Florence knabberte an ihren Fingernägeln. Ein Glück, das niemand hinsah. Sie war nervös. Nervös war noch untertrieben, sie war übernervös! Fliegen! Sie würde sich lächerlich machen, vor ihrer ganzen Klasse! Oh, wie oft hatte André mit ihr geübt? Hundert Mal? Millionen Mal? Sobald der Besen abhob, hatte Florence das Gefühl, dass sie ihr Hirn ausschaltete und sich zum Affen machte. Immerhin war ihr Bruder Jäger im Team von Gladiateur. Wenigstens würde er jetzt nicht sehen, wie sie sich zum Narren machte. Aber sicherlich abends, im Gemeinschaftsraum davon hören.

Verstohlen sah sie sich nach den anderen um und versuchte zu ergründen, ob sich jemand genauso fürchtete wie sie, doch die meisten Gesichter wirkten verschlossen. Ein wenig beruhigt sah sie, dass Romaine offenbar kein großes Interesse an Quidditch hatte, den sie betrachtete ihre Umgebung zwar interessiert, doch eindeutig nicht so wie jemand, für den Quidditch bereits ein alter Hut war.

Schließlich gesellte sie sich zu Romaine und Michelle, die ein wenig abseits standen, jedoch kein Wort miteinander sprachen. Florence wunderte sich oft, warum die beiden nichts miteinander zu sprechen hatten, so ähnlich wie sie sich doch waren. Aber das sagte sie den beiden natürlich nicht. Mochten die beiden auch noch so unterschiedlich aussehen, Michelle rüpelhaft und immer ein kleines bisschen schluderig und Romaine immer zurechtgemacht, manchmal sogar ein wenig geschminkt (Florence hatte sie einmal mit einer kleinen Puderdose erwischt), modische Accessoires präsentierend und absolut damenhaft, so hatten sie doch ein mehr als ähnliches Temperament.

„Kannst du Quidditch spielen?", erkundigte sich Florence schließlich bei Michelle, doch die winkte ab und ließ den Besen wieder los, den sie in die Hand genommen hatte.

„Ne. Ich glaube, ich will es auch gar nicht können."

„Warum nicht? Es gibt keinen beliebteren Sport", mischte sich Antoinette erstaunt ein, die nur unweit von den beiden anderen gestanden hatte.

„Ja, gerade deswegen", erklärte Michelle launisch. „Das macht doch jeder"

Florence musste sich das Lachen ein wenig verkneifen. So herum klang das natürlich viel eleganter als: „Ich habe Angst vorm Fliegen".

Mittlerweile waren sie vollzählig im Umkleideraum angekommen und Professeur Lacroix trat hervor.

„Willkommen zum Quidditchtraining. Diejenigen, die gerne einmal ihr Glück versuchen möchten, treten bitte hervor, der Rest stellt sich auf die linke Seite. Ihr könnt euren Mitschülern nachher zusehen. Doch hütet euch zu lachen, Professeur Brie bat mich euch auszurichten, dass sie jeden von euch, der über einen anderen lacht, eigenhändig zum Toiletten putzen einteilt. Niemand ist hier, um gedemütigt zu werden."

Florence atmete erleichtert auf. Dann musste sie sich gar nicht melden, wenn sie nicht wollte.

„Professeur Brie, Monsieur Boyer und meine Wenigkeit werden uns ein Urteil über die Teilnehmer machen. Wer möchte nun also an diesem Test teilnehmen? Nur Mut, auch die Schüler, die es noch nie versucht haben, können sich melden."

Professeur Lacroix ließ die restlichen Schüler zurücktreten und schließlich blieben sieben von ihnen stehen: Afra Blanchard, René le Viste, Nicolas Brilleaux, Claude Rigot, Philippe du Sablon und zu ihrem Erstaunen auch Leonie und Claire.

„Wie will Leonie denn Quidditch spielen, sie ist doch muggelgeboren", sagte Romaine halblaut und fing sich einen bösen Blick von Michelle, die sich jedoch nicht traute, die Zimmernachbarin unter den wachsamen Augen von Professeur Lacroix zu massakrieren.

Romaine unterdessen schien gemerkt zu haben, dass ihr Kommentar ziemlich daneben gewesen war, denn sie nuschelte tatsächlich etwas, das wie: „Entschuldigung" klang und hielt sich den Mund zu.

Dann trat jedoch das ein, vor dem sich Florence gefürchtet hatte.

„Möchtest du es nicht auch versuchen, Florence? Dein Bruder ist so ein begnadeter Quidditchspieler, es würde mich nicht wundern, wenn du auch so gut spielst", sagte Professeur Lacroix freundlich.

Florence schüttelte ängstlich den Kopf. Sie brachte kein Wort heraus.

