Nie hatte Claire etwas Vergleichbares gesehen. Der Raum war, so wie alles hier, dreieckig, aber er wirkte riesig, als ob er eigentlich keinen Platz in einem so engen und vor allem runden Turm gehabt hätte. Offenbar galten hier nicht alle physikalischen Gesetze. In der Mitte führte eine schneeweiße Wendeltreppe in ein noch höheres Stockwerk. Beinahe ehrfurchtsvoll betraten die Erstklässler den Gemeinschaftsraum von Gladiateur.

„Wahnsinn", flüsterte Florence neben ihr.

Hier gab es keine Teppiche oder Statuen, doch trotzdem wirkte der Raum, obwohl er so hell war, freundlich. In große Marmorbecken brannten Fackeln und zierliche, blaue Teppiche spannten sich über den Boden und zwei riesige Fensterfronten aus einem zierlichen, goldenen Gestell zeigten die Aussicht nach draußen. Erst jetzt begriff Claire, dass der Raum ein Erker war. Zwei Seiten des Dreiecks standen über der eigentlichen Außenwand. Dort, wo das der Fall war, war der Boden aus Glas.

Viele verschiedene Tische standen dort zusammengewürfelt.

Die Vertrauensschülerin, Claire grübelte immer noch nach dem Namen, zückte ein Pergament und befestigte es an der Säule in der Mitte.

„Ich teile euch jetzt in eure Schlafsäle auf. Euer Gepäck ist bereits dorthin gebracht worden."

Claire kratzte sich hinter dem Ohr. Luzienne! So hieß die Vertrauensschülerin. Sie hasste es, wenn ihr solche Dinge nicht einfielen.

Luzienne begann damit, sämtliche Namen herunter zu rattern und Claire ließ ihren Blick schweifen. Ihr Name war schließlich noch nicht gefallen. Der andere Vertrauensschüler, der sich als Louis vorgestellt hatte, reichte jedem der Erstklässler einen Schlüssel. Das fand Claire ein wenig ungewöhnlich, sie wusste von ihren Brüdern, dass es einen Zauberspruch gab, der Türen verschließen konnte. Und überhaupt, in dieser Schule hießen viel zu viele Leute Louis.

„Romaine Angelique Chevallier, Michelle Dumont, Florence Dupont, Claire Rozier, Marie Antoinette Villeneuve und Leonie Aliena Weber", las Luzienne gerade vor und Claire beeilte sich, hervor zu treten. Was für ein Glück, Antoinette kannte sie schon aus dem Zug und mit Florence hatte sie sich auch ein wenig angefreundet. Aber da war dieses andere Mädchen, die immer wirkte, als wenn sie ein wenig auf der Lauer war und ein anderes sah einfach nur verzweifelt aus, als wäre es für sie die schlimmste Strafe, hier zu sein.

„Haben wir alle?", klang Luziennes Stimme. „Holt euch den Schlüssel bei Louis. Der ist wichtig, verliert ihn nicht."

Alle sechs nickten und schoben sich gegenseitig zu dem gutaussehenden Vertrauensschüler hin. Claire sah einige Mädchen, die ihn mit glühenden Blicken verfolgten.

„Bitte sehr, die Damen", sagte er zwinkernd und reichte ihnen allen einen Schlüssel. In den Griff war das Pferd auf blauem Grund eingraviert, das Wappen ihres Turmes.

„Tragt sie immer bei euch", erklärte er. „Euch bleiben eine Menge Dinge verborgen, wenn ihr sie nicht bei euch habt."

„Was denn?", fragte das Mädchen, das Claire nicht kannte, keck. Ihr dunkler Schopf wippte auf und ab, als sie sich vor Louis aufbaute.

Der jedoch lachte. „Dinge eben. Mademoiselle, ich stehe doch nicht vor Gericht, oder?"

„Man erklärt uns hier ganz schön wenig", knurrte das Mädchen verärgert und stapfte zu der Wendeltreppe hinüber. Claire war zu verblüfft, um etwas zu sagen. Aber ganz im Geheimen stimmte sie ihrer neuen Zimmergenossin zu. Viel zu wenig sagte man ihnen. Madame Maxims Rede war nur kurz gewesen und dann hatte ein anderer Lehrer gesprochen, das war auch nur kurz gewesen. Seltsam.

..::~::..

