Leonie konnte sich später an den langen Weg bis hin zu Professeur Latoux' Klassenzimmer nicht mehr erinnern. Erst der Moment, in dem Raffaela die Klinke hinab drückte, brachte sie zurück in die Wirklichkeit.
„Merde! Abgeschlossen", schimpfte Raffaela.
„Lass mich mal vorbei", sagte Louis und schob die Quidditchspielerin zur Seite.
„Alohomora", wisperte Louis und Raffaela versuchte es erneut.
Die Tür schwang ein Stück weit auf, doch kein Lichtstrahl bahnte sich seinen Weg nach draußen.
Eigenartigerweise fühlte Leonie sich nicht unwohler als zuvor, ja es schien ihr überhaupt nichts mehr auszumachen, hier in einem dunklen Gemäuer zu stehen, dem schaurigen Schlurfen der Untoten zu lauschen und darauf zu warten, gefressen zu werden, oder was auch immer wandelnde Leichen mit den Lebenden anstellten. Sie wusste es gar nicht, fiel es ihr unpassend ein. Hatten die Untoten überhaupt schon jemandem etwas getan?
Claire, neben ihr, griff nach ihrer Hand und drückte sie. Leonie drückte zurück. Ja, sie hatte tatsächlich Angst. Aber das schien ihren Körper nicht zu berühren. Nur in ihrem Inneren war sie, diese Angst.
Raffaela ging voran, mit gezücktem Zauberstab und stieß die Tür abrupt auf. Jemand schrie im Inneren des Raums, die hochgewachsene Raffaela machte einen Satz vorwärts, Louis folgte ihr, ebenfalls mit erhobenem Zauberstab.
Leonie sah es blitzen, ein roter Strahl sauste zur Tür hinaus und brachte Claire dazu, zurückzuspringen.
„Himmel, Arsch und... Luzienne! Bist du wahnsinnig geworden?", hörte Leonie nun Raffaela.
Sie spähte durch den Türschlitz und erkannte Luzienne, die Vertrauensschülerin, die sich mit einer Freundin in dem Klassenzimmer verschanzt hatte.
„Ich hab gedacht, ihr wärt... tot", stammelte Luzienne von drinnen.
„Beinahe wäre ich auch gestorben", entgegnete Raffaela böse und rieb sich den Kopf.
„Was macht ihr hier?", sagte das zweite Mädchen, an dessen Namen sich Leonie nicht erinnern konnte.
„Wir brauchen was aus diesem Raum", erklärte Louis und bedeutete Claire und Leonie einzutreten.
„Was habt ihr denn vor?", fragte Luzienne verwundert, als sie sah, wie Louis, Raffaela und Claire sich suchend durch den Raum bewegten.
„Wo kann sie das Zeug nur haben?", murmelte Raffaela. „Habt ihr das schon mal benutzt?"
„Nein", antwortete Leonie, die immer noch stocksteif in der Mitte des Raums stand und sich umsah. „Professeur Latoux hat mit uns nur die üblichen Sachen gemacht."
„Sie hat das hier irgendwo, das ist noch gar nicht lange her", behauptete Louis und riss wahllos einen der Schränke auf.
„Was sucht ihr denn?", wollte Luzienne wissen.
„Trollblut."
„Das hat sie hinten im Büro, das benutzt sie nur sehr selten", gab Luziennes Freundin Auskunft.
Leonie stand dem Büro am nächsten und riss den Wandvorhang zurück. Halb erwartete sie, ein grinsendes Skelett könnte ihr entgegen springen, doch hier gab es nur Aktenschränke und das obere Regal, an das Leonie nicht heran kam. In der Dunkelheit leuchtete ihr das Trollblut dennoch entgegen, es schien einen roten Schimmer zu haben und ein wenig im Dunkeln zu leuchten.
„Hier ist es", rief sie nach draußen.
„Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen? Accio Trollblut!", tönte Raffaelas tiefe Stimme zu ihr hinüber.
Die sieben Flaschen, die auf dem oberen Regal standen, schwebten aufreizend langsam an ihr vorbei, machten einen kleinen Schwenk nach links und verschwanden dann aus ihrem Blickfeld.
„Trollblut?", fragte Luzienne. „Was wollt ihr denn damit?"
„Damit lockt man Untote und Dämonen", gab Claire schüchtern Auskunft.
„Seid ihr wahnsinnig? Wollt ihr die wirklich anlocken?", rief Luziennes Freundin.
„Jap", machte Raffaela und keiner wusste, ob das jetzt auf den Wahnsinn, oder das Anlocken bezogen war.
Leonie warf einen Blick nach draußen und Raffaela hielt ihr ein Glas hin.
„Hier, Kleine. Es ist genug für alle da."
Leonie wusste nicht recht, ob sie sich darüber freuen sollte.
..::~::..
„Wieso hast du uns an einen solchen Wort gewünscht?", tobte Michelle und stampfte mit dem Fuß auf.
Schlamm spritzte an ihren Kniestrümpfen hoch und biss sich an ihrem Rock fest.
„Kannst du mal aufhören, herum zu jammern?", knurre Romaine. „Wir sitzen alle in demselben Boot, also hör auf damit."
„Wenn ihr jetzt streitet, dann lasse ich euch augenblicklich hier stehen", sagte Antoinette schlicht und stellte sich auf die Zehenspitzen, um besser sehen zu können.
Auch Michelle tat das und erspähte irgendwo am Horizont die Silhouette der Insel. Als habe sie Romaines Worte nicht gehört, wandte sie sich an Florence.
„Hat sie sonst noch etwas gesagt?"
Florence schüttelte lediglich den Kopf.
„Was will sie denn?"
„Ich habe keine Ahnung", gestand Florence.
