Als Claire endlich die Schule erreichte, herrschte dort heilloses Chaos. Professor Brie befahl ihr, sich im Gemeinschaftsraum von Gladiateur zu verschanzen, überprüfte aber nicht, ob sie wirklich dorthin ging, denn nur nach einigen Minuten, wurde ihre Hilfe in einem anderen Teil des Gebäudes verlangt. So blieben Leonie und sie einfach in der Eingangshalle stehen und konnten gar nicht begreifen, wie ihnen geschah. Überall liefen Schüler und Lehrer hin und her, schrien sich etwas zu, oder eilten in kleinen Gruppen irgendwohin. Und da waren natürlich die Untoten. Sie schienen überall zu sein, immer wieder bekam Claire einen von ihnen zu Gesicht, aber in ihr hatte sich ein trotziger Zorn breit gemacht, der ihr befahl, sich nicht wieder im nächstbesten Schrank zu verstecken.

Der blonde Schopf von Professeur Beauchamp erschien mit einem Male vor ihnen.

„Was machen Sie noch hier?", fuhr sie die beiden ungewohnt laut an. „Mitkommen, sofort!"

Sie nahm Claire und Leonie an die Hand und zerrte die beiden geschockten Erstklässler durch die Hölle.

„Was ist denn nur passiert, Professeur?", fragte Leonie im Laufschritt.

„Das was eines Tages passieren musste: Jemand hat den Spiegel gefunden."

Claire schluckte. „Weiß man denn schon, wer es war?"

„Nein. Aber Gnade ihm Gott, wenn derjenige nur rausgeworfen wird, dann hat er Glück gehabt."

Professeur Beauchamp zog beide in das Treppenhaus, wo sich eine ganze Armee der Untoten tummelte, doch seltsamerweise beachteten die Ungeheuer sie nicht. Ihr Blick richtete sich auf etwas, das am Ende der Treppe lag, die in den Turm von Gladiateur führte.

„Nein", stöhnte Professeur Beauchamp und blieb abrupt stehen, sodass Claire gegen sie stolperte.

„Was ist das?", fragte Leonie erschrocken.

„Das ist die Porte de la douleur. Jemand muss sie geöffnet haben. Schnell jetzt."

Claire wusste gar nicht, wie ihr geschah, als die Professorin nach rechts in einen der Korridore eilte und wahllos eines der Klassenzimmer aufriss.

„Sie bleiben hier. Wehe, ich erwische einen von Ihnen auch nur noch einmal draußen, dann schwöre ich Ihnen, dass Sie die nächsten sind, die der Schule verwiesen werden!"

Es rumpelte und Leonie und Claire befanden sich in einem dunklen Klassenzimmer, das schon länger nicht mehr benutzt wurde, den Spinnweben nach zu urteilen.

Als Claires Augen sich an die plötzliche Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte sie, dass sie nicht alleine in dem Raum waren. Dicht aneinander gedrängt saßen einige Schüler auf den Tischen und starrten vor sich hin. Alle schienen viel zu verängstigt zu sein, um zu sprechen. Sogar ein paar Schüler aus Gladiateur erkannte Claire und es fiel ihr ein Stein vom Herzen, als sie Louis erkannte.

„Louis", schrie sie und warf sich ihrem Bruder in die Arme, der sie nur ungläubig anstarrte.

„Mein Gott, Claire, wo warst du, ich habe dich überall gesucht, du warst plötzlich verschwunden und... hast du Pierre gesehen?"

Claire schüttelte vehement den Kopf und hielt nur mit Mühe die Tränen zurück. „Ihm geht es bestimmt gut. Mach dir keine Sorgen", schniefte sie vor sich hin.

Leonie stand immer noch ziemlich apathisch daneben und sagte keinen Ton.

„Sie können uns doch nicht hier einsperren", schimpfte gerade ein Mädchen aus Helissio.

„Klar können sie", erwiderte eine scharfe Stimme, die Claire als die Raffaelas identifizierte. „Sie werden den Krempel beseitigen und dann kannst du heute noch in deinem flauschigen Helissiobett schlafen."

