Madame Maximes Stimme klang durch die Halle wie das ferne Donnern eines nahenden Gewitters. Ihr Zauberstab streckte sieben Untote gleichzeitig zu Boden und ihr langer Mantel wehte im Wind, der durch die zerbrochenen Glasfenster hinein schneite.

Quentin kämpfte sich durch Berge aus Knochen und einer Armee von Dämonen, bis er die Schulleiterin erreichte.

„Madame", rief er über das Toben der Untoten hinweg. Sie hörte ihn nicht. Dann noch einmal lauter: „Madame!"

Endlich hatte sie einen Moment Luft und wirbelte auf dem Absatz herum, sah ihn von oben herab an und ihr Gesicht verzog sich zu einem schmerzvollen Lächeln.

„Quentin. Sie habe ich gesucht."

Ein weiterer Fluch streckte zwei Untote nieder, die es wagten, sich ihnen zu nähern.

„Wie kommt es, dass der Spiegel gefunden wurde?"

Quentin bedeutete ihr, sich ein Stück von den Untoten fortzubewegen, denn die sammelten sich erneut am Fuß der Treppe und drängten zum Tor hoch, das sie zwar nicht durchschreiten, aber davor warten konnten.

„Madame, ich weiß es nicht", gab Quentin zerknirscht zu. „Ich wusste selbst nicht, um welchen Spiegel es sich handelt, wie hätte ich es vorher wissen sollen?"

Madame Maxime seufzte und machte eine Handbewegung nach hinten. „Nun gut, wir brauchen nun vor allem eins, einen kühlen Kopf. Kommen Sie."

„Jawohl, Madame", antwortete Quentin und folgte der Schulleiterin hinüber zum Turm von Sagace, wo sich keine Untoten befanden.

„Rein da", wies Madame Maxime ihn an. „Professeur Brusson und Professeur Riquit warten schon."

Quentin öffnete die Tür zum Turm und fand sich im Treppenaufgang zum Gemeinschaftsraum von Sagace wieder.

Professeur Riquit wirkte ziemlich angeschlagen, sie hatte einige üble Kratzer abbekommen und das blonde Haar wies an einigen Stellen Blutspuren auf und stand ab, während Professeur Brusson ziemlich unversehrt wirkte.

Dann erschien endlich auch Madame Maxime.

„Sind die Schüler in Sicherheit?"

„Zum größten Teil", antwortete Professeur Riquit mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck. „Die anderen Lehrer kümmern sich um sie. Ich habe Professeur Brie mit einer großen Gruppe Schüler gesehen und Professeur Beauchamps hat sich mit einer anderen Gruppe in der Bibliothek verschanzt. Auch Professeur Orenstein hat einige Schüler in den Krankenflügel gebracht.

„Es laufen viel zu viele draußen herum", entschied Madame Maxime unwillig. „Und wer sind die, die das Tor durchschritten haben?"

„Erstklässler", brachte Quentin hervor. „Aus Gladiateur."

Professeur Brusson stöhnte auf. „Auch das noch. Niemals kommen sie dort wieder heraus. Adaliz wird sie bei sich behalten und... bei Merlins Bart, wir werden die Schule schließen müssen. Warum hat man nur solch einen gefährlichen Zauber hier versteckt? Ich dachte immer, das wäre eine Legende", sagte sie ziemlich hilflos.

No", erklärte Madame Maxime. „Das war es nie. Daraus habe ich vor Ihnen allen keinen Hehl gemacht, oder? Quentin, ich habe Sie gebeten, ihren Vortrag über die Spiegel kurz zu halten, oder?"

„Das ist richtig", erwiderte er zerknirscht.

„Ich halte nichts davon, das Geheimnis zu verbergen, dafür kennen es zu viele Leute, aber durch eine sachliche Betrachtung dachte ich eigentlich, dass die Neugierde eingedämmt werden würde. Nun, da habe ich mich wohl geirrt. Und ich nehme an, Sie haben da ein wenig nachgeholfen?"

„Ich vermute ja, Madame", antwortete Quentin kleinlaut.

Madame Maxime seufzte.

„Nun, jetzt ist es zu spät. Ich wusste, dass Sie selbst Interesse an dem Horn hatten", sie winkte ab. „Ich weiß, dass sie keine bösen Absichten hatten, aber ich hätte mir denken müssen, dass sie selbst viel zu wissbegierig sind, um diese Sache auf sich ruhen zu lassen. Diesen Fehler muss ich mir selber ankreiden. Ich nehme an, der Funke ist entsprechend übergesprungen – mit ihrer Hilfe natürlich?"

„Vermutlich", erwiderte Quentin.

Die Schulleiterin hatte doch explizit verlangt, dass er über das Horn und die Geschichte der Spiegel sprach, also warum warf sie es ihm vor.

Als habe sie seine Gedanken gelesen, fuhr sie fort: „Nein, das ist nicht ihre Schuld. Es ist meine."

..::~::..

Florence musterte die Pforte sehr genau. Sah gar nicht so anders aus, als die Erste. Die leuchtenden Worte sprangen ihr geradezu entgegen: Porte de la folie.

„Wo ist denn dein Schuh?", fragte sie Romaine schließlich, als ihr nichts Besseres einfiel.

„Irgendwo in den Dornen", entgegnete die Angesprochene schulterzuckend. „Meine Maman kauft mir sicher ein paar Neue."

„Wir sollten durchgehen, oder?", sagte Michelle nach einer Weile des Schweigens.

„Nach dir", erwiderte Antoinette spöttisch.

