Die Schulglocke zerriss die gespannte Stille und einige Schüler blieben erwartungsvoll sitzen, doch man konnte Professeur Marchand ansehen, dass er nicht gewillt war, seine Stunde fortzuführen. Seufzend ließ Claire sich von ihrem Stuhl hinab gleiten und packte ihre Tasche. Wie spannend das alles war! Sie konnte die nächste Geschichtsstunde kaum erwarten. Vor lauter Aufregung kratzte sie ihren Hals, erst als sie dem bösen Blick von Michelle begegnete, ließ sie es bleiben. Michelle hatte ihr mehrere Male gesagt, wie ekelhaft sie das fand, wenn Claire die ganze Zeit an ihren Wunden herum kratzte. Dabei konnte sie doch gar nichts dafür.
„Professeur, erklären Sie uns in der nächsten Stunde, was es mit diesem Horn auf sich hat?", sagte einer der Jungs aus den ersten Reihen. Claire glaubte, dass es Albert war.
„Sofern Sie mir folgen können, ja. Meine Aufgabe an Sie: Recherchieren Sie die Legende von Adaliz gründlich nach und erläutern Sie mir, welche Fakten davon wissenschaftlich belegbar sind. Bis nächsten Freitag. Au revoir."
Schwatzend verließen die Erstklässler die „Bibliothek" von Professeur Marchand.
„Musstest du das so genau wissen?", hörte sie Antoinettes angeekelte Stimme. „Die Toten folgen dir? Ist ja ekelhaft."
Die Worte waren eindeutig an Romaine gerichtet, doch Romaine zuckte nur die Schultern. „Das funktioniert doch sowieso nicht, du hast ihn doch gehört."
„Vielleicht hat nur keiner den richtigen Spiegel gefunden", gab Claire zu bedenken. Warum denn nicht? Legenden kamen ja wohl kaum von selber. Wenn sie sich allerdings recht daran erinnerte, dann hatten selbst Louis und Pierre einmal versucht, sämtliche Spiegel von Beauxbatons zu bequatschen. Nur deswegen hatte sie die korrekte Antwort auf Professeur Marchands Frage geben können. Außerdem erinnerte sie sich daran, dass ihre älteren Brüder dafür ordentlichen Anpfiff von ihrer Mutter kassiert hatten.
„Was ist denn das Horn von Bryere?", fragte Florence leise.
„Hab ich noch nie gehört", antwortete Michelle von weiter hinten.
„Es funktioniert nicht", sagte Romaine erneut. „Das wäre doch viel zu einfach. Bestimmt behält die Schulleiterin diesen Spiegel, sofern es ihn überhaupt gibt, unter Verschluss. Es wäre doch total riskant, wenn irgendein Blödmann plötzlich eine Armee von Untoten beschwört."
Claire sah, dass Michelle sich auf die Lippe biss, vermutlich um nicht schon wieder mit Romaine aneinander zu rasseln, doch das spöttische Lächeln war absolut nicht zu übersehen.
Florence schlug als Erste den Weg zu den Gewächshäusern ein und die Klasse folgte, laut tuschelnd. Botanique war ein Fach, das sie mit den Schülern aus Helissio zusammen hatten und das stieß auf geteilte Meinung. Michelle teilte ihre Meinung vor allem jedem, zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit mit, nämlich, dass in Helissio nur aufgeblasene Reinblüter auf ihrem faulen Hintern saßen. Einmal war sie dabei mit einem stämmigen Jungen aus Helissio aneinander geraten und wäre Leonie nicht dazwischen gegangen, Claire war sich ganz sicher, dass die beiden sich geprügelt hätten. Jedes Mal wenn Michelle lautstark lästerte, verfinsterte sich jedoch auch Romaines Blick, denn die fasste die Parolen der Dunkelhaarigen jedes Mal als Affront gegen ihre Familie auf.
Und dann war da noch das Fach selbst. Claire musste sich zwar nicht zwingen zuzuhören, sie war auch nicht schlecht, aber mindestens die Hälfte ihrer Klasse konnte sich etwas Besseres vorstellen, als zwischen den Gewächsen in den unübersichtlichen Gartenhäusern zu sitzen und dementsprechend benahmen sie sich auch. Da änderte auch Professeur Beauchamps entspannte Art nichts daran, dass dieses Fach allgemein ziemlich unbeliebt war. Beim ersten Mal waren sie alle noch fasziniert gewesen, vom gläsernen Klassenzimmer auf den grünen Hügeln.
