte und sie machte einen Sprung zur Seite. Im schwachen Kerzenschein wirkte der Schatten riesig und sie suchte nach dem Urheber, bis sie ganz dicht an die Tunnelwand trat. Da war keine wirkliche Ratte. Es war ihr Schatten, der durch den Fliesenurwald irrte. Erstaunlich. Aber beruhigend.
Sie lief den Gang weiter entlang und kam schließlich zu einer Tunnelkreuzung. Drei Wege führten davon ab. In der Mitte standen jeweils drei Säulen, die ebenfalls mit den magischen Fliesen bedeckt waren. Ein Tiger sah sie von dort an. Seine Augen blitzten gefährlich. Aber es war kein wirklicher Tiger. Nur sein Schatten. Doch knurrte dieser Schatten bedrohlich und sie spürte seinen stechenden Blick regelrecht. Antoinette beschleunigte ihre Schritte und wählte den mittleren Gang.
Dort kehrte das Rauchen wieder zurück und unwillkürlich zog sie den Kopf zwischen den Schultern ein. Ein Schatten glitt über sie hinweg, sie konnte es beinahe körperlich fühlen. Die Geräusche des Urwalds wurden mittlerweile immer lauter, Antoinette hätte schreien müssen, um sie zu übertönen. Was sie vorhin noch für eine wundersame Spielerei gehalten hatte, wirkte nun regelrecht bedrohlich. Immer mehr Schatten zeigten sich nun, Antoinette sah etwas, das aussah, wie ein Affe, der Tiger streifte nun in ihre Nähe umher und die Ratte hatte ihre Freunde mitgebracht. Misstönendes Quieken war zu hören, während der Tiger grollte und nun zu allem Überfluss der Adler seine spitzen Schreie ausstieß.
Antoinette lief los, immer schneller und dann setzte der halbe Dschungel in Bewegung. Es raschelte, es knackte, es rauschte, überall waren die Schatten und hetzten sie den Tunnel hinunter. Was hatte sich diese Lehrerin nur gedacht, sie hier hineinzuschicken? Sie konnte sich gegen die Ungeheuer im Schatten nicht einmal zur Wehr setzen, sie hatte nie auch nur einen einzigen Zauberspruch gelernt. Ihr Bruder hatte ihr nie einen gezeigt und ihre Mutter war ein Muggel. Und von ihrem Vater wusste sie nichts, sie hatte ihn nie kennengelernt.
Langsam verließen sie ihre Kräfte und das Rascheln, Quieken, Schnauben und Grollen kam näher. Wie sollte sie in dieser Dunkelheit einem Schatten entfliehen? Sie erreichte eine Halle mit drei Türen. Selbst im Dunkeln erkannte Antoinette, dass die Türen unterschiedliche Farben hatten. Die blaue Türe war ihr am nächsten, doch immer mehr Schatten krochen aus der Tunnelwand und umringten sie. Keiner hatte sie bisher berührt, das konnten sie vielleicht auch gar nicht, aber Antoinette wollte es nicht darauf ankommen lassen.
Näher und näher rückten sie und Antoinette fühlte sich nun wirklich bedroht. Hilflos suchte sie die Türe nach einem Griff ab, doch sie fand keinen, nur den harten, unnachgiebigen Lack konnte sie unter ihren Fingern führen. Schließlich tat sie das, was ihr nun als einziges übrig blieb: Sie zog ihren Zauberstab.
Antoinette war stolz auf ihn, Einhornhaar mit Birke. Das Rascheln und Zischeln wurde lauter. Scheinbar reizte sie die namenlosen Schatten in dem Schacht damit. Eines der Wesen, Antoinette konnte nicht sagen, was es für ein Tier war, machte ein grunzendes Geräusch und sprang auf sie zu. Sie schloss die Augen und dann war es plötzlich schlagartig still. Verwundert öffnete sie die Augen und sah, dass ihr Zauberstab helles Licht verströmte. Hatte sie das getan? Sie konnte doch noch gar nicht zaubern. Trotzdem sah sie ihren Zauberstab geradezu verzückt an. Sie hatte gezaubert. Sie hatte wirklich gezaubert. Am liebsten hätte sie laut aufgelacht.
Das Licht drängte die Schatten fort und als Antoinette sich zur Tür umdrehte, stellte sie fest, dass die Türe einen Knauf hatte, sie musste ihn nur drehen….