Florence staunte nicht schlecht, als sie ihr Zimmer betrat. Dieser Raum war nicht dreieckig, wie so vieles hier in der Schule, doch so eigenartig wie der Rest. Wunderschöne Hochbetten gab es hier und natürlich liebäugelte Florence, die als erste durch die Türe getreten war, mit einem Schlafplatz in der oberen Etage. An jedem Bett befand sich ein Vorhang, den man bei Bedarf zuziehen konnte. Die Leitern, aus Messing, lehnten an jedem Bettende und überhaupt gab es hier so viele Dinge zu entdecken. Ein großer Studientisch, mit verschiedenen Stühlen und Polstern, einen großen Kleiderschrank mit sechs Fächern und sogar eigene, kleine Schließkästen an der Wand in dem kleinen Flur. Florence strich sich die Locken aus dem Gesicht, holte tief Luft und rief: „Ich nehme das Bett oben!" Damit stürmte sie los und warf ihre Handtasche auf eines der Hochbetten neben dem Fenster. Schnell erklomm sie die Leiter und wandte sich dann um. Offenbar hatte ihr Aufschrei ihre Zimmergenossinnen ins Chaos gestürzt, das Mädchen, dass eben dem Vertrauensschüler eine patzige Antwort gegeben hatte, hatte sich quer über eines der oberen Betten nahe der Türe gelegt und das etwas verweinte, blonde Mädchen hatte sich ebenfalls gegen die anderen durchgesetzt.

„Unfair", maulte Claire von unten, aber Florence sah ihr an, dass sie es nicht wirklich böse meinte.

Tatsächlich waren ihre Koffer schon da, Florence entdeckte sie im hinteren Teil des Raumes und sprang abrupt von ihrem Bett hinab. Im Bett unter ihr hatte sich Antoinette breit gemacht und gegenüber in dem lag Claire unter dem blonden Mädchen, das ihr nun gegenüber stand.

„Du bist Romaine, oder?", fragte sie herzlich. Vielleicht hatte die andere nur ein wenig Angst, oder war schüchtern. Sie streckte ihr die Hand entgegen, doch die andere sah sie an, als wäre es ihr absolut zuwider, so jemanden wie Florence auch nur zu berühren.

„Ja", antwortete sie knapp und wandte sich ihrem Koffer zu. Florence atmete tief durch, sagte jedoch nichts. Dafür war sie einfach nicht der Typ.

Das Mädchen, das eben schon gegen den Vertrauensschüler gewettert hatte, war es aber ganz offenbar schon, denn plötzlich hielt sie Romaine am Arm fest, Florence hatte sie gar nicht kommen sehen.

„Hast du ein Problem?"

Romaine sah die andere kühl an. „Nein. Würdest du mich bitte loslassen?"

„Natürlich, Madame. Aber erst, nachdem du uns sagst, warum du die Nase so hoch trägst."

„Was tue ich?", ereiferte die andere sich nun auch.

„Du hast das schon verstanden, oder haben sich Hochwohlgeboren die Ohren nicht gewaschen?"

Romaine schüttelte die Hand der dunkelhaarigen ab und widmete sich wieder ihrem Koffer.

Die andere ließ ihre Knöchel bedrohlich knacken. Erschrocken sprang Florence dazwischen und Antoinette zog hastig die Beine ein.

„Lasst den Unfug", sagte sie schlicht.

„Was ist denn ihr Problem?" ereiferte sich das Mädchen.

„Ich wollte nur nicht in diesen Turm, das ist alles", knurrte Romaine verärgert.

„Ich sag ja, wir sind nicht gut genug für sie."

„Ach, halt doch den Mund", erwiderte Romaine erneut und vergrub ihr Gesicht in den weichen, wohlriechenden Kissen ihres Hochbetts.

Ein wenig unschlüssig blieb die andere stehen, die Fäuste immer noch geballt, als schließlich das letzte, Florence unbekannte, Mädchen hinüber kam und beschwichtigend die Hand auf den Arm der anderen legte.

„Lass sie doch", sagte das Mädchen.

Scheinbar beruhigte sich die andere tatsächlich, denn ohne ein weiteres Wort zu sagen, stapfte sie zu ihrem Bett hinüber und begann damit, mehr als ruppig, ihren Koffer auszupacken.