Das Mädchen setzte zu einer Antwort an, aber Raffaela machte nur ein verärgertes Geräusch und sie schwieg wieder.

„Meinst du, dass Romaine...?", begann Leonie plötzlich leise.

„Schhhh", machte Claire erschrocken. „Hast du nicht gehört, was Professeur Beauchamp gesagt hat? Sie werfen sie raus!"

Claire wusste selbst nicht recht, wieso sie Romaine so in Schutz nahm, aber mal ehrlich, es hatten doch alle Schüler mal mit diesem Spiegel herum gespielt. Warum bewahrten sie ihn überhaupt irgendwo auf, wo er für Schüler erreichbar war? Die Legende kannte schließlich jeder, manchmal kamen sogar Hexen und Zauberer aus einem anderen Land und schauten sich in der Schule um, weil sie Abhandlungen über die Legende des Horns schrieben oder auch irgendwo selbst danach suchen wollten.

„Sie haben die Tür abgeschlossen, oder?", fragte ein Fünftklässler aus Gladiateur ihren Bruder.

Louis nickte. „'Türlich."

Raffaela hatte sich auf einen kleinen Tisch am Ende des Raumes gestellt. Claire folgte ihrem Blick. Die Quidditchspielerin konnte von hier aus in den Lüftungsschacht sehen.

„Was gibt's da?", wollte Louis wissen.

„Ich kann von hier aus in das Treppenhaus sehen", behauptete Raffaela und stellte sich noch einmal auf die Zehenspitzen, obwohl sie schon sehr groß war. „Die Biester sammeln sich."

„Sie tun was?", rief der eine Fünftklässler. „Eben sind sie doch noch sinnlos durch die Schule marschiert."

„Mag sein, aber jetzt gehen sie zu unserem Turm. Sie schleichen vor der Treppe herum."

„Das liegt bestimmt an dem Tor", flüsterte Leonie.

„Vielleicht ist jemand da rein gegangen", überlegte Louis laut.

Claire konnte sich vage denken, wer das war.

„Aber noch sind sie am Fuß der Treppe, als ob sie sich nicht wirklich trauen würden, auch hochzugehen."

„Wir müssen sie da weglocken", sagte Claire abrupt.

Alle Augenpaare in dem Raum wanderten zu ihr und Claire erschrak, als die viel älteren Schüler ihr nun gespannt lauschten. Das war sie nicht gewohnt. Sie unterdrückte den Zwang, sich am Hals zu kratzen und atmete tief durch.

„Jemand muss das Horn holen. Aber wenn die Untoten auf sie lauern, dann werden sie niemals wieder da herauskommen. Womit lockt man Untote?"

„Mit Blut", antwortete Leonie, wie aus der Pistole geschossen. Professeur Marchand hatte ganze Arbeit geleistet. Das wäre wahrscheinlich eine Antwort gewesen, die ihr mindestens ein „E" eingebracht hätte.

„Ihr seid doch vollkommen bekloppt", sagte Raffaela kopfschüttelnd.

„Nein, wirklich. Sie müssen da weg. Wir könnten sie doch locken", fuhr Claire unbeirrt fort. „Dann könnte jemand problemlos das Horn holen und wir wären die Dinger los."

„Das klingt vollkommen durchgeknallt, weißt du das?", sagte ihr Bruder.

Claire seufzte und begann erneut: „Wir brauchen Blut. Und zwar eine Menge."

..::~::..

„Wie kommen wir da runter?", fragte Romaine leise.

Als sie die Frage einmal ausgesprochen hatte, erschien, wie von Geisterhand, ein Weg, der hinunter durch die Dornenranken führte. Oder zumindest bis dahin, dann verlor er sich nämlich.

Wider Erwarten, war es Antoinette, die sich als Erste in Bewegung setzte und sich vorsichtig an den Abstieg machte.

Ungläubig sah ihr Romaine nach.

„Was denn?", rief Antoinette über die Schulter hinweg. „Je eher wir dadurch sind, desto eher ist es auch vorbei."

Das war zumindest ein Argument, dachte Romaine bei sich und folgte ihrer Freundin. Florence und Michelle folgten zum Schluss.

