1. Kapitel

„Eure Kutsche ist bereit, Botschafter", teilte ein Diener Dannyl und Tayend mit. Dannyl bedankte sich, ließ zwei weitere Diener kommen, die das Gepäck trugen und ging gemeinsam mit seinem Freund aus dem Haus, wo die Kutsche wartete.

Als alle Koffer einen Platz gefunden hatten und Tayend und der Botschafter ihre, fuhr die Kutsche los. Wenn alles wie geplant lief, sollten sie in etwa zehn Tagen die Tore von Imardin passieren.

„Jetzt gibt es kein Zurück mehr", murmelte Tayend mehr zu sich selbst, als zu seinem Gegenüber. Dannyl lächelte nur. Es hatte einiges an Überzeugung gebraucht, um Tayend zu überreden, Rothen von ihrem Geheimnis zu erzählen. Außer ihnen wusste es nur Irand, der Bibliothekar der Großen Bibliothek. Lange hatten sie darüber diskutiert. Auch wenn Dannyl seinem Geliebten ein Dutzend mal gesagt hatte, dass er Rothen vertraute, er es akzeptieren und für sich behalten würde, was Tayend dennoch skeptisch. Das lag wohl daran, dass er Rothen nur vom Hörensagen kannte.

„Tayend, du weißt, dass ich für meinen ehemaligen Mentor die Hand ins Feuer legen würde. Er wird es verstehen und Stillschweigen bewahren."

Der Angesprochene brachte ein schwaches Lächeln zustande.

„Ich vertraue dir und du ihm. Das muss wohl reichen."

Dannyl nahm seine Hände und drückte sie, streichelte einmal kurz über Tayends Daumen.

Der Gelehrte fragte verwundert und mit einem angedeuteten Grinsen: „Heute keine Angst, dass uns jemand sieht?"

„Sehen bestimmt nicht. Die Vorhänge verdecken die gesamten Scheiben und wir verlassen sowieso jeden Moment die Stadt. Aber wir sollten vorsichtig sein, mit dem was wir sagen, oder eher wie wir es sagen", lautete Dannyl Antwort.

„Wenn es dir als notwendig erscheint, können wir auch Gedankenrede benutzen, indem wir uns einfach berühren."

„Nein, denn ich weiß, dass es dir nach wie vor nicht sehr angenehm ist."

„Du kennst ohnehin nahezu jeden meiner Gedanken. Da würde das keinen Unterschied machen."

Dannyl blickte Tayend tief in die dunkelblauen Augen und wusste, dass dies der Wahrheit entsprach. Die beiden kannten einander gut genug, um zumindest erahnen zu können, was der andere dachte, sofern er es nicht sogar selbst aussprach.

„Das stimmt zwar, aber deine richtige Stimme hört sich schöner an, als deine Gedankenstimme, auch wenn da nur ein minimaler Unterschied ist."

Mit einem sanften Lächeln bedankte sich Tayend für das Kompliment.

Für eine Weile sagte keiner der beiden etwas, bis sie begannen über alltägliche Dinge zu reden. Zum Beispiel über die neusten Klatschgeschichten am elynischen Hof, denen zufolge es zwischen dem König und seiner Frau wieder einmal Probleme gab.

Zehn Tage später, sahen sie gegen Mittag endlich die Dächer des Palastes von Imardin am Horizont. Trotz erschwerter Wetterbedingungen in Form von regelrechten Regengüssen, lagen sie unerwartet gut in der Zeit.

Dannyl teilte Rothen per Gedanken mit, dass sie voraussichtlich in den Abendstunden die Gilde erreichen würden.

Es war gerade Mittagspause, als Rothen die Nachricht von Dannyl empfing, dass sie am Abend da sein würden. Es freute ihn, dass er ihn endlich wieder zu Gesicht bekommen konnte. Dannyl wird sicherlich nach Soneas Kind fragen. Der Junge war noch kein Jahr alt und hielt Sonea ständig in Bewegung. Seitdem er geboren war, war Sonea gezwungen, ihre Arbeitszeit zu verkürzen, auch wenn sie mit Magie die Müdigkeit vorübergehend verhindern konnte und Jonna ihr half.

Wenn man Laryen in die Augen blickte, hatte man das Gefühl, es seien Akkarins. Zunächst hatte Sonea ihre Probleme damit, denn ihre Erinnerungen waren ohne Zweifel schmerzhaft. Jedoch hatte sie sich alsbald gesagt, dass Akkarin in ihrem Kind weiterleben würde...

Er nahm Dannyls Brief aus der Schublade seines Nachttisches, um sich die Worte noch einmal ins Gedächtnis zu rufen.

Bei einer Stelle schlich sich ein Schmunzeln auf Rothens Gesicht:

...den ich leider noch nicht habe."

Das bedeutete wohl, dass er noch einen Grund gesucht hatte. Fraglich, ob er ihn auch gefunden hatte. Rothen wusste, dass Dannyl diese Feste eigentlich mochte – schließlich sagte er nie nein zu einem Glas Wein – aber er war auch im Bilde, dass Dannyl dort immer Heiratsanträge oder Andeutungen erhielt. Dazu kam, dass er bestimmt keine Lust hatte, die Zeit, die ihm eigentlich frei stand auf solchen Festen zu fristen. Allerdings konnte man so die gängigen Geschichten der Klatschbasen erfahren, was garantiert Dannyls Interessen entsprach.

Rothen begann zu überlegen, was der Grund für Dannyls Kommen sein könnte. Er hatte nur geschrieben, dass es sich um etwas sehr privates handelte. Als er einige Zeit nachdachte, kam ihm Tayend in den Sinn. Dannyl hatte viel von ihm erzählt, immer mit Begeisterung, sodass Rothen sich unweigerlich fragte, ob nicht etwas an den Gerüchten dran war.

Bei diesem Gedanken schüttelte er lächelnd den Kopf. Das konnte nicht sein, aber andererseits... Warum sollte Tayend ihn begleiten und was sollte SO privat sein? Anscheinend verbrachten sie soviel Zeit miteinander, wie Dannyls Arbeit es zuließ. Vielleicht war der junge Tremmelin der Grund, warum Dannyl oft in der Bibliothek war

'Mach dich nicht lächerlich', ermahnte Rothen sich selbst.

Während er weiter über den Anlass für Dannyls Besuch rätselte, riss ein Gong ihn aus den Gedanken. Hatte er gerade wirklich die ganze Mittagspause mit grübeln verbracht?

Es schien so.

Kopfschüttelnd machte er sich auf den Weg zum Klassenraum.