Die Schritte näherten sich nun kontinuierlich und Romaine sah sie ein wenig hilfesuchend an, doch besonders sicher fühlte sich auch Antoinette nicht.

Stimmen drangen zu ihnen hinüber, es waren zwei: Eine davon erkannte Antoinette als die Stimme ihres Geschichtslehrers, Professeur Marchand. Die andere Stimme erkannte sie erst nach einer Weile. Die beiden waren stehen geblieben und Antoinette erhaschte einen Blick auf Professeur Latoux werfen. Ein reichlich eigenartiges Gespann, wie Antoinette fand, denn obwohl Professeur Latoux ziemlich groß für eine Frau war, so überragte Professeur Marchand sie jedoch problemlos und es wirkte, als sähe er auf sie hinab.

„Quentin, so kann es nicht weitergehen. Jede Nacht dasselbe. Von jetzt an hört das auf. Ich möchte es nicht mehr."

Tatsächlich klang Professeur Marchands Stimme sehr viel menschlicher, als Antoinette und Romaine sie je gehört hatten und Romaines Gesicht hatte einen verwunderten Ausdruck angenommen.

„Ich möchte es aber. Es ist mir wichtig, ich... du...". Offenbar fand er keine weiteren Worte, doch Professeur Latoux stieß ein verächtliches Geräusch aus.

„Du brauchst mich doch gar nicht, Quentin. Du schaffst doch auch sonst alles wunderbar alleine."

„Audrey, bitte", klang seine Stimme genervt, doch Professeur Latoux hatte sich bereits in Bewegung gesetzt und eilte den Gang entlang.

Der Lehrer seufzte hörbar und Antoinette sah, wie er den Kopf schüttelte und dann einen prüfenden Blick nach links warf. Dort hing ein riesiger Spiegel, der seine Gestalt riesengroß erscheinen ließ. Dann drehte er sich abrupt um und verschwand aus ihrem Blickfeld.

Romaine neben ihr atmete erleichtert auf und auch Antoinette fühlte, wie die Anspannung von ihr abfiel.

„Was war denn das?", flüsterte Romaine aufgeregt.

„Ich habe keine Ahnung", gestand Antoinette und sah ihre Zimmernachbarin prüfend an.

„Ich wette er ist hinter dem Spiegel her", sprudelte es aus Romaine heraus.

„Unsinn, er hat jahrelang Zeit gehabt, warum sollte ihm das jetzt gerade einfallen."

„Er hat gesagt, wenn ihm nach Weltherrschaft wäre, dann könnte er sie haben, sofern er den Spiegel findet. Vielleicht war das kein Spaß."

„Und was sollte Professeur Latoux damit zu tun haben?"

„Vielleicht weiß sie etwas, was er nicht weiß, aber sie möchte ihm nun doch nicht mehr helfen. Vielleicht findet sie es zu heikel."

Romaines Augen blitzten vor Erregung, doch Antoinette fand das alles nicht überzeugend.

„Er ist schon so lange Lehrer, selbst wenn er das wollte, er findet den Spiegel ja doch nicht."

„Aber Professeur Latoux kann es", antwortete Romaine triumphierend.

„Unsinn, dann könnte sie ihn ja benutzten."

„Sie will doch gar nicht, das hat sie doch gesagt."

„Vielleicht will sie etwas völlig anderes nicht", entgegnete sie. „Sie sprach davon, dass es jede Nacht dasselbe ist. Glaubst du, er hat nichts Besseres zu tun, als jede Nacht den richtigen Spiegel zu finden?"

„Vielleicht ist es der da, den er eben so komisch angesehen hat. Er kommt sicher wieder."

Dann erhob sich Romaine plötzlich und zog Antoinette beim Arm zum Treppenabsatz hinunter. Antoinette sah nun ihr Spiegelbild, unsicher, ängstlich stand sie da. In Romaines Augen glitzerte es begeistert.

„Komm, wir versuchen das", sagte sie aufgeregt.

„Nein!", rief Antoinette und registrierte erst jetzt, wie laut sie gesprochen hatte. Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund.

„Ach, nun hab dich nicht so, was ist schon dabei? Es sind nur Untote, keine Monster."

Antoinette fand, das wäre ein und das Selbe.

„C'est la manie!", sprach Romaine klar und deutlich.

Antoinette hielt den Atem an. Eine Hand griff die beiden bei den Schultern und zwang sie unbarmherzig, sich umzudrehen und die beiden Erstklässler stießen einen erschrockenen Schrei aus.

