Kapitel 2

Clark schickte sich gerade an, seine Festung der Einsamkeit in der Scheune gegen das Bett im Haus einzutauschen, als das Geräusch von Rädern auf Kies ihn hellhörig werden ließ. Es war nach elf Uhr. Wer mochte um diese Zeit noch zu Besuch kommen? Zumal es seit Stunden in Strömen regnete. Am Fuß der Treppe angekommen, sah er die bekannte Gestalt am Eingang der Scheune. Die Hände in den Taschen seines knielangen Mantels, stand Lex im Tor. Die Scheinwerfer seines Wagens beleuchteten ihn von hinten, so dass er nur als dunkle Silhouette zu erkennen war. Unwillkürlich musste Clark lächeln. Wenn jemand einen filmreifen Auftritt beherrschte, dann Lex.

„Hi Lex!"

Dann bemerkte Clark, dass das Wasser von Lex' Schädel troff, dass seine Kleidung durchweicht und seine Hose bis zu den Knien schlammbeschmiert war, und Clarks Herz ließ vor Schreck einen Schlag aus.

„Was ist passiert?" Mit schnellen Schritten kam er auf seinen Freund zu, doch der winkte matt ab und sagte lediglich: „Lass uns fahren."

„Jetzt? Wohin?"

„Egal wohin. Du fährst." Damit warf er Clark seinen Autoschlüssel zu und taumelte hinaus.

„Lex, warte!" Doch Lex reagierte nicht. Der Ausdruck in seinen Augen hatte Clark Angst gemacht, und er brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden. Er würde seinen Freund jetzt nicht allein lassen.

„Warte, lass mich wenigstens eine Decke für dich holen." Aus einem Impuls heraus raffte er die karierte Wolldecke zusammen, die seine Couch bedeckte, bevor er Lex hinterherlief. Lex saß schon auf dem Beifahrersitz. Clark dachte kurz daran, dass er seinen Eltern Bescheid geben sollte, wenn er die Farm verließ. Aber wozu sie wecken? Wenn er Glück hatte, schliefen sie jetzt schon fest und würden ihn nicht allzu bald vermissen.

Normalerweise wäre Clark breit grinsend und mit leuchtenden Augen in den eleganten Sportwagen gestiegen, begeistert, dass Lex ihn eins seiner teuren Spielzeuge fahren ließ, aber bemüht, nicht wie ein kleiner Junge vor Aufregung zu platzen. Jetzt war seine Stirn gerunzelt, und nichts lag ihm ferner als kindlicher Enthusiasmus über ein cooles Auto. Als er einstieg, sah Lex ihn nicht an. Er hatte den Kopf in seine rechte Hand gestützt, den Ellenbogen am Fensterrahmen, und seine Augen waren geschlossen. Clark dachte, er schliefe, und er sah seinen Freund eine Weile besorgt an. Dann jedoch zuckte Lex kurz mit dem Mundwinkel und sagte: „Fahr einfach, Clark, ja?"

„Du bist völlig nass. Wenn du nicht zumindest deinen Mantel ausziehst und die Decke nimmst, fahre ich nirgendwo hin."

Lex bedachte ihn mit einem kurzen, unwilligen Blick, nahm jedoch die Wolldecke entgegen, die Clark ihm hinhielt, und breitete sie locker über seine Beine, bevor er wieder seine vorherige Position einnahm.

Es war deutlich, dass Lex nicht reden wollte, also schwieg Clark und fuhr los. Dass Lex nicht gegen seine Fürsorglichkeit protestierte, zeigte ihm ganz deutlich, dass er nicht er selbst war. Wohin sollte er nun? Vielleicht zum Schloss? Nein, etwas sagte ihm, dass Lex nicht dorthin wollte. Er schlug den Weg zum Highway ein, ohne eine bestimmte Route im Kopf zu haben. Unauffällige Seitenblicke zeigten ihm, dass Lex starr durch das Seitenfenster hinaus in die Schwärze der Nacht sah. Nun, früher oder später würde er reden. Bis es soweit war, da war Clark sicher, würde das Geräusch des Motors beruhigend sein. Sie fuhren also. Der Regen war mittlerweile zu einem leisen Nieseln geworden.

Nach etwa einer halben Stunde ließen regelmäßige Atemzüge Clark aufmerksam werden. Tatsächlich, Lex war eingeschlafen. Er nahm seinen schweigsamen Beifahrer genauer unter die Lupe. Lex' Gesichtszüge wirkten angespannt und gehetzt, obwohl er schlief. Die feinen Linien um seine Mundwinkel und an den Augen wirkten tiefer eingegraben als sonst, und abgesehen von einem Rot um die Augen war seine Haut leichenblass. Nie zuvor war Lex Clark so verletzlich vorgekommen. Die Haut, die sein Gesicht bedeckte, schien dünn und durchscheinend wie Papier, das nur notdürftig die zerbrechlichen Knochen darunter zusammenhielt.

