Jetzt war es ein ausgewachsener Sturm.

„Du musst da runter", zischte Romaine Michelle zu.

„Bist du bekloppt?", ereiferte sich Michelle und klammerte sich an die Querstreben der Leiter. „Du wolltest doch durch die Tore gehen. Nur zu, keiner hält dich auf. Viel Spaß! Bring was Schönes mit!"

„Kannst du ihnen nicht etwas befehlen?", rief Florence verzweifelt.

„Dafür braucht man das Horn, hast du nicht zugehört, als Professeur Marchand davon erzählt hat?", keifte Romaine zurück.

Antoinette schwieg immer noch. Die Tore. Wo konnten die nur sein? Drei Stück waren es und sie hatten furchteinflößende Namen. Und wer das erste Tor durchschritten hatte, konnte auch die anderen Tore passieren und das Horn benutzen. Dann würden die Untoten sich wieder zurück in ihre Gräber legen, oder auch eben nicht.

„Professeur!", schrie Florence plötzlich und Antoinette zuckte zusammen. Durch die Tür der großen Halle konnte sie Professeur Marchand sehen, der ohne den Kopf zu wenden an ihnen vorbei eilte.

„Professeur!", schrie nun auch Romaine, doch der Lehrer beachtete sie nicht und verschwand wieder.

„Er will durch die Tore", sagte Antoinette plötzlich.

Insgeheim hatte sie immer den Verdacht gehabt, dass Professeur Marchand ein viel zu großes Interesse an dieser Legende hatte, als ein normaler Mensch. Hinterher eilte Professeur Latoux, die eindeutig ängstlich aussah. Doch keines der Mädchen machte sich die Mühe, nach ihr zu rufen, denn die Professorin eilte zielstrebig hinter Professeur Marchand hinterher. Vielleicht wusste sie, was ihr Lehrer im Schilde führte und wollte ihm Einhalt gebieten. Antoinette hoffte es zumindest.

„Wir müssen da wirklich runter. Vielleicht kannst nur du das hier aufhalten", sagte Romaine plötzlich leise zu Michelle.

„Davon hat Professeur Marchand aber nie gesprochen. Er hat nur gesagt, dass man durch die Tore muss, um das Horn zu bekommen, sonst nichts. Und wir kommen da sicher nicht durch. Man kann sie ja nicht einmal finden! Nein, Danke. Ich bleibe, wo ich bin."

„Und wenn Professeur Marchand etwas schlimmes mit dem Horn anstellen wird? Dann ist das deine Schuld", tobte Romaine.

„Es hätte genauso gut deine sein können, du warst doch ganz heiß auf diesen verdammten Spiegel", konterte Michelle.

Zornig warf Romaine ihren blonden Schopf in den Nacken. Dabei stürzte ihr lila Haarreif die Leiter hinunter.

„Verdammt", knurrte sie und machte sich an den Abstieg.

„Hallo, hast du nicht aufgepasst? Untote rennen durch die Schule. Da laufen gerade drei seltsame Zombies an der Tür zur großen Halle vorbei und du hast nichts Besseres zu tun, als deinen Haarreif aufzusammeln?", rief Florence von oben und klammerte sich noch fester an die Leiter.

Romaine machte ein verächtliches Geräusch und stieg weiter die Stufen hinab. „Wo ich auch gerade Mal unten bin, kann ich ja mal meine Bekanntschaft mit der Porte de la douleur machen."

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Porte de la douleur. Allein das Wort verursachte Quentin schon Gänsehaut. Wenn die Sage aber vollständig der Wahrheit entsprach, dann half alles nichts, er musste dadurch. Zielsicher richtete er seinen Zauberstab auf einen weiteren Untoten, der sich mit schlurfendem Schritt und hängenden Armen näherte. Das Geräusch, das er dabei machte war grauenhaft. Ein Funkenregen aus seinem Zauberstab und der Untote krümmte sich auf dem Boden. Doch das war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, immer mehr Untote ergossen sich über Beauxbatons. Egal, nur weiter. Bis zur Pforte.

