Raffaelas Herz schlug bis zum Hals, doch das bemerkte niemand. Das Trollblut wog schwer in ihren Händen und sie wünschte sich gerade ganz weit weg. Einen schönen Plan hatte sie sich da ausgedacht, der garantiert so überhaupt nicht funktionieren würde. Und im schlimmsten Fall brachte sie hier Kinder in Gefahr.
Das stämmige Mädchen stoppte kurz und beobachtete die ganze Szene, als sei die gesamte Halle für einen Moment eingefroren.
Die Untoten drängelten sich am Fuß der Treppe zu Gladiateur umher und immer mehr stapften mit ihrem merkwürdig hinkenden Schritt hinzu, sie kamen aus allen Ecken der académie geschlichen, mit Schrecken sah Raffaela zu, wie sich das Tor von Sagace öffnete und eine ganze Schar Untoter heraus quoll.
Hoffentlich waren keine Schüler mehr in diesem Turm gewesen. Vage überlegte sie, dass es eigentlich unmöglich war, den Gardien zu überlisten, doch von der anderen Seite war das vermutlich überhaupt kein Problem.
„Raffaela?", wisperte jemand an ihrer Seite.
Die kleine Erstklässlerin war da. Claire, wenn sie sich richtig erinnerte, sie hatte es nicht so mit Namen.
„Sollen wir?"
Raffaela atmete tief durch. „Louis? Bist du bereit?"
Louis grinste jetzt nicht mehr, als er sah, wie viele Ungeheuer sich in der Halle tummelten. Doch von der kleinen Gruppe nahm keiner der Untoten Notiz. Sie schienen ihre ganzen Bemühungen auf das Tor zu Gladiateur zu konzentrieren, dass im Halbdunkel unheimlich leuchtete. Raffaela war sich sicher, dass es momentan das Tor zu einer anderen Welt darstellte.
Louis war der Erste, der sein Glas auf den Boden warf und das Klirren wurde zu einem ohrenbetäubenden Geräusch, mit einem Donnerschlag zerbarst die Flasche und die sechs Schüler zuckten erschrocken zusammen.
Dann trat Stille ein. Raffaela lauschte und wartete. Ein Windstoß erhob sich und der metallene Geruch von Blut stieg ihr in die Nase.
Dann Schritte hinter ihnen und sie merkte, wie Claire sich an ihren Arm klammerte. Etwas Großes schob sich an ihnen vorbei und trat dann in den Fackelschein.
„Eine kluge Idee, ma petite amie", sagte die tiefe Stimme der Schulleiterin und Raffaela atmete erleichtert auf. „Wollen wir hoffen, dass sie funktioniert."
Madame Maxime erhob ihren Zauberstab, der in ihrer Hand winzig klein wirkte und entfachte einen weit heftigeren Windstoß, der in Richtung der Untoten wehte.
„Die nächsten Gläser. Wir brauchen mehr", befahl sie Raffaela und Claire und Louis warfen zwei der schweren Gläser zu Boden.
Raffaela machte einen angewiderten Satz zurück, als das Trollblut ihre Knöchel benetzte und auch Leonie und Claire sahen aus, als wollten sie sich gleich übergeben, weil das Blut – lebendig wie Quecksilber – sich heiter über den Boden verteilte, mal hierhin, mal dorthin sprang und sich nicht so richtig für eine Richtung entscheiden konnte.
Einen schlimmen Moment lang dachten sie wohl alle das Gleiche: „Die Untoten lassen sich nicht mit ein bisschen Blut locken."
Verzweifelt warf Raffaela die zweite Flasche zu Boden, einer der Glassplitter sprang hoch und erwischte sie am Knie, Claires Glasbehälter ging rechts von ihr zu Bruch und Louis entkorkte seinen zwar, aber hielt sie noch in der Hand.
„Was hast du vor?", rief Nyx angstvoll von hinten.
Louis jedoch grinste nur und schritt dann, als sei er auf einem Frühlingsspaziergang, auf das Tor zu, während Madame Maxime einen Fluch auf den nächststehenden Untoten schleuderte, der augenblicklich zu Staub zerfiel.
Und mit einem kraftvollen Wurf landete Louis seinen Treffer mitten in den Untoten, ein paar der Biester gingen zu Boden, als die Flasche sie berührte, dann hörten sie das Bersten von Glas und das unheimliche Plätschern des Trollbluts.
„Louis!", rief Claire erschrocken und wollte ihrem Bruder nachsetzen, doch Raffaela hielt ihren Arm fest.
Es war nicht einmal nötig, dass Claire ihrem Bruder beistand, denn erst jetzt schienen die Untoten das Blut gewittert zu haben.
Mit einem grausigen Knacken schienen tausende von Köpfen sich ihnen zuzudrehen. Dann, kam merklich, setzten sich die Untoten in Bewegung.
..::~::..
„War es hier vorhin auch schon so nebelig?", flüsterte Florence angstvoll.
Immer mehr Nebel schien aus dem Boden zu dringen, die Mädchen konnten ihre Füße nicht mehr sehen.
„Nein", murmelte Romaine.
Sie schien angestrengt nachzudenken.
„Ich hoffe wirklich, dass es keine Hadeshexen gibt", sagte Antoinette ungewohnt sarkastisch. „Ich glaube euer Lexikon liegt falsch. Hadeshexen halten sich bevorzugt im Nebel auf."
