Claire schleppte zwei der schweren Flaschen mit Blut hinter Raffaela her. In ihrem Magen war es eigenartig flau, als müsse sie sich jeden Moment übergeben, so sehr beunruhigte sie der Anblick des dunklen Blutes.

„Lass sie bloß nicht fallen", herrschte Raffaela sie an. „Sonst funktioniert unser Plan nicht mehr."

Claire nickte erschrocken und verstärkte den Griff um die Flaschenhälse. Neben ihr trottete Leonie daher, die auch nicht viel glücklicher aussah als sie selbst.

Raffaelas Quidditchumhang hatte ziemlich gelitten und auch sie selbst sahen nicht gerade aus wie die glorreichen Helden, die sie gern sein wollten. Nur Louis Schuluniform, die saß natürlich tadellos.

„Was machen wir damit, wenn wir in der Treppenhalle ankommen?", fragte Leonie verschüchtert.

„Wir werfen den Scheiß auf den Boden und rennen weg. Untote werden von Blut angezogen, sie werden sich darauf stürzen, wie die Geier auf einen Kadaver", antwortete Raffaela entschlossen.

„Und wenn es nicht funktioniert?", piepste Claire schüchtern.

Sie hatte manchmal noch mehr Angst vor Raffaela als vor der gesamten Situation, die Treiberin hatte sich ihr gegenüber bisher nie besonders freundlich verhalten.

„Dann müssen wir uns etwas Besseres überlegen."

„Hast du einen Plan B?", hakte Louis süffisant lächelnd nach und schwenkte aufreizend mit den Flaschen.

„Nein. Den überlege ich mir, falls das hier nicht funktioniert."

„Ganz wie beim Quidditch", erwiderte Louis lachend, fing sich jedoch einen bösen Blick von Raffaela.

„Es ist nicht mehr weit", sagte Raffaela von vorn. „Wir machen es genau, wie wir es besprochen haben. Leonie, Luzienne und Nyx versuchen uns Deckung zu geben, wir müssen sie um alles in der Welt vom Tor fort locken.

Die Angesprochenen nickten.

Der nächste Korridor führte ins Treppenhaus, Claire konnte die tanzenden Flammen der Fackeln in den vielen Spiegeln sehen.

„Wir öffnen die Flaschen und werfen sie erst auf mein Zeichen zu Boden. Wichtig ist erst einmal nur, dass sie uns folgen", erläuterte Raffaela ihren Plan. „Da wären wir."

Abrupt blieb sie stehen und Claire wäre beinahe in sie reingerannt. Raffaela wandte sich zu ihr um.

„Du musst das nicht machen, Kleine."

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Ich habe damit kein Problem."

Raffaela musterte sie streng, doch Claire hielt dem Blick der Älteren stand.

„Schön. Dann weißt du, was zu tun ist. Komm mit."

Raffaela, Luzienne, Nyx, Louis, Claire und Leonie betraten das Treppenhaus der Schule.

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Schwer atmend erwachte Antoinette. Sie musste husten und sie hatte das Gefühl, als seien ihre Lungen voller Wasser. Aber das konnte nicht sein, denn ihre Kleidung war zwar dreckig, aber vollständig trocken.

„Wir haben es überlebt", flüsterte sie und befühlte ihr Gesicht. „Wir haben überlebt!"

Eine nie gekannte Euphorie überflutete sie und sie sah sich suchend nach ihren Freundinnen um. In einiger Entfernung lagen sie auf dem kalten, steinigen Boden. Erst jetzt bemerkte Antoinette, dass sie an einem Ort war, den sie noch nie gesehen hatte. Der Raum war rund und hatte keinen Ausgang. Die hohen Spitzbögen und die langgezogenen Fenster wirkten wie bei einer gotischen Kathedrale, oder vielleicht auch romanisch, so genau hatte sie Professeur Marchand nicht zugehört, wenn er die Epochen mit ihnen durchgegangen war und sie warf sie ständig durcheinander. Dabei war es vielleicht gar nicht so verkehrt zu wissen, wo sie sich nun befanden.

Helles Licht schien zu ihnen hinein und hätte sie gewusst, wo sie sich befanden, dann hätte sie diesen Ort vielleicht gar nicht so bedrohlich empfunden, doch dass er keinen Ausgang hatte, das machte ihr Angst genug.

„Wo sind wir?", fragte Romaine verschlafen.

„Ich habe nicht die geringste Ahnung."

„Immer noch im Tor des Wahnsinns?", murmelte nun auch Michelle erstaunt.

Florence war die Letzte, die sich erhob und staunend neben Antoinette trat.

„Das ist ja wirklich verrückt", sagte sie. „Ich glaube wir sind in einer Kirche."

„Und wie viele Kirchen kennst du, die einen Raum haben, aus dem man nicht herauskommt?", fragte Michelle spöttisch und legte den Kopf in den Nacken, um besser sehen zu können.

„Sieht wirklich aus wie eine Kirche", sagte Romaine nachdenklich. „Meint ihr wir haben das Tor des Wahnsinns schon hinter uns gelassen?"

„Ich glaube schon", erwiderte Antoinette mit Nachdruck. „Seht euch mal um, das hier hat doch nichts mehr mit dem Meer zu tun. Sogar unsere Klamotten sind wieder getrocknet."

So ganz überzeugt war sie davon nicht, denn auf ihren Lippen schmeckte sie immer noch das salzige Meer.

„Und was kommt jetzt?", fragte Florence vorsichtig.

Porte de l'angoisse", antwortete Romaine. „Das Tor der Angst."

