Das Mädchen schien durch sie hindurch zu starren, doch Raffaela war das egal. Sie sollte ruhig lernen, dass das Leben kein Ponyhof war und es hier nicht um einen Beliebtheitswettbewerb ging, sondern um Können. Vielleicht strengte sie sich dann mehr an.
Claire machte ein paar Schritte zurück, als wolle sie Raffaela und Olivier alleinlassen. Ein Glück, das das Mädchen einigermaßen clever war, dachte Raffaela bei sich und warf ihrem Kapitän einen eisigen Blick zu.
„Es reich mir. Ich mache deinen Test nicht mehr mit. Entscheide dich!", sagte sie gefährlich leise.
„Raffaela, du musst das doch verstehen, ich will das Beste für unser Team."
„Nein, du willst, dass Claire in den drei Tagen vor dem Spiel besser wird, sodass du allen Grund hast, sich für sie zu entscheiden."
Raffaela konnte ihm an der Nasenspitze ansehen, dass sie voll ins Schwarze getroffen hatte. Nur, warum sich Olivier krampfhaft für Claire entscheiden wollte, das verstand sie nicht. So riet sie ins Blaue hinein:
„Olivier, sie ist zwölf, wenn dein Grund ist, dass du sie..."
Der Quidditchkapitän schnaubte böse und unterbrach sie: „So ein Unfug, Raffaela. Ich habe nie etwas Dümmeres von dir gehört."
Sie atmete tief durch. Wenn sie wollte, hätte sie ihn mit einem gekonnten Fluch einfach von den Socken pusten können. Oder ihm einfach ins Gesicht schlagen können, immerhin war sie stärker als er. Einen ähnlichen Gedanken schien er auch gehabt zu haben, denn er schaute nun definitiv schuldbewusst drein.
„Raffaela, versuch doch zu verstehen, dass..."
„Ich möchte es nicht mehr versuchen!", erwiderte sie schwer atmend. Es kostete sie tatsächlich einiges an Beherrschung, ihn nicht auf der Stelle niederzustrecken und anzuschreien.
„Mach, was immer du willst, aber frag mich NIE wieder um Rat", sagte sie mit der letzten Beherrschung, die sie aufbringen konnte.
„Ich will dir das doch nur erklären, ich..."
„Ich möchte keine Erklärung dazu hören", knurrte sie bedrohlich.
Olivier schien es verstanden zu haben, denn er machte keine Anstalten, sie zurückzuholen, als sie sich umdrehte und wutentbrannt in den Umkleideraum stapfte.
..::~::..
Verschlafen saß Antoinette im Astronomieunterricht. Der Astronomieturm war einer der höchsten Punkte von Beauxbatons und man konnte beinahe die gesamten Ländereien der Akademie überblicken.
Es war bereits spät und im Klassenzimmer selbst war es furchtbar dunkel, denn Professeur Riquit demonstrierte gerade die Abhängigkeit der Jupitermonde von dessen Ring und dessen Rotation.
Romaine neben ihr saß mit offenstehendem Mund auf ihrem Platz und Antoinette war ziemlich sicher, dass sie kein Wort von dem Verstand, was die Lehrerin gerade erklärte. Ihr selbst fiel es ebenfalls schwer, noch zuzuhören, denn die Astronomiestunden mittwochs abends waren wirklich anstrengend. Jedes Mal danach fiel sie in ihr Bett und schlief, als gäbe es kein Morgen.
„Es gibt sogar kleine Monde, die noch nicht einmal einen Namen haben, aber sich bewiesenermaßen im Orbit des Jupiters befinden, S/2000 J 11 zum Beispiel. Die Muggel haben sich zwar diese Bezeichnung ausgedacht, doch auch Zauberer greifen darauf zurück, es ist schließlich viel einfacher, wenn alle Astronomen dieselben Bezeichnungen nutzen, nicht wahr?"
Ein paar Erstklässler nickten schwerfällig.
Antoinette verfolgte Professeur Riquits weiße Katze Jacqueline, die, wie immer, durch den Astronomieturm strich und Wache hielt. Nie kam sie jedoch zu den Schülern hin, sie saß immer nur auf den Schränken und beäugte sie alle misstrauisch.