„Mein Name ist Leonie", murmelte die eine. „Ich hoffe ihr nehmt das Michelle nicht zu übel."

„Doch nehme ich!", klang es von Romaines Bett, doch Leonie war offenbar entschlossen, sie zu ignorieren und Florence war es nur recht. Bloß keinen Streit im eigenen Zimmer.

Florence stellte sich vor und nach und nach taten es auch ihre anderen Zimmergenossinnen, bis auf Michelle und Romaine, die beide verstockt auf ihren Betten saßen und sich nicht rührten.

..::~::..

Romaine war tatsächlich sehr müde, als sie an diesem Abend zu Bett ging. Zu viel war an diesem Tag passiert und zu tief saßen die Demütigungen. Romaine war stolz, außerordentlich stolz, doch manchmal wusste sie einfach nicht, wann dieser Stolz einen auffraß. Jetzt, in diesem Moment, schämte sie sich nur fürchterlich. Die ganze Familie Chevallier war in Helissio gewesen und darauf legte sie Wert. Warum war ausgerechnet sie in Gladiateur gelandet? Das ließ ihr keine Ruhe. Und dann dieses freche Mädchen, das sich über sie lustig machte. Die Augen auskratzen würde sie ihr, wenn sie noch einmal so frech war. Die anderen tuschelten leise und Romaine glaubte, dass sie über sie tuschelten. Ganz bestimmt sogar. Sogar die verdammte Chloe war nach Helissio gekommen, warum blieb sie nur übrig? Ihre Maman würde sich für sie schämen. Vielleicht sollte sie einfach lügen, wenn die Mutter fragte. Aber das würde sicher auffallen und ihre Mutter belügen wollte sie eigentlich auch nicht. Sie fühlte sich eigentlich nur furchtbar elend. Offenbar hatte sie beim Auswahlverfahren einen Fehler gemacht nur Romaine wusste einfach nicht welchen. Niemand hatte ihr gesagt, wie der Tunnel funktionierte. Sie lauschte auf die Stimmen von draußen, denn sie hatte ihre Vorhänge zugezogen. Es ging um die catacombés.

„Ich habe einfach nur die nächste Türe genommen", erklärte gerade eine Stimme, von der Romaine glaubte, dass sie dem Mädchen gehörte, dass sie schon im Zug getroffen hatte, Antoinette.

„Aber es war nicht einfach nur die nächste Tür", erklärte jemand anderes, diese Stimme konnte Romaine nicht zuordnen. „Also, bei mir war es das nicht. Ich war wütend, weil ich Angst hatte. Und dann hat plötzlich mein Schal, den ich in der Hand hatte, gebrannt. Erst dann habe ich die Türe geöffnet. Die Schatten waren dann fort."

„Du hast dich gewehrt", sagte eine dritte Stimme. Die kannte Romaine und so schnell würde sie die auch nicht vergessen. Das war Michelle. „Ich glaube das ist ein Hauptaugenmerk für die Wahl."

Romaine lauschte, scheinbar nickten die anderen Mädchen aber nur, denn das Gespräch schien beendet zu sein. Vielleicht hatte Michelle mit ihrer These nicht so Unrecht. Auch Romaine hatte sich „gewehrt". Sogar ziemlich heftig, Mutter hatte ihr eine Menge kleinerer Tricks beigebracht und sie hatte nicht lange gefackelt und den gesamten Gang in helles Licht getaucht, der Lumos Zauber war eine ihrer leichtesten Übungen, auch wenn sie streng genommen noch nicht hatte Zaubern dürfen. Dennoch tat sie es, ach, wer behauptete, er hätte es nie getan, der log. Die Kinder in den Zaubererfamilien zauberten alle vor ihrem Eintritt in die Académie. Schließlich konnte das Zaubereiministerium nur den Ort des Zaubers bestimmen, nie aber den Zauberer selbst zu hundert Prozent identifizieren. Ihr Onkel hatte ihr das ganz genau einmal erklärt, er arbeitete in der Abteilung für magische Strafverfolgung. Und offenbar hatte er Recht.

Aber wenn das die Erklärung war, was mussten dann die Leute tun, die nach Helissio kamen? Beinahe im Halbschlaf nahm sich Romaine vor, sofort als erstes Morgen ihre Cousine danach zu fragen, denn Chloe war in Helissio untergekommen.