Nach ihrer ersten Woche auf Beauxbatons fühlte sich Leonie wie gerädert. Alles war so neu, so verwirrend, sie hatte tausend Fragen, die sie sich nicht immer zu stellen traute und doch schien sie immer unter Strom zu stehen. Die meisten Lehrer hatten ihnen sogar schon Hausaufgaben gegeben. So saß sie meistens an den Abenden mit Michelle und den anderen Mädchen in ihrem Zimmer oder im Gemeinschaftsraum und erledigte die gestellten Aufgaben. Dabei hätte sie sich nie träumen lassen, welch komplexe Dinge hier von ihr verlangt werden würden.

Vor allem der Aufsatz in Alchemie war grausam. Sie hatten gerade einmal zwei Stunden Zeit gehabt, zwischen einigen Fragen etwas über die alchemistischen Elemente zu lernen. Professeur Latoux war eine ruhige, gelassene Frau, doch auch sie erklärte sich kein zweites Mal und so hatte Leonie einfach alles mitgeschrieben, was ihre Lehrerin gesagt hatte und versuchte nun Müll und Perlen auf ihrem Pergament zu trennen. Ach, hätte sie nur besser zugehört.

Neben ihr kritzelten Michelle und Antoinette auf ihren Pergamenten herum, während Romaine nur ins Leere starrte. Romaine tat ihr irgendwie leid. Sie wusste, dass Romaines Mutter ihr bereits am zweiten Tag einen ziemlich bösen Brief geschrieben hatte, das wusste sie deshalb, weil Romaine kreidebleich geworden war, als der Brief auf ihrem Bett gelegen hatte. Und sie hatte das Familienwappen erkannt, Romaine trug es als Halskette, ein Ritter auf einem Wappen mit einer Lilie, ähnlich wie das Wappen von Helissio.

„Ich bekomme einfach nicht alle Elemente zusammen", jammerte Claire gerade von gegenüber.

„Die stehen hinten drin", erwiderte Romaine kühl.

„Ach, das meine ich doch gar nicht. Ich meine alle Eigenschaften, das ist hier so sprunghaft beschrieben."

„Wir könnten in die Bibliothek gehen", schlug Antoinette ein wenig halbherzig vor.

„Weißt du denn, wo die ist?", fragte Michelle genervt.

„Ne..."

„Louis und Luzienne haben uns das gestern noch erklärt", half Leonie Antoinette. Gegen Michelle brauchte man manchmal einfach Hilfe, wenn man nicht wollte, dass sie einen wie ein Schnellzug überfuhr.

„Ich mag jetzt nicht mehr runter gehen. Schaut nur, wie spät es ist", erklärte Florence und setzte ihren Kater Louis zu Boden.

Überhaupt gab es auf Beauxbatons ungewöhnlich viele Tiere und der leicht bekloppte Kater von Florence war noch eines der Normalsten. Claires Kater Charlie verbrachte die meiste Zeit unter ihrem Bett, oder unter ihrem Kissen und zitterte wie Espenlaub, wann immer man nur seinen Namen rief, aber da gab es auch Ratten in blau, Echsen in knalligen Farben und natürlich die obligatorischen Eulen, die aber zum Glück allesamt die Eulerei bewohnten. Zumindest wusste sie, dass Romaine eine Eule hatte, denn als sie einmal Nele hatte besuchen wollen, war ihr Romaine dort begegnet.

Trotzdem es immer wieder Spannungen gab und Leonie sich am liebsten schon in ihr Bett verkrümelt hätte, liebte sie diese Abende. Es gab ihr ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, so etwas kannte sie von ihrer alten Schule überhaupt nicht. Nicht aus Deutschland und nicht aus Frankreich. Dennoch wollte Leonie auch an solchen Abenden um nichts in der Welt mit irgendwem tauschen.

