Die Untoten in der Treppenhalle erstarrten. Keiner rührte sich mehr. Staunend beobachtete Madame Maxime das Schauspiel und winkte Quentin herüber.

„Was ist das?", wollte sie wissen.

„Sehen Sie nur", rief Professeur Brusson und wies nach rechts.

Madame Maxime traute ihren Augen nicht. Da standen ihre vier Erstklässler, eine von ihnen stützte eine ziemlich wackelige ältere Schülerin, die sie aus der Ferne nicht erkennen konnte. Eine andere hielt etwas in der Hand.

Madame Maxime lächelte anerkennend. Sie hatte keinen Moment daran gezweifelt, dass ihre Schüler das Horn erbeuten würden.

„Kommt", befahl sie ihren Lehrern und bahnte sich ihren Weg durch die stillstehenden Untoten.

Die drei Professoren folgten der Schulleiterin durch den Wald aus Knochen und Hautfetzen. Eine merkwürdige Stille war eingetreten, doch Madame Maxime war auf der Hut, so wie jetzt würde es nicht bleiben.

Eines der Mädchen hob erschrocken den Kopf, als sei sie aus einer Trance erwacht. Dann rüttelte sie an der Schulter der kleinen blonden Gladiateur.

„Wir sind wieder zurück", kreischte sie.

Und das brach den Bann, ein unheimlicher Atemzug seufzte durch die Treppenhalle, dann tobten die Untoten los. Professeur Marchand wurde zu Boden geworfen, doch Professeur Brusson fegte die Untoten um ihn herum mit einem Streich ihres Zauberstabs zur Seite. Nun konzentrierte sich die Schar der Untoten nur noch auf eins: Auf das Horn.

Doch davon waren sie zum Glück noch weit entfernt, denn das Blut hatte sie die Treppe hinunter, bis vor die Stufen von Helissio gelockt.

Madame Maxime jedoch hatte nur ihre Schüler im Blick. Über ihr kreischten nun verschiedene Stimmen.

„Antoinette! Du musst es benutzen!", schrie ein kleines Mädchen mit braunen Haaren und wäre dabei beinahe aus der Nische gefallen, in der sie sich verkrochen hatten.

Ein älterer Junge schrie ebenfalls: „Coralie!"

„Protego", rief Madame Maxime als ein Dutzend Untote sich zu ihr herumdrehten und einen Satz auf sie zu machten.

„Confringo", brüllte Quentin hinter ihr und die Treppe von Helissio zerbarst mit einem ohrenbetäubendem Knall. Viele der Untoten wurden von den umherfliegenden Trümmern zerquetscht, doch Madame Maxime wusste, dass dies kein Hindernis für diese Monster war.

Eines der Mädchen riss dem Kleineren das Horn aus der Hand, dann legte sie es an die Lippen, doch kein Laut erklang.

Ein Untoter griff nach Madame Maximes Umhang, sie wischte ihn mit einem Schlenker ihres Zauberstabs beiseite, doch immer mehr Leichen griffen nach ihrem Kleid und ihren Haaren. Keuchend zerrte sie einem der Monster ihren Umhang aus den Händen, einem zweiten zertrat sie den knöchernen Schädel unter ihren riesigen Füßen.

Dann drang ein Ton durch die Halle, hell und klar, wie ein Nebelstreif an einem sonnigen Morgen. Und mit ihm schien die Zeit still zu stehen. Das Mädchen mit den dunklen Locken hielt das Horn an den Mund und immer noch verklang der Ton nicht. Er schwebte auf und nieder in der Treppenhalle, als reflektieren die vielen Millionen Spiegel seinen Klang.

Die Untoten richteten sich zu ihrer ganzen Größe auf und drehten sich knackend und knirschend zu der Erstklässlerin um, die das Horn nun abgesetzt hatte und ängstlich umklammerte.

„Du musst ihnen etwas befehlen", raunte das Mädchen rechts von ihr mit den blonden Haaren, dass Madame Maxime nun auch erkennen konnte, das war Romaine Chevallier, eines der Mädchen, die sie vor kurzem noch getadelt hatte, weil sie versucht hatte, den Spiegel zu finden.

„Geht zurück in eure Spiegelwelt", rief das andere Mädchen, Florence, mit zittriger Stimme.

Und in einer einzigen Geste, hob jeder der Untoten die Hand zur Schläfe und salutierte vor Florence, die immer noch das Horn umklammerte, als hinge davon ihr Leben ab.

Hinter den Mädchen öffnete sich das Tor zur Spiegelwelt, dort wo sie sie vorhin erst betreten hatten. Statt dem Eingang zu Gladiateur war dort nun das Nichts, was in einem Spiegel steckt, solange keiner ihn betrachtet.

