„Die Astronomie ist der Zweig der Magie, der am genausten ist. Wer die Genauigkeit nicht schätzt, wird es in der Astronomie nicht weit bringen, hier gibt es keine vagen Bestimmungen oder Eventualitäten, hier geht es um korrekte, mathematische Berechnungen und absolut genaue Beobachtung. Wer in meinem Unterricht schätzt, oder vermutet, wird nicht sehr glücklich in meinem Klassenzimmer werden."
Das war eine harte Ansage, fand Antoinette. Dabei machte ihre Lehrerin, Professeur Riquit keinen besonders strengen Eindruck. Viel mehr wirkte sie jung und fröhlich, mit ihren halblangen, blonden Haaren und dem warmen Hautton. Als hätte die Lehrerin ihre Gedanken gelesen, fügte sie hinzu: „Keine Angst, Sie werden in meinem Unterricht lernen, sich präzise auszudrücken und von Halbwahrheiten Abstand zu nehmen. Nur keine Scheu, Sie sind schließlich hier, um etwas zu lernen."
Das klang zumindest schon einmal besser. Antoinette saß neben Romaine an einem Pult, doch ihre Tischnachbarin schien so verschlossen, wie schon am Abend zuvor.
„Normalerweise finden die praktischen Astronomiestunden natürlich am Abend statt, doch wir werden uns jeden Montagmorgen mit der Theorie befassen. Wenn Sie aufmerksam lauschen und ich meine Worte nicht unnötig wiederholen muss, dann werden wir gute Freunde werden. Sie sind sicherlich alle neugierig auf ihren Stundenplan und die vielen Kleinigkeiten. Professeur Brie bat mich, Ihnen Ihre Stundenpläne auszuhändigen."
Mit einem Wink ihres Zauberstabs erhoben sich zwanzig Pergamente, die sich auf die Erstklässler verteilten.
„Beachten Sie die Embleme, manche Klassen sind gemischt."
Antoinette zog ihr Pergament zu sich heran und betrachtete den Stundenplan für montags: „Astronomie, Verwandlung, Alchemie, Verteidigung gegen die dunklen Künste". Danach Mittagessen. Doch auch danach fanden noch Unterrichtsstunden statt: Botanique.
Hinter manchen Unterrichtsfächern sah Antoinette die Wappen der anderen Türme, offenbar war dort der Unterricht in einer großen Gruppe, zum Beispiel während Botanique und Alchemie. Die anderen Tage sahen ähnlich aus, doch gab es dort auch noch die Fächer: „Geschichte, Zauberkunst und und und."
Sie hätte gerne Romaine gefragt, ob diese nicht eine Ahnung hatte, was sich hinter all diesen Fächern verbarg, doch sie traute sich nicht recht, Romaine anzusprechen, außerdem hatte Professeur Riquit bereits die Hände gehoben.
„Bitte verstauen Sie die Stundenpläne in ihren Taschen. Professeur Brie, Ihre Klassenlehrerin wird ihnen alles Nötige mitteilen. Sie können Sie gleich in der nächsten Stunde dazu befragen."
Murrend packten einige Schüler den Stundenplan fort, doch auf einigen Tischen lagen immer noch die Pergamente.
„Das gilt auch für Sie, Doulab und Brilleaux", zischte die Lehrerin und die Pergamente wirbelten in die Luft und zerknüllten sich dort selber.
„Wie ich Ihnen bereits sagte, mag ich es nicht, mich zu wiederholen. Ich fordere von Ihnen allen absolute Aufmerksamkeit."
Die beiden angesprochenen Jungen sahen sich nun ziemlich ratlos an. Schließlich schwebten die Papiere langsam wieder zurück zu ihrem Pult und hastig wurden nun beide Pergamente eingesteckt.
„Aha", machte Professeur Riquit. „Achten Sie in Zukunft besser auf meine Anweisungen, meine Herren."
Das hatte sogar Romaine nebenan aufgeschreckt, die nun eindeutig schockiert die Lehrerin ansah. Offenbar war das Thema jedoch für Professeur Riquit vollständig erledigt, denn sie lächelte nun wieder und begann mit einem Tafelbild.