Wenn man aus dem Tor von Beauxbatons trat, dann befand man sich in einer eigenen, kleinen Welt. Grüne Hügel, Lavendelfelder, ein lichter Laubwald und mitten drin die verschiedenen Gewächshäuser, natürlich in Pyramidenform. Claire erinnerte dieses Bild immer an die Provence. Irgendwo, den Weg hinunter, durch den Laubwald, musste sich auch das Quidditchfeld befinden, doch Claire war bisher noch nicht dort gewesen. Auch sonst hatten sie kaum Zeit, durch die Schule zu streifen, denn momentan nahm allein schon die Suche nach dem nächsten Klassenzimmer einiges an Zeit in Anspruch. Pierre spielte Quidditch. Vielleicht nahm er sie einmal mit zum Spielfeld, überlegte sie gerade, als Florence sie aus ihren Gedanken riss.
„Ich glaube trotzdem, dass es den Spiegel gibt", raunte sie ihr zu.
„Wie?" Claire hatte gar nicht gemerkt, dass die Diskussion weitergeführt worden war.
„Wir können das doch mal probieren."
„Das ist doch total albern", murrte Claire, doch war sie ein wenig hin und her gerissen, denn lustig war die Sache mit Sicherheit. „Vielleicht", schickte sie hinterher und trat neben Florence durch die Türe des Gewächshauses.
Professeur Beauchamp stand bereits an ihrem Pult, das mehr aussah, als sei es natürlich gewachsen, statt wie ein Möbelstück. Vielleicht war es das auch. So einiges war in den Gewächshäusern ungewöhnlich. Der Fußboden schien ähnlich zu sein, wie der in den catacombes, denn obwohl er eben war, gab er bei jedem Schritt nach und man hatte das Gefühl, auf einer Sommerwiese zu laufen und nicht auf einem glatten Boden. Die Stühle waren mit Efeuranken überwachen und überall raschelte es.
Professeur Beauchamp selber war eine praktische Frau, ohne unnützes Brimborium trieb sie ihren Unterricht vorwärts. Sie hatte selbst etwas von einer Pflanze, fand Claire, denn immer war sie ein wenig dreckig, ihre Hosenbeine feucht oder beschmiert und sie tätschelte ihre Blumen mit einer Hingabe, die Claire nie gesehen hatte, jedenfalls nicht für eine relativ leblose Pflanze. Doch ging auch das Gerücht unter den Schülern um, dass Professeur Beauchamp, ganz wie eine echte Blume, bei Regen den Kopf hängen ließ. Was für ein Unsinn, dachte Claire. Die blonde Frau wirkte nicht, wie jemand, den ein bisschen Regen aus der Fassung brachte.
„Willkommen meine Lieben", begann Professeur Beauchamp sogleich, als endlich alle einen Platz gefunden hatten. „Ich bin sehr gespannt, was Sie mir über die Eigenschaften von Fingerhut geschrieben haben."
Als einige Schüler bereits in ihren Taschen herum kramten, winkte sie ab. „Nicht nötig, ich mache das schon selbst." Die Pergamente schossen regelrecht in die Luft und stoben los, auf Professeur Beauchamp zu, die sie lachend aus der Luft griff. „Wollen wir doch hoffen, dass Sie mir auch gut zugehört haben, denn heute lernen Sie den magischen Fingerhut kennen. Die Pflanze ist ein bisschen griesgrämig und darf nicht in der Nähe von Muggeln gehalten werden. Aber wir hier auf Beauxbatons haben eine ganze Menge von ihnen."
Ein paar Schüler sahen sich ängstlich um, als ob die gefährlichen Pflanzen direkt hinter ihnen stünden. Claire und Florence, die die Bewegung der anderen gesehen hatten, kicherten ungehalten.
Ein Junge aus Helissio warf ihr einen sehr bösen Blick zu und Claire verstummte hastig.
Professeur Beauchamp warf ihnen einen kühlen Blick zu, doch sie fuhr mit ihrem Vortrag fort: „Magischer Fingerhut ist ein reichlich alberner Name, denn tatsächlich ist sein botanischer Name Digitalis purpurea amandiana. Wie auch immer Sie diese Pflanze nennen, sie ist giftig. Aber natürlich nur, wenn man sie einnimmt, und wer würde das schon? Fingerhut erkennt man im Halbschlaf und wenn sich dieser noch bewegt, dann ist kein Mensch, Zauberer oder Muggel, so verrückt und leckt daran."
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Coralie Winter betrachtete nachdenklich den Spiegel vor sich. Es war beinahe zehn. Zeit, in den Gemeinschaftsraum von Sagace zurückzukehren. Doch Coralie dachte gar nicht daran. Sie war verabredet. Diese Art der Verabredung hatte vermutlich schon zu allen Zeiten an verschiedenen Orten der Académie stattgefunden, dennoch war Coralie aufgeregt. Sie, ihre Zimmernachbarin Josephine Phillipon, Nyx Leandros, Luzienne La Leure und Dominic Dumont hatten im Alchemieunterricht beschlossen, den Spiegeln von Beauxbatons einen Besuch abzustatten, nachdem Dominic, mit vor Freude blitzenden Augen, erzählt hatte, dass seine kleine Schwester gerade mit der Legende von der Spiegelwelt angefangen hatte. Coralie selbst hatte diese erste Unterrichtsstunde von Professeur Marchand noch mehr als genau im Gedächtnis. Für die anderen war das vielleicht ein lustiger Scherz, aber Coralie sah das als echte Chance, etwas über wirkliche, schwarzmagische Flüche zu lernen. Wie ein Schwamm sog sie gierig alles über schwarze Magie auf, was sie finden konnte. Kein Buch war vor ihr sicher, jeder Lehrer wurde mit Fragen gelöchert. Selbstverständlich hatte Coralie sich seitdem an einigen Spiegeln probiert, aber wie jeder Schüler von Beauxbatons war sie gescheitert. Offenbar musste der Spiegel so groß sein, dass man ihn übersah, oder aber so klein, dass man ihn kaum sah. Das waren für sie die einzigen Möglichkeiten.