Staunend beobachtete Madame Maxime das Schauspiel, nie hätte sie es für möglich gehalten, dass sich diese Geschichte einmal wiederholte, während sie hier war. Nahezu lautlos verschwanden die Untoten nun, beinahe friedlich schlenderten sie dahin, zurück in ihre Welt.

Auch die Erstklässlerinnen und das ältere Mädchen staunten nicht schlecht, mit offenen Mündern starrten sie der Armee der Toten hinterher.

Antoinette, der Kleinsten unter ihnen, war ein Gedanke gekommen, sie entriss Florence das Cor de la Bryere und warf es mutig einem der Untoten, der an ihr vorbei stapfte um den Hals. Mit ihm verschwand das Horn in der Spiegelwelt.

Als der letzte Untote den Fuß über die Schwelle setzte, erfüllte gespenstisches Gelächter die Halle, dann war der Spuk vorbei.

Madame Maxime lächelte ihren Schülerinnen anerkennend zu. In der Loge über ihr brach der Jubel aus.

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Antoinette knirschte immer noch der Sand zwischen den Zähnen, aber jetzt, wo sie eingehüllt in eine dicke Decke, auf einem Stuhl im Büro der Schulleiterin saß, da fühlte sie sich endlich wieder sicher.

Madame Maxime hatte ihnen allen ein paar Stühle und Decken herbeigezaubert und als sie gesehen hatte, wie den Mädchen die Zähne klapperten, da hatte sie auch noch eine Tasse dampfenden Tee für jeden gebracht.

„Nun, da habt ihr aber allen einen ganz schönen Schrecken eingejagt, chers amis", begann Madame Maxime freundlich und warm. „Coralie geht es gut, sie ist nur ein bisschen durcheinander. Professeur Beauchamps kümmert sich augenblicklich um sie."

„Das tut uns alles sehr leid, Madame", murmelte Romaine kleinlaut.

„Nein, das war meine Schuld, ich habe den Spiegel zerbrochen", unterbrach Michelle.

„Ich habe das Horn benutzt, wir hätten es Ihnen geben sollen, Madame", rief Florence erschrocken.

„Ich habe den Adaliz das Horn zurückgegeben, ich weiß, das war falsch", sprang nun auch Antoinette ein, doch Madame Maxime schüttelte nur lächelnd den Kopf.

„Ihr habt also Adaliz wirklich getroffen?"

Die vier Mädchen nickten synchron.

„Und?", fragte Madame Maxime.

Zögerlich erzählte Romaine Adaliz' wahre Geschichte, die Madame Maxime kein einziges Mal unterbrach. Als Romaine damit fertig war, schwieg Madame Maxime eine Weile.

Dann sagte sie: „Ich habe mir beinahe so etwas gedacht. Die Geschichte um das Horn weist heute noch klaffende Lücken auf, Monsieur Bryere muss damals eine Menge verschleiert haben, vielleicht hat er auch Gedächtnisse verändert, um Adaliz Wirkung auf die Außenwelt zu beeinflussen. Wusstet ihr, dass man sie als die gefährlichste Magierin ihrer Zeit einstufte? Selbst heute noch nennt man sie im gleichen Atemzug mit Ihr-wisst-schon-wem und Gellert Grindelwald. Doch nachdem, was ihr herausgefunden habt, hat sie das nicht verdient."

„Madame, Sie könnten doch selber mit ihr sprechen. Sie ist immer noch in der Spiegelwelt", erklärte Florence schüchtern.

„Die ich nie betreten werde", ergänzte Madame Maxime und öffnete eine ihrer großen Pranken.

Ein klitzekleiner Spiegel lag in ihm, mehr wie die Kachel eines Mosaiks, doch auf Madame Maximes Hand wirkte er nahezu unsichtbar.

Die Schulleiterin ließ den kleinen Spiegel in der Tasche ihres Pelzmantels verschwinden.

„Ich werde ihn verwahren, aber es gibt Versuchungen, denen geht man besser nicht nach. Dies hier ist eine davon."

Antoinette nickte, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob sie die Schulleiterin verstanden hatte.

„Aber sagt mal, warum seid ihr denn so gierig davongelaufen, als sich das Tor geöffnet hat. Ich gehe doch wohl richtig in der Annahme, dass keiner von euch unbedingt eine Armee Untoter befehligen wollte, oder?"

„Wir dachten...", druckste Romaine herum, „...dass Professeur Marchand vielleicht... nun, wir haben gedacht, er wolle damit etwas Schlimmes anstellen. Und das wollte er sicher auch. Professeur Latoux glaubte das auch, denn sie hat versucht, ihn zur Rede zu stellen!"

Antoinette erschrak zutiefst, als die Schulleiterin schallend loslachte und erst wieder innehielt, als ihr die Lachtränen von den Wangen liefen. Es klang wie das Dröhnen einer großen Glocke.

„Madame?", fragte Florence zaghaft.

