Luziennes Kopf schien regelrecht zu brummen. So viele Hausaufgaben, so viele Verpflichtungen. Vielleicht sollte sie das Quidditchspielen oder aber ihren Posten als Vertrauensschülerin aufgeben. So saß sie stumm neben ihrer Freundin Nyx in der Bibliothek und schrieb sich die Finger wund. Der Aufsatz über alchemistische Elemente war schwierig und Nyx hatte wie üblich die Hälfte abgeschrieben und war auch sonst keine große Hilfe an diesem Tag. Kurz zuvor hatte sich Dominic Dumont von ihr getrennt und sie hatte Nyx in Tränen aufgelöst in ihrem Schlafsaal gefunden. Da war dann auch der alberne Streit vergessen und sie hatte ihre Freundin natürlich getröstet. Nyx hatte tiefe Augenringe und sprach kaum ein Wort und wenn doch, dann von Dominic. So sah sie noch viel dünner aus, als sie es eh schon war.
„Ich hab dir gesagt, dass er das immer so macht. Denk an Rosalie", sagte sie schließlich, als es ihr zu bunt wurde.
„Ja", antwortete Nyx ziemlich kleinlaut, „ich hab halt gedacht, dass es dieses Mal anders wird." Dann rang sie sich sogar ein Lächeln ab. „Ach, ich bin reichlich albern, oder?"
„Nicht mehr als sonst", meinte Luzienne warm und strich der Freundin über den Arm.
Mittlerweile war es reichlich leer in der Bibliothek geworden und zu den hohen Glasfenstern schien die Abendsonne herein.
Die Bibliothek von Beauxbatons lag im Herzen der Académie zwischen den Türmen von Sagace und Helissio, wo sie sich eng an die abfallenden Hänge schmiegte. Man musste einen kleinen Wintergarten durchqueren, um sie zu erreichen und dort stand sie, wie eine der Pyramiden am weltbekannten Louvre. Nur das diese Städte viel älter war als das Gegenstück in Paris. Luzienne erinnerte sich, das Professeur Marchand erklärt hatte, das sich viele Facetten Frankreichs in der Académie versammelten, denn die Gründer hatten ihr Land sehr geliebt und sich nach ihrer Heimat gesehnt, aus der sie vertrieben wurden.
Am anderen Ende der langen Tischreihen saß eine Gruppe aus Helissio und arbeitete vermutlich demselben Aufsatz, Luzienne erkannte ein paar ihrer Mitschüler aus dem anderen Turm.
„Hat er Rosalie auch einfach gesagt, dass er sich langweilt?", fing Nyx von neuem an.
„Ja", murmelte Luzienne. Dominic Dumont war bekannt, für seine rasch wechselnden Bekanntschaften. Tatsächlich hatte er es mit Nyx sogar überdurchschnittlich lang ausgehalten. Ganze zwei Monate, das war für ihn viel. Mit Rosalie war er gerade einmal zwei Wochen zusammen gewesen.
„Warum hab ich mir nur nichts dabei gedacht?", knurrte Nyx in sich rein.
„Ich nehme an, dass du gar nichts gedacht hast."
Ein paar Schüler vom Tisch gegenüber verließen die Bibliothek und Luziennes Herz schlug schneller, als sie erkannte, dass Charles Villeneuve, der Sucher von Helissio, noch dort saß. Mit dem wollte sie ganz bestimmt nicht alleine sein.
Nyx jedoch hatte diesen kleinen Blick und ihr Zucken bemerkt.
„Ach, so ist das!", rief sie triumphierend.
„Nicht so laut, Himmel noch mal", zischte Luzienne ihr zu.
„Du magst ihn?" flüsterte Nyx nun neugierig. Ihr Kummer schien vergessen.
„Nein.", erwiderte Luzienne. „Ich habe Angst vor ihm!"
„Wieso denn das?"
„Weil er so gut ist, seinetwegen haben wir schon zweimal verloren."
Nyx schien angestrengt zu überlegen, ob das tatsächlich der Wirklichkeit entsprach, oder ob Luzienne übertrieb.
„Und sonst ist da nichts?"
Die letzten zwei Jungs, die mit Charles am Tisch gesessen hatten, verabschiedeten sich gerade und er blieb alleine zurück. Ein Glück, dass er Luzienne und Nyx nicht sehen konnte, er hatte ihnen seinen braunen Lockenschopf zugewandt und war in seinen Aufsatz vertieft, seine Feder kratzte eifrig über sein Pergament.
Nyx raffte plötzlich alle ihre Sachen zusammen. „Ich werde schon mal hoch gehen", erklärte sie.
„Wieso willst du...? Oh, Nyx, nein..."
Doch Nyx hatte bereits ihren Krempel gepackt und verschwand schnellen Schrittes hinter einem Bücherregal. Luzienne war mit Charles alleine.
