„Sagt mal, was war eigentlich Teil zwei unseres Plans?", fragte Leonie angstvoll.

Raffaela und Louis zuckten unwillkürlich zusammen.

Volltreffer, es gab keinen Teil zwei, da war sie sich sicher.

Knisternd und klappernd kamen die Untoten näher, Leonie schoss der blöde Gedanke an irgend ein Musikvideo in den Kopf, das sie als kleines Mädchen fürchterlich geängstigt hatte.

„Die da drinnen sollten sich beeilen, auf ewig lassen die sich nicht mit ein bisschen Blut festhalten", murmelte Raffaela und machte einen Schritt rückwärts.

„Wir sollten zusehen, dass wir auf eine der Emporen kommen", rief Louis.

Leonie sah nach oben. Dort gab es kleine Balkone, ähnlich wie Logen im Theater, doch kein Weg führte hinauf, sie dienten nur der Zierde.

„Besen", flüsterte Claire neben ihr. „Unsere Quidditchbesen müssen noch irgendwo sein. Accio Recluse 5000!"

Leonie horchte auf.

Die Untoten knackten und tanzten auf das Blut zu. Als der erste es erreichte, beugte er sich beinahe in Zeitlupe hinab und rollte mit dem schwarzen Lederlappen in seinem Mund. Es gab zwar keine Lippen mehr, die er sich lecken konnte, aber das Monstrum war offenbar verzückt. Dann zog es geräuschvoll die Zunge über die Blutlache.

Raffaela, hinter ihr, musste würgen und auch Leonies Magen schien rebellieren zu wollen.

Hart schlug der Besenstiel gegen ihren Kopf und weckte sie aus ihrer Trance.

„Dein Besen", rief sie überrascht.

„Entschuldigung", stammelte Claire erschrocken und griff den hölzernen Schaft. „Den Zauber kann ich noch nicht so gut. Letztens erst habe ich Romaine mein Astronomiebuch um die Ohren geschlagen."

„Könntet ihr das bitte auf später verschieben?", rief Louis und nahm seiner Schwester den Besen aus der Hand. „Steig auf, Claire!"

Mehr und mehr Untote krochen nun über den Boden, doch sie schienen noch etwas anderes gewittert zu haben.

„Merde", zischte Raffaela. „Mein Knie..."

Der Untote, der ihnen am nächsten war, hob ruckartig den Kopf und schien eine Weile zu lauschen. Oder vielmehr zu wittern. Dann stieß er ein Grollen aus, so tief wie Donner und plötzlich schienen sich die Untoten viel schneller zu bewegen. Frisches Blut hatte wohl einen ganz eigenen Effekt auf diese Monster.

„Nimm Raffaela mit", schrie Claire und sprang vom Besen ab, doch die Treiberin protestierte energisch und als das nichts half, packte sie Claire einfach und setzte sie wieder auf ihren Besen.

„Flieg endlich weg!", tobte sie und Louis gehorchte endlich. Stupor!"

Ein skelettartiger Hund erstarrte ganz in ihrer Nähe.

„Ascendio", hörte Leonie Claire von oben und einige Untote wurden in die Luft gerissen.

„Stupor!", kreischte Nyx als ein weiterer Untoter auf sie zukam, wesentlich schneller als noch vorhin.

„Das Blut macht sie gierig", flüsterte Leonie erschrocken.

Sie sah nach oben. Louis und Claire waren zumindest in Sicherheit, als er den Besen zu ihnen herunterfallen ließ.

„Jetzt kommst du dran, Kleine", sagte Raffaela und griff nach Leonies Quidditchumhang.

„Nein, du musst hoch, sie kommen wegen dir", protestierte Leonie, doch Raffaela wischte das achtlos beiseite.

„Red keinen Scheiß, die kommen so oder so."

Der Kreis der Untoten zog sich nun enger und enger um die Beauxbatons Studenten und es schien kein Ende zu nehmen, überall starrte Leonie in tote Augenhöhlen.

„Protego!", donnerte eine Leonie sehr bekannte Stimme.

Madame Maxime stürmte aus einem der Korridore, ihr folgten Professeur Marchand, Professeur Brusson und Professeur Riquit, die Zauberstäbe erhoben und mehrere Untote niederstreckend.

„Rauf mit euch!" Madame Maxime deutete auf den Erker und deutete sie mit ihrem Zauberstab auf Leonie: „Ascendio."

Leonie wurde von einer unsichtbaren Hand gegriffen und in die Luft getragen.

..::~::..

Romaine atmete tief durch. Es gibt keine Hadeshexen, es gibt keine Hadeshexen!

„Sie können nur im Nebel jagen, ja?", versuchte sie sich an irgendeiner Lösung.

„Was weiß ich denn, mein Bruder hat mir nur Gruselgeschichten erzählt, nicht wie man sie bekämpft."

„Eben hast du noch gesagt, dass sie kein Tageslicht mögen", rief Florence über das irre Gekreisch der Hadeshexen hinweg.

„Ja. Und das sie eben im Nebel jagen. Mehr weiß ich doch auch nicht", wimmerte Antoinette und klammerte sich an Michelles Schulter.

„Nebel. Wir müssen den Nebel auflösen", flüsterte Michelle.

Das abscheuliche Geheul der Hadeshexen wurden lauter. Romaine zählte insgesamt sieben Gestalten, die sich mal hierhin, mal dorthin drehten und wanden, aber offenbar noch unentschlossen waren, wen von ihnen sie als erstes angreifen sollten.

