Schon nach kurzer Zeit kam es Coralie vor, als hätten sie bereits mit allen nur denkbaren Spiegeln gesprochen, auch wenn das nicht der Fall war, es gab einfach zu viele in dieser Schule. Vielleicht hatte Professeur Marchand gar nicht so Unrecht. Irgendwann musste irgendwer doch auch einmal den richtigen Spiegel erwischen. Also gab es ihn entweder nicht, oder er lagerte tatsächlich dort, wo ihn niemand erreichen konnte und Coralie war nicht scharf darauf, in Madame Maximes Büro einzubrechen. So etwas hätte sie sich selbstverständlich nie getraut.
Sie folgten gerade einer Galerie zum Turm von Sagace, als hinter ihnen Schritte erklangen. Dominic und Nyx waren die Ersten, die sich in den Innenhof flüchteten, Coralie und Josephine folgten rasch. Beauxbatons war voll von solchen Innenhöfen und sie boten ideale Verstecke für Schüler wie sie.
Stimmen. Wer auch immer dort draußen herum lief, der war ziemlich unvorsichtig. Coralie und Josephine pressten sich eng an die Mauer um bloß nicht gesehen zu werden. Die Stimmen kamen näher. Eine davon kannte Coralie ganz genau und erschrocken hob sie den Kopf und spähte auf den Gang: Professeur Marchand. Er schwieg jetzt und auch seine Begleitung schwieg nun, Professeur Latoux. Auf halbem Weg von ihnen fort, begann der Streit jedoch erneut.
„Ich habe es dir mehrmals gesagt. Ich mache das nicht mehr mit!" Die Stimme von Professeur Latoux klang eindeutig verärgert.
„Du musst es nicht, niemand zwingt dich."
Das klang beinahe wie das Gespräch, was sie mit Josephine geführt hatte, fand Coralie.
Die Gestalt von Professeur Latoux blieb stehen, selbst in der Dunkelheit war sie klar erkennbar, die Lehrerin trug immer Perlen im Haar, die selbst den kleinsten Schimmer reflektierten. Neben ihr raschelte es im Gebüsch und sie hörte ein entnervtes Geräusch von Dominic.
„Weißt du, Quentin, es ist besser, wenn ich jetzt wieder in mein Büro gehe."
Wieder Schritte, Professeur Latoux eilte hastig an ihnen vorbei, warf jedoch zum Glück keinen Blick in den Innenhof, denn Nyx war nicht besonders gut versteckt.
Coralie wagte sich als erste aus dem Versteck, immer noch auf der Hut, den Professeur Marchand musste noch irgendwo hier sein. Er stand jedoch immer noch dort, wo Professeur Latoux ihn verlassen hatte und starrte in die Dunkelheit.
„Großartig", flüsterte Josephine ihr zu. „Hoffentlich bleibt er nicht die ganze Nacht hier. Ich sterbe, wenn ich hier übernachten muss, ehrlich."
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Nur mit Müh und Not schaffte es Antoinette überhaupt wach zu bleiben. Sie hatte kaum geschlafen, weil sie mit ihren Hausaufgaben viel zu lange gewartet hatte und hätte am liebsten den Kopf auf das Pult gelegt und wäre eingeschlafen. Draußen färbten sich die Blätter langsam rot, der Herbst hielt Einzug und Antoinette wäre am liebsten in den Winterschlaf gekrochen. Neben ihr saß Michelle mit ähnlich trüben Augen und wartete auf das Eintreffen von Professeur Brie. Die ließ sich allerdings heute jede Menge Zeit.
„Wo bleibt sie denn nur?", nuschelte Florence hinter ihr. „Die ist doch sonst immer so pünktlich."
Claire und Romaine, zu ihrer Linken, spielten Zauberschnippschnapp. Michelle hatte tatsächlich die Augen geschlossen.
„Ob das immer so weiter geht?", fragte sie Florence.
Florence schüttelte den Kopf. „Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, diese Woche meine Hausaufgaben sofort zu erledigen."
„Du hast ja recht", sagte Leonie, die neben Florence saß. „Aber es ist so viel."
„Besser ich mache jetzt viel und habe am Wochenende frei, als anders herum."
„Ich hab's verstanden, du hast recht", rief Leonie und hielt sich die Ohren zu. „Ich weiß, dass wir zu faul sind."
Michelle öffnete ein Auge. „Ihr seid so laut", murrte sie und schloss es wieder.
Florence streckte ihr die Zunge heraus. „Schlafmütze."