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Michelle konnte gar nicht aufhören zu staunen (und sich dabei nicht anmerken zu lassen, wie erstaunt sie tatsächlich war), als sie im Festsaal der Akademie saß. So unwirklich erschien ihr das alles. Hatte ihr noch für knapp zwanzig Minuten der Tunnel fürchterliche Angst bereitet, so saß sie jetzt beinahe in einem Lichtermeer, so viele Kerzen brannten in der seltsam dreieckigen Halle. Sie war nicht richtig dreieckig. Mehr wie ein Stern. Die Mitte markierten drei Säulen, um die herum verteilt, die Lehrer saßen. Michelle ging davon aus, dass es die Lehrer waren, denn sie saßen gruppiert um eine Frau, wie sie sie noch nie gesehen hatte: Madame Maxime. Sie war riesig, mindestens drei Meter groß, aber sie sah nicht bedrohlich aus. Jeder schien sich zu ihr hingezogen zu fühlen, auch wenn sie noch kein Wort gesprochen hatte, doch keiner der Erstklässler wirkte verängstigt. Warum sie so groß war, nun das war, wie Michelle wusste, ewiger Grund für Spekulationen ihrer Schüler. Von diesem mittleren Säulenkonstrukt (Michelle wusste nicht so recht warum, doch immer wenn sie es ansah, erinnerte es sie an den Olymp der alten, griechischen Götter, von dem sie einmal im Geschichtsunterricht gelesen hatte) zweigten sich drei Teile ab. Dort saßen die Schüler, ihren Türmen zugeteilt. Michelle saß in dem Teil ganz rechts. Das Ende dieses Raumes bildete eine blaue Türe, durch die gerade ein ziemlich verwirrt aussehendes Mädchen geschneit kam. Sie hatte vermutlich kaum besser ausgesehen, als sie dadurch getreten war, Leonie war ganz blass gewesen. Alles hier war blau, die Tischdecken der sieben Tische, die Wappen an den Wänden, sogar die Kerzen waren hier blau. Gladiateur. Das silbrige Pferd auf blauem Grund. Insoweit war sie zumindest beruhigt, ihr Bruder saß nur ein paar Tische entfernt von ihr und er hatte ihr applaudiert, als sie aus der Tür gekommen war.
Das Mädchen, das gerade mit ihrer Prüfung fertig war, wurde natürlich ebenfalls beklatscht und von einem Jungen, Michelle glaubte, dass er ein war, zu einem Platz ihr schräg gegenüber geleitet. Mittlerweile wurde in der Halle schon wieder getuschelt und leise gesprochen, offenbar war das erlaubt, auch während der Prüfung.
„Hallo", sagte Leonie, die neben ihr saß, freundlich zu der neu angekommenen Schülerin.
Ein wenig atemlos grüßte die andere sie und strich sich die Haare aus dem Gesicht. „Bonjour."
„Ich bin Leonie."
„Antoinette", antwortete die andere immer noch ziemlich aufgeregt und nahm einen großen Schluck aus dem Glas, was vor ihr auf dem Tisch stand.
„Michelle", sagte Michelle schließlich, um sich nicht selbst auszuschließen. Trotzdem fühlte sie sich gerade furchtbar schwach. Der Tunnel hatte sie doch ein wenig mehr Nerven gekostet, als sie zugeben wollte.
„Das ist Wahnsinn da drinnen, oder?", sagte Leonie geradezu Antoinette, als sich die Türe auf der gegenüber liegenden Seite öffnete. Dort war das Wappen weiß und es zeigte eine Lilie: Helissio. Alles wirkte sehr feierlich in diesem reinen, hellen weiß. Ein blondes Mädchen spazierte dort durch die Tür. Sie sah nicht so erschrocken aus, wie Michelle sich gefühlt hatte. Vielleicht war der Tunnel auch nicht für jeden gleich, überlegte sie. Das Mädchen jedenfalls schien das Ganze ziemlich gelassen zu sehen und setzte sich an den Tisch, der für die Erstklässler reserviert war.
Antoinette sah sich nun entschieden verwirrt um. „Wieso bin ich nicht im selben Turm wie mein Bruder?", fragte sie unsicher.
„Hm", machte Leonie. „Das ist bestimmt nicht ungewöhnlich."
„Dominic ist auch in Gladiateur", unterbrach Michelle ihre Plauderei.
„Wonach wird das denn gewählt?" Antoinette klang nun wirklich ziemlich verängstigt. Damit ging sie Michelle jetzt schon auf die Nerven. Klar war das alles neu, aber musste sie sich deswegen aufführen, wie ein verschrecktes Reh? Bäh!