„Wie vertreibt man ihn denn aus einem geschlossenen Raum? Wenn wir draußen wären, könnten wir ihn einfach weg pusten", jammerte Florence.

„Ich denke nach, Sekunde", knurrte Michelle und spielte an ihrem Zauberstab, während Romaine die Decke absuchte.

Jetzt waren es schon acht Hadeshexen die ihren unheimlichen Tanz im Nebel tanzten.

„Wir brauchen warme Luft", kam Antoinette der Gedanke. „Das haben wir doch in Botanique gelernt, als wir über selbstklatschenden Klatschmohn gesprochen haben. Professeur Beauchamps hat uns das erklärt!"

„Wo sollen wir die denn herbekommen? Ich weiß keinen Zauberspruch dafür", klage Florence.

Romaine richtete ihren Zauberstab auf einen der Holzbalken die in das Mosaik am Boden eingebettet waren.

„Incendio!"

Michelle und Antoinette machten einen Satz nach hinten, als einer der Balken Feuer fing, doch dabei ließ Antoinette Florences Hand los.

Unwillkürlich spürte Romaine einen Seufzer neben ihrem Ohr. Ihre Nackenhaare stellten sich auf und jemand griff nach ihrem Handgelenk. Sie zuckte zusammen im selben Moment stieß Antoinette einen Schrei aus. Drei nebelartige Gestalten umtanzten die beiden Mädchen. Aber jetzt wirkten sie nicht mehr ganz so... Romaine fiel kein treffenderes Wort ein: fest aus.

„Du musst Licht machen", rief sie Florence zu.

Das Gekreisch der Hadeshexen wurde lauter und schriller, tausend Hände schienen nach Romaine zu greifen, etwas zerrte an ihren Haaren und gleichzeitig etwas an ihrem Rock. Das Feuer erlosch langsam wieder.

„Lumos", schrie Florence neben ihr und Romaine entzündete den zweiten Querbalken.

„Michelle!", rief sie und zerrte Florence am Arm hinter sich her.

Eine der Hadeshexen wandte sich nun ihr zu, ihr allein, wie es schien. Ihre Gestalt schien sich plötzlich zu verfestigen und Romaine konnte direkt in das Antlitz der Kreatur sehen.

Eine Höllenfratze! Dort wo normalerweise der Mund sein sollte, klaffte ein offener Schlund, der Flammen spie und die Augenhöhlen waren leer und tot. Aber Zähne hatte die Hadeshexe, lang und dünn, wie die einer Schlange und aus ihrem Rücken ragte etwas, das aussah, wie der Schwanz eines Skorpions. Dabei bewegte sich die Hadeshexe mit der Anmut einer Qualle im Meer. Ja, sie schien regelrecht schwerelos zu sein.

Die Kreatur gab ein zischendes Geräusch von sich und hob einen Arm.

„Lumos", hörte Romaine Antoinette schreien, doch sie konnte ihre beiden Freundinnen im Nebel nicht mehr sehen.

„Das muss doch irgendwie gehen", wimmerte sie. „Wenn ich doch nur einen Feuerring beschwören könnte."

„Ich hab keine Ahnung wie das geht", schluchzte Florence neben ihr.

„Wir müssen zu den anderen. Egal wie. Nur zusammen kommen wir gegen sie an."

Romaine tauchte, mit Florence an der Hand, in den Nebel ein. Augenblicklich wurde das Geschrei der Hadeshexen leiser, als sei Romaine mit dem Kopf unter Wasser getaucht.

„Antoinette! Michelle!", schrie Florence aus vollem Hals, das konnte Romaine zwar sehen, aber es hörte sich an, als habe Florence ganz leise gesprochen.

Das Gekicher wurde jetzt wieder lauter und ein Windhauch rauschte an ihnen vorbei, die Hadeshexen mussten wieder mit ihrem Tanz begonnen haben.

Schwach konnte sie, ein paar Meter vor sich, den Schein des Feuers sehen. Irgendwo dort hatten die beiden doch gestanden, oder nicht? Wie war es nur möglich, dass man sich in einem kleinen, runden Raum verirrte?

„Lumos", konnte sie Michelles Stimme, ganz in der Nähe, hören.

„Wir sind hier", rief Florence und schwenkte den hell erleuchteten Zauberstab.

Jemand griff nach ihrer Hand und Romaine schrie gellend auf, dann erst bemerkte sie, dass die Hand menschlich war. Es war Michelles Hand.

„Wir sind hier. Gemeinsam schaffen wir das. Mach das mit dem Feuer nochmal!", wies sie sie an.

Romaine setzte erneut einen der Balken in Brand und dann konnten sie die Hadeshexen wieder erkennen. Drei waren nun über ihnen, wo die übrigen waren, konnten sie nur erahnen.

„Sie kommen", wisperte Antoinette.

Der Schlund der mittleren Hadeshexe klappte auf und ein markerschütterner Schrei durchfuhr Romaine von Kopf bis Fuß, dann rauschten die drei oberen Hadeshexen auf sie zu, die Mäuler weit aufgerissen, die Flammen leckten aus der Öffnung.

Es gab einen ohrenbetäubenden Knall und Romaine schloss die Augen. Der Boden vibrierte und sie verlor den Halt, ihr Kopf schlug schwer auf dem Boden auf, sie konnte Blut schmecken und als sie die Augen wieder öffnete, da war alles um sie herum wieder so weiß wie im Tor des Schmerzes, dort wo sie begonnen hatten. Einen kurzen Augenblick dachte Romaine, sie sei blind geworden, doch dann sah sie Michelles Hand in ihrer. Sie hatte sie nicht losgelassen.