„Coralie, du bleibst hier drinnen. Ich schwöre dir, ich kette dich an das Bücherregal, wenn du nicht endlich Ruhe gibst", fauchte Dominic gereizt.
„Lass mich durch du Riesenrindvieh!", tobte Coralie und schlug gegen Dominiks Schulter. Doch der hochgewachsene Kerl zeigte sich unbeeindruckt von ihr. Das machte sie nur noch wütender.
„Ich will das sehen!", rief sie erneut.
„Das ist mir egal."
„Du hast deine Weiber und das hier ist MEIN Steckenpferd", knurrte Coralie und funkelte Dominic, nun aus sicherer Entfernung, böse an. „Ich befasse mich damit seit Jahren, ich will das jetzt endlich sehen. Für mich ist das die Erfüllung meiner Träume."
„Du hast verdammt düstere Träume, meine Liebe", entgegnete Dominik verächtlich.
„Und du hast nur Weiber im Kopf. Wer ist jetzt besser, hm?"
Dominic kratzte sich am Kinn.
„Und wenn schon. Das ist wenigstens nicht so unheimlich. Auch wenn manche Damen das vielleicht sind."
„Sogar jetzt noch versuchst du mich herumzukriegen", spottete Coralie böse und zeigte anklagend auf ihn. „Eben hast du noch gesagt, ich wäre dir nicht egal und all diesen Blödsinn."
„Weil es die Wahrheit ist. Raffst du das nicht, du blöde Kuh?", fluchte Dominic.
„Ich will nichts mehr davon hören", grollte Coralie und beobachtete sehr genau, dass Dominic sich ein Stück von der Tür entfernt hatte.
Wenn er nur noch einen einzigen Schritt nach rechts machen würde, dann wäre das ihre Chance, endlich raus zu kommen. Es war, als würden die Untoten sie rufen, lauter und lauter wurde dieser Ruf. Wenn Dominic sich doch nur endlich bewegen wollte!
Ohne es gemerkt zu haben, spielte Coralie in ihrer Tasche mit dem Zauberstab, während Dominic sich ein wenig betreten umsah, als wolle er sichergehen, dass niemand seine Worte mitbekommen hatte.
„Dominic, es tut mir leid", begann Coralie. „Aber... Stupor!"
Mit einem überraschten Gesichtsausdruck sank Dominic zu Boden und Coralie war endlich frei. Sie sprang über Dominics leblosen Körper hinweg, riss die Tür auf und war endlich im Flur. Nichts zählte jetzt mehr, nur dass sie endlich in die Halle kam.
Sie konnte das Blut beinahe riechen und ihr Herz schlug höher. Irgendwo dort lauerte die Lösung des Rätsels, das sie sich die ganzen letzten Jahre gestellt hatte.
Und dann sagte ganz plötzlich eine leise Stimme in ihrem Kopf.
„Bonjour."
Coralie keuchte vor Schreck und blieb stehen.
„Nein, nicht stehen bleiben. Weiter", sagte die Stimme.
Ihre Füße schienen ihr nicht mehr zu gehorchen und Coralie bekam es nun mit der Angst zu tun. Mit aller Macht versuchte sie sich zum Anhalten zu zwingen, doch je mehr sie sich wehrte, desto schneller trugen sie ihre Füße vorwärts.
„Schlaf du ruhig mal eine Weile. Jetzt übernehme ich!"
Das Gekicher eines kleinen Mädchens war das letzte, was Coralie wahrnahm, dann glitt ihr Hirn sanft in den Schlaf hinüber.
..::~::..
„Da ist jemand", sagte Michelle, nachdem sie sich überzeugt hatte, nicht erblindet zu sein.
„Wo?", murmelte Florence neben ihr.
„Da vorn. Mach die Augen auf."
Nun schienen die anderen Mädchen die Gestalt auch zu sehen.
„Das muss Adaliz La Lune sein", wisperte Antoinette ehrfürchtig.
„Vielleicht bringt sie uns das Horn?", sagte Romaine leise.
„Zu einfach", behauptete Michelle.
„Wieso? Wir haben alle drei Tore passiert, also haben wir das blöde Horn auch verdient", beharrte sie.
Die Person kam näher. Langes dunkles Haar umhüllt sie, doch je näher sie kam, desto normaler sah sie aus. Trug sie nicht sogar eine Schuluniform? Das fand Michelle sehr merkwürdig.
„Die kenne ich", behauptete Antoinette. „Die ist in derselben Stufe wie mein Bruder."
Michelle musterte sie genauer. Ja, tatsächlich, das Mädchen kannte sie auch. Sie trug das Wappen von Sagace an der Brust. Bestimmt eine von Dominics unendlich vielen Freundinnen. Aber wie kam sie hierher?
„Hallo?", fragte Florence vorsichtig.
Die Augen des Mädchens waren geschlossen und ihr Gesicht weiß wie das einer Kranken. Sie bewegte sich auch nicht auf natürliche Weise. Eher wie eine Marionette an Fäden. Jemand steuert sie, dachte Michelle unwillkürlich.
„Hallo?", rief Romaine nun lauter.
Die Lippen des Mädchens umspielte ein Lächeln.
„Ich freue mich wirklich, dass ihr hier seid", sagte jemand, aber es war nicht das Mädchen.
Die Stimme schien von überall gleichzeitig zu kommen.
„Was hast du mit ihr gemacht?", rief Michelle zornig.
„Nichts. Ich habe mir nur ihren Körper geborgt. Körperlos zu sein ist wirklich anstrengend. Ich gebe ihn ihr nachher unversehrt zurück", behauptete die Stimme und das Mädchen machte die entsprechende Gestik dazu, wie in einem surrealen Puppentheater.