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„Sie erwarten sicherlich alle, dass ich Ihnen etwas über die Geschichte der Zauberei beibringe. Über die Trollkriege, über weit entfernte Fehden, vielleicht auch über Aufstieg und Fall von Lord Voldemort." Einige Schüler zuckten bei dem Namen unwillkürlich zusammen, doch Professeur Marchand ignorierte die erschrockenen Gesichter und angstvollen Blicke. Für solche Dinge hatte er kein Verständnis.

„Vielleicht erwarten Sie auch, über die Legenden von Mont-Saint-Michel aufgeklärt zu werden, um bei lokalen Gegebenheiten zu bleiben?"

Die Schüler schienen nicht so recht zu wissen, was er von ihnen erwartete. Offenbar saß vor ihm eine Klasse von Schwachsinnigen. Hatte er je etwas anderes von Gladiateur erwartet? Geschichte war die Paradedisziplin seines Turms, Sagace. Entsprechend lieber hatte er seine eigenen Schüler in seinem Klassenraum, der mehr einer Bibliothek glich, als einem Klassenzimmer. Der Raum war rund und mit allerlei Krempel zugestellt. Hier ein überdimensionaler Globus, der nicht die Welt zeigte, sondern etwas vollkommen anderes, da eine alte Karte, hier ein Relikt aus längst vergangener Zeit und da eine Flasche mit einem Präparat.

Quentin Marchand war stolz auf seine Sammlung und er war stolz auf die Präsentation seines Lehrstoffs. Auch wenn er wusste, dass er den Schülern nicht geheuer war. Professeur Marchand war riesig, beinahe zwei Meter groß, nachtschwarze Augen blitzten in seinem glatten Gesicht hervor, die Haare zur Glatze geschoren, die strengen Augenbrauen angsteinflößend über die stechenden Augen gewölbt. Die Lippen zu einem strengen Strich verzogen.

„Damit fangen wir erst gar nicht an. Wie kann ich erwarten, dass Sie einen Weitblick für die Schicksale und Geschichten dieser Welt entwickeln, wenn Sie sich nicht mit Ihren eigenen Wurzeln beschäftigen."

Immer noch ratlose Gesichter. Jedem aus Sagace hätte dieser Wink genügt. Denen hier nicht. Die blickten ihn nur verängstigt an.

„Schauen Sie sich um. Sind Sie hier nicht schon genügend mit der Geschichte der Zauberei in Verbindung gekommen?"

Jetzt schien der Groschen gefallen zu sein, denn einige Schüler tuschelten und es breitete sich wissendes Verständnis in ihren Gesichtern aus. Wurde aber auch Zeit.

„Auf der Beauxbatons Académie ist seit jeher Geschichte geschrieben worden. Einige dieser Geschichten und Legenden sind auch heute noch bekannt, andere unwahre Mythen oder Hirngespinste von Schülern. Manche sind nicht einmal der Schulleiterin noch bekannt, obwohl sie allein wohl die meisten Geheimnisse dieser Mauern kennt. Kennen Sie eine der Legenden von Beauxbatons?"

Drei Schüler meldeten sich. Quentin Marchand brauchte nicht nach ihren Namen fragen, er kannte sie alle. Sein Namensgedächtnis war nahezu phänomenal.

„Mademoiselle Dupont?"

„Die goldene Pyramide unter der Schule", antwortete das Mädchen schüchtern.

Quentin lachte. Warum erzählten die Schüler diese Legende nur immer als erstes?

„In der Tat, das ist die dümmste Legende, die Beauxbatons zu bieten hat. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die Schule auf einer umgedrehten, goldenen Pyramide erbaut wurde, also auf einem Fundament aus Gold. Das ist natürlich Unfug, es ist ein leichtes das zu überprüfen, doch das Gerücht hält sich tatsächlich hartnäckig. Einfache Gemüter behaupten, das Fundament sei mit den Jahren abgerutscht und tief verborgen in der Erde. Da frage ich mich doch, als der Wissenschaftler, der ich bin, wie kann das sein? Wieso stürzt die Schule nicht ein, wenn das Fundament doch abgesackt ist?"

