Angstvoll sah sie sich nach allen Seiten um, doch das Geräusch verebbte langsam und dann war es wieder still. Sogar der Lärm vom Quidditchfeld drang nicht bis hierher.

„Claire?", versuchte sie es noch einmal, jetzt aber nur noch zaghaft.

Das Geräusch war wieder da. Es klang wie das Atemgeräusch von etwas, das schon längst tot sein sollte.

„Lumos", flüsterte sie und wie erwartet, war der Raum menschenleer.

Aber wer hatte da geschrien? Oh, warum war sie nur ganz alleine nach unten gegangen? Sie hätte wenigstens einen ihrer Mitspieler bitten sollen, mitzukommen, dann hätte sie wenigstens jemanden dabei gehabt, der besser Zaubern konnte als sie selber.

„Claire!", rief sie noch einmal, jetzt wieder ein wenig lauter.

„Leonie...", flüsterte jemand seine Antwort. „Ich bin hier."

Leonie sah sich nach allen Seiten um, konnte jedoch niemanden erkennen.

„Hier drüben. Im Spind. Du musst dich verstecken. Da sind... ich weiß nicht was es ist. Ich glaube Zombies und einer ist hier drin."

Sie klang, als würde sie weinen.

„Versteck dich und halt die Tür gut zu", flehte Claire die Freundin an.

Leonie fackelte nicht lange, mit einem Satz, war sie bei den Spinden und riss eine der Türen auf, warf hastig den Inhalt auf den Boden und schloss sich ein. Keine Sekunde zu früh. Es knackte ekelerregend und ein Geschöpf trat ein. Leonie konnte es durch die Ritzen der Tür sehen, denn es trug eine Fackel in der Hand. Sein Kopf war riesig, wie der eines Hundes, doch Haut hatte es keine. Der knöcherne Hundekopf saß auf einem Menschenkörper, doch die Füße waren seltsam gebogen, wie die Hinterläufe eines Hundes. Leere Augenhöhlen verrieten ihr, dass diese Kreatur blind sein musste.

Im Spind nebenan konnte sie hören, wie Claire angstvoll einatmete. Der Kopf der Kreatur rollte auf dem Hals herum. Nur weil sie nichts sehen konnte, musste es nicht heißen, dass sie auch nichts hörte und tatsächlich, es gab ein Geräusch, als würde eine Kette einrasten, dann fixierte das Ding die Richtung. Sein augenloser Schädel schien Claire förmlich anzusehen.

„Mach was", flehte Claire nebenan, doch Leonie war zu keiner Regung fähig.

Und wie auf einen unheimlichen Befehl hin, erschienen drei weitere Kreaturen. Zwei davon wirkten beinahe menschlich, zumindest, vom Knochenbau her. Eine hatte viel mehr Knochen als die anderen, mehr wie ein Fisch, als ein Mensch. Eines davon trug eine Axt.

Leonie fürchtete sich. Wieso waren unheimliche Monster in ihren Umkleideräumen? Sie hatte doch nur Quidditch spielen wollen, sonst gar nichts. Woher kamen die? Einen Augenblick später: Die Erkenntnis. Romaine. Sie musste den verdammten Spiegel gefunden haben. Das Mädchen musste vollkommen wahnsinnig sein, diese Macht einfach sorglos zu entfesseln.

Das Ding vor der Tür näherte sich. Sie hörte das Klappern der Knochen auf den Fliesen. Etwas kratzte an der eisernen Tür entlang. Ihre Hände klammerten sich angstvoll um den Griff.

„Stupor", schrie jemand und fauchend und klappernd brach eines der Geschöpfe vor ihr zusammen. Die anderen drei versuchten das Geräusch zu lokalisieren und stießen dabei meckernde Laute aus, die sie entfernt an Ziegen erinnerten.

Ein weiterer Lichtstrahl fand sein Ziel und dann erkannte Leonie im schalen Licht der Fackeln Professeur Beauchamp und Professeur Brie.

„Professeur", schrie Claire. „Wir sind hier drin!"

Professeur Brie sah sich hastig um, schien jedoch nicht recht zu wissen, wer sie gerufen hatte. Leonie schlug gegen die Tür.

„Hier!"

„Warten Sie dort drinnen. Ich hole Sie da raus, sobald ich sicher sein kann, dass sich keine weiteren Untoten hier aufhalten."

Professeur Bries Stimme klang eindeutig angstvoll, dennoch war es beruhigend, dass die beiden Professoren überhaupt da waren.

..::~::..

„Mach die verdammte Tür endlich zu", schrie Coralie und erst als Dominic eines der Regale umgestürzt hatte, atmete sie durch.

Beide hatten sich in der Bibliothek verschanzt, als der Lärm losgegangen war und dann hatten sie auch gesehen, was ihn verursacht hatte. Eine ganze Armee von Untoten marschierte durch die Schule. Nach und nach bahnte sich einer nach dem anderen den Weg aus dieser oder jener Ecke. Nichts schien sicher zu sein. Dominic hatte sie gepackt und in die Bibliothek geschoben und dort saßen sie nun fest.

