Professeur Marchand verschwendete keine Zeit damit, seine Klasse zu begrüßen. Bei ihm fand der Unterricht sofort statt, Zeit war schließlich ein kostbares, knappes Gut.

„Haben Sie je vom Porte de la douleur gehört?"

Der Begriff allein klang schon gruselig und Leonie bekam eine Gänsehaut. Einigen Mitschülern erging es offenbar kaum besser, denn manche schüttelten sich richtig. Ein oder zwei jedoch, nickten zustimmend.

„Ah", machte Professeur Marchand mit einem zufriedenen Lächeln. „Selbst die, die noch nicht davon gehört haben, wissen doch offenbar, das damit nicht zu scherzen ist."

Er begann, auf und abzulaufen. „So wild alle auf den richtigen Spiegel sind, die Porte de la douleur möchte seltsamerweise niemand durchschreiten. Dabei gehört das doch zusammen. Wer die Untoten kontrollieren will, der muss das Horn finden. Und um das Horn zu finden, muss man durch drei Tore gehen: Porte de la douleur – Das Tor der Schmerzen. Porte de la folie – Das Tor des Wahnsinns und Porte de l'angoisse – Das Tor der Angst. Was wissen Sie darüber?"

Zu Leonies Erstaunen hob sich Michelles Hand als Erste.

„Nur wer Sie durchschreitet, und zwar alle drei, kann das Horn von Bryere gefahrlos berühren."

„Gut. Miss Dumont hat Recht. Aber solche Tore, nun, da kann ja jeder durchgehen, oder?"

„Man kann sie nicht finden", sagte nun Romaine.

Leonie sah sich verwirrt um. Hatten die anderen ohne sie gearbeitet?

„Korrekt. Sie können nur dann gefunden werden, wenn die Untoten gerufen werden. Sie befinden sich alle drei hier in der Académie. Ebenso wie der Spiegel."

„Warum hat sie dann nie jemand gefunden?"

Professeur Marchand kräuselte verächtlich die Lippen. „Weil niemand den Spiegel gefunden hat, Monsieur Doulab."

Der Junge schwieg erschrocken.

„Und man muss einfach nur durchgehen?", fragte Antoinette.

Professeur Marchand lächelte. „Nein." Er hob seinen Zauberstab und aus dem Räucherbecken, was in der Ecke des Zimmers stand, stiegen Rauchschwaden auf, die sich in der Mitte des Raumes hoch auftürmten und drei Tore bildeten. Das erste Tor hatte riesige Portale und keinen Griff, aber Leonie erkannte so etwas wie einen gardien darin.

„Das ist das erste Tor. Das Tor der Schmerzen. Es gibt nur Spekulationen darüber, was einen Zauberer darin erwartet. Man vermutet, dass es eine Art Prüfung gibt. Man muss vermutlich sogar eine spezielle Reihenfolge einhalten, um das Horn zu erhalten. Das Tor der Schmerzen ist ziemlich selbsterklärend, nicht wahr?"

Das kleine Gesicht des gardiens krümmte sich in stummem Schmerz und öffnete den Mund, als wollte er schreien, doch kein Laut drang zu ihnen herüber.

Leonie rutschte ein Stück vom Mittelgang weg. Professeur Marchands drastische Darstellungen waren ihr unheimlich.

„Das Tor des Wahnsinns ist das zweite Tor. Und es ist ungleich schwieriger, dieses Tor zu passieren. Haben Sie schon einmal versucht, eine schwierige Aufgabe zu lösen, nachdem ihr Geist sich vollkommen überanstrengt hat? So beginnt der Wahnsinn. Und ich vermute, dass er im Tor sogar Gestalt annehmen kann."

Auf den Flügeln des zweiten Tores fanden sich gleich zwei gardiens wieder. Einer davon rollte wie wild mit den Augen, während der andere wie tot wirkte. Ein durch und durch schauriger Anblick.

„Das letzte Tor ist auch das Komplizierteste. Das Tor der Angst. Haben Sie sich jemals Auge in Auge mit Ihren Ängsten befunden?"

Einige Schüler nickten, doch Professeur Marchand warf ihnen einen verärgerten Blick zu und wischte das Rauchbild von den Toren mit einer hastigen Handbewegung fort.

„Nichts wissen Sie. Wirkliche Ängste. Ich rede hier nicht von der kindischen Angst vor Spinnen oder davon, dass Ihre Maman stirbt. Ich spreche von den innersten Ängsten, von denen man selbst nicht weiß, dass sie tief im Unterbewusstsein stecken."

