Kapitel 3

In dieser Nacht kam Clark seine Fähigkeit zugute, im Notfall mit weniger Schlaf auszukommen als ein Mensch - und es war für ihn ebenso ein Notfall, wie für Lex, wenn höchstwahrscheinlich auch von einer anderen Art.

In den ersten zwei Stunden war er viel zu nervös, um auch nur entfernt an Schlaf zu denken. Lange lag er auf dem Rücken, starrte an die Decke und hörte Lex beim Atmen zu. Die Regelmäßigkeit hätte einschläfernd wirken können, wenn Clark nicht auch noch all die anderen kleinen Geräusche so bewusst gewesen wären. Das leise Rascheln der Bettdecke, wenn Lex einen Arm oder ein Bein bewegte, hin und wieder ein tