Kapitel 1

Es ist erst wenige Stunden her, dass er zu dieser kleinen familiären Unterredung nach Metropolis aufgebrochen war. Er hat es ihm gesagt. Er hat seinem Vater die Wahrheit gesagt, hat mit angesehen, wie der Mann vor seinen Augen alterte, als dieser begriff, und dann hat er ihn zurückgestoßen. Ha! Lionels Versuch war beinahe rührend, aber er kam zwanzig Jahre zu spät! Es gab nichts mehr zu flicken zwischen ihnen. Lionel kennt jetzt die Wahrheit, und damit ist es erledigt.

Oder es beginnt gerade erst. Wie man es nimmt...

Alles was Lex jetzt noch will, ist allein sein. Mit wehendem Mantel überquert er den Vorplatz von LuthorCorp, bis zu seinem privilegierten Parkplatz. Die Luft ist kühl und gelblich grau. Er steigt in seinen Wagen und fährt los, sein Kopf leer von all den neuen Erinnerungen, die Doktor Garners Behandlungen zu Tage gefördert haben. Es sind nicht die gewesen, die er gesucht hatte - und wenn schon die unerwarteten dermaßen spektakulär sind, was mögen erst die verlorenen sieben Wochen bergen?

Die Dämmerung bricht herein, als er die Stadtgrenze von Metropolis hinter sich lässt und eine kurvenreiche Landstraße einschlägt, die zwar nicht auf dem kürzesten Weg nach Smallville führt, aber dafür kaum befahren ist. Die reine Idylle, wenn man einen Sinn für so was hat. Nur ab und zu ein Bauernhof links oder rechts und Meilen über Meilen endloser Felder. Oft hat er hier getestet, was aus seinem neuesten Porsche oder Lamborghini herauszuholen war, und auch heute, mit dem schwarzen Mercedes, fährt er schneller, als es die Vorschriften erlauben, schneller, als es in seinem Zustand ratsam wäre. Aber ein Lex Luthor hat noch nie etwas auf Vernunft und Vorschriften gegeben. Das hat er von seinem Vater.

Er ist so unglaublich müde. Seit Tagen schon hat er den Schlaf vermieden, aus Angst vor weiteren quälenden Erinnerungen an Julian. Es war Sinn und Zweck der Experimente gewesen, sich zu erinnern, aber Lex hatte nicht erwartet, dass es so weh tun würde. Zu dumm, dass man nicht steuern konnte, welche Teile seines Gedächtnisses wiedererweckt wurden.

Nachdem Lana ihn schreiend auf der Balkonbrüstung gefunden hatte, war ihm klar geworden, dass es nichts brachte, sich dem Schlaf zu entziehen, die Erinnerungen holten ihn so oder so ein, wann sie es für richtig hielten. Trotzdem konnte er nachts keine Ruhe finden, vergrub sich stattdessen in Arbeit oder starrte ins Leere, während er über Julian und seine Mutter nachdachte.

Schwarze Wolken ziehen auf und kündigen ein Gewitter an. Die Luft knistert beinahe hörbar vor Elektrizität, aber das könnte auch bloße Einbildung sein. Der Regen beginnt schon bald als feines Nieseln, wird allmählich stärker, bis er dröhnend auf das Dach prasselt, und die Scheibenwischer kaum noch dagegen ankommen. Lex schnaubt amüsiert. Das Wetter hat immer einen geradezu shakespearischen Sinn für Dramatik! Er lacht und tritt stärker auf das Gaspedal. Schatten von Bäumen fliegen links und rechts vorbei, kaum von den Scheinwerfern erhellt, entschwinden sie auch schon wieder aus deren Lichtkegel. Ein stroboskopartiges Spiel aus Licht und Schatten. Geschaffen nur, um seinen Geist zu verwirren. Alles hat sich gegen ihn verschworen, selbst die Natur. Wahrscheinlich würde er sich nicht einmal wundern, wenn sich die Wälder langsam in Bewegung setzten, um in einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gegen ihn aufzumarschieren. Zum Wohl, alter William, ich trinke auf dich! Wo sind sie nur, deine drei Hexen?

Plötzlich blitzt es hell auf, und ein ohrenbetäubendes Krachen lässt Lex reflexartig hart auf die Bremse treten. Der Wagen rutscht über die nasse Straße, dreht sich einmal schleudernd um die Längsachse, bevor Lex registriert, was geschieht. Im Bruchteil einer Sekunde ist er vollkommen wach. Er weiß, er war zu schnell. Bestenfalls landet er jetzt in einem Straßengraben, aber viel wahrscheinlicher ist, dass er gegen den nächsten Baum oder einen Weidezaun knallt. Ihm ist bisher nicht ein Auto entgegen gekommen, also besteht zumindest keine große Gefahr, dass er Unschuldige mit in den Tod reißt.