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Alessa Brie war eine ordentliche Frau. In ihrem Klassenraum gab es keinen Gegenstand, der keinen festgelegten Platz hatte. Ihr Unterricht war methodisch und streng, ihre Wortwahl: exzellent. Die Käsetante, Alessa wusste, dass sie von den Schülern geringschätzig so genannt wurde, war die böse Fee von Beauxbatons. Darüber amüsierte sie sich im Stillen, denn sie konnte sich nicht daran erinnern, wie sie zu diesem Ruf gekommen war, wo doch Professeur Reveller beinahe wie der fleischgewordene Geist des Gemäuers aussah. Trotzdem fürchteten sich einige der Schüler vor ihrer glatten Art und ihrer natürlichen Strenge und Alessa unterstrich dies, indem sie tadellos liegende, altmodische Blusen trug. Die Art, wie sie ihre Brille zurechtrückte, verschaffte ihr schon Respekt. Auch diese Klasse war da keine Ausnahme. Die Kinder schlichen beinahe ehrfürchtig in ihr Klassenzimmer und bemühten sich, kaum Lärm zu verursachen.
Allessa strich sich über das streng zurück gekämmte Haar und räusperte sich kurz. Ein unmissverständliches Zeichen, das seine Wirkung nie verfehlte. Auch jetzt nicht. Zwanzig Augenpaare waren nun auf sie gerichtet und Alessa schenkte ihnen eines ihrer seltenen Lächeln.
„Willkommen, meine Lieben", begann sie mit ihrer melodiösen Stimme.
„Haben alle einen Sitzplatz gefunden? Sehr gut. Professeur Riquit hat Ihnen bereits Ihre Stundenpläne mitgegeben, wie ich sehe. Halten Sie sich strikt daran. In Beauxbatons dulden wir keine Unpünktlichkeit oder Schwänzer."
Beinahe hätte man die Grillen zirpen hören können, so leise verhielten sich die verunsicherten Schüler.
„Sie wundern sich sicherlich, dass Sie so wenige Informationen bekommen. Wir können Ihnen versichern, dass dies ausschließlich zu Ihrem besten ist. Um jedoch aller Fragen Herr zu werden, dürfen Sie mir nun einige Fragen stellen, die Ihnen auf der Zunge brennen. Ab jetzt!"
Verwirrt sahen sich die Schüler um. Keine Hand hob sich.
„Nur raus damit. Sie können die Fragen jetzt und hier stellen. Wenn Sie das nicht tun, muss ich davon ausgehen, dass Sie keine haben?"
Eine Hand hob sich. Ein trotziges Kinn schob sich nach vorne und Alessa erkannte ein Mädchen mit einer langen Nase und beinahe glatten, dunklen Haaren.
„Ja? Sie da. Ihren Namen, bitte."
„Michelle Dumont. Warum hat man uns nicht vor den catacombés gewarnt?"
„Ihr Testergebnis wäre dadurch verfälscht worden."
„Welches Testergebnis?" Die Stimme gehörte einem dicklichen Jungen, der eine Brille trug und sein Haar eindeutig besser hätte kämmen sollen.
„Ihr Name?" Schließlich konnte sich Alessa nicht alles merken.
„Jacques Bonnet", antwortete der Junge.
„Sie können sich sicherlich denken, dass Sie alle nicht ohne Grund in die catacombés geschickt werden. Es ist schon richtig, dass dieser Test Sie in Ihren Turm einteilt."
„Und wie?", fragte ein Mädchen mit kurzem, schwarzem Haar.
„Sie selbst wählen. Doch nicht jeder Weg führt in jeden Turm", erklärte Alessa. Sie zeigte auf einen Jungen mit schmalem Gesicht und langen Haaren: „Sie?"
„D... Doulab."
„Sie, Monsieur Doulab. Was haben Sie in den catacombés getan, als Sie den ombrages entkommen sind?"
„Ich habe geschrien, bis ich lauter war, als sie….", murmelte der Junge und wurde rot.