Einige Schüler kicherten.

„Etwas mehr ernst, meine Damen. Und doch ist dies schon die Entzauberung eines Mythos. Und wieso sollte überhaupt jemand eine Schule auf eine umgedrehte Pyramide stellen? Das ist doch ein ziemlich wackeliges Format. Diese Legende beruft sich auf die Gründerzeit von Beauxbatons. Kennen Sie die Geschichte der Gründung, Mademoiselle Dumont?"

Erwischt. Michelle Dumont hatte garantiert nicht zugehört und ziemlich rot im Gesicht war sie nun auch.

„Irgendwer sonst?" Er ignorierte einige Hände, die nach oben gereckt waren, ihm stand jetzt nicht der Sinn, nach langatmigen, laienhaften Darstellungen.

„Drei Reiter streiften vor hunderten von Jahren durch den Sumpf, den sie hier vorfanden. Sie waren geflüchtet vor den Muggeln, die, obwohl sie friedfertige Hexen und Zauberer waren, sie verfolgten und schmähten. Darüber waren diese drei Reiter jedoch nicht erzürnt und nahmen Rache, wie so viele zwielichtige Gesellen es getan hätten. Sie empfanden Trauer darüber. Sie wollten nicht, dass ihre Kinder und Kindeskinder dieselben Schmähungen wie sie ertragen mussten. Beauxbatons wurde nicht gegründet, um eine Armee von Zauberern heran zu züchten. Nein, die Académie wurde als Schutz gebaut. Als Schutz vor Unwissenden, die sich bereichern wollten, die Zauberer und Hexen als Waffen nutzen wollten und als Schutz vor sich selber. Dennoch haben die Gründer einige Merkmale dieses Landes einfließen lassen, die sie selbst niemals abgelegt haben. Denn so oder so kann eine Hexe oder ein Zauberer immer noch mehr sein, als eben nur eine Hexe oder ein Zauberer. Sie waren vor allem auch Franzosen und sie ertrugen dieselben Hungersnöte wie die Muggel und durften zusehen, wie die Königin tanzt und protzt, sie erlebten dieselben Kriege und führten die gleiche Revolution."

Was Quentin nun tat, war einzigartig und er wusste, dass seine Schüler ihn dafür bewunderten: Aus dem Rauch der Fackeln marschierten kleine Soldaten, mehr Schemen als tatsächliche Figuren, doch sie marschierten zu hunderten durch das Klassenzimmer, man sah Generäle auf kleinen Räucherpferden, Fahnen wurden gehisst und das Schloss Versailles erhob sich vom Pult.

Raunen ging durch die Bänke und hier und da anerkennendes Flüstern. Wie auf ein geheimes Kommando begann nun der Krieg und kleine Kanonenkugeln aus Rauch flogen herum und die beiden Schattenheere stürzten sich aufeinander.

„Dies ist Ihre Geschichte, meine Damen und Herren. Viele Hexen und Zauberer halten sich für darüber erhaben, doch tatsächlich sind sie auch nur französische Bürger, so wie die Muggel auch. Daher rate ich ihnen von derart arroganten Gedanken in meinem Unterricht ab."

Die Heere zerfielen zu Staub und einige Schüler murrten enttäuscht, doch Quentin fuhr mit seinem Unterricht fort.

„Es gibt jedoch nicht nur diese eine Legende. Wer kennt noch eine? Mademoiselle Rozier?"

„Der Spiegelsaal."

Quentin lachte. „Ja, auch diese Legende gibt es. Eigentlich kennt man den Spiegelsaal nur aus Versailles. Doch Sie haben sicherlich selbst festgestellt, dass es auf Beauxbatons unheimlich viele Spiegel gibt. Sie, Monsieur Lamorliére, würden Sie sich trauen, vor einem der Spiegel die Worte: c'est la manie zu sprechen?"