„Wirklich nicht?"

Wieder Kopfschütteln. Er sollte bloß weggehen und niemanden daran erinnern, dass es vielleicht spannend werden könnte, sie auf einen Besen zu setzen.

„Nein, Professeur Lacroix, ich möchte wirklich nicht", erklärte sie mit leiser Stimme.

Ihr Lehrer zuckte die Schultern, eine lockere Geste, die man nur bei wenigen Lehrern je sah, doch er ließ es zum Glück dabei bewenden.

„Die Teilnehmer folgen Monsieur Boyer nun bitte in den Umkleideraum."

Einige Schüler sahen sich verwirrt um, denn sie hatten angenommen, dass sie sich bereits in einem Umkleideraum befanden, dem war aber offenbar nicht so.

„Nehmen Sie sich einen der Besen mit. Wählen Sie einfach einen, von dem Sie glauben, dass er Ihren Vorstellungen entspricht."

Florence konnte einen Blick auf Claire erhaschen, die ziemlich selbstsicher einen „Terre de L'home 2011" aus dem Ständer nahm und dann mit den Lehrern zum Ausgang verschwand.

Olivier Boyer wies in die andere Richtung. „Wenn ihr dem Flur folgt, kommt ihr zur Tribüne von Gladiateur. Ich darf euch bitten, dort Platz zu nehmen."

..::~::..

André und Luzienne hatten gerade in der Gästeloge Platz genommen, als Raffaela Mirabeau eintrat. Das große, stämmige Mädchen war eine der Treiberinnen des Quidditchteams und damit eine wahre Rarität, denn die Sechstklässlerin überragte die Jungs in ihrem Team um beinahe einen Kopf und ihre Klatscher trafen mit beinahe tödlicher Präzision. Raffaela war gefürchtet auf dem Quidditchfeld und sie genoss es. Sonst jedoch war sie von eher schweigsamer Natur und auch heute machte sie da keine Ausnahme und ließ sich grußlos neben André fallen.

„Wo ist denn Fabien?", wollte Luzienne wissen. Der zweite Treiber von Gladiateur.

„Oben", antwortete Raffaela knapp. Warum fragte Luzienne ausgerechnet sie? Sie war schließlich nicht seine Mutter.

Ganz unten, auf dem grünen Rasen, konnte sie erkennen, dass Professeur Lacroix die Erstklässler hinaus geführt hatte. Alle hatten sie einen Besen in der Hand und trugen einen Schutzhelm. Das war auf Beauxbatons Pflicht. Raffaela fand das richtig. Letztes Jahr hatte sie mit eigenen Augen gesehen, wie ein Erstklässler schnurstracks gegen einen der Torringe geflogen war und sich einen Schädelbruch zugezogen hatte. Das war zwar nichts, was Professeur Pegues nicht heilen konnte, doch es war zumindest unnötig.

Momentan waren zwei Stellen zu vergeben, doch der zweite Platz, dagegen hatte sich das Quidditchteam einstimmig entschieden, sollte nicht von einem Erstklässler belegt werden. Dafür wirkten die Kinder allesamt zu schmächtig und klein. Dennoch, Gladiateur hatte aktuell keinen Hüter, denn Vincent Poissonnier, der ein erstklassiger Torhüter gewesen war, hatte seinen Abschluss gemacht.

Fabien erschien als letzter, mit rotem Gesicht und seinem Schlagholz in der Hand.

„Willst du die Schlechten totschlagen?" scherzte Luzienne mit ihm und Fabien und André lachten.

Raffaela schwieg. Nicht lustig, fand sie. Ihr Blick wanderte wieder hinunter, zum Spielfeld. Ein Junge war bereits vom Besen gefallen und zwei Mädchen brachten ihren Besen nicht einmal in die Luft.

„Miserabel", lautete ihr schlichter Kommentar und André nickte neben ihr.

„Wo ist deine Schwester?", fragte Luzienne André.

„Ist vielleicht besser, dass sie nicht da ist. Wenn sie fliegt hat sie mindestens fünf linke Hände und vier Daumen an der falschen Seite."

„Sie hätte es doch mal versuchen können. Sie braucht bestimmt nur ein wenig Selbstvertrauen", erklärte Luzienne bestimmt.

Raffaela war anderer Meinung. Wer keine Leidenschaft für Quidditch hatte, der brauchte es auch gar nicht erst versuchen.

Das Mädchen mit der dunklen Haut stürzte von ihrem Besen.