„Aha. Und Sie?" Sie zeigte auf ein lockiges Mädchen mit vielen Sommersprossen.
„Florence Dupont", erwiderte das Mädchen eifrig. „Ich habe die Lichter gelöscht. Weil ohne Licht kein Schatten…." Das sagte sie nicht ohne Stolz.
„So wie Monsieur Doulab und Mademoiselle Dupont wird es allen hier im Raum ergangen sein. Ist das korrekt?"
Tatsächlich nickte die Klasse geschlossen.
„Mussten Sie darüber lange nachdenken?"
Einige schienen zu grübeln, doch die Mehrzahl schüttelte den Kopf.
„Es würde mich auch wundern, wenn Sie darüber hätten nachdenken müssen, denn Sie sind in Gladiateur gelandet. Das heißt, Sie sind Macher. Sie nehmen die Dinge in die Hand. Sie tun einfach. Jede Stärke bringt jedoch auch eine Schwäche mit. Bedenken Sie das, wann immer Ihnen in den Kopf kommt, etwas einfach zu machen."
Nun meldete sich ein blondes Mädchen, das einen lilafarbenen Haarreif trug, der unübersehbar war.
Alessa musterte sie. Die Kleine kam ihr definitiv bekannt vor.
„Ja? Mademoiselle….?"
„Chevallier."
Der Name war hier wohlbekannt. Trotzdem runzelte Alessa die Stirn. Alle Chevalliers, die je einen Fuß über die Schwelle von Beauxbatons gesetzt hatten, waren grundsätzlich durch die weiße Türe gegangen, niemals durch die Blaue.
„Was ist mit den anderen Türmen? Was hätte ich anders machen müssen, damit ich in einen anderen Turm komme?"
„Konkrete Antworten gibt es darauf nicht. Ich kann Ihnen nicht sagen, dass Sie dieses oder jenes tun müssen, um nach Helissio oder Sagace zu kommen. Generell sind jedoch beide Türme ebenfalls an eine bestimmte Wahl gebunden. Planen Sie Ihren Weg genau? Denken Sie in zwanzig Richtungen gleichzeitig? Dann wären Sie durch die rote Türe gegangen.
Wenn Sie jedoch nach Helissio gewollt haben, Mademoiselle, dann wären Sie mit einer ganz einfachen Attitüde durch die weiße Türe gekommen: Indem Sie gar nichts gemacht hätten."
Einige Schüler sahen sich nun entschieden verwirrt an und an manchen Stellen brachen einige Schüler das Schweigen und plapperten drauf los, doch Alessa sorgte mit ihrem herrischen Blick augenblicklich für Ruhe.
„Das klingt viel einfacher als es ist. Wer im Angesicht der absoluten Furcht gelassen dem Wahnsinn ins Auge sehen kann, der darf die weiße Türe nehmen."
„Das hört sich an, als wären die von Helissio etwas besseres", sagte ein dunkelhäutiger Junge mit Kraushaar ziemlich verärgert.
Alessa gestattete sich ein Lächeln. „Was habe ich Ihnen denn zu Beginn über Gladiateur gesagt?"
„Jede Stärke bringt auch eine Schwäche", murmelte ein Mädchen mit grauen Augen und langen, braunen Haaren.
„Korrekt", sagte Alessa laut. „Mademoiselle…." Sie wies auf das Mädchen, das die Antwort gegeben hatte.
„Weber", brabbelte das Mädchen hastig.
„Mademoiselle Weber hat es verstanden. Was nützt es, stoisch alles auszusitzen, wenn es angebrachter wäre, fortzurennen? Was nützt es, wenn man einfach tut, aber sich nicht über die Konsequenzen im Klaren ist? Was nützt es, wenn man alles minutiös plant, aber das Leben einem einen Strich durch die Rechnung macht? Unsere Türme dienen nicht dazu, die Schüler zu gruppieren oder um einen Grund für Sportveranstaltungen zu haben. Sie dienen den Schülern. Sie fördern Ihre Stärken und Sie zerreißen Ihre Schwächen. Nur dafür, allein dafür, gibt es die Türme."