Ein wenig außer Atem blieb Professeur Marchand im Treppenhaus stehen und sah sich um. Überall waren die Professoren damit beschäftigt, die Zombies, Geister und was es noch so alles beschworen hatte, auf Abstand zu ihren Schützlingen zu halten. Schüler hatten sich zusammengerottet und folgten nun angstvoll ihren Lehrern. Und wo steckte in all diesem Chaos überhaupt Madame Maxime? Nicht zum ersten Mal hatte Quentin den Eindruck, dass die Schulleiterin sich nur sehr selten überhaupt in der Académie aufhielt.

„Quentin!", hörte er eine vertraute Stimme nach ihm rufen.

Er machte ein paar Schritte, die Treppe hinauf und hoffte, dass Audrey Latoux ihm nicht folgen würde. Doch da hatte er sich geirrt. Die Alchemielehrerin war beharrlich.

„Quentin, du darfst das nicht tun", rief sie ihm hinterher.

Offensichtlich hatte sie ihn genau gesehen. Er wandte sich zu ihr um und musterte sie mit einem abschätzigen Blick.

„Audrey, ich bitte dich, bleib in deinem Alchemielabor und bewach die Tür."

Professeur Latoux's Perlen, die sie immer im Haar trug, funkelten im Dämmerlicht, als sie freudlos lachte.

„Das wäre dir vielleicht lieber. Aber ich bleibe hier bei dir."

„Sei doch vernünftig, bleib da, wo es sicher ist", versuchte er es erneut, doch sie schüttelte beharrlich den Kopf.

„Mich wirst du nicht einfach so los, wie deine Erstklässler", entgegnete sie.

„Audrey, wenn du nicht augenblicklich verschwindest, dann verfrachte ich dich eigenhändig an einen sicheren Ort", grollte er böse.

Doch Audrey Latoux reckte angriffslustig ihr Kinn in die Höhe und erwiderte seinen verächtlichen Blick.

„Versuch es doch."

Von Unten hörten sie Schreie, dann eine Stimme, tief wie eine Bronzeglocke. Auch das noch. Jetzt war die Schulleiterin auf den Plan getreten.

„Verschwinde endlich", zischte er der Alchemielehrerin zu und stürmte dann los, den Treppenaufgang hinauf und stand bereits in der riesigen Halle über dem Essenssaal, von wo aus die Schüler zu ihren Türmen gingen.

Eine ganze Armee aus Untoten hatte sich bereits hier versammelt und tanzte im dämmrigen Zwielicht ihren schaurigen Totentanz. Und noch etwas war da: Vier kleine Gestalten, die verdächtig nach Erstklässlern aussahen, die in Windeseile die Treppe zum Turm von Gladiateur hinauf eilten, während die Untoten langsam einen Ring um den Treppenabsatz zogen.

Doch dort wartete nicht mehr das Tor zu Gladiateur mit seinem griesgrämigen Gardien auf die Schüler: Ein Tor aus Licht mit riesigen Säulen umsäumt war dort geöffnet und über das Tor waren unübersehbar, weil mit feinen Linien aus gleißendem Licht geschrieben, die Worte: Porte de la douleur.

„Nein!", schrie Quentin ihnen zu, doch seine Worte gingen im Schaben und Schlurfen und Grollen der Monsterhorden unter.

„Stupor!", schrie er und brannte sich besinnungslos seinen Weg durch die toten Körper, bis hin zum Treppenaufstieg, der zum Turm von Gladiateur führte, doch zielsicher steuerten die kleinen Gestalten auf die Pforte zu und wurden von dem gleißenden Licht verschluckt.

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Als Florence die Augen öffnete, dachte sie für einen kurzen Moment, sie sei blind geworden, denn alles um sie herum war strahlend weiß. Dankbar erkannte sie in einem der Schemen ihre Zimmergenossin Michelle. Und auch Romaine und Antoinette waren da. Ihnen schien nichts passiert zu sein, auch wenn sie ein wenig zerzaust aussahen.

„Ich hätte nicht gedacht, dass man mit mehreren hinein gehen kann", sagte Romaine ein wenig verwirrt.