Doch keine Untoten, keine Geister, nur Professeur Bries stirnrunzelndes Gesicht war da.

„Ich weiß, dass dieses Spielchen beliebt ist, doch ich halte überhaupt nichts davon, wenn die Erstklässler meines Hauses es ebenfalls praktizieren."

„Wir...", stammelte Romaine sofort los, doch Antoinette gab ihr einen Schubs und sie verstummte.

Lügen halfen bei Professeur Brie nicht weiter.

„Sie zwei beide werden mich jetzt zum gardien begleiten, wo ich sie abliefern werde. Morgen früh werden Sie sich ihre Strafarbeiten bei mir abholen, noch vor der ersten Stunde. Haben Sie das verstanden?"

Antoinette und Romaine nickten synchron.

„Und nun, Mademoiselle Chevallier und Mademoiselle Villeneueve, denken Sie noch einmal scharf nach, ob es besonders angebracht ist, dass diese Académie von einer Armee aus Untoten heimgesucht wird."

..::~::..

Leonie wusste von diesem nächtlichen Abenteuer ihrer Zimmergenossinnen nichts. Zu sehr war sie in ihre eigenen Gedanken vertieft und zu sehr zitterten sie und Claire vor der Entscheidung. Im Halbschlaf hatte sie mitbekommen, dass ihre Freundinnen viel zu spät in das Zimmer gestürmt waren und sich augenblicklich, ohne sich auch nur die Zähne zu putzen, ins Bett geworfen hatten und keinen Mux mehr von sich gegeben hatten. Das war in der Tat zwar ungewöhnlich, aber Leonie hatte versäumt zu fragen, warum das so war.

Erst beim Frühstück fiel es ihr ein, als sie sah, dass Romaine und Antoinette wie zwei geprügelte Hunde zum Lehrertisch schlichen und ein paar Worte mit Professeur Brie wechselten.

„Was war denn da los?", hakte Michelle nach.

Es war wohlbekannt, dass jemand, der am Frühstückstisch mit einem Lehrer sprach, sich Strafarbeiten abholte.

„Weiß nicht", gestand Leonie, aber Florence grinste verstohlen.

„Die haben gestern das Spiegelspiel versucht."

Michelles Gesicht war geradezu empört. „Ohne mich?!"

Leonie musste lachen. Das Michelle freiwillig mit Romaine herumzog, hielt sie für ein Hirngespinst, aber dass sie bei allem was verboten war, gern mitmachte, das glaubte sie ihr aufs Wort.

Romaine und Antoinette erschienen mit unbeweglichen Gesichtern.

„Und?", fragte Claire.

„Wir müssen Besteck sortieren... in der Küche." Romaine rümpfte die Nase.

„Hätte schlimmer kommen können", murmelte Antoinette und nahm sich ein Croissant.

„Mein Bruder musste, nachdem man ihn dreimal dabei erwischt hatte, sogar bei Madame Maxime antanzen", erklärte Michelle.

„Und? Was hat sie ihm gesagt?"

„Das weiß ich nicht, das will er mir immer noch nicht erzählen." Michelle schien das als eine Art Verrat zu empfinden, jedenfalls konnte man das auf ihrem Gesicht ablesen.

„Professeur Marchand sucht ebenfalls nach dem Spiegel", sagte Romaine in die neu entstandene Stimme hinein.

„Du weißt doch gar nicht, ob das..."

Doch Romaine unterbrach Antoinette. „Doch, das tut er, ich habe es mit eigenen Ohren gehört. Er lief gestern herum und bat Professeur Latoux, ihm dabei zu helfen. Als sie nicht wollte, ist er fortgegangen, doch sie hat gesagt, dass sie es leid ist, jede Nacht danach zu suchen."

„Nicht möglich", rief Claire erstaunt.

„Leiser, um Himmels Willen!", fauchte Romaine.

„Das stimmt doch so überhaupt nicht", schob Antoinette ein, doch alle Mädchen, inklusive Leonie hatten nur noch Augen für Romaines überraschende Neuigkeiten.

„Er hat gesagt, er könnte über die Armee herrschen", sagte Michelle gerade, doch dann schweifte ihr Blick ab und sie schwieg.

Als Leonie etwas erwidern wollte, gab sie ihr einen Stoß in die Rippen.

Erst jetzt verstand Leonie: Professeur Brie war zu ihnen hinüber gekommen.

„Mademoiselle Rozier? Mademoiselle Weber? Auf ein Wort, bitte."