Bevor Michelle etwas erwidern konnte, wurde die Tür geöffnet und Professeur Brie trat ein, jedoch in Begleitung eines schlaksigen, jungen Mannes.
„Wer von Ihnen hat schon einmal Quidditch gespielt?"
Einige Hände hoben sich verhalten.
„Wer von Ihnen ist schon einmal einen Besen geflogen?"
Ein paar mehr Hände.
Professeur Brie schüttelte den Kopf und wandte sich zu dem jungen Mann hinüber. „Holen Sie Professeur Lacroix, das hat so keinen Sinn."
Es entstand einiges an Getuschel, als Professeur Brie den jungen Mann hinaus scheuchte. Offenbar handelte es sich hier um etwas Wichtiges.
„Quidditch", flüsterte Claire aufgeregt.
Auch Antoinette kannte Quidditch, immerhin war ihr Bruder der Sucher von Helissio. Aber sie hatte niemals selbst gespielt. Das jedoch, war immer der Moment, an dem sie ganz genau lauschte. Fliegen! Das musste großartig sein.
Professeur Brie machte keine Anstalten, sich weiter zu erklären, im Gegenteil, ungeduldig wippte sie mit dem Fuß und wartete auf Professeur Lacroix, ihren Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste.
Als die Tür erneut aufschwang, sah Professeur Brie eindeutig erleichtert aus. Mit einer strengen Handbewegung verschaffte sie sich Ruhe und wies gleichzeitig auf den jungen Mann, links von ihr.
„Das hier ist Olivier Boyer. Ihm obliegt die Leitung des Quidditchteams von Gladiateur. Jeder, der sich zutraut, dass er als Jäger für Gladiateur einspringen könnte, der folgt den beiden jetzt bitte zum Quidditchfeld."
Tatsächlich standen eine Menge Leute auf, viel mehr, als sich vorhin noch gemeldet hatten, auch Claire.
„Du kannst Quidditch spielen?", raunte Antoinette ihr zu.
„Weiß nicht. Mal sehen."
Michelle zeigte ihr einen Vogel und schloss die Augen wieder. „Sie stürzt ab, wie ein Stein."
„Woher willst du das wissen?", fragte Leonie. Antoinette hatte manchmal den Eindruck, dass Leonie die einzige war, die Michelle dazu bewegen konnte, vor dem sprechen auch nachzudenken.
„Kannst du fliegen?", wollte Michelle wissen und ignorierte Leonies Einwand.
„Ich war im Handballverein. Das ist nichts anderes, nur in der Luft."
„Sie stürzt ab, wie ein Stein, entschied Michelle."
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Am Ende gingen sie doch geschlossen durch die Académie, denn viele Stimmen hatten lautstark nach zuschauen verlangt und tatsächlich hatte Professeur Brie dieses Mal sogar nachgegeben. Romaine war eine der ersten, die durch das Portal auf die Ländereien gingen. Sie wusste von ihren Eltern und ihren Verwandten, dass das unterirdische Quidditchfeld seinesgleichen suchte.
Die zwei Professoren, gefolgt vom Mannschaftskapitän gingen voran und zu ihrem Erstaunen, gesellte sich Claire zu ihr.
„Kannst du Quidditch spielen?", fragte ihre Zimmernachbarin.
„Nein. Aber meine Maman."
„Dann kannst du es bestimmt auch."
Offenbar war Claire ganz begierig aufs Quidditch spielen. Romaine zwang sich zu einem Lächeln. Das Mädchen hatte ihr nichts getan und keine von ihnen konnte etwas dafür, dass Romaine nicht in Helissio gelandet war. Das sagte sie sich jeden Morgen und manchmal gelang es ihr sogar, das zu vergessen und die Mädchen wie ganz normale Freundinnen zu behandeln.
Durch das kleine Stück Wald ging es hindurch, an den Gewächshäusern vorbei und dann blieben die beiden Professoren vor ihnen stehen. Romaine hätte sie beinahe angerempelt, so abrupt war es geschehen. Dann warf sie einen Blick an ihnen vorbei und erstarrte.
Unter ihnen lag tief in der Erde das Quidditchfeld, doch die Spalte wirkte riesig, wie der Grand Canyon. In die Felswand waren die Tribünen eingelassen und ganz unten konnte sie sogar den grünen Rasen des Spielfelds erkennen. Die Torstangen lagen auf halber Höhe und die Wappen der Türme zierten die verschiedenen Tribünen. Eine, wie Romaine vermutete, Kommentatoren Kabine lag auf der rechten Seite und auch für die Lehrer gab es eine separate Loge.