„Wir hören dich auch ganz gut ohne ihren Körper. Lass sie in Ruhe", sagte Florence und zückte ihren Zauberstab.
„Dummerchen. Ich brauche einen Körper, um hierher zu kommen. Körperlos kommt man nicht durch die Tore. So habe ich mich eben an sie gehängt. Sie war empfänglich für meinen Ruf. Ohne Körper kein Horn. Mein Geist hält sich zwar ständig hier auf, aber das Horn kann ich ohne Körper nicht greifen."
„Du bist uns gefolgt?"
„So könnte man sagen", antwortete die Stimme im Plauderton. „Allerdings kenne ich andere Wege als ihr. Für mich ist das eine Kleinigkeit, solange ich einen Körper habe."
Das ferngesteuerte Mädchen ließ sich nun im Schneidersitz zu Boden sinken. Ihre Augen waren immer noch geschlossen und ihr Mund leicht geöffnet, so als schliefe sie nur.
„Du bist Adaliz La Lune", murmelte Michelle. „Aber warum konntest du nach draußen?"
„Weil die Tore offen waren. Du liegst richtig, ich bin Adaliz La Lune. Und ihr sollt nun eure Belohnung erhalten. Das wollt ihr doch, oder?"
Zögerlich nickte Michelle, doch sie war auf der Hut. Adaliz war sicher nicht hergekommen um zu plaudern, oder?
„Gib uns das Horn und dann verschwinden wir hier", rief Romaine mutig und reckte fordernd die Hand.
„Sachte, meine Kleine. Ich treffe nicht oft Menschen. Nein, eigentlich habe ich noch nie einen von ihnen hier gesehen. Das freut mich."
„Lass sie frei und gib uns das Horn", forderte Michelle.
„Immer eins nach dem anderen", fuhr die Stimme fort und das Mädchen auf dem Boden hob mahnend den Zeigefinger.
Doch in ihrer anderen Hand hielt sie tatsächlich etwas, es schien nur noch nicht so recht Gestalt angenommen zu haben. Aber Michelle war sich sicher: Das war das Cor de la Bryere.
„Ihr fragt euch sicher, warum es dieses Horn gibt. Warum man nicht einfach die Untoten rufen kann und sie damit automatisch beherrscht?"
„Nein", plapperte Romaine vorlaut, doch erschrak selbst über ihre eigenen Worte.
Doch die Stimme lachte: „Niedlich. Wirklich niedlich. Aber dennoch werde ich euch nun ein Geheimnis anvertrauen. Der Schulleiter damals, der ehrwürdige Monsieur Bryere, der hat es geschaffen. Er fand meine Studien zu gefährlich, zu bahnbrechend und er fürchtete sich vor meinen Fähigkeiten. Als ich ihm meine Macht demonstrierte, da begann er sich zu fürchten. Ich weiß nicht warum, ich hatte keine bösen Absichten. Ich hätte ihm nie etwas getan, oder seinen Schülern. Doch er missverstand mich wohl und band meine Untoten an das Horn. Sie mussten ihm nun gehorchen und konnten meinem Ruf nicht mehr folgen. Er schickte sie in diese Welt und ich verschwand mit ihnen, denn was hätte ich anderes tun sollen? Wäre ich zurückgeblieben, er hätte mich sofort in Gewahrsam nehmen lassen. So schockte ich ihn und nahm wenigstens das Horn an mich, um die Untoten kontrollieren zu können. Doch als ich in dieser Welt ankam, da verlor ich meinen Körper. Und auch meine Macht über die Untoten. Wenigstens hatte ich sie mitgenommen und sie spukten nicht mehr in der Schule umher. Und das Horn war für ihn nicht mehr greifbar, denn er wusste nichts von der Spiegelwelt und auch nichts vom richtigen Spiegel, den ich selbst verhext hatte."
Verwundert folgte Michelle der Erzählung. Das klang ganz anders als die Version, die man ihr in der Schule beigebracht hatte. Da war Adaliz nur eine Verrückte, die selbst das Horn geschaffen hatte. Aber die Parallelen zum ehemaligen Schulleiter hätten doch auffallen sollen. Doch hatte Professeur Marchand nicht gesagt, dass man es zu Ehren des talentierten Schulleiters so genannt hatte, der aber nichts mit der Sache an sich zu tun hatte?
„Ich mag verrückt sein, das weiß ich Längst selber. Man kann auch gar nichts anderes, als verrückt zu werden, wenn man in dieser Welt lebt. Aber ich habe niemals etwas Böses gewollt. Doch die Untoten. Die brauchen einen Herren. Jetzt sind sie gerufen worden und ich kann sie nicht befehligen. Hier drin könnt ihr es aber nicht nutzen."
Das Mädchen stand auf und streckte die Hand mit dem Horn aus.
„Nehmt es. Und dann zeige ich euch den Weg nach draußen."
Michelle verschränkte die Arme vor der Brust, als Adaliz ihr das Horn anbot.
„Ich will das nicht."
Reihum sahen die Mädchen einander an, doch niemand wollte das Ding.
„Es funktioniert nur einmal. Ihr könnt nur einen Befehl geben. Seid also sicher, dass ihr das Richtige befehlt", sagte sie auffordernd.
Schließlich trat Antoinette nach vorn und hielt die Hand auf.
„Gib es mir. Ich kann es immer noch weitergeben."
Der Mund des Mädchens verzog sich erneut zu einem Lächeln.
„Vergesst eure Freundin hier nicht. Nehmt sie bei der Hand."
Staunend beobachtete Michelle, wie Romaine zögerlich die Hand des älteren Sagace Mädchens ergriff, also eigentlich Adaliz' Hand hielt. Das hätte sie sich nie getraut.
„Befehlt das Richtige", erinnerte die Stimme noch einmal, dann wurde es schwarz um sie herum.