Clark schluckte und runzelte die Stirn. Sein Freund war, vielleicht abgesehen von seiner Mom, die stärkste Person, die er kannte. Nichts konnte Lex etwas anhaben, keine Tornados, keine mordlüsternen Ehefrauen, keine Mutanten-Killer und schon gar kein skrupelloser Vater. Ihn so zu sehen war angsteinflößend. Es erinnerte Clark an die Zeit in Belle Reve; dort hatte er Lex das erste und einzige Mal wirklich hilflos gesehen. Und er hatte nichts für ihn tun können. Keine angenehme Erinnerung.

Die Meilen auf dem Highway flogen dahin. Lex rührte sich nicht. Clark sah auf die Uhr und entschied, dass fast drei Stunden in durchnässten Klamotten auch für den stärksten Mann genug waren. Er würde das nächste Motel anfahren, ihm Tee oder Suppe einflößen und ihn dazu zwingen, sich von der nassen Kleidung zu trennen. Und kein noch so zorniger Luthor-Protest würde ihn davon abbringen!

Tatsächlich tauchte schon bald die nächste flackernde Neonreklame für ein Motel auf, und Clark verließ entschlossen den Highway. Da Lex sich noch immer nicht rührte, ließ er ihn im Wagen zurück, während er sich auf die Suche nach der Rezeption machte.


Das Motel bestand aus drei kleinen, flachen Gebäuden, die zwar keinen gänzlich heruntergekommenen Eindruck machten, jedoch düster und trostlos wirkten. Nur zwei Fenster waren beleuchtet. Nun, es war halb drei, versuchte Clark sich zu beruhigen, mitten in der Nacht. Natürlich schliefen die Leute, was sollten sie sonst tun? In der Hoffnung, keinen Norman Bates vorzufinden, betätigte er die etwas rostige Klingel an der Rezeption. Der Ton, der ihr entsprang, war auch rostig. Nach geraumer Zeit erschien schlurfend ein großer, kräftiger Mann, der etwas älter sein mochte als Jonathan Kent. Sein graudurchsetztes Haar hing ihm in einem dünnen Pferdeschwanz auf den Rücken, und die unter dem schlampig zusammengebundenen Bademantel hervorlugende, bis zum Hals farbenfroh tätowierte Brust ließ eine Biker- oder Truckervergangenheit vermuten. Er nickte Clark zu.

„N'Abend, Junge, was kann ich für dich tun?"

Der höfliche Tonfall überraschte Clark. Er zwang sich, die Augen von dem Indianer abzuwenden, der über den Saum des weißen Feinripphemdes lugte. „Äh, ich möchte ein... ein Zimmer. Für mich und meinen Freund."

Der Mann betrachtete ihn aufmerksam von Kopf bis Fuß, bis Clark nervös wurde. Er hatte keine Papiere dabei. Wenn man ihn nach einem Ausweis fragte, würde er Lex wecken müssen.

„Doppel oder zwei Einzel?"

„Hm, ein Doppelzimmer. Bitte." Auf keinen Fall würde er Lex heute Nacht aus den Augen lassen. Wenn er wieder so einen Anfall wie vor ein paar Tagen bekam, konnte wer weiß was passieren.

„Dacht ich mir", murmelte der Tätowierte, indem er sich umdrehte, um aus einer Schublade ein Anmeldeformular zu fischen. „Hier, füll das aus." Eine Eingebung ließ Clark zwei falsche Namen auf das Papier kritzeln, zudem eine Adresse in Metropolis, von der er hoffte, dass sie nicht existierte. Er gab das Formular zurück.

„Okay, ähm", der Rezeptionist kniff die Augen zusammen und las Clarks Namen, „Brad. Nummer 27. Wenn du rausgehst, das letzte Haus links", erläuterte er, nachdem er das Autokennzeichen notiert hatte. „Angenehme Nacht wünsch ich. Und seid bitte nicht zu laut, s'ist spät", fügte er schmunzelnd hinzu.

Clark nahm den Schlüssel entgegen und wurde rot, als er die Anzüglichkeit erkannte. Einen Augenblick lang wollte er sich rechtfertigen, erklären, warum es ganz harmlos war, dass er und ein anderer Mann zusammen ein Motelzimmer brauchten, doch dann stammelte er lediglich „Danke", wünschte ebenfalls eine gute Nacht und verschwand in Richtung Mercedes. Sollte der Kerl doch denken, was er wollte!