Wie Roboter erhoben sich die beiden und folgten Professeur Brie auf der Stelle. Einige andere Erstklässler sahen ihnen neugierig hinterher, immerhin sahen sie aus, wie jemand, der eine Strafarbeit bekommen hatte.

Als sie sich ein Stück von den anderen entfernt hatten, sah Professeur Brie die beiden nachdenklich an.

„Mademoiselle Weber? Wir würden es gerne mit Ihnen als Jägerin für Gladiateur versuchen."

Leonie erstarrte. Sie? Jägerin? „Mon Dieu..." entfuhr es ihr und es lief ihr heiß, prickelnd den Rücken hinab. Jägerin für Gladiateur!

Aus weiter Ferne schien nun die Stimme von Professeur Brie zu kommen. „Seien Sie bitte nicht traurig, Mademoiselle Rozier, Sie können sich immer noch um den Posten des Hüters bewerben, die Auswahl findet morgen statt."

„Hüterin? Aber ich bin doch so klein", murmelte Claire. Leonie merkte, dass sie enttäuscht war, zwar zeigte sie das nach außen kaum, aber sie kratzte sich am Ellenbogen, das tat sie sonst nur, wenn sie sehr nervös war.

„Versuchen Sie es trotzdem", sagte Professeur Brie aufmunternd.

..::~::..

Claire mochte es sich im Unterricht nicht anmerken lassen, denn sie war niemand, der wirklich schmollte, geschweige denn, sich anmerken ließ, wenn sie unglücklich war, aber ganz allein, hier im Badezimmer, musste sie zugeben, dass sie auch sehr gerne an Leonies Stelle gewesen wäre. Claire hatte die Enttäuschung überspielt, so wie sie es immer tat, doch den Tatsachen musste sie ins Auge sehen und zwar ganz allein. Ach, es musste ganz wunderbar sein, von der ganzen Académie angefeuert zu werden und so hoch über dem Boden zu fliegen. Verärgert warf sie ein Stück Seife auf den Boden und fühlte sich ein wenig besser, nachdem der erste Zorn auf sich selber verflogen war. Leonie flog gut, sie war ein Naturtalent. Da durfte sie nicht zornig sein. Und wenn doch, dann wollte sie es ihr niemals zeigen. Schließlich konnte sie nichts dafür und sie war eine der wenigen Mädchen, die Claire wirklich gern hatte, normalerweise verbrachte sie ihre Zeit nämlich lieber mit Jungs.

Es klopfte an der Türe. „Bist du da drin?"

Das war Florences Stimme.

„Ja." Sie wusste, dass Florence nach ihr gesucht hatte.

„Ist alles in Ordnung?"

„Ja."

„Dann komm doch bitte raus, wir wollten uns noch ein wenig in die Sonne setzen und endlich unseren Aufsatz für Professeur Riquit fertigstellen. Sie bringt uns um, wenn der morgen nicht auf ihrem Pult liegt."

„Ich komme ja schon", antwortete Claire und wischte sich durch das Gesicht. Ein prüfender Blick in den Spiegel: Alles in Ordnung. Keiner sah, dass sie sich ziemlich mies fühlte.

Claire öffnete die Türe.

„Ein Glück, dass du aufmachst." Florence klang tatsächlich erleichtert.

„Warum sollte ich nicht?", fragte Claire sie.

„Na weil..." Offenbar hatte Florence nicht mit der Frage gerechnet und stotterte nun etwas Halbgares vor sich hin, was Claire zum Lachen brachte.

„Ist schon gut, lass uns einfach gehen."

Erleichtert lief Florence vor ihr her und gemeinsam durchquerten sie den ruhigen Gemeinschaftsraum von Gladiateur, der an einem so schönen Nachmittag kaum belebt war. Die meisten Schüler saßen in der Herbstsonne und ließen es sich gutgehen. Die Sonne stand tief und brach sich tausendfach im Licht der Spiegel. Claire fühlte sich regelrecht geblendet, so hell war das Treppenhaus.

Die magische Schulglocke läutete zum Nachmittagsunterricht, doch die Erstklässler hatten die Nachmittage immer frei. Die älteren Schüler strömten durch das Portal hinein, wie ein Schwarm Bienen.

Auch Antoinette und Romaine erschienen unter ihnen. Claire sah sie verwundert an.

„Wollt ihr nicht euren Aufsatz mit uns schreiben?"

„Strafarbeit", entgegnete Romaine düster und Antoinettes Gesicht drückte ungefähr dasselbe aus, wie Romaines Tonfall.