Michelle hätte am liebsten aufgeschrien, doch alles Zetern und in Michelles besonderem Fall, Sachen zertrümmern, nützte überhaupt nichts: Professeur Brie bestand darauf, dass alle vier Mädchen ihre Strafe genau diesen Sonntag absitzen würden. Sie drohte sogar mit einer weiteren Strafe, wenn die Mädchen nicht endlich damit aufhören würden, sie zu terrorisieren.

So fanden sie, Antoinette, Romaine und Florence sich alsbald am Sonntagabend um viertel vor sechs in Professeur Bries Büro ein. Michelle hörte der Lehrerin nur mit einem Ohr zu, ihre größte Sorge galt viel mehr Leonie, die immer noch nicht wusste, wer von den beiden spielen durfte. Denn Olivier hatte sich nicht entschieden. Raffaela, eine ältere Quidditchspielerin hatte ihm ein Ultimatum gesetzt. Eine Stunde vor dem Spiel musste er sich entscheiden. Jetzt war eine Stunde vor dem Spiel. Michelle mochte Claire zwar recht gerne, aber sie drückte Leonie nun mal die Daumen und hätte ihre Freundin gerne angefeuert. Aber nein, jetzt durfte sie sämtliche Spiegel in der großen Halle putzen und das alles nur wegen einer reinblütigen Göre, die an Ammenmärchen glaubte. Am liebsten hätte sie Romaine hier und jetzt einen Fluch aufgehalst. Aber nicht einmal das war möglich, den Professeur Brie hatte sämtliche Zauberstäbe einkassiert und hatte ihnen gewöhnliche Muggelputzsachen vor die Nase gestellt.

Romaine stand gerade auf einer Leiter und putzte einen der zig Spiegel, die sich in sonst unerreichbarer Höhe befanden, als Michelle bei ihrem bloßen Anblick der Kragen platzte.

„Vielen Dank, Romaine", sagte sie gehässig.

Romaine zuckte die Schultern und ignorierte sie.

„Ich rede mit dir, Madame..."

„Ich hab das schon gehört", antwortete die Reinblüterin.

Hatte sie sich jemals vorgenommen nett zu dieser aufgeblasenen, versnobten, lilatragenden Kuh zu sein? Nun, das konnte sie ab jetzt vergessen.

Antoinette und Florence überhörten das Gespräch beide. Antoinette stand nahe einem der großen Fenster, ebenfalls auf einer Leiter und putzte ein dutzend mosaiksteingroße Spiegelchen, die in die Fensterverkleidung eingelassen waren.

„Kannst du das Quidditchfeld von da oben sehen?", fragte Florence, die am Fußboden beschäftigt war.

Wer hatte eigentlich beschlossen, dass es hier so viele Spiegel geben musste? Es war wirklich ätzend, sich die ganze Zeit während seiner Strafarbeit auch noch selber ansehen zu müssen.

„Nein", ich habe eben mal kurz einen Spieler gesehen. Muss sich wohl verirrt haben", versuchte Antoinette zu scherzen.

Niemand lachte.

Für Michelle jedoch war die Sache mit Romaine noch nicht gegessen.

„Macht dir das putzen Spaß?"

„Nein", sagte Romaine langsam.

„Ich finde eigentlich könntest du es alleine tun", ereiferte sich Michelle erneut.

Es regte sie fürchterlich auf, dass Romaine überhaupt nicht darauf einging.

„Du warst doch die Erste, die hier geschrien hat, als es darum ging, wer mit runter zum See geht", fiel ihr Florence in den Rücken.

Michelle warf ihrer Zimmergenossin einen bösen Blick zu. Nun auch noch die. Na klasse. Dass Florence die Wahrheit sagte, passte ihr jedenfalls gerade nicht in den Kram.

Verärgert warf Michelle den Lappen zu Boden und machte sich an einer dritten Leiter zu schaffen, die bisher nur auf dem Boden gelegen hatte. Erwarteten die Lehrer ernsthaft, dass sie sich auf eine zwei Meter Leiter stellte und irgendwelche Spiegel auf einer blöden Säule putzte? Nur, weil sie nachts mal unterwegs gewesen waren?

Jubel erklang vom Quidditchfeld, sie konnten es sogar bis hierhin hören, denn die Fenster der großen Halle waren geöffnet.

„Hoffentlich war das ein Punkt für uns", grollte Antoinette.

„Wer wohl spielt?", fragte Florence in die Runde.

Niemand antwortete. Das Thema hatten sie bis zum Schluss immer wieder durchgekaut, bis Claire ziemlich verheult vom Quidditchtraining wiedergekommen war. Danach waren sie davon ausgegangen, dass Leonie die Chance erhalten würde. Aber eine endgültige Entscheidung hatte ihnen niemand mitgeteilt, auch nicht ihre Freundinnen.

Michelle richtete die Leiter auf und schluckte. Zwei Meter waren ganz schön hoch, nur um ein paar Minispiegel zu putzen, die irgendwo in der Mitte der Säule in die Wand eingelassen waren. Vollkommen durcheinander und zusammengewürfelt hatte man sie angebracht oder in den Marmor eingearbeitet. Der Lehrertisch, der unter den Säulen stand, kam ihr plötzlich sehr klein vor und Michelle wünschte sich in diesem Moment ganz weit weg. Wenn es nach ihr ging, wäre sie auch gern dort gewesen, wo der Pfeffer wächst. Egal, Hauptsache nicht auf dieser Leiter.

