„Nun seht mich nicht so an", murmelte die kleine Erstklässlerin. „Ihr wisst so gut wie ich, dass man sie da weglocken muss."
Raffaela fand, dass sie Mut hatte. Aber auch reichlich verrückt war. Dennoch, warum eigentlich nicht? Die Lehrer wirkten nicht, als seien sie Herr der Lage, eher genauso planlos wie sie alle.
„Professeur Latoux hat Blutkonserven in ihrem Klassenzimmer, da bin ich mir sicher", sagte Louis mit einem Mal. „Wir haben mit Trollblut experimentiert."
„Wunderbar", sagte René, ihre Klassenkameradin. „Ihr seid doch verrückt, alle zusammen. Ich gehe hier nicht raus. Hier sind wir sicher."
„Dann bleib eben hier", fuhr Raffaela sie an. „Es zwingt dich niemand."
Claire sah sie dankbar an. Raffaela wusste, dass sie das Mädchen nicht ganz fair behandelt hatte, das wollte sie gerne wieder gut machen.
„Louis holt uns hier schon raus, du wirst sehen", sagte sie zuversichtlich zu dem Mädchen. „Er macht einen super Sprengzauber."
„Professeur Beauchamp wird mich umbringen, wenn ich das tue", stöhnte Louis.
„Sie wird das verstehen", flehte das Mädchen ihren Bruder an. „Außerdem können wir immer noch behaupten, dass wir in Gefahr waren und hier raus mussten. Wie soll sie das kontrollieren?"
„Aber wie sollen wir denn von hier aus unbeschadet in Professeur Latoux' Klassenzimmer kommen? Da liegen zwei Stockwerke vor uns", sagte die andere Erstklässlerin, Leonie.
„Das lass meine Sorge sein. Ich bringe uns da durch", erklärte Raffaela schlicht. „Wer hier bleiben möchte sieht zu, dass er die Tür wieder versiegelt. Wir gehen."
Louis stand auf und schlenderte beinahe gemächlich zur Tür, während die zwei Erstklässler sich hinter Raffaela stellten. Das Mädchen aus Helissio, so wie auch René und zwei andere Jungs aus Sagace weigerten sich schlichtweg, nach draußen zu gehen.
Louis zuckte lediglich die Schultern. „Geht lieber in Deckung." Er richtete seinen Zauberstab auf die Tür und Raffaela hielt sich vorsorglich die Ohren zu. „Confringo!"
Einige der Mädchen schrien erschrocken auf, die Tür barst mit einem ohrenbetäubenden Krachen und Louis selbst machte einen Satz zurück, um nicht von einem Holzsplitter getroffen zu werden.
„Das war heftiger als erwartet", sagte er grinsend und kletterte durch das Loch. „Was ist? Wollt ihr da Wurzeln schlagen, oder ein paar Dämonen an der Nase herum führen?"
Raffaela und die anderen beeilten sich, ihm hinterher zu kommen. Auf dem Gang war es ungewohnt still, aber aus der Ferne hörten sie immer noch Schreie.
„Hier entlang", zischte Raffaela. „Wieso ist es hier überhaupt so dunkel?"
Das stimmte, die meisten Fackeln waren von den Wänden gerissen worden. So düster hatte sie Beauxbatons noch nie gesehen.
„Lumos", sagte Claire neben ihr und vorsichtig schlichen sie den Gang hinunter, der zum zweiten Treppenhaus führte. Raffaela, mit gezücktem Zauberstab voran, während Louis die Nachhut bildete.
„Sie sind sicher alle bei den Treppen", sagte Leonie leise.
„Ich hoffe es. Dann wird das hier ein Kinderspiel."
„Müssten sie das Blut nicht eigentlich gewittert haben, wenn Professeur Latoux so viel davon in ihrem Labor hat?", offenbarte Louis die Schwäche ihres Plans.
„Vielleicht können sie das nicht riechen, wenn es versiegelt ist", überlegte Claire, klang aber keineswegs überzeugt.
„Vielleicht warten sie aber auch schon da oben auf uns", erwiderte Raffaela düster. War vielleicht doch keine so gute Idee gewesen, den verrückten Plan einer Erstklässlerin auszuführen.
„Wir müssen sie ja irgendwie darauf aufmerksam machen", sagte Leonie.
„Das wird schon", behauptete Raffaela, damit niemand merkte, dass sie selber an dem Plan zweifelte. „Zur Not kippe ich mir das Zeug über den Kopf und tanze Samba am Treppenaufgang."
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Luzienne hatte Angst. Furchtbare Angst. Sie und Nyx krochen geduckt durch die Korridore, vorbei an Knochensplittern, pergamentartigen Hautfetzen und schreienden Schülern. Teilweise knisterte es unheilvoll hier und da, wo Fackeln zu Boden gestürzt waren und Rauchschwaden verkündeten das nahe Feuer. Aber wo war man jetzt noch sicher? Nyx und sie wagten es sich kaum, aufrecht zu gehen, seitdem ein Untoter durch eines der bunten Glasfenster gesprungen war und sie zu Tode erschreckt hatte. Immerhin hatte Nyx den Untoten augenblicklich ins endgültige Jenseits gesprengt, zwar mehr aus dem Schock heraus, aber immerhin waren sie bisher unversehrt. So eine riesige Schule und plötzlich waren so wenig Menschen zu sehen. Genau genommen schon seit gefühlten zehn Stunden niemand mehr.
„Vermutlich haben sie sich alle versteckt", versuchte Nyx sie zu beruhigen.
Aber immer wieder hörten sie Schreie, splitterndes Glas oder knackende Knochen, die ihnen verrieten, dass die Untoten nicht weit waren.