Merkwürdigerweise war Clark erleichtert, Lex da vorzufinden, wo er ihn zurückgelassen hatte. Schlafend. Möglichst sanft fuhr er die paar Meter zu dem angewiesenen Haus. Doch nun musste er ihn wohl oder übel wecken.

„Lex?" Er rüttelte den Schlafenden sachte an der Schulter, erntete jedoch nur ein schmatzendes Grummeln, als Lex sich von ihm weg drehte. Clark rüttelte stärker, stellte dabei fest, dass Lex' Hemd noch immer feucht war, obwohl die nasse Schwärze mittlerweile dem ursprünglichen Anthrazit gewichen war und nur noch am Kragen verblieb. Gott, es wurde wirklich Zeit! Er hätte nicht so lange warten sollen. Eine Lungenentzündung war sicher noch das Mindeste, mit dem Lex rechnen musste. „Komm Lex, wach auf, wir müssen aussteigen."

Diesmal schlug Lex die Augen auf, blinzelte verwirrt und fragte: „Wo sind wir?"

„In einem Motel. Es ist spät. Ich habe uns ein Zimmer genommen, damit du die nassen Sachen ausziehen und dich richtig ausschlafen kannst." Halb erwartete Clark einen Vortrag über die Unsinnigkeit seines Handelns - hatte er wirklich gedacht, Lex Luthor würde in einem billigen Motel absteigen? - doch alles was Lex sagte, war: „Oh. Gut."


Das Zimmer entpuppte sich als sehr einfach eingerichtet, schien aber sauber zu sein. Es gab ein Bett, einen Stuhl neben einem winzigen Tisch und ein kleines Badezimmer. Als Clark ihr Heim für den Rest der Nacht in Augenschein nahm, beschlich ihn ein merkwürdiges Gefühl. Er würde mit Lex zusammen hier übernachten. Niemand wusste, wo sie waren, ja, wenn er ehrlich war, hatte er selbst nur eine vage Vorstellung davon, wie weit sie sich von Smallville entfernt hatten. Er würde die Nacht mit Lex in diesem kleinen Raum verbringen. Diese Aussicht hatte etwas seltsam Intimes, erschreckend und angenehm prickelnd zugleich, und Clark dachte an den eindeutig zweideutigen Blick des Mannes an der Rezeption. Schnell rief er sich zur Ordnung. Er musste sich um Lex kümmern, der an seiner Seite fast schon wieder einzuschlafen drohte. Lex musste dringend aus seinen Klamotten - Clark vermied es hierbei vehement, sich einen Lex ohne Kleidung vorzustellen - und er musste unter dicke, warme Decken. Der Plan mit der Suppe schien kaum realisierbar, doch Clark hoffte darauf, dass die Dusche auch um diese Zeit heißes Wasser von sich geben würde.

„Lex? Bist du wach genug für eine Dusche?"

Lex zog als Antwort nur eine Augenbraue hoch, was wahrscheinlich soviel wie Ich war noch nie so wach wie jetzt bedeuten sollte. Wie zum Beweis, ging er ein paar Schritte auf eigenen Füßen durch den Raum, als er jedoch auf das Bett plumpste und umständlich seine Schnürsenkel befingerte, griff Clark ein.

„Okay Lex, hör zu. Du bist noch völlig nass vom Regen, wahrscheinlich eiskalt. Du holst dir den Tod, wenn du dich so schlafen legst, und wenn du glaubst, dass ich dafür die Verant--"

„Clark, halt die Luft an", gab Lex erstaunlich lebhaft zurück. „Du hast recht, eine heiße Dusche wäre jetzt genau richtig. Hast du was dagegen, wenn ich vorher meine Sachen ausziehe?" Oha, Sarkasmus. Noch dazu aggressiv. Damit hatte Clark nicht gerechnet. Lex wartete die Antwort gar nicht ab, sondern öffnete nach und nach die Knöpfe seines Hemdes.

Clark wusste nicht, ob er sprachlos war, weil Lex nach der stundenlangen Schweigsamkeit drei ganze Sätze von sich gegeben hatte, oder weil er ohne zu zögern begann, sich vor ihm auszuziehen. Unwillkürlich musste er schlucken, als Lex aufstand und das Hemd von den Schultern auf den Boden gleiten ließ. Natürlich trug er nichts darunter.

„Ähm, ich glaube, ich habe draußen einen Getränkeautomaten gesehen. Kommst du einen Moment allein zurecht hier?"