„Wer sagt das?", blaffe Michelle.
„Mein Bruder", behauptete Antoinette.
„Könnt ihr mal aufhören? Wir sollten uns lieber Gedanken machen, wie wir hier raus kommen", fuhr Florence dazwischen. „Die Flut haben wir schließlich auch überlebt. Wir sind nur noch ein Tor vom Horn entfernt. Wenn wir das schaffen wird alles gut."
Die Mädchen starrten die sonst so freundliche Florence erschrocken an.
„Ist doch wahr", murmelte sie und errötete.
Ein wenig betreten sah Florence auf ihren Rock und schüttelte ihre Bluse aus. Der Sand schien immer noch in ihren Klamotten festzusitzen und es juckte sie am ganzen Körper.
„Dann erzähl uns doch mal was über deine Hadeshexen", verlangte Romaine von Antoinette.
„Ich hab doch schon alles gesagt. Sie fressen alles! Und sie lauern im Nebel auf Leute, die sich verlaufen haben, so hat mir das mein Bruder zumindest erzählt."
„Und wie wird man die los?", fragte Michelle. „Ich meine, es muss ja irgendwer die Begegnung mit ihnen überlebt haben, oder mal eine getötet haben, sonst könnte ja niemand etwas über sie erzählen."
„Wer die Begegnung mit ihnen überlebt, der wird selbst zur Hadeshexe", wiederholte Antoinette mechanisch.
„Ja, schon", knurrte Michelle. „Aber irgendwie muss man die ja loswerden können, sonst gäbe es wohl heutzutage keine Menschen mehr, wenn sie einfach alles und jeden fressen und niemand sie stoppen kann."
Antoinette schien angestrengt nachzudenken.
Ein heiserer Schrei hallte durch den Raum und ließ den Mädchen die Haare zu Berge stehen. Unwillkürlich drängten sie sich nun alle in die Mitte des Raumes.
„Los, denk nach", rief nun auch Florence. „Haben sie eine Schwäche?"
„Sie mögen kein Tageslicht", sagte Antoinette zitternd.
„Toll. Das haben wir hier drin nicht", rief Romaine verärgert. „Da muss es doch noch etwas geben."
Der Nebel stieg höher, er reichte den Mädchen nun bis zum Bauch und dann erklang wieder ein langgezogener heiserer Schrei.
„Vielleicht sind es ja auch gar keine Hadeshexen", flüsterte Florence hoffnungsvoll. „Vielleicht sind es doch Michelles blöde Vögel..."
Michelle warf ihr einen bösen Blick zu. „Das ist nicht lustig."
„Aber es ist nicht so schlimm wie irgendwelche Modderhexen, die alles Lebendige fressen."
„Okay, okay", brummte Michelle und hielt ihren Zauberstab in die Höhe.
Der Nebel kroch nun langsam die Wände hoch, Florence beobachtete, wie er sich tentakelartig zu den Fenstern hinauf schlängelte, als müsse er sich mühsam seinen Halt suchen. Wie die Finger eines riesigen Ungeheuers...
Eine Gestalt stand, nahe dem Fenster, regungslos im Nebel.
„Was ist das?", flüsterte Antoinette.
„Da hast du deine Hadeshexe, vermute ich", erwiderte Romaine. „Und jetzt lass dir bloß schnell einfallen, wie man die bekämpft. Dein Bruder hat dir doch wohl nicht nur Geschichten erzählt, wo alle gestorben sind."
„Doch", murmelte Antoinette kleinlaut. „Deswegen habe ich doch Angst vor diesen Biestern."
„Auch das noch", stöhnte Michelle. „War nett euch gekannt zu haben, ehrlich."
Die Gestalt vor ihnen machte ein schmatzendes Geräusch. Ob es von ihrem Mund erzeugt wurde, oder von ihrer sanften Bewegung, das wollte Florence eigentlich gar nicht so genau wissen.
„Wollen wir mal sehen, was so eine Hadeshexe kann", rief Romaine grimmig. „Stupor!"
Ein roter Blitz traf die Gestalt genau in die Brust, doch die Kreatur schien überhaupt nichts davon bemerkt zu haben, sie fuhr lediglich damit fort, ekelerregend zu schmatzen, als kaue sie auf einem zähen Stück Fleisch herum.
„Eine Menge, wie mir scheint", entgegnete Michelle angespannt.
Eine zweite Gestalt schien aus dem Nebel empor zu wachsen. Sie trug wallendes Kleid und ihre Haare schienen sie schwerelos zu umwabern.
„Das werden mehr", sagte Romaine und nahm ihren Zauberstab in die andere Hand.
„Wir sind vermutlich ein tolles Festmahl für sie", meinte Michelle und griff nach Florences Schulter. „Nicht loslassen. Egal was sie tun, wir dürfen uns auf keinen Fall loslassen. Wenn sie uns in den Nebel locken, haben wir überhaupt keine Chance mehr."
Michelle hatte nicht Unrecht, der Nebel war bereits so dicht, dass sie die Wand des Raumes nicht mehr sehen konnten. Florence musste die Augen zusammenkneifen, um die beiden vermeintlichen Hadeshexen zu sehen, die immer noch vor dem Fenster standen und sich mit schlürfenden Lauten nun unterhielten.