Sie sah sich nach ihren Mitschülern um, die links von ihr saßen. Michelle hatte offenkundig überhaupt nicht zugehört, denn sie kritzelte eifrig auf einem Zettel herum, den sie schließlich an Leonie weitergab, während Claire, die sehr lange beim Quidditchtraining gewesen war, furchtbar müde aussah und sich von Florence hin und wieder kneifen ließ.
Professeur Riquit fuhr fort, über die unbenannten Jupitermonde zu sprechen und Antoinette seufzte tief. Wie langweilig solche Stunden waren! Wen scherten unbenannte Jupitermonde?
Der Mond warf seine Schatten auf die Gewächshäuser unten und tauchte das kleine Wäldchen vor dem Quidditchfeld in geisterhaftes Licht. Der kleine Weiher im Wäldchen spiegelte das Licht des Mondes und obwohl es dort unten keine künstlichen Lichter gab, wirkte alles sehr hell.
Spiegel... Ruckartig setzte Antoinette sich auf, so laut, dass Professeur Riquit sie erstaunt ansah.
„Was ist denn, Mademoiselle Villeneuve?", hakte sie misstrauisch nach.
Antoinette wurde rot, Professeur Riquit musste sicher denken, dass sie eingeschlafen und nun wieder aufgewacht war. Peinlich.
„Nichts, Professeur, ich habe mir nur das Knie gestoßen", nuschelte sie mit einem Hauch von rosa auf den Wangen.
Romaine, neben ihr, sah sie an, als habe sie einen Geist gesehen. Vielleicht war SIE gerade aufgewacht.
Zum Glück wandte sich Professeur Riquit nun erneut ihrem Modell des Jupiters zu und setzte ihren Vortrag fort.
Antoinette beugte sich zu Romaine hinüber: „Ich weiß, wo der Spiegel ist", flüsterte sie.
„Was?", fuhr Romaine auf.
„Nicht so laut", zischte sie ihrer Freundin zu.
Plötzlich wurde sie ganz aufgeregt. Sie mussten hier unbedingt raus. Ein Glück, noch zehn Minuten, dann waren sie entlassen.
„Gleich...", flüsterte Romaine ihr zu. „Musst mir alles erzählen."
Als die Schulglocke läutete, stürmten sowohl Romaine als auch Antoinette als erste aus dem Klassenzimmer und Romaine zog Antoinette an der Hand hinter sich her, bis zu einem kleinen Innenhof, in dem Palmen und andere tropische Pflanzen wuchsen.
„Also?", wisperte Romaine eindringlich.
„Wir müssen nach draußen, der Spiegel ist nicht in der Académie selber", erklärte sie der Freundin.
„Sondern?"
„Draußen, auf dem Gelände."
„Wie kommst du denn darauf? Da gibt es keine Spiegel", erwiderte Romaine mit einem Stirnrunzeln.
„Doch, die gibt es sehr wohl, sie fallen nur überhaupt nicht auf. Es muss der Weiher sein, oder eine von den kleinen Pfützen dort drum herum."
Romaine wirkte immer noch nicht überzeugt.
„Denk doch, was das für ein geniales Versteck ist, alle suchen hier in der Schule, aber zum Weiher geht keiner hin, weil es dort langweilig ist und es eben nicht nach einem Spiegel aussieht. Aber er spiegelt, das konnte man vom Astronomieturm aus sehen!"
Claire holte die beiden als Erste ein.
„Mon Dieu, was ist denn mit euch los?", wollte sie wissen, als sie die aufgeschreckten Mädchen sah.
„Wir müssen runter in das Wäldchen!", rief Romaine aufgeregt.
„Tiens, ich gehe sicher jetzt nicht ins Wäldchen. Wir müssen in unseren Aufenthaltsraum. Wenn ich erwischt werde, dann kann ich mir meinen Platz in der Quidditchmannschaft in die Haare schmieren", erklärte Claire kategorisch.
„Ich gehe mit", sagte Michelle.
Antoinette registrierte verwundert, dass Michelle nur knapp hinter Claire gestanden hatte, sie sie aber nicht gesehen hatte. Auch Leonie und Florence hatten sie erreicht.
„Ihr wollt ernsthaft jetzt noch raus?", fragte Florence.
„Ja, bevor es jemand anderes tut." Romaines Augen glitzerten manisch.
..::~::..
Romaine ging als Erste voran, Antoinette, Florence und Michelle folgten. Die beiden Quidditchspielerinnen ihres Zimmers hatten sich nicht gewagt, nachts draußen herum zu schleichen, denn damit wäre das erste Quidditchmatch unter Garantie für sie gestorben.
Florence hatte Michelles Schulter ergriffen, offenbar war ihr nicht besonders wohl bei dem Gedanken, einer Armee von Untoten entgegenzutreten, doch sie setzte ihren Weg fort, ganz wie die anderen.
Romaine war erst ein oder zweimal beim Weiher gewesen, es war wirklich langweilig dort und an heißen Tagen schaffte er auch keine Abkühlung, sondern schien die Hitze beinahe noch zu sammeln.
„Was machen wir denn, wenn wir die Untoten gerufen haben?", fragte Michelle von hinten. Bei ihr klang das nicht ängstlich, sondern eher gelangweilt, als ob sie jeden Tag ein paar Untote herumkommandierte.
„Dann holen wir das Horn", erklärte Romaine geduldig.
„Denkst du denn wirklich, es ist da drin?", fragte Florence Antoinette.
„Ich bin mir wirklich sicher", war die Antwort.
Nun ja, das war keine wirklich überzeugende Antwort. Aber die Gelegenheit und die Idee waren einfach zu verlockend.
„Und wenn die Untoten doch nicht so freundlich sind?", flüsterte Florence.
„Dafür gibt es doch das Horn. Hast du Professeur Marchand nicht richtig zugehört?", sagte Romaine genervt. Sie hatte niemanden gezwungen, mitzukommen.
„Doch, ich meine ja nur...", schob Florence vorsichtig ein, schwieg aber schließlich.
Immer tiefer stapften sie in das Wäldchen, die Bäume wurden dichter und noch war kein Wasser zu sehen. Der Weiher und die Pfützen, die niemals austrockneten, wirkten, wie eine Miniaturseenplatte.
War das der richtige Weg? Das war bestimmt schon zwei Monate her, dass sie dort gewesen war, nämlich einmal bei der Führung durch die Académie und durch die Ländereien und einmal war sie mit ihrem Botanique Kurs dort gewesen. Hoffentlich hatte sie sich nicht verlaufen, ihre Freundinnen würden sie auslachen.
Erleichtert sah sie durch die Bäume den silberhellen Schimmer des Weihers und Antoinette, hinter ihr, sog hörbar die Luft ein.
„Auf geht's", sagte Romaine ehrfürchtig. Tatsächlich war es gar kein so abwegiger Gedanke mehr, die Spiegel in der Schule musste doch jemand finden. Den Weiher überhaupt als Spiegel zu erkennen war ungleich viel schwerer. Allerdings wurmte es sie, dass Antoinette zuerst auf diese Idee gekommen war.
Im Unterholz raschelte es und ein Käuzchen schrie. Was für eine passende Atmosphäre, dachte sie bei sich.
„Willst du das wirklich machen?", flüsterte Florence.
„Ja", erklärte sie. „Was soll schon passieren? Sie werden vielleicht ein bisschen Unruhe stiften, aber Professeur Marchand hat doch gesagt, dass sie friedlich sind."
„Und wenn Professeur Marchand gar nicht recht hat?", warf Antoinette ein.
„Oh, na komm, wir können uns doch verteidigen. Ein paar Feuerzauber und die Untoten sind sicher schnell wieder in ihrem stinkenden Wasserloch", fauchte sie gereizt.
„Ich würde mich ja nicht mehr auf Professeur Marchand verlassen", sagte Michelle und verschränkte die Arme.
Romaine wandte sich nicht wieder um, sie wollte die Diskussion endlich beenden. Sie stand jetzt am Ufer des Weihers, der gerade mal einen Durchmesser von ca. fünf Metern hatte. Um das Wasser herum plätscherten kleine Wasserläufe doch die meisten Wasserflächen waren unbewegt und spiegelten stumm das Mondlicht.
Hinter ihr hatte sich ein Streit über Professeur Marchands Theorien entfacht und Romaine verdrehte die Augen. Konnten die drei nicht einfach still sein?
Schließlich richtete sie ihren Blick auf das klare Wasser und sagte: „C'est la manie!"