„Ja, ja, der Spiegel kann nicht gefunden werden. Jetzt haben wir eine Apokalypse in der Schule, aber der Spiegel ist sicher. Natürlich!", sagte Coralie verächtlich und ließ sich zu Boden sinken. Ihr Atem ging schnell und ihre Gedanken überschlugen sich. Die Tore mussten offen stehen. Sie musste da raus? Aber wie sollte sie das anstellen? Es gab keine bessere Gelegenheit, um das Horn zu studieren als diese. Also, wie wurde man nun Dominic los und fand das erste Tor?

„Ich weiß, was du jetzt denkst", holte Dominic sie aus ihren Gedanken. „Lass es bleiben."

Verdammt, woher wusste er das nur? Sie verbrachte doch auch sonst nicht viel Zeit mit ihm, wie konnte er das wissen?

„Du wirst keines dieser Tore öffnen, hast du mich verstanden?"

Seine sonst so sorglose Stimme klang streng.

„Dominic", erwiderte sie so ironisch wie möglich. „Seit wann sorgst du dich um meinen Verbleib? Solltest du dich nicht eher um Nyx sorgen?"

„Ach, Nyx und ich, das wird nichts mehr", antwortete er leichthin.

Woher nahm er eigentlich den Mut während einer höllischen Invasion zu flirten? Der Kerl hatte seltsame Ideen.

„Und du denkst, dass das jetzt, wo wir gerade allein sind, etwas mit uns wird? Vergiss es Dominic", erwiderte sie verächtlich. „Ich weiß, was du für einer bist."

Dominic seufzte.

„Es ist mir vollkommen egal, was du jetzt von mir denkst. Aber ich lasse dennoch nicht zu, dass du nach diesen Toren suchst. Coralie, das ist kein Spiel mehr und auch keine spannende Entdeckung. Das ist ernst."

„Genau das macht es ja so gut."

Coralies Augen leuchteten vor Erregung.

Dominic seufzte.

„Du glaubst gar nicht wie sehr ich das bereue."

„Was bereuen?"

„Das, was ich jetzt tun werde."

Erschrocken sprang Coralie auf, doch Dominic war schneller. Ein Schlenker seines Zauberstabs verrückte das Regal, gerade so weit, dass er die Tür öffnen und hindurch schlüpfen konnte. Eine zweite Zauberstabbewegung ließ Coralie zurück taumeln. Erschrocken stürzte sie zu Boden, während sich mit einem knarzenden Geräusch das Regal wieder vor die Tür schob.

„Egal was du tust, das wirst du nicht bewegen können. Du weißt, dass ich in Zauberkunst besser bin als du."

Die nächsten Worte verstand Coralie zwar nicht, doch sie konnte sich ausmalen, was sie bedeuteten: Dominic hatte die Bibliothekstür von außen verriegelt.

Wutentbrannt richtete sie sich auf und spähte durch die gesplitterte Scheibe.

„Wo, bei Merlins Unterhose, willst du hin?"

„Ich suche meine Schwester", antwortete er.

„Warum tust du mir das an, Dominic?"

Er atmete einmal tief durch.

„Weil ich dich gern habe, Coralie. Das ist alles."

Dann verließ er sie. Seine Schritte hallten als leise Echos von den Wänden zurück, dann verstummten sie. Coralie hörte nichts mehr. Fluchend ließ sie sich zu Boden sinken. War das sein ernst? Dominic Dumont meinte niemals etwas ernst, jedenfalls nichts, was er einem Mädchen sagte. Warum klangen dann seine Worte noch so lange nach?

..::~::..

Die Hölle schien sich über Beauxbatons ergossen zu haben. Antoinette und Romaine waren auf die höchste Leiter gestiegen, ebenso wie Michelle immer noch auf derselben Leiter stand, von wo aus sie diesen höllischen Spiegel sehen konnte. Florence hatte sich auf einen der Querstreben gerettet und nun sahen sie, aus luftiger Höhe, mit eigenen Augen, was Michelle angerichtet hatte.

„Toll, Michelle", rief Romaine zu. „Hast du gut gemacht. C'est la manie!"

„Ach, hör schon auf", fauchte Michelle zurück. „Du warst doch ganz heiß auf diesen Spiegel."

„Ich habe gescherzt", ereiferte sich Romaine und warf ihren dunklen Schopf in den Nacken. „Ich habe nur Spaß gemacht."

„Das stimmt doch gar nicht", antwortete Florence ungewohnt hitzig. „Und das weißt du auch ganz genau."

Antoinette hatte geschwiegen. Ihre Beine zitterten und sie fühlte sich elend. Ihre Freundinnen stritten, Untote tanzten durch das Schloss und das alles nur, weil sie nicht die Finger von diesem blöden Spiegel hatten lassen können. Sie selbst schrieb sich jedenfalls die Schuld dafür zu. Hatte sie Romaine je gebremst? Nein, sie hatte sie angestachelt, weiter zu suchen. Aber zu suchen war eben nur das eine. Es zu finden das andere und so ganz sicher nicht geplant. Überall hörte sie Lärm, erstickte Schreie und dazwischen immer wieder Kettenrasseln und kehliges Gemecker, als würden tausend Teufel durch die Schule ziehen. Vielleicht war das sogar die Wahrheit. Es hatte ganz leise begonnen. Mit einem Flüstern.