„Oh, ihr müsst wissen, Professeur Latoux hat sicherlich versucht, Professeur Marchand zur Rede zu stellen. Aber nicht aus dem Grund. Könnt ihr ein Geheimnis für euch behalten?"

Nun flüsterte die Schulleiterin regelrecht.

Alle vier nickten aufgeregt.

„Die beiden sind ein Liebespaar. Aber erzählt das bloß nicht herum, sonst wird Professeur Marchand sehr böse mit mir", erklärte sie augenzwinkernd.

Romaine und Michelle grinsten nun ganz ungeniert und Florence und Antoinette kicherten verlegen. Kein Wunder, dass man die beiden nachts im Schloss so oft sah.

„Aber ihr habt großes Glück gehabt, sehr mutige Freundinnen zu haben", begann Madame Maxime nun ihre Erzählung erneut.

„Wieso?", fragte Romaine verwundert.

„Eure Zimmergenossinnen haben euch mehr geholfen, als ihr vielleicht denkt. Sie haben die Untoten unter Einsatz ihres Lebens vom Tor weggelockt."

Michelles Augen leuchteten augenblicklich.

„Leonie und Claire", rief sie aufgeregt.

„Ja. Und noch einige andere Schüler. Sie hatten ein wenig Hilfe, das muss ich zugeben. Doch ihre Idee hat diesem Spuk ein gutes Ende gegeben. Ihr seht, ich bin nicht böse, dass das Horn nun wieder in der Spiegelwelt liegt und darauf wartet, dass es erneut gebraucht wird. Ob das aber tatsächlich so ist, das wird die Zeit zeigen."

Madame Maxime erhob sich.

„Dürfen wir jetzt zu unseren Freundinnen gehen?", fragte Romaine leise.

„Natürlich dürft ihr das."

Florence und Michelle waren schneller an der Tür, als Antoinette gucken konnte und auch Romaine rutschte bereits von ihrem Stuhl herunter und eilte schließlich auf den Flur hinauf.

Antoinette war die letzte, die den Raum verließ. Draußen hörte sie bereits Claire und Leonie um die Wette schreien. Offenbar hatten die Freundinnen auf dem Flur auf sie gewartet.

„Au revoir, Madame", besann sie sich ihrer guten Manieren.

Madame Maxime zwinkerte ihr zu.

„Au revoir, Mademoiselle Villeneuve. Auch wenn ich nicht daran glaube, dass ich euch zum letzten Mal in meinem Büro gesehen habe."

Ende

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Ich danke ganz herzlich:

Mondschatten – aka Michelle und Dominic Dumont

houseofnightgirl – aka Professeur Audrey Latoux

Drama Prinzessin – aka Luzienne La Leure

Fia The Cat – aka Nyx Leandros

Jocunda Sykes – aka Florence Dupont

emion – aka Leonie Weber

Kitteh – aka Claire Rozier

dying beauty – aka Romaine Chevallier

cococaratscha01 – aka Professeur Alessa Brie

Muileh – aka Professeur Jolice Riquit

Nastjuscha – aka Aurélie Moreau

Slytherin Princess – aka Professeur Beauchamps

jojo O'neill – aka Louis Legrand

mir selbst – aka Antoinette Villeneuve, Raffaela Mirabeau und Professeur Quentin Marchand

und noch vielen anderen, die ich vermutlich in der Auflistung vergessen habe

Und wisst Ihr auch warum? Ich habe schon seit einer ewigen Zeit keinen einzigen Steckbrief mehr. Wusstet Ihr, dass die Mails nach einer gewissen Zeit löscht? Also ich wusste das nicht, bis zu dieser MMF! Ähm... aber wie man sieht, ist das echt niemandem aufgefallen :D Ich habe die Charakterliste anhand der Reviews und meinem Gedächtnis erstellt, also seht es mir nach, wenn Ihr oder Euer Charakter nicht dabei sind, sonst schickt mir noch mal Post und ich füge euch ein – Versprochen! Was hat mich das Experiment MMF gelehrt? Dass ich es eigentlich lassen sollte, zu sehr ärgert es, wenn wortlos die Leute verschwinden. Dennoch fand ich es unfair für einige sehr treue Leser die FF abzubrechen. Und es geht mir gegen die Ehre, FFs nicht zu Ende zu schreiben, ja ich schreibe alles fertig – Can't buy me love habe ich nach 8 Jahren Unterbrechung auch noch fertig gemacht. Nichts ist beendet, was ich nicht wirklich beendet habe, kein Status kann das an meiner Stelle ausdrücken.

Auch ist niemandem aufgefallen, dass ich nie einen Plot hatte, es gab keine Vorplanung für diese MMF. Das ist alles spontan entstanden. Liebe Kinder, macht das nicht nach – Tante Kaky ist für so etwas kein gutes Beispiel. Ob es ein zweites Schuljahr gibt?

Nun, das liegt ganz bei Euch.