Angstvoll schüttelte der Junge den Kopf, doch einige der Schüler blickten verwirrt drein. Offenbar war die Legende nicht allen geläufig.

„Sie kennen die Geschichte wohl nicht? Ich kann Ihnen zunächst einmal versichern, dass Sie völliger Blödsinn ist, dennoch erwische ich ständig Schüler, die vor irgendwelchen Spiegeln die Worte sprechen. Mit Vorliebe nachts. Ich weiß nicht, wer sich diesen Unfug ausgedacht hat, aber diese Legende animiert mehr Schüler, sich nachts aus dem Bett zu schleichen, als jede Liebelei und jedes Quidditchspiel. Die Legende ist so mächtig, sie zieht seit jeher schwarzmagische Zauberer an. Die Schlimmsten von allen. Man sagt, selbst Lord Voldemort habe danach getrachtet.

Wie dem auch sei, er hätte sich an Beauxbatons die Zähne ausgebissen, einen gardien überlistet niemand.

Einst lebte auf Beauxbatons eine verbitterte Hexe, sie war die Alchemielehrerin und tatsächlich gab es einmal eine Hexe, die so hieß und hier gelehrt hat. Vermutlich kommt dieses Märchen jedoch nur von ein paar Schülern, die ihre Lehrerin nicht mochten. Adaliz La Lune. Adaliz war so begabt, man sagte ihr nach, dass sie die Toten tanzen lassen konnte, wann immer sie es wollte, nur durch ihre alchemistischen Zutaten. Doch dieses Wissen machte ihr nicht nur Freunde, im Gegenteil, sie stieß auf Ablehnung. Die Menschen hatten Angst vor ihrer Begabung. Der Schulleiter schickte sie schließlich fort, nachdem er erkannt hatte, was sie möglich machen konnte. Jeder tuschelte hinter ihrem Rücken und die Leute fürchteten sich. So nahm, der Legende nach, Adaliz ihr gesamtes Wissen mit sich in die Spiegelwelt, wo sie sich einmauerte und bis heute darauf wartet, dass sie die Toten tanzen lassen darf. Das natürlich nur im übertragenen Sinne, vielmehr bedeutet es, dass sich derjenige, der den richtigen Spiegel findet, als Befehlshaber einer Armee von Untoter fühlen darf, denn mehr ist es nicht. Die Toten folgen einem. Kein schöner Gedanke, nicht wahr?"

Einige der Kinder schüttelten sich.

„Das alles ist natürlich Unfug. Wenn dem nicht so wäre, hätte man die Spiegel entfernt. Selbst in diesem Klassenzimmer gibt es so viele Spiegel, wenn sie nur einmal richtig hinsehen, dass sie sich eine Weile damit beschäftigen können, jeden davon anzusprechen und es würde natürlich nichts dabei geschehen."

„Was macht man denn, wenn die Toten einem plötzlich folgen?" Die Stimme gehörte Romaine Chevallier.

„Dann, meine Liebe, fürchte ich, dass Sie auf keiner Party mehr ein gern gesehener Gast sind."

Nun kicherten ein paar Schülern, doch Romaine schien die Frage durchaus ernst zu meinen.

„Kann ich ihnen auch befehlen, wieder ins Grab zurück zu steigen?"

„Ich befürchte, so einfach ist das gar nicht. Keiner weiß, ob die Toten und mit Ihnen auch Adaliz tatsächlich auf denjenigen hören, der sie befreit. Man nimmt es nur an. Aber probieren Sie es ruhig, meine Liebe, sie werden scheitern, so wie alle Schüler zuvor. Hin und wieder sehe ich sogar Kollegen, die es probieren."

„Und wie werde ich die Untoten dann wieder los?"

Quentin lächelte. „Dafür gibt es unsere nächste Legende: Das Horn von Bryere"