Augenblicklich schlug ihr das Herz bis zum Hals. Hoffentlich kam er nicht zu ihr hinüber. Ihr Gesicht musste gerade überrot wie eine Tomate sein. Schnell beugte sie sich ganz dicht über ihr Pergament und schrieb eine kleine Passage aus dem Buch ab.
Ein Stuhl wurde scharrend zurück geschoben.
Komm bloß nicht rüber, dachte sie bei sich und immer schneller schlug ihr Herz. Durch ihren Pony warf sie einen Blick nach vorn. Mon Dieu... er kommt wirklich rüber...
Dann stand er vor ihr.
„Luzienne?", hörte sie seine tiefe, angenehme Stimme.
„Ja?", antwortete sie und sah auf in seine dunklen, beinahe schwarzen Augen.
Die Tür der Bibliothek wurde aufgerissen, sodass der Schellenkranz lautstark tanzte und hastige Schritte erklangen. Eine Mädchenstimme: „Charles?"
Er wich ein Stück zurück.
„Hier."
Wieder Schritte, dann stand Aurélie Moreau vor ihr, rothaarig, schlank und arrogant, so empfand sie jedenfalls Luzienne in diesem Augenblick. Die grünen Augen schienen durch sie hindurch zu sehen und Luzienne fragte sich in diesem Moment, wie diese ignorante Person es überhaupt zur Schülersprecherin gebracht hatte, doch als sie nun mit Charles sprach, da nahm ihr Gesicht einen weichen, fröhlichen Ausdruck an.
„Ich habe dich schon überall gesucht, Gilles ist vom Besen gefallen und wir brauchen dringend...", dann bemerkte sie plötzlich Luzienne und nahm Charles beim Arm.
„Nicht hier", zischte sie, so, dass es Luzienne trotzdem noch hören konnte.
Luzienne saß immer noch vollkommen verdutzt auf ihrem Stuhl, hielt immer noch ihre Schreibfeder in der Hand und sah den beiden nach. Charles hatte sich nicht einmal zu ihr herumgedreht.
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Es war Ende September, als die Luft langsam kälter wurde und lange Pullover und Schals die kurzen T-Shirts und Röcke verdrängten. Immer mehr Mädchen trugen nun Strumpfhosen zu ihrer Schuluniform und im Gemeinschaftsraum scharten sich die ersten Schüler um das Feuer.
Das erste Quidditchmatch der Saison stand Anfang Oktober bevor: Helissio gegen Sagace und auch wenn man in Gladiateur nicht von diesem Spiel betroffen war, so war doch der ganze Turm in heller Aufregung, wenn es um Quidditch ging. Olivier hatte sich immer noch nicht entschieden, wer als Hüter spielen sollte und ganz offensichtlich schob er diese Entscheidung, sehr zum Leidwesen seines gesamten Teams, auf.
Florence wusste von ihrem Bruder, dass das Team extrem angespannt war und auch Leonie und Claire sah man es an. Leonie, weil sie nach jedem Training erschöpft ins Bett fiel und Claire, weil sie immer noch zitterte, ob man sie in die Mannschaft nahm. Ein Glück, dass niemand erneut versucht hatte, Florence selber zu fragen. Sie wollte sich einfach nicht vor der ganzen Schule lächerlich machen.
Sie strich sich unbewusst über ihre Locken und nahm wieder ihre Astronomietabelle zur Hand. Michelle saß direkt neben ihr und las nun schon zum dritten Mal dieselbe Seite in ihrem Buch.
„Es ist alles so viel", klagte Antoinette von gegenüber. Auf ihrem Pergament zeichneten sich ein paar dunkle Tintenflecken ab, die sie nun behutsam mit ihrem Zauberstab aufsaugte.
„Wann haben wir das letzte Mal Freizeit gehabt?", stieg Claire darauf ein. Claire war ungemein angespannt und immer wieder kratzte sie sich die Arme. Manchmal knirschte sie sogar mit den Zähnen.
„Wir könnten mal wieder was Lustiges machen", sagte Michelle langsam, nahm jedoch nicht den Blick von ihrem Buch.
„Ja, so lustige Sachen, wie unsere Botanique Hausaufgaben", konterte Romaine schneidend, sodass Michelle die Augen verdrehte.
Selbst nachdem nun einige Zeit vergangen war, strichen die beiden immer noch herum, wie zwei Katzen, die sich nicht leiden konnten. Florence ging das langsam auf die Nerven, aber es war nicht ihre Art, die beiden das auch merken zu lassen.
„Du warst doch so wild hinter den Spiegeln her. Vielleicht sollten wir uns auch einmal richtig daran versuchen?" Das war Antoinette gewesen, doch ihre Worte klangen ziemlich sarkastisch.