„Lass uns in irgend ein Klassenzimmer gehen", schlug Nyx vor. „Ich kann nicht mehr, meine Knie bringen mich um."
Luziennes Knie sahen ebenfalls aus, als sei sie über Steine gerutscht, so lange kroch sie nun schon auf allen Vieren durch die Schule.
„Hier rein", rief Nyx und zog wahllos eines der Klassenzimmer auf.
Luzienne hastete hinterher und sah sich im fahlen Zwielicht des Raums um.
„Das ist Professeur Latoux' Alchemielabor. Zumindest der zweite Raum davon, das Klassenzimmer ist weiter hinten", rief sie erleichtert.
Nyx folgte mit einem tiefen Seufzer und warf die Tür hinter sich zu. „Wollen wir nur hoffen, dass es hier keine ungebetenen Gäste gibt."
„Lumos", flüsterte Luzienne und warf einen Blick in den Raum.
Der Weg zum zweiten Zimmer des Labors war durch einen Vorhang versperrt, der sachte im Wind schaukelte. Von irgendwoher kam eine frische Brise, doch das war hier eigentlich normal, Professeur Latoux sorgte immer dafür, dass in ihrem Labor keine stickige Luft herrschte. Kein Grund Angst zu haben. Vor ihnen standen ellenlange Regalreihen, in denen sich die verschiedensten Dinge befanden, die Luzienne kaum benennen konnte. Manche Dinge waren knallbunte Kugeln, andere Röhren mit neonfarbenen Flüssigkeiten und manche Dinge waren undefinierbar. Doch etwas Bedrohliches gab es in diesem Raum nicht, wenn man einmal von dem Plastikskelett absah, dass in der Ecke stand, ein Überbleibsel von Professeur Latoux' letztem Halloween Kostüm.
Nyx entzündete eine der Öllampen auf dem Schreibpult und sah zur ihr hinüber.
„Ich glaube hier sind wir sicher. Noch schlimmer kann es ja auch kaum werden."
„Coralie hat sicher ihre heillose Freude daran", entgegnete Luzienne düster und ärgerte sich gleichzeitig darüber, dass Coralie so viel furchtloser als sie selbst war.
„Coralie ist, wenn sie so weiter macht, bald selbst untot", antwortete Nyx scharf.
Trotz der bedrohlichen Situation musste Luzienne herzhaft loslachen. „Das sagst du nur, weil du sie selbst umbringen willst, seitdem du sie mit Dominic gesehen hast."
„Kann schon sein", erwiderte Nyx beleidigt.
Etwas kratzte an der Tür und ließ die beiden Mädchen zurück springen.
„Verdammt, was war das?", zischte Nyx angstvoll und zog Luzienne hinter das Schreibpult.
„Ich hab keine Ahnung", flüsterte sie zurück. „Halt deinen Zauberstab bereit."
Misstrauisch beäugten die beiden die Tür, an der sich nun, ganz langsam, die Türklinke nach unten bog.
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Antoinette schlug die Augen auf. Die Dornen waren verschwunden. Sie lag im weißen Nichts und schloss die Augen schnell wieder, so hell war das Licht. Als sie sie erneut öffnete, sah sie Michelle neben sich liegen. Und noch ein Stück weiter Romaine und Florence. Sie war nicht allein! Zum Glück. Als sie sich aufrichtete, sah sie in der Ferne ein Tor, genau wie das, durch das sie zunächst gekommen waren. Führte es hinaus? Oder hatten sie das nächste Tor erreicht? Welches war das nur? Ach, warum hatte sie Professeur Marchand nur nicht zugehört? Solche Dinge konnte sie sich nie merken, dabei wäre genau dieses Wissen jetzt von Vorteil. Von enormem Vorteil!
Ächzend setzte sich Michelle neben ihr auf.
„Merde, was war das denn?", fluchte sie los.
„Keine Ahnung. Als habe das Tor beschlossen, dass jetzt mal was anderes an der Reihe sei", antwortete Antoinette.
Michelle sah sie mit großen Augen an. „Du machst mir echt Angst, wenn du solche Sachen sagst", flüsterte sie. „Ich hatte keine Ahnung, wie lebendig Magie werden kann."
„Ziemlich", meldete sich Romaine zu Wort und fühlte über die Schrammen in ihrem Gesicht. „Ich glaube die bleiben..."
Florence erhob sich als Letzte.
„Und was nun?", wollte Michelle, praktisch wie immer, wissen.
„Weiter", kommandierte Romaine. „Das da hinten ist entweder das Tor hinaus oder das nächste Tor. Welches müsste jetzt kommen?"
„ Porte de la folie- Das Tor des Wahnsinns", antwortete Florence leise.
„Klingt toll", erwiderte Michelle ironisch.
„Habt ihr den Schlag auch gespürt?", fragte Romaine.
„Nicht nur gespürt. Ich hab eine dicke Beule am Kopf", murmelte Antoinette und strich sich über die Haare. Das tat furchtbar weh und sie zuckte unter ihrer eigenen Berührung regelrecht zusammen.
„Hey, wir haben das erste Tor gemeistert. Wie viele Menschen haben das schon vor uns geschafft?", versuchte Romaine sie zu motivieren, fing sich aber nur einen bösen Blick von Michelle ein.
Florence kniff die Augen zusammen. „Ich kann nicht lesen, was an der Pforte steht."
Antoinette atmete tief durch und stand ebenfalls auf.
„Nun", sagte sie. „Wir werden es nicht herausfinden, wenn wir hier sitzen bleiben und versuchen, es aus der Ferne zu lesen Kommt."