Immer mehr Schüler drängelten sich nun an Romaine vorbei und bestaunten das Quidditchfeld. Über ihnen gab es riesige Scheinwerfer, wie Romaine sie einmal in einem Fußballstadion gesehen hatte, doch die waren gerade nicht in Betrieb. Allerdings bezweifelte sie, dass diese Dinge auf herkömmliche Weise funktionierten. Bisher hatte sie noch nichts an dieser Académie gefunden, was so funktionierte, wie es tatsächlich sollte, wenn es um Muggelgegenstände ging.
Auf dem grünen Rasen war das Schulwappen eingestanzt, die überkreuzten Zauberstäbe von Beauxbatons. Beinahe ehrfürchtig sahen einige Klassenkameraden dort hinunter. Gewiss, das war imposant. Aber es war doch nur Quidditch und Romaine machte sich da nicht viel draus.
„Wir werden uns dort unten mal an einige Flugversuche machen", vernahm Romaine die angenehme Stimme von Lucien Lacroix, dem Schwarm sämtlicher Mädchen auf Beauxbatons. Auch Romaine war da keine Ausnahme, ihr Verteidigungslehrer sah einfach zu gut aus.
„Treten Sie bitte in Zweierreihen nach vorn", wies Professeur Lacroix sie an und Romaine und Claire waren die ersten, die mit einem ziemlich mulmigen Gefühl an den Rand der Klippe traten.
Der Boden unter Romaine ruckte, dann zeichnete sich ein deutlicher, quadratischer Riss um ihre Füße und dann öffnete sich die Grasnarbe und Romaine rauschte abwärts.
Ein Schrei entfuhr ihr und sie hielt die Augen fest geschlossen, als es in rasanter Fahrt abwärts ging. Das war ja schlimmer, als Achterbahn fahren!
Wie in einer Rutsche ging es immer tiefer abwärts, bis das Tempo nach einer Weile endlich abnahm und Romaine einen schwachen Lichtschein wahrnehmen konnte. Beinahe sanft, purzelte sie am Ende der Rutsche heraus und fand sich in einem Raum wieder, der vermutlich ein Besenlager war. Die verschiedensten Besen fanden sich dort wieder, große, kleine, aus verschiedenen Holzsorten und mit verschiedenen Namen, von denen Romaine noch nie gehört hatte. Sie hörte einen Aufschrei, dann stürzte auch Claire hinaus aus der Röhre. Sie sah ziemlich zerzaust aus, ihre Haare standen nach allen Richtungen ab und Romaine musste kichern, als die ihre Zimmernachbarin sah.
„Wow", machte Claire und musste sich an einem Besenständer festhalten. „Das war aber wild."
Hinter ihnen kugelten gerade Michelle und Jacques Doulab aus der Röhre. Michelle sah ein wenig grün im Gesicht aus.
„Alles in Ordnung?", fragte Romaine und reichte Michelle die Hand, doch die schüttelte den Kopf und erhob sich, ohne die helfende Hand anzunehmen.
„Scheußliches System", sagte Michelle gepresst. Sie sah aus, als ob sie sich gleich übergeben müsste.
„Ist das nicht total umständlich, wenn alle Leute hier runter müssen?", überlegte Claire gerade laut. Romaine pflichtete ihr bei. Bei einem Quidditchspiel war vermutlich die ganze Schule anwesend, so mussten sich ja alle Schüler anstellen.
„Meine Schwester hat gesagt, dass der eigentliche Eingang auf der anderen Seite ist. Man geht einfach durch einen Tunnel", erklärte Jacques. „Aber von dort kommt man nicht in die Mannschaftsräume."
„Ach so", machte Claire und sah aus, als die nächsten Schüler eintrudelten, Florence und Olivier, der Kapitän der Quidditchmannschaft.
Romaine bewunderte die Besen an den Wänden. Tatsächlich sahen sie mehr aus wie Kunstwerke. Einige hatten einen silbrigen Überzug und die Namen klangen mysteriös und verheißungsvoll: „Mars v. 7.1", „Recluse 4000", „Siren 56". Sie wusste zwar, dass es natürlich verschiedene Marken bei Besen gab, doch sie hatte sich nie damit beschäftigt. Quidditch war eben einfach nicht ihr Sport, auch wenn ihre Maman so oft davon erzählt hatte.