Kein Wunder, hatten die beiden doch beim letzten Mal drei Tage hintereinander das gesamte Besteck von Beauxbatons poliert und sortiert.
„Ach, vielleicht wäre das zumindest mal wieder lustig", entgegnete Leonie leichthin und zuckte die Schultern.
„Das ist doch nicht dein ernst oder?", erwiderte Michelle. „Jeder weiß doch, dass Madame Maxim den Spiegel hat."
Als keiner antwortete, fügte sie schnell hinzu: „Na, ist doch wahr."
Bevor Florence etwas erwidern konnte, erklangen hinter ihr laute Stimmen und dann ertönte Oliviers Stimme, lauter als die der anderen: „Quidditchtraining, jetzt! Claire, du kommst auch mit runter."
Ungläubig sah Claire auf. „Ich? Aber..."
„Ja, du!"
Luzienne war herbeigeeilt und an der Pforte sah Florence auch Raffaela, die einzige weibliche Treiberin der Schule, stehen. Leonie war ebenfalls hochgeschreckt und schloss sich ihrem Team nun an.
Schneller, als Florence gucken konnte, war das Quidditchteam fort und verwirrtes Getuschel erhob sich.
„Was ist denn nur los? Hat er Angst bekommen?", sagte Michelle gelangweilt. Florence wusste, dass sie sich aus Quidditch nicht viel machte.
„Habt ihr es noch nicht gehört?", rief Jacques vom Nebentisch.
„Was denn?", fragte Antoinette neugierig.
„Der Jäger von Helissio hat sich das Schlüsselbein gebrochen. Man hat ihn zwar wieder zusammengeflickt, doch er wird definitiv nicht nächste Woche spielen können, er muss die Schulter schonen. Also werden wir gegen Sagace spielen."
„Oh.", machte Florence bestürzt. Sie wusste, wie sehr das ihren Bruder unter Druck setzen würde, er war seit seiner Einschulung ein fester Bestandteil des Quidditchteams und er war mit Herz und Seele Jäger.
„Das ist schlecht", kommentierte Romaine, doch genau wie Michelle, war Romaine kein Mensch, der Quidditch besonders schätzte.
Gladiateur hatte ja nicht einmal einen Hüter, wie also sollten sie sich tatsächlich gegen Sagace überhaupt nur fünf Minuten halten können?
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Drei Tage vor dem ersten Match hatte Olivier immer noch keine Entscheidung getroffen, egal, wie sehr Raffaela ihn bedrängt hatte. Wenn es nach ihr ging, würde Frederic De La Tour den Hüter spielen, doch Olivier gefiel es, wie Claire spielte. Raffaela fand sie zu klein. Wenn ihr Kapitän doch nur endlich eine Entscheidung treffen würde! Es gab Zank im Team, wo sie ging und stand und nur eine kleine Entscheidung hätte ihn beendet, selbst, wenn das bedeutet hätte, dass für Raffaela die schlechtere Spielerin im Tor stand. Aber nichts war aus Olivier herauszubekommen und vermutlich würde er diese Entscheidung auch erst dann getroffen haben, wenn es schon lange zu spät war.
Es war der erste Oktober und der Wind pfiff kalt in das unterirdische Stadion hinein, denn ein Dach gab es dafür nicht, auch wenn man sonst vor dem gröbsten geschützt war. Seit zwei Stunden wartete sie hier auf ihr Team, denn sie hatte es im Gemeinschaftsraum nicht mehr ausgehalten. Wenn er doch nur heute endlich eine Entscheidung träfe! So war er immer. Zögerlich und überlegt. Wie hatte er es nur nach Gladiateur geschafft, wo Sagace diese Eigenschaften doch so sehr schätzte? Manchmal benahm er sich wie ein kleines Kind und sie musste ihn bei der Hand nehmen und das ärgerte die kühle, stille Raffaela. Sie war doch nicht seine Mutter! Und solche Gedanken sollte er um Himmels Willen nicht haben, wenn er an sie dachte, denn sie mochte ihn gern. Vielleicht auch ein bisschen mehr als gern, auch wenn sie sich lieber die Zunge abgebissen hätte, statt ihm das zu sagen.
Eine der Türen zum Umkleideraum öffnete sich und Olivier trat hinaus, gefolgt von Claire, die sich fröstelnd den Umhang enger zog.
„Noch ein Test?", rief Raffaela missbilligend.
„Ja", erwiderte Olivier knapp.
„Entscheide dich endlich", sagte sie beschwörend. „Du hast nicht mehr viel Zeit. Übermorgen musst du die Liste ausfüllen. Bis dahin braucht Gladiateur einen Hüter." Dann fiel ihr Blick auf Claire. „Nichts für Ungut, Kleine."