„Grandios. Dann haben wir ja das Beste noch vor uns", war Michelles grimmige Antwort.

„Wovor fürchtet sich denn jemand wie du?", entgegnete Romaine kühl.

„Vor Vögeln."

„Ist das dein ernst? Vögel?", rief Romaine ungläubig.

Michelle nickte. „Das ist mein voller ernst. Ich finde sie ekelhaft und widerwärtig. Wenn mir einer zu nahe kommt, möchte ich am liebsten kotzen."

Sie sah sich entschuldigend ob der krassen Wortwahl um.

„Das geht ja noch. Ich glaube mit Vögeln kommen wir klar", sagte Romaine zuversichtlich.

„Ich glaube nicht, dass es so einfach ist", gab Antoinette zu bedenken und machte ein paar Schritte durch den geschlossenen Raum.

„Wieso? Letztes Mal hat Adaliz auch nur gefragt, wo Florence hin will, vielleicht fragt sie dieses Mal jemanden, wovor er Angst hat", legte Romaine ihre Theorie dar.

„Dann wäre Florence sicher kein zweites Mal dran", überlegte Michelle. „Wovor hat Fräulein Reinblut denn Angst? Und jetzt sag nicht vor Schlammblütern, dann drehe ich dir auf der Stelle den Hals um."

Romaine zog eine Grimasse und bedachte Michelle mit dem Stinkefinger, den ihre Mutter ihr aufs Schärfste verboten hatte.

„Ich fürchte mich vor Geistern. Ich glaube manches Mal, dass ein Poltergeist bei meinen Eltern im Haus sein Unwesen treibt, aber ich bekomme ihn nie zu Gesicht."

„Geister gibt es doch wie Sand am Meer", erwiderte Michelle spöttisch. „Das ist doch nichts Unheimliches. Bei unserem Nachbarn gibt es mindestens sieben Geister und die haben nichts Besseres zu tun, als Xylophon zu spielen. Daran ist überhaupt nichts gruselig."

„An Vögeln auch nicht", erwiderte Romaine trocken.

Darüber musste Antoinette kichern.

„Und wovor hast du bitteschön Angst?", fragte Michelle säuerlich.

„Ich fand schon die Schatten in den catacombes unheimlich."

„Ich meine wirklich, nicht nur irgendwas das du ein bisschen unheimlich findest", schnaufte Michelle.

„Mh...", machte Antoinette.

Sie hatte Angst vor vielen Dingen, sie fürchtete sich vor Bienen und Wespen, aber auch bei Charles Gruselgeschichten von den Hadeshexen gefror ihr das Blut.

„Hadeshexen", antwortete sie schnell.

„Hadeswas?", fragte Florence.

„Hadeshexen... kennt ihr die nicht?"

Die drei Mädchen schüttelten den Kopf.

„Mein Bruder hat mir, als ich noch ganz klein war, üble Geschichten über sie erzählt. Das sind schwarze Hexen, die sich mit einer höheren Macht eingelassen haben. Sie sind mehr Tier als Mensch und sie fressen alles, was sie finden können, ob Muggel oder Zauberer, ob Tier oder lebloses Objekt, sie fressen einfach alles. Und wer eine Begegnung mit ihnen überlebt wird selbst zur Hadeshexe", erklärte sie schüchtern.

„Da hat dich dein Bruder aber gut verarscht." Michelle nahm, wie immer, kein Blatt vor den Mund. „Hadeshexen gibt es überhaupt nicht."

„Ich habe zuhause ein Lexikon über alle magischen Daseinsformen dieser Erde. Und Hadeshexen stehen da nicht drin", sagte nun auch Romaine.

„Ich sollte euch doch sagen, wovor ich Angst habe und das habe ich getan", erwiderte Antoinette ein wenig beleidigt.

„Aber wenigstens brauchen wir uns keine Sorgen machen, was passiert, wenn sie dich fragt, wovor du Angst hast, wenn es diese Hexen gar nicht gibt", sagte Florence beschwichtigend und trat neben sie.

Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander. Dann schien der Raum sich ein wenig zu verändern, denn kaum merklich zog Nebel auf, der aus dem Boden zu sickern schien.

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„Gesetzt den Fall, die Erstklässler finden das Horn. Was geschieht dann?", wollte Madame Maxime von Professeur Marchand wissen.

„Darüber kann ich nur spekulieren. Ich vermute, dass man es benutzen muss, denn sonst werden die Untoten versuchen, es sich zu holen. Dann wären sie frei, das zu tun, was immer sie wollen."

Die Schulleiterin legte die Stirn in Falten und schloss die Augen. Das Horn durfte keinesfalls in die Hände von Adaliz und ihren Gefolgsleuten fallen. Sie wusste, dass es unmöglich war, den Erstklässlern zu folgen, dennoch zweifelte sie keinen Moment daran, dass diese Schüler jeder Aufgabe gewachsen waren, die sich ihnen stellen würde, denn Madame Maxime vertraute all ihren Schülern, auch den Erstklässlern.

„Das heißt, die Schülerin muss ihnen nur das Richtige befehlen und wir sind diese Plage los?"

Mittlerweile hatten die Lehrer beobachtet, dass die Untoten sich problemlos duplizieren konnten, etwas, das ihre Bekämpfung vollkommen unmöglich machte. Die einzige Chance, die es jetzt noch gab war das Cor de la Bryere.

„Ich hoffe, sie befiehlt das Richtige", murmelte der Geschichtslehrer.

„Ich vertraue allen Studenten an dieser académie."