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Luzienne La Leure war genervt. Wie war es nur möglich, dass sich die Aufgaben von drei Vertrauensschülern immer so überschnitten, dass sie nicht zum Quidditch konnte? Sie war Jägerin, nicht nur Vertrauensschülerin und das hier war einfach nur unfair. Sie hatte in der ersten Stunde von Professeur Brie einen rappelvollen Stundenplan hin geknallt bekommen, dann hatte Louis ihr seinen gezeigt, der auch kaum besser aussah und Isabell hatte sich schon versucht, raus zu mogeln. Isabell ließ momentan eine Menge Dinge schleifen, inklusiver sämtlicher Regeln, die mal irgendwann in dieser Schule aufgestellt worden waren. Luzienne hatte das schon eine Weile im letzten Schuljahr beobachtet. Isabell mochte vielleicht denken, dass niemand bemerkte, aber man musste schon Tomaten auf den Augen haben, um nicht zu sehen, dass sie für Adam Blanchard schwärmte. Gewiss, Adam sah gut aus, aber er war so ziemlich das Gegenteil eines Musterschülers. Luzienne war sich bei dieser Sache absolut sicher. Leider war sie sich auch sicher, dass Isabell alles abstreiten würde, deswegen aber die Schulregeln trotzdem nicht mehr beachten würde. Es war wirklich zum aus der Haut fahren. Wie wollten Sie überhaupt gegen Helissio antreten? Die hatten Sie letztes Jahr vernichtend geschlagen, denn der Sucher von Helissio, Charles Villeneuve war einfach brillant. Verärgert schaufelte sich Luzienne noch einen Rest Bratkartoffeln auf den Teller. Neben ihr wurde ein Stuhl zurückgezogen und Rosalie Baffour nahm neben ihr Platz.
„Na? Immer noch schlecht gelaunt?"
„Ja", murrte Luzienne und stocherte weiter in den Kartoffeln herum.
„Ach komm, nur wegen Isabell?"
Na ja, das war nicht ganz die Wahrheit. Sie ärgerte sich nicht nur über Isabell.
„Quidditch", mampfte sie.
Belustigt zog Rosalie eine Augenbraue hoch. „Quidditch? Oder Quidditchspieler."
Luzienne verschluckte sich beinahe an ihrer Gabel und hustete hinter vorgehaltener Hand empört. Das Rosalie aber auch immer ins Schwarze treffen musste, das machte ihr wirklich Angst. Das Mädchen mit den strubbeligen, braunen Haaren hatte beinahe immer Recht.
„Ich mag darüber hier nicht reden, okay?"
„Hat es zufällig etwas mit dem ersten Spiel gegen Helissio zu tun? Ich habe gesehen, dass sie in der Halle schon die Plakate ausgehängt haben", sagte Rosalie verträumt.
„Welchen Teil von: Ich mag hier nicht darüber reden, hast du denn nicht verstanden, Rosalie?"
Rosalie kicherte jedoch nur. „Ja, ja. Liegt es am Sucher? Brauchst nur nicken."
Energisch schüttelte Luzienne den Kopf.
„Das heißt dann wohl, ja."
Luzienne beschloss, das Thema zu wechseln, das half meistens gegen Rosalies Volltreffer.
„Was ist denn mit dir und Dominic. Trefft ihr euch nicht mehr?"
„Non."
„Warum nicht?" hakte nun Luzienne unangenehm nach. Sie konnte das blöde Spiel genauso spielen, vielleicht überlegte sich Rosalie dann mal in Zukunft, wen sie mit ihren Fragen löcherte.
„Weiß nicht. Er mag wohl die magersüchtige Griechin lieber als mich."
Da klang eindeutig Bitterkeit in ihrer Stimme mit.
„Dann sind wir jetzt quitt", kommentierte Luzienne und nahm einen Schluck Erdbeersaft.
Rosalie sah sie nun ein wenig verwirrt an, sodass Luzienne lachen musste.
„Du hast ein bisschen Salz auf meine Wunden gestreut und ich auf deine. Dann können wir ja jetzt über etwas Vernünftiges reden, oder?"