„Ich bin kein Baby, Clark", entgegnete Lex scharf, schien aber sofort darauf seinen Ton zu bedauern. „Entschuldige. Geh ruhig, ist schon okay."

Mit einem Nicken akzeptierte Clark die Entschuldigung und machte sich aus dem Staub, bevor Lex auch die Hose auszog. Wieso nur machte ihn der Gedanke an Lex' nackten Körper so nervös? Kaum hatte er sich diese Frage gestellt, flackerten Bilder von Lex unter der Dusche vor seinem inneren Auge auf. Es war nicht das erste Mal, dass er solche Gedanken hegte, aber in dieser Situation waren sie schlichtweg unangebracht. Lex brauchte ihn als Freund. Nicht als Freak. Den Getränkeautomaten vergaß er völlig, aber er hatte sowieso kein Kleingeld dabei.

Er war nicht lange weg gewesen, doch bei seiner Rückkehr war es in Zimmer 27 totenstill und dunkel. Nach einer Schrecksekunde sah Clark seinen Freund auf dem Bett liegen. Die Bettdecke war nur bis knapp über die Hüften hochgezogen, ganz so, als sei Lex mitten in der Bewegung eingeschlafen. Clark schluckte, aber was hatte er erwartet? Etwa, dass Lex sich nach dem Duschen wieder anziehen würde? Sein nackter Oberkörper war so blass wie sein Gesicht und wirkte trotz der sichtbaren Muskeln schmal und viel zu dünn.

Leise sammelte Clark die verstreuten Kleidungsstücke vom Boden auf und drapierte sie über dem flachen Heizkörper unter dem Fenster. Er war nicht sehr warm, aber bis zum Morgen würden die Sachen vielleicht trocknen. Der halb angetrocknete Schlamm auf Lex' Hosenbeinen war allerdings eine ganz andere Sache. Nun, Lex würde wohl oder übel damit leben müssen.

Jetzt erst realisierte er, dass es nur ein Bett gab. Ein großes Bett zwar, das durchaus für zwei Personen gedacht war, aber es war eben nur ein Bett. Und eine Bettdecke. Er wollte Lex nicht wecken, sagte er sich. Also zog er die Decke vorsichtig bis zu Lex' Kinn hinauf und machte es sich selbst auf dem wackelig aussehenden Stuhl so bequem wie möglich, was nicht übermäßig bequem war. Aber das machte nichts, denn er hatte gar nicht vor, zu schlafen.

Eine Stimme weckte Clark aus seinem Traum, in dem weiße Kaninchen eine Hauptrolle spielten. Kaninchen mit Sonnenbrillen auf ihren zuckenden Näschen, die in großen schwarzen Autos Rennen fuhren.

„Was machst du da?"

„Ich? Nichts. Was soll ich machen? Wo?" In letzter Sekunde bewahrte Clark sich davor, elegant vom Stuhl zu fallen, weil seine Hand keine Stütze fand, wo sie eine erwartet hatte. Richtig, keine süßen Häschen, die sich gegenseitig über den Haufen fuhren, bis ihre weißen Pelze blutig waren. Stattdessen... Dunkelheit, Lex, Motel, Bett, Stuhl. Anhand dieser Reihenfolge hangelte er sich in die Wirklichkeit zurück. In die Wirklichkeit, in der Lex die Bettdecke zurückschlug und einladend mit einer Hand auf den, zugegebenermaßen ausreichend großen, freien Platz auf der Matratze klopfte.

„Sei nicht albern, Clark", murmelte Lex schlaftrunken. „Das Bett ist groß genug für uns beide."

Was war schon dabei? Beste Freunde teilten dauernd das Bett miteinander. Mit Pete hatte er es unzählige Male getan. Aber damals waren sie Kinder gewesen. Und Lex war nicht Pete. Lex trug nicht einmal einen Pyjama. Clark blickte auf das weiße Laken, war auf einmal hellwach und fragte sich, was er sagen sollte. Lex hingegen machte deutlich, dass er nicht die Absicht hatte, das Thema zu diskutieren. Er drehte sich um, wandte Clark somit den Rücken zu, und schien sehr schnell wieder im Schlaf zu versinken.

Warum zögere ich eigentlich? Mit einem Schnauben tat Clark seine Bedenken als unsinnig ab, und weil seine Mutter ihm beigebracht hatte, dass man nicht in seinen Tagesklamotten schlief, zog er sich zumindest bis auf Boxershorts und T-Shirt aus, bevor er vorsichtig zu Lex ins Bett krabbelte. Die Tatsache, dass es nur eine Bettdecke gab, vereinfachte das Unterfangen nicht.

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tbc.