Fabien stöhnte auf und Olivier hielt sich die Augen zu. Raffaela sah, dass Professeur Brie, die in der Lehrerloge auf der rechten Seite Platz genommen hatte. Durch die Krümmung des Feldes konnte Raffaela genau zu ihr hinüber sehen. Man erzählte sich auf Beauxbatons, dass Professeur Brie einst eine exzellente Quidditchspielerin gewesen war. Sie jedoch schwieg beharrlich darüber und man fand ihren Namen in keiner der Aufzeichnungen über die letzten Jahre.

Jetzt war ihr Gesicht angespannt und blass. Manchmal glaubte Raffaela, dass Professeur Brie sich zu sehr in die Quidditchmeisterschaft hinein steigerte. Die Hauslehrerin von Gladiateur verpasste nie ein Quidditchspiel und saß oft mit schwitzigen Händen und bleichem Gesicht in ihrer Loge und bewegte sich erst wieder, wenn das Spiel vorbei war.

„Das Mädchen ist gut", sagte André gerade und zeigte auf ein brünettes Mädchen.

„Drei von ihnen sind ganz okay", erklärte Olivier. „Der Rest fliegt fürchterlich und die eine ist noch nicht einmal geflogen."

Tatsächlich mühte sich ein Mädchen mit rotem Kraushaar immer noch verzweifelt damit ab, den Besen überhaupt in die Luft zu kriegen.

Luzienne kicherte verhalten, was ihr einen bösen Blick von Raffaela einbrachte. Über Anfänger lachen war verboten. Professeur Brie und Professeur Lacroix waren da absolut strikt, auch wenn sie gehört hatten, dass das in Sagace ganz anders gehandhabt wurde. Aber da gab es eben auch den gemeinen Professeur Marchand, den Raffaela aus tiefstem Herzen hasste.

„Die Blonde ist auch gut", murmelte Fabien.

„Sie fängt gut. Aber sie fliegt schlecht."

„Sie muss nicht perfekt sein", murrte Luzienne. „Wenn sie den Quaffel fangen kann, dann kann sie mehr als die anderen."

Das stimmte, auch wenn Raffaela es nicht gerne zugab. Sie sah, wie einer der Jungen den Quaffel fünf Mal hintereinander fallen ließen und ihn dann so unglücklich zu einem der Mädchen warf, dass das Mädchen Nasenbluten bekam. Sogar von hier oben sah man, dass das Blut in Strömen floss.

„Sind denn alle Kinder heutzutage Bewegungslegastheniker?", jammerte Olivier und verdeckte sein Gesicht.

„Ich wüsste zu gern, wie du bei deinem Test ausgesehen hast", knurrte Raffaela und Olivier verstummte. Na bitte, ging doch.

..::~::..

Leonie war so furchtbar aufgeregt, dass sie in der Nacht kaum geschlafen hatte. Professeur Brie und Professeur Lacroix hatten ihr mitgeteilt, dass die Entscheidung vertagt werden würde und sie es damit nicht eilig hätten. Doch insgeheim hoffte Leonie schon, in die Mannschaft aufgenommen zu werden, auch wenn sie glaubte, dass Claire eigentlich die bessere von ihnen beiden war. Aber dennoch, die Hoffnung ließ sie nicht fahren.

In Botanique jedoch war sie kurz vor dem Einschlafen, was sowieso schon nicht ihr bestes Fach war und fing sich einen harschen Verweis von Professeur Beauchamps, die eigentlich für ihre Geduld bekannt war. Aber Leonie konnte sich einfach nicht konzentrieren, sie wollte unbedingt wissen, wer in das Quidditchteam gewählt werden würde. Vielleicht sogar sie beide?

Claire schien das viel entspannter zu sehen, denn sie wirkte so normal wie immer, fröhlich, unkompliziert und nicht wirklich angespannt. Ach, wie gerne wäre Leonie auch so cool damit umgegangen. Selbst ihren Zimmergenossinnen ging ihre Nervosität schließlich auf den Keks, denn Leonie konnte kaum still halten, was ihr generell ein Graus war, doch an diesem Tag war es noch ungleich schlimmer.

Auf dem Weg zu Professeur Marchands Klassenzimmer fühlte sie sich mittlerweile wie ein geistiges Wrack. Bestimmt war sie viel zu schlecht geflogen und man hatte über sie gelacht.

„Leo, wenn du dir weiter an den Haaren zerrst, dann binde ich dir die Hände fest. Du machst ja alle nervös", knurrte Michelle sie an.

„Tut mir leid", antwortete Leonie kleinlaut. „Ich bin nur so schrecklich aufgeregt. Vielleicht komme ich in die Quidditchmannschaft. Das wäre doch großartig."

Michelle verdrehte die Augen, sagte jedoch nichts mehr und ließ sich schließlich an ihr Pult sinken. „Hör wenigstens bei Professeur Marchand zu. Der lässt dich schneller Nachsitzen, als du Quidditch buchstabieren kannst."