Stille. Kaum ein Schüler wagte es sich überhaupt, zu atmen.

„Wenn Sie sich also einmal wieder vor einen der zahllosen Spiegel hier stellen und die wohlbekannten Worte sprechen, dann denken Sie vielleicht einen Augenblick darüber nach, welche Konsequenzen es tatsächlich haben könnte."

„Aber man braucht das Horn doch gar nicht", mischte sich Claude vom Nachbartisch ein.

„Das ist der nächste Punkt. Was habe ich davon, eine endlose Armee aus Untoten zu rufen, die ich nicht befehligen kann? Überhaupt nichts. Die Untoten sind friedlich. Adaliz ist es vermutlich auch."

„Dann kann man damit Tote ins Leben rufen. Das ist doch etwas Gutes", rief Claire.

„Ohne Führung werden die Toten umherwandern. Mal davon abgesehen, dass das kein schöner Anblick ist, so verstößt dieser Aspekt auch noch gegen das Gesetz zur Geheimhaltung der Zauberei. Wir Hexen und Zauberer haben die Pflicht, solche schwarzmagischen Dinge unter Verschluss zu halten, um die Muggel vor den Folgen zu beschützen."

„Und wenn ich sie kommandieren will, dann brauche ich das Horn?", fragte Romaine nachdrücklich.

„Wenn Adaliz ihren Fuß auf die Schwelle dieser Welt sind, dann öffnet sich das Tor der Schmerzen."

„Also kann das jeder, der gerade in der Nähe ist, versuchen."

„Ich würde es nicht jedem raten, aber ja, das sollte er können", fuhr Professeur Marchand fort. „Doch wer tatsächlich das Horn besitzt, der kann die Toten kontrollieren. Nicht wie ein Nekromant oder ein Geistersucher, nein. Vollkommene und wahrhaftige Kontrolle."

„Aber was soll man damit?", fragte Jacques ziemlich ratlos.

„Sie? Überhaupt nichts. Sie, Monsieur Doulab sollten die Toten lieber wieder schlafen schicken, damit sie nicht aus Versehen großes Unheil anrichten. Würde jedoch mir der Sinn nach Weltherrschaft stehen: Es gäbe nichts Besseres, um diese zu erreichen."

Leonie starrte ihren Lehrer ungläubig an. Er wirkte düsterer als sonst.

„Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass derjenige, der sich Lord Voldemort genannt hat, begierig nach dem Horn und dem Spiegel geforscht hat. Was hat denn jemand, der gar nicht mehr lebt, schon zu verlieren?"

..::~::..

Abends, im Aufenthaltsraum waren die Erstklässler ungemein wortkarg. Louis Legrand gähnte und streckte sich. Er hatte definitiv zu wenig geschlafen, er war bereits in Wahrsagen eingeknackt und hatte sich einen üblen Rüffel von Professeur Laval eingehandelt, die das überhaupt nicht so lustig gefunden hatte, wie Louis Klassenkameraden. Eigentlich warteten auch noch eine Menge Hausaufgaben auf ihn, doch er hatte sich nicht gewagt, seinen Dienst im Gemeinschaftsraum erneut aufzuschieben, Luziennes Miene wurde nämlich immer finsterer, wenn sie ihn sah.

Das Mädchen mit den blonden, dünnen Haaren, saß mit dem Rücken zu ihm. Irgendwoher kannte er sie. Er glaubte sich vage zu erinnern, dass sie die Schwester seines Freundes Pierre aus Sagace war. Jedenfalls deutete ihre Haarfarbe das an. Allerdings konnte er sich nicht erinnern, die Erstklässler bisher so schweigsam erlebt zu haben.

Schließlich gab er sich einen Ruck und ging zu ihrem Tisch hinüber. Vier Mädchen und drei Jungen saßen dort. Der Rest war offenbar bereits zu Bett oder zumindest ins Zimmer gegangen.

„Wie kommt es, dass so viele Erstklässler auf einem Haufen so leise sind?", sagte er mit einem Grinsen.

Einige blickten schüchtern zu Boden.

Als Louis eines der Bücher auf dem Tisch genauer betrachtete, dämmerte es ihm. „Ach so!", machte er. „Unterricht bei Professeur Marchand? Das macht er mit jeder ersten Klasse. Das braucht euch gar nicht zu kümmern. Er jagt Leuten gerne einen Schrecken ein."

„Ist das denn so unwahrscheinlich, was er erzählt?", wollte das Mädchen mit den dunklen Haaren wissen.

„Wie ist dein Name?", fragte Louis und zwinkerte ihr zu.

„Michelle. Mach das nicht noch einmal."