Keines der Mädchen wollte dieses Tor durchschreiten. Unter Schmerzen konnte man sich nämlich zumindest etwas Greifbares vorstellen, unter Wahnsinn jedoch nicht.

„Oh, na schön ich mach's", knurrte Michelle und stieß das Tor ein Stück weit auf.

Dahinter war nur gleißendes Licht, nichts, das irgendwie anders war als hier vorn. Zaghaft machte Michelle einen Schritt in die Pforte hinein und Romaine folgte ihr schnell.

„Hier ist nichts", rief sie nach draußen und Antoinette und Florence beeilten sich, ihnen nachzueilen.

Das Tor schloss sich mit einem ächzenden Geräusch, ganz wie in dem Gruselfilm, den sich Florence einmal heimlich mit ihrem Bruder angesehen hatte. Sie hatte drei Nächte nicht schlafen können, nachdem sie den Film gesehen hatte.

„Hallo", sagte eine Stimme.

Florence schrak zusammen.

„Habt ihr was gesagt?", fragte sie vorsichtig.

„Nein, warum?", rief Romaine von vorne.

Florence schluckte und eilte den anderen hinterher.

„Wo mag es hier nur langgehen?", überlegte Michelle gerade laut mit Antoinette, denn wie alle Räume, war auch dieser „Raum", wenn man überhaupt davon sprechen konnte, leer. Und weiß. Er hatte kein Anfang und kein Ende. Hinter ihnen verblasste das Tor des Wahnsinns im weißen Nichts.

„Beantworte mir eine Frage", sagte sanft die Stimme.

„Habt ihr das gehört?", flüsterte Florence.

„Nein", entgegnete Antoinette. „Hör mal, Florence, wir sind hier an einem verdammt gruseligen Ort, da brauchst du uns nicht noch zusätzlich Angst machen."

„Angst haben wir nachher noch genug, wenn wir zur Porte de l'angoisse kommen", tönte Romaine.

„Aber jemand hat mit mir gesprochen", antwortete Florence trotzig.

„Was ist dein Lieblingsort auf der ganzen Welt?", verlangte die Stimme zu wissen.

Florence fuhr sich durch die dunklen Locken. Die Stimme war eindeutig da, aber die anderen schienen sie nicht zu hören. Und sich auch nicht dafür zu interessieren. Wer also sprach da mit ihr? Hatte das etwas mit dem Tor zu tun, oder hatte der eigentliche „Test" noch gar nicht angefangen?

„Das Haus meiner Großmutter in der Normandie", dachte Florence angestrengt, damit die Stimme ihre Antwort vernahm. Das war die Wahrheit, sie konnte sich nichts schöneres vorstellen, als bei ihrer Großmutter zu sein und den Wind und das Meer an den rauen Felsen zu spüren und die Gischt zu schmecken, während die Kathedrale über ihrem Kopf thronte.

„Du musst es aussprechen, sonst kann ich dich nicht hören", sagte die Stimme und kicherte ungut.

„Ich höre die Stimme immer noch", jammerte Florence. „Sie fragt mich merkwürdige Sachen."

„Florence, wenn das der beginnende Wahnsinn wäre, dann würden wir alle es spüren. Bei mir ist aber alles normal", behauptete Michelle. „Immerhin mussten wir auch alle durch die Dornen."

„Aber sie spricht. Ich glaube das ist... Adaliz."

„Und was sagt sie dir?", fragte Romaine und blieb stehen.

„Sie fragt nach meinem Lieblingsort."

„Dann sag ihn ihr."

„Hast du gehört?", rief Florence trotzig ins Nichts. „Das Haus meiner grand-mère am Mont-Saint-Michel!"

Die Stimme in ihrem Kopf kicherte erneut. „Na also, warum nicht gleich so."

Das Nichts veränderte sich und Michelle und Romaine sahen sie erschrocken an.

„Was hast du gemacht?", flüsterte Antoinette.

„Ich hab das getan, was ihr wolltet", fauchte Florence verärgert, also schiebt mir nicht die Schuld in die Schuhe, für das, was jetzt passiert."

Bildete Florence sich das ein, oder konnte sie nassen Sand unter ihren Füßen spüren? Romaines nackter Fuß sackte im Watt ein und dort, wo sie standen, schien sich ein Wattenmeer zu bilden, ganz wie das, dass die Insel umgab, auf der sich das Haus der Großmutter befand. In weiter Ferne konnte sie Land erkennen – eine Felsenküste.

Schlagartig wurde es Dunkel und Florence fühlte den Wind in ihrem Haar.

„Hättest du nicht einen weniger gruseligen Ort nehmen können?", tobte Romaine, doch Michelle wies sie an still zu sein.

„Weil es dann wohl kaum funktioniert hätte. Ich bin mir sicher, dass man Adaliz nicht anlügen darf."

In Florences Ohren rauschte die Brandung und ein feiner Nieselregen benetzte ihr Gesicht. Sie standen tief im Damm, der der Insel vorlagerte und blickten nun auf die sphärischen Lichter des Klosters.

„Wir sollten weitergehen", sagte Antoinette und zog ihren Umhang fröstelnd enger.

„Igitt, Barfuß durch den Matsch", jammerte Romaine und fing sich einen bösen Blick von Michelle.

„Ich war noch nie dort", murmelte Antoinette.

„Wir sollten zusehen, dass wir vor der Flut auf der Insel ankommen", erwiderte Florence monoton. „Meine Oma sagt, die Fluten kommen á la vitesse d'un cheval au galop – wie die Schnelligkeit eines Pferdes im Galopp."