„Weiß irgendwer, was man hier machen muss, um die Pforte zu überwinden?", rief Michelle von hinten.

Antoinette hatte bereits den Grund der seltsamen Grube, die nur aus weißem Licht und Dornen zu bestehen schien, erreicht und blieb am Rand der ersten Sträucher stehen.

„Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Das weiß bestimmt niemand, Professeur Marchand hat uns ja auch nichts von den Pforten erzählt", antwortete Romaine bitter.

Kein Wunder, dass der Professor ihnen nichts erzählt hatte, es sah doch ganz eindeutig so aus, als wolle er das Horn für sich haben. Sie verdächtigte ihn nicht zum ersten Mal, etwas Böses im Schilde zu führen. Vielleicht hatte er seine ganz eigenen Vorstellungen davon, was er mit einer Armee von Untoten anstellen wollte?

Antoinette ließ sich zu Boden sinken und schob ein paar der Ranken nach oben.

„Autsch", jammerte sie und Romaine sah, wie sich ein tiefer Kratzer auf ihrem Handrücken zeigte. „Die sind aber wirklich spitz."

Romaine seufzte tief und kroch ein Stück näher zu Antoinette. „Ich glaube das hilft alles nichts, wir müssen da durch."

„Können wir die nicht verbrennen?", schlug Michelle halbherzig vor.

„Das funktioniert bestimmt nicht, aber ein Versuch ist es wert", sagte Florence leise.

Michelles Zauber traf den ersten Dornbusch, doch obwohl er in Flammen aufging, erloschen diese erstaunlich schnell wieder und die Ranken waren genauso unwegsam wie zuvor.

Antoinette kniete immer noch am Boden und rieb sich die schmerzende Hand. „Wäre auch zu schön gewesen, wenn das funktioniert hätte."

Schließlich blieb ihnen nichts anderes übrig, als zähneknirschend und unter brennenden Schmerzen durch das Gestrüpp zu kriechen. Fluchend kletterte Romaine hinter Antoinette her, die es auf sich genommen hatte, voran zu gehen. Dennoch bewunderte sie Antoinettes spontanen Mut, normalerweise war ihre Freundin nie so entschlossen und mutig. Aber hier wuchs sie über sich hinaus, während Michelle und sie sich ihren Weg lautstark fluchend durch das Gestrüpp schlugen.

Von Florence hörte man ab und zu ein paar Schmerzenslaute, doch sie sagte nichts mehr, als sei ihr ihr Ausbruch von vorhin ein wenig peinlich.

Mittlerweile war Romaines ganze Schuluniform nur noch ein grauer Fetzen, ihren verdammten Haarreifen hatte sie verloren und einen ihrer Schuhe auch, er hatte sich unwiederbringlich im Geäst verfangen. Allerdings musste sie kichern, wie in tausenden von Jahren irgendwelche gelehrten Zauberer darüber philosophierten, wieso wohl in der Porte de la douleur ein Damenschuh und ein Haarreif verborgen waren. Vielleicht würde man diese Dinge eines Tages anbeten? Erschrocken registrierte sie ihr kichern. Sie musste langsam den Verstand verlieren. Dennoch hatte es etwas Gutes, der Schmerz verebbte langsam. Ihre Haut fühlte sich taub und kühl an.

„Ich kann nicht mehr", stöhnte Michelle. „Hast du eine Ahnung wie weit es noch ist?"

„Nein, hier sieht alles gleich aus. Ich sehe nichts als schwarze Dornen und weißen Boden", kam die Antwort von vorne.

Romaines Knie fühlten sich an, als habe sie sie mit Schmirgelpapier bearbeitet. Wann hörte das denn endlich auf? Sie konnten doch wohl kaum ewig durch ein Meer aus Dornen kriechen.

Sie hörte hinter sich, wie eine der Rampen ziemlich heftig zur Seite gerissen wurde, dann schrie Michelle wutentbrannt auf: „Merde! Dieses Dreckstor! Das tut so unendlich weh!"

Romaine fühlte einen dumpfen Schlag, dann wurde ihr schwarz vor Augen.