„Was?"

„Weißt du ganz genau."

Louis grinste nun unverhohlen. Sie war ulkig. Andere Mädels spielten die Flirtschiene gerne mit. Sie offenbar nicht. Sie verbarg ihre Unsicherheit geschickt, das musste man ihr lassen. Er machte eine spöttische, kleine Verbeugung in ihre Richtung, was sie dazu brachte, beleidigt die Arme vor der Brust zu verschränken.

„Nun, Mademoiselle Michelle. Ja genau das ist es. Professeur Marchand erzählt das jeder ersten Klasse, die er je unterrichtet hat. Es macht ihm Spaß, euch ein wenig zu verunsichern."

„Klang mir aber ganz anders", sagte ein Junge mit struppigem, blonden Haar. Louis erinnerte sich, dass er Nicolas hieß.

„Bestimmt hat Madame Maxim den Spiegel", sagte ein anderes Mädchen.

„Wie kommst du denn darauf?", fragte Louis belustigt.

„Wie kann Sie Schulleiterin sein und nicht unterrichten. Was macht sie denn den ganzen Tag? Bestimmt bewacht sie den Spiegel", erklärte Michelle kategorisch.

„Denkst du nicht, dass unsere Schulleiterin etwas Besseres zu tun hat?"

„Wo ist sie denn den ganzen Tag?" ereiferte sich nun das Mädchen zu seiner Linken.

„Na offenbar hat sie wohl zu tun", sagte Louis, immer noch grinsend und strich sich über die kurzen Stoppeln, die er Haare nannte.

„Ja, mit dem Spiegel."

„Selbst wenn sie den bewachen sollte, denkst du denn sie sitzt den ganzen Tag davor und schaut ihn an?"

„Ich weiß nicht", sagte Nicolas ein wenig unsicher.

„Ich habe sie bisher nur beim Essen gesehen. Sie hat uns nur kurz willkommen geheißen und sonst nichts. Irgendwas muss sie ja den ganzen Tag machen", ereiferte sich Michelle erneut.

„Und deswegen denkst du, sie bewacht den Spiegel?", hakte Louis nach.

„Ja", murrte Michelle, aber ihre Wangen nahmen einen Hauch von rosa an, als sie merkte, wie dürftig die Erklärung war. Louis lachte belustigt. Jedes Jahr war es das Selbe. Die Erstklässler ergingen sich, nach der Unterrichtseinheit über Beauxbatons, von Professeur Marchand, in den haarsträubendsten Theorien. Seine eigene, vor knapp fünf Jahren, war ähnlich gewesen nur hatte die mit einer Reinkarnation von Adaliz zu tun gehabt. Gestimmt hatte bisher keine einzige.

„Ich find's trotzdem komisch, dass wir sie nie zu Gesicht bekommen", sagte Michelle erneut und lehnte sich auf dem Sofa zurück.

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Antoinette verfluchte sich dafür, dass sie so spät in die Eulerei gegangen war. Die Eulerei befand sich auf dem Dach des Sagace Turmes und war nur etwas für besonders schwindelfreie Schüler. Und so spät war der Gang schon abenteuerlich. Aber Romaine hatte so lange gebettelt, bis Antoinette schließlich nachgegeben hatte. Sie wäre auch nicht gerne alleine und im Dunkeln dort hingegangen. Romaine schrieb ständig Briefe an ihre Eltern, sodass Antoinette schon beinahe Gewissensbisse hatte. Sie hatte ihrer Maman erst zweimal geschrieben, seitdem sie hier war. Doch genauso schnell beruhigte sich ihr Gewissen auch wieder. Ihre Maman hatte nämlich nur einmal geantwortet. So schlimm war es vielleicht also gar nicht. Wann immer sie daran dachte, ärgerte sie sich, auch wenn Antoinette eigentlich ein Mensch war, der sich nicht ärgern ließ.

„Es ist schon nach zehn", flüsterte Romaine, als sie die Treppen hinunter stiegen. „Wir dürfen überhaupt nicht mehr auf den Gängen sein, sonst gibt es Ärger. Hoffentlich erwischt uns niemand, sonst müssen wir Nachsitzen."

Antoinette nickte und versuchte, so leise wie möglich die Treppen hinunterzusteigen. Das war einfacher gesagt, die Absätze ihrer Schuhe verursachten einen Höllenlärm auf dem kalten Stein der Treppe.

Als sie den ersten Flur erreichten, blieb Antoinette stehen. Schritte näheren sich und sie und Romaine kauerten sich unter die Brüstung. Hoffentlich kam niemand hinauf.