„Will sie, dass wir rüber gehen?", versuche Michelle es erneut.
„Ich weiß es nicht", jammerte ihre Freundin.
„Wir können wohl kaum hier stehen bleiben", murmelte Antoinette. „Wenn die Flut kommt, dann war es das."
Wie aufs Stichwort hörte Michelle das Brausen des Meeres.
„Klingt, als würde sie uns nicht viel Zeit lassen", entgegnete Romaine düster.
Antoinette stiefelte als erste los, die anderen folgten ihr schweigend. Michelle lief hinter Romaine her. Ihr nackter Fuß sackte ständig im Watt ein und das Wasser lief schmatzend und gurgelnd in ihre Fußstapfen, füllte sie auf und ließ sie verschwinden.
Ein kalter Wind zerrte an ihren Haaren. Das hier war keine freundliche Meeresbrise mehr, das grenzte schon an einen Sturm. Michelle war nicht oft an der See gewesen, aber nie hatte sie es so bedrohlich empfunden wie in diesem Moment. Nach einer Weile merkte sie mit jedem Schritt ein platschendes Geräusch. Bildete sie sich das nur ein, oder stieg das Wasser tatsächlich? Und kam die Insel überhaupt näher? Nicht wirklich...
Florence blieb stehen, als lausche sie auf etwas.
„Spricht sie mit dir?", rief Romaine, um den Wind zu übertönen.
Florence schloss die Augen.
„Florence?", wisperte Michelle erschrocken.
Antoinette, am Weitesten enteilt, blieb in einiger Entfernung stehen.
„Sie sagt, sie überlässt uns jetzt dem Meer", stammelte Florence wie ferngesteuert.
„Sie will, dass wir sterben?", schrie Romaine auf.
„Nein, sie sagt, sie will sehen, wie es ist, wenn wir wahnsinnig werden, sie freut sich darauf."
„Die ist doch..." Michelle fiel kein anderes Wort als wahnsinnig ein, aber das klang in ihren eigenen Ohren schon blöd.
„Gut, dann machen wir, was sie will", sagte Romaine abrupt und ließ sich in den feuchten Schlamm sinken. „Warten wir hier, bis wir wahnsinnig werden."
„Du kannst doch nicht", stammelte Florence, doch Romaine schnitt ihr das Wort ab.
„Das ist doch ihre Prüfung. Das Tor des Wahnsinns. Das will sie doch!"
Michelle leuchteten zum ersten Mal die Worte ihrer Zimmergenossin ein und sie ließ sich neben sie sinken.
„Hast recht", brummte sie. „Mal gucken, wie blöd sie es findet, wenn wir überhaupt keine Regung zeigen."
Antoinette und Florence taten es ihnen gleich.
„Ganz schön kalt, warum habe ich nur keine Strumpfhose angezogen?", jammerte Antoinette.
Michelle lachte laut auf. „Das sind doch mal Sorgen. Darüber sollten mal schlaue Hexen und Zauberer ein Buch schreiben. Sechs Tipps, wie man das Tor des Wahnsinns überlebt. Erstens: Ziehen Sie eine Strumpfhose an!"
Das Wasser berührte nun Michelles Schienbeine, sie hatte sich hin gehockt und schauderte, das Wasser hoch spritzte.
Die anderen lachten aus vollem Hals.
„Tipp Nummer zwei: Nehmen Sie sich festes Schuhwerk mit", rief Romaine und beäugte ihre schlammigen Zehen.
Wieder einstimmiges Gelächter.
Das Rauschen des Wassers verschluckte das Lachen der Mädchen. Auch Michelle, die gerade noch aus vollem Hals gelacht hatte, verstummte ganz abrupt.
„Es fängt schon an...", murmelte sie.
„Was?", wollte Florence wissen.
„Der Wahnsinn... Ich meine, wir sollten die Beine in die Hand nehmen und laufen. Stattdessen sitzen wir hier im Watt und lachen uns kaputt."
Erschrocken schwiegen die anderen. Nur das nahende Wasser gab glibschige Geräusche von sich und würgte und sprotzte vor sich hin. Ein ekelerregendes Geräusch, fand Michelle, widerstand aber dem Impuls, sich die Ohren zuzuhalten. Das Wasser reichte ihr mittlerweile bis zu den Knien.
„Jetzt schaffen wir es nicht mehr hinüber", sagte Antoinette leise und sah sich hilfesuchend zur Insel von Mont-Saint-Michel um.
„Das hat sie so gewollt", antwortete Romaine tonlos.
„Ich kann sie nicht einmal mehr sehen", murmelte Florence.
Als Michelle an ihr vorbei sah, konnte auch sie die Insel nicht mehr erkennen, als haben sich, wie von Geisterhand, Nebelschwaden über die Szene gelegt, die undurchdringbar waren.
„Dann warten wir... Ich weiß nicht worauf, aber wir warten. Vielleicht müssen wir erst richtig Wahnsinnig werden, damit wir durch das nächste Tor kommen."
„Ich weiß nicht... ich fühle mich gerade gar nicht wahnsinnig", sagte Romaine mit eigentümlich hoher Stimme. „Eher gleichgültig. Jetzt ist es sowieso zu spät, die Flut kommt und wir können nicht weg."
„Das ist bestimmt der falsche Weg", sagte Michelle bestimmend. „Los, wir müssen ausflippen, durchdrehen, irgendwie verrückt werden..."
Aber überzeugt war sie davon nicht. Ob man wohl an dieser Illusion sterben konnte? Die Dornen hatten sie unsicher gemacht, denn die hatten auch schmerzende Wunden hinterlassen, die immer noch da waren. Das Salzwasser brannte fürchterlich auf den Kratzern und jeden einzelnen davon konnte sie wunderbar fühlen.