Florence war das vollkommen gleichgültig. Nie hatte sie dieses Geheimnis erkunden wollen und ganz sicher, wollte sie sich keiner dieser Prüfungen unterziehen, die hier nun auf sie warteten. Das passte doch gar nicht zu ihr. Sie war eine ganz normale Hexe, die von ihren Freundinnen mitgerissen worden war, in ein Abenteuer, das sie gar nicht hatte erleben wollen. Und nun stand sie hier und starrte in das Nichts, das hinter diesem Tor lag.

„Ich gehe keinen Schritt weiter", sagte sie plötzlich.

Und es war ihr ernst. Immer ließ sie sich von ihren Freundinnen mitreißen, ungeachtet dessen, was sie eigentlich wollte. So benahmen sich Freundinnen doch gar nicht. Sahen sie nicht, dass sie hier überhaupt nichts zu suchen hatte?

„Was sagst du da?", hakte Michelle nach.

„Ich will nicht weiter."

„Dafür ist es jetzt viel zu spät", entgegnete Romaine knapp und setzte sich auch schon in Bewegung.

„Ich habe gesagt, ich will das nicht. Mir reicht euer blöder Hokuspokus! Einer Legende nachjagen! Ihr seid wahnsinnig geworden. Jetzt habt ihr eure Legende und ich schwöre euch, in weniger als fünf Minuten werdet ihr das bitterlich bereuen. Ich hätte mich nie auf diesen Blödsinn einlassen sollen", schrie Florence nun vollends fassungslos.

Beschwichtigend legte Antoinette eine Hand auf ihre Schulter, doch Florence schüttelte die andere ab. Sie wollte jetzt nicht beschwichtigt werden. Zu viele Sachen gingen ihr durch den Kopf, die sie nun endlich einmal aussprechen wollte.

„Ich habe diesen ganzen Blödsinn mitgemacht, weil ich dachte, dass ihr meine Freundinnen seid. Jetzt aber merke ich, dass ihr genau das eben nicht seid. Echte Freundinnen hätten mich nie dazu genötigt, immer einen Schritt weiter zu gehen, als ich je wollte!"

„Niemand hat dich genötigt", erwiderte Michelle schlicht.

„Doch, das habt ihr. Ich bin euch immer gefolgt, wie ein blödes Lämmchen. Das möchte ich nicht mehr!"

Das Bild, das sich ihnen bot, veränderte sich. Aus dem unendlich hellen weiß schälten sich Silhouetten. Die Silhouetten von Dornenranken. Bis zum Horizont zogen sie sich und auf einmal standen die vier Mädchen auf einem zerklüfteten Fels und blickten auf dieses Tal voller Dornen.

„Ich befürchte, dir bleibt überhaupt keine andere Wahl mehr", sagte Romaine schließlich, nachdem sie eine Weile schweigend auf die Szene gestarrt hatte.

Florence schluckte.

Antoinette lächelte sie an. „Weißt du, ich habe mir auch schöneres heute Abend vorgestellt, als durch drei mysteriöse Tore zu gehen und die Welt zu retten."

Michelle schickte sich an, den Abhang hinunter zu kraxeln und die drei anderen folgten schließlich. Florence ebenfalls. Was sollte sie auch tun? Vielleicht blieb man für immer gefangen, wenn man einfach in der Pforte stehen blieb? Vielleicht wurde man dann ein Teil dieser Legende? Das wollte sie lieber nicht austesten.

„Was hast du dir denn heute Abend vorgenommen?", sagte sie schließlich, während sie sich vorsichtig an den Abstieg machte.

„Och, weiß nicht. Pfannkuchen essen, meine Alchemiehausaufgaben zu Ende machen und einen Brief an meine Brieffreundin schreiben."

Plötzlich begann Romaine zu lachen. „Weißt du, da ist Welt retten aber viel spannender."

Darüber mussten ihre Freundinnen nun doch lachen, sogar Florence wurde davon angesteckt und bald liefen ihr vor Lachen die Tränen über die Wangen...