Sie strich ihre wirren Locken aus dem Gesicht und sah sich um. Noch fünf Minuten.
Als Josephine um die Ecke bog, erschrak Coralie, sie hatte ihre Freundin nicht kommen gehört. „Hast du mich erschreckt", japste sie.
„Du wusstest doch, dass ich komme", antwortete Josephine ratlos, wechselte aber schnell das Thema. „Die anderen sind noch nicht da?"
Coralie schüttelte den Kopf. „Nein."
„Vielleicht hättest du nicht unbedingt Schüler aus einem anderen Turm einladen sollen", gab Josephine zu bedenken.
„Ich kenne Nyx schon total lange, sie verpetzt uns schon nicht. Die ist doch selbst viel zu neugierig."
„Und Dominic? Mir kam der immer etwas komisch vor. Als wäre alles für ihn nur ein Spiel."
„Passt doch", entschied Coralie und lehnte sich an die Wand.
„Das ist albern, weißt du das? Das haben wir in der ersten Klasse gemacht, erinnerst du dich? Und in der Vierten auch noch mal. Nichts haben wir bekommen, außer Strafarbeiten von Professeur Brie."
„Dieses Mal machen wir es halt besser", antwortete sie. „Hör mal, Josephine, ich zwinge dich nicht dazu."
Hinter ihnen erklangen Schritte. Nyx und Dominic.
„Wo ist Luzienne?", rief Coralie.
Nyz verzog das Gesicht. „Die ist ein bisschen sauer auf mich, ich glaube sie wird nicht kommen."
Coralie runzelte die Stirn. „Hoffentlich verpetzt sie uns nicht."
„Blödsinn", sagte Nyx beleidigt, als hätte man sie selbst des Petzens bezichtigt.
Coralie war sich da gar nicht so sicher. Sie wäre jedenfalls stinksauer gewesen, wenn ihre beste Freundin sich plötzlich mit ihrem Exfreund treffen würde, doch sie sagte vorsichtshalber nichts mehr dazu. „Dann kann es ja losgehen."
Dominic machte eine spöttische kleine Verbeugung. „Wie Ihr befehlt, Madame."
Coralie setzte eine unbeteiligte Miene auf und winkte die anderen in das Mädchenklo hinein, vor dem sie die ganze Zeit gestanden hatten.
„Habt ihr das schon mal gemacht?", wollte Coralie wissen.
„Jeder hat das schon mal gemacht", antwortete Dominic abschätzig. „Professeur Marchand nötigt einen doch geradezu, es zu versuchen."
„Wie viel ist euch noch von der Legende im Gedächtnis geblieben?" Coralie nahm an, dass sich die meisten Schüler nur die Hälfte merkten, vermutlich war das auch die Wahrheit, denn nicht jeder empfand so eine krankhafte Neugierde für die schwarze Magie wie sie.
„Ich erinnere mich noch an das Horn", grübelte Nyx.
„Ja, das Horn. Das Horn und der Spiegel sind die Schlüssel zu allem. Das Horn ist ohne den Spiegel nichts Wert und anders herum. Aber den Spiegel kann man trotzdem ohne das Horn benutzen."
„Also geht es rein um den Nervenkitzel, ein paar Spiegel anzuquatschen", kommentierte Josephine kichernd.
So gesehen hatte sie Recht.
„Ja."
„Wunderbar", lautete Dominics ironischer Kommentar. „Wo willst du anfangen?"
„Bei den unwahrscheinlichen Spiegeln. Ganz kleine, in Reliefs, in Mosaiken, im Badezimmer gibt es furchtbar viele. Oder aber bei ganz großen Dingen, von denen man zuerst gar nicht merkt, dass sie ein Spiegel sind."
„Das ist albern", sagte Nyx grinsend.
„Macht doch nichts. Ich fand das schon als Erstklässlerin lustig", rief Josephine fröhlich.
„Ich bin gespannt, was wir am Ende davon haben", überlegte Dominic und wiegte den Kopf.
„Vermutlich ein paar Strafarbeiten von Professeur Brie, so wie beim letzten Mal", antwortete Josephine zwinkernd.