„Du hast doch selber gewählt", antwortete eine leicht zittrige Stimme vom Ende des Tisches. Michelle kannte das Mädchen vom Sehen. Sie sah so sehr nach versnobter Reinblüterin aus, wie man nur aussehen konnte. Beinahe weißes Haar, stechende Augen, allerdings waren sie gerötet, hatte sie etwa geweint? War sie hier im Irrenhaus gelandet? Sie saß bei einem Hasenfuß, einer versnobten Heulsuse und einer Deutschen? Das konnte ja heiter werden.
Der Tumult, der ausbrach, als sich die rote Türe öffnete (Michelle konnte von ihrem Platz aus nicht sehen, wie der Schüler aussah, der hindurch getreten war), war umso lauter zu hören, als nun alle an ihrem Tisch schwiegen. Sagace, Michelle kannte das Haus. Sagace führte die Krone im Wappen.
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Ein wenig verwirrt folgte Claire den anderen Erstklässlern aus der großen Halle. Die Lichter waren herunter gebrannt, die Begrüßung war herzlich und man hatte sie in die Obhut der zwei Vertrauensschüler gegeben. Einen hatte sie schon im Zug gesehen. Außerdem hieß er wie ihr Bruder Louis.
Schweigend ging sie neben Florence, die zum Glück ebenfalls in denselben Turm eingeteilt worden war. Es beunruhigte sie zutiefst, dass sie nicht im selben Turm wie ihre Brüder war. Wenn sie es sich genau besah, waren einige Schüler mit ihrer eigenen Wahl nicht besonders glücklich. Ein Mädchen sah aus, als hätte sie geweint. Auch Antoinette war bei ihnen, das beruhigte sie ungemein. Verstohlen kratzte sie sich am Arm und sah sich weiter um. Alles war so hell hier, so hatte sie sich die Schule gar nicht vorgestellt. Und alles war irgendwie dreieckig, das hatte sie schon im Festsaal bemerkt. Ihre Brüder hatten ihr erzählt, dass die drei Türme ebenfalls eine perfekte Pyramidenform bildeten, wenn man von oben auf die Schule sehen würde. Zwischen diesen Türmen befanden sich die Mittelgänge und die davon abgehenden Klassenzimmer. Das alles war so beeindruckend für Claire. Sie hatte nie etwas Vergleichbares gesehen. Sogar marmorne Statuen gab es hier. Viele waren Engel, die, wenn man genau hinsah, sich sogar bewegten. Es raschelte hier und da leise auf ihrem Weg, wenn einer der Engel sich auf seinem Podest bewegte und ihnen verstohlen hinterherschaute. Darüber musste Claire lachen, die Engel wirkten unheimlich niedlich, obwohl sie ziemlich groß waren und blendend weiß.
Als sie die Treppen hinauf stiegen, lenkten die zwei Vertrauensschüler ihre Aufmerksamkeit auf die seltsame Architektur. Claire kam es vor, als wenn sie einfach eine Etage über dem Festsaal waren. Florence machte einige Schritte nach vorne und stand dann plötzlich auf Glas. Einige Schüler begannen zu tuscheln und manche raunten erstaunt, denn tatsächlich konnte man von hier aus die Festhalle sehen, wenn man durch das Glas schaute. Das Wappen von Beauxbatons prangte auf buntem Glas und vor den drei Treppen, die aufwärts führten, wies das Wappen der Türme den Weg. Hier trennten sich schließlich auch die Wege der Erstklässler und Claire und Florence folgten „ihren" Vertrauensschülern, die Treppe hinauf, über den blauen Teppich, auf dem Claire sogar hin und wieder einige Buchstaben entziffern konnte. Aber sie ergaben keine Worte und machten keinen Sinn. Als die Vertrauensschüler das Tor vor ihnen erreichten, staunten die Erstklässler nicht schlecht. Es wirkte wie das Tor eines Tempels, doch aus den Formen des Holzes schälte sich langsam ein Gesicht.
„Dies hier ist unser Gardien. Nur den Schülern von Gladiateur wird hier Einlass gewährt", meldete sich nun die rothaarige Vertrauensschülerin, von der Claire schon wieder den Namen vergessen hatte. „Das Gardien prägt sich eure Gesichter ein und lässt euch ein, wenn ihr vor dem Tor steht."
Ehrfürchtig wichen einige Erstklässler zurück, als das Gesicht des Gardiens ein paar seltsame Grimassen machte und mit den Augen rollte. Dann nickte er stumm der Vertrauensschülerin zu.
Sie klatschte in die Hände. „Sehr schön, er ist fertig. Kommt nur herein"
Die Torflügel teilten sich.