Das geschieht seinem Vater recht! Gerade jetzt seinen wertvollen, einzigen Stammhalter zu verlieren. Ha! Noch dazu bei einem dummen Autounfall. Konventionell, gewöhnlich und vermeidbar. So kann jeder sterben. Ein Luthor jedoch ist praktisch dazu verpflichtet, spektakulär abzutreten. Pech gehabt, Daddy! Mach's gut, denkt er ohne Bedauern.

Dann, ein Aufprall! Jetzt ist es vorbei... Nein, es war nur ein Hindernis, das den Wagen kräftig durchgerüttelt, aber nicht gestoppt hat. Wahrscheinlich ein kleiner Baum oder ein Gebüsch. Er bewegt sich noch immer, nur langsamer. Lex tritt weiterhin mit aller Kraft das Bremspedal nieder und hält das Lenkrad so fest umklammert, dass seine Knöchel weiß hervorstechen, während der Mercedes über unebenen Boden holpert und merklich an Geschwindigkeit verliert. Er atmet nicht, blinzelt nicht. Alle Muskeln sind bis zum Zerreißen angespannt. Dann steht er plötzlich still. Nichts ist zu hören, abgesehen vom Regen, der stetig auf das Dach trommelt.

Alles hat vielleicht fünf Sekunden gedauert. Fünf Sekunden, während derer Lex zwar nicht sein bisheriges Leben an sich vorüberziehen sah, die aber dennoch ausreichten, sich mit einer perversen Genugtuung mit dem Gedanken an den Tod anzufreunden. Wäre es nicht herrlich, seinem Vater auf diese Weise eins auszuwischen? Sein alter Herr hat ja schon Übung mit Trauerfeiern. Auch wenn ihm diesmal keine dramatisch heuchelnde Witwe die Schau stehlen konnte, würde Lionel wieder einmal ein Ereignis daraus machen, das sämtlichen Bewohnern von Smallville noch jahrelang im Gedächtnis bliebe.

Smallville...

Er ist am Leben.

Kein Baum, kein Wagen und kein Straßengraben hatte sich ihm in den Weg gestellt. Ein Blitz, es war nur ein harmloser Blitz mit dazugehörigem Donner, der ihn so erschreckt hat! Einfach lächerlich, wieviel Glück er hat. Lex atmet aus, zum ersten Mal seit dem Donnerschlag. Nein, es ist viel eher lächerlich, dass er nicht einmal dies richtig machen kann! Er hätte hier und jetzt sterben sollen. Wenn schon alle anderen zu wissen glaubten, wie er sein Leben zu führen hatte, sollte er zumindest seinen Tod selbst in die Hand nehmen können, oder nicht? Lex schlägt mit der Hand gegen das Lenkrad und flucht. Das ganze Leben ist lächerlich. Es ist jämmerlich und mickrig und trotz seiner Milliarden Dollars keinen verdammten Pfifferling wert!

Clark...

Er ist am Leben.

Die blinde Raserei mit seinem Mercedes ist nur der letzte Tropfen gewesen. Clark hat es lange vor ihm gewusst. Seit Wochen schon, seit dem Beginn der Experimente spielt er mit seinem Leben, und er hat nicht auf Clark hören wollen, der versuchte, ihn zu warnen. Seit Wochen benimmt er sich wie ein lebensmüder Idiot, das bemerkt er jetzt. Das Paradoxe daran ist, dass er nicht sterben will. Er will leben. Leben!

Lex steigt aus und findet sich auf einem Stoppelfeld wieder. Die Straße ist etwa hundert Meter hinter ihm. In der anderen Richtung erstreckt sich soweit er blicken kann ein abgeerntetes Maisfeld, dessen Stängelreste in regelmäßigen Reihen wie bleiche, abgebrochene Knochen aus dem Erdreich ragen und ihn an den Friedhof von Arlington erinnern.

Ein Hoch auf euch Helden!, denkt er. Ich warte in der Hölle!

Er geht ein paar Schritte über den aufgeweichten Boden, achtet nicht darauf, dass seine italienischen Dreihundert-Dollar-Schuhe tief im Matsch versinken, und er achtet nicht auf den prasselnden Regen.

Nach ein paar Minuten bleibt er stehen und beginnt zu lachen. Er hebt sein Gesicht in den Regen, breitet die Arme weit aus und lacht schallend über die Göttliche Komödie, die sich sein Leben nennt. Das Wasser läuft in kleinen Rinnsalen über sein Gesicht, den Hals hinunter und in den Kragen seines Hemdes hinein, wo es nach und nach den Stoff durchtränkt, doch Lex stört sich nicht an der Kälte. Auch sie wird ihm nichts anhaben können. Lex lacht und lacht.

Plötzlich sackt er zusammen und fällt auf die Knie. Er schluchzt laut auf. Nicht vor Schmerz, denn der weiche Boden federt den Sturz ab. Minutenlang schütteln unkontrollierbare Krämpfe seinen Körper. Käme jemand vorbei, würde er darauf bestehen, dass es nur der Regen ist, der sein Gesicht benetzt.

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tbc.