Als Florence jedoch ein wenig komisch zu ihr rüber sah, besann sie sich eines Besseren und kletterte bis nach oben. Die sollte bloß nicht denken, dass sie Angst hatte!

Missmutig begann sie damit, die kleinen Spiegel an der Außenseite zu putzen.

„Ich glaube das war wieder ein Punkt", sagte Antoinette gerade, die am nächsten am Fenster war.

„Vermutlich für Sagace", erwiderte Romaine düster.

„Unsinn", sagte Florence. „Ihr dürft das nicht so negativ sehen. Am Ende gewinnt Gladiateur haushoch und Leonie und Claire durften beide mitspielen. Da bin ich mir sicher."

Michelle schnaubte. Glaubte Florence eigentlich an die Dinge, die sie sagte?

„Sagace spielt doch gut", sagte Romaine.

Verärgert schlug Michelle gegen die Säule.

„Kannst du nicht endlich den Mund halten?"

Dann fühlte sie es. Warmes Blut lief an ihrem Handgelenk herunter.

„Au", murmelte sie und nahm ihren Daumen in den Mund.

Sie hatte einen der größeren Spiegel zerschlagen. Ausgezeichnet, nun würde sie auch noch dafür Ärger bekommen.

„Was ist denn?", fragte Florence von unten.

„Hab mich geschnitten", erwiderte sich leichthin.

Immer noch Daumen lutschend, machte sich Michelle daran, die restlichen Spiegel zu putzen, doch der zerbrochene Spiegel zog ihre Aufmerksamkeit an sich. Darunter befand sich ein neuer Spiegel, frisch und ohne Kratzer. Vielleicht fiel es dann niemandem auf, dass sie einen davon kaputt gemacht hatte.

Fluchend entfernte sie die restlichen Scherben mit der Hand, schnitt sich noch ein zweites Mal und sah dann wohlwollend auf ihr Werk: Sah doch aus wie neu. Würde überhaupt niemandem auffallen.

„Kannst du deine Flucherei mal zurückschrauben? Das nervt", sagte Romaine.

„Nein, kann ich nicht."

„Das gehört sich nicht"

„Oh doch, wenn ich mir in den Finger schneide, dann gehört sich das so: C'est la manie!"

Dann erst registrierte Michelle, welche Worte sie gesprochen hatte...

..::~::..

Leonie hatte sich ihr erstes Quidditchmatch wahrlich anders vorgestellt. Gladiateur war auf dem besten Weg zu verlieren und Claire würde vermutlich kein Wort mehr mit ihr sprechen, da war sie sich ziemlich sicher. Der Schnatz war bisher nicht gefangen worden und Professeur Drocourt hatte das Match für zehn Minuten unterbrochen. Leonie landete gerade und sah sich suchend nach Claire um. Sie war natürlich nicht da. Und wer konnte es ihr verübeln? Eine der älteren Quidditchspielerinnen hatte am Ende eine Entscheidung gefällt, die gegen Oliviers Entschluss stand. Raffaela hatte ihm ohne Umschweife gesagt, dass sie aus der Mannschaft austreten würde, wenn Olivier nicht augenblicklich einen Entschluss traf und Olivier hatte sich, wie ein geprügelter Hund, für Raffaelas Kandidaten entschieden, obwohl er Claire den Posten für die Hüterin schon informell zugesagt hatte. Claire hatte bereits den Umhang des Hüters angehabt, als man sie vom Quidditchfeld geschickt hatte. Einen Moment hatte Leonie erwägt, einfach den Besen hinzuwerfen und ebenfalls zu verschwinden, doch dann hätte Gladiateur gar nicht spielen können und das hatte sie nicht gewollt.

Und jetzt waren sie dabei, haushoch zu verlieren, denn der Hüter, den sich Raffaela ausgesucht hatte, der gehörte erschossen, wie Leonie fand. Immer noch suchend sah sie sich in der Menge um. Ihre Mannschaftskameraden debattierten indessen wild, doch niemand beachtete Leonie, obwohl sie immerhin vier Tore geschossen hatte.

Sie ließ ihren Besen liegen, wo er war und rannte zu den Umkleidekabinen. Vielleicht war Claire noch irgendwo dort. Leonie hatte das Gefühl, dass sie keinen Augenblick weiterspielen könnte, wenn sie nicht erst mit Claire sprechen konnte. Es tat ihr alles so leid und auch, wenn sie beide gar nicht mehr um denselben Posten gekämpft hatten, empfand sie es als ihre alleinige Schuld, dass man Claire so übel mitgespielt hatte.

Die Gänge lagen dunkel vor ihr und Leonie musste sich beeilen, wenn sie ihre Freundin rechtzeitig erreichen wollte, denn das Quidditchmatch würde, einmal angefangen, auch ohne sie weitergehen.

In der „Besenkammer", wie die Schüler lapidar den riesigen Raum nannten, konnte sie sie nicht entdecken. Die unterirdischen Gänge, die jetzt gerade düster und leer waren, konnten richtig unheimlich sein, denn sie verschluckten allen Lärm von draußen.

Jemand, nicht weit entfernt von Leonie, schrie entsetzt auf.

Leonie rannte los, in die Richtung, in der sie den Urheber vermutete.

„Hallo?", rief sie mutig in einen leeren Gang vor ihr, der zum Umkleideraum von Helissio führte.

Ein ekelhaftes Geräusch, als bräche ein Knochen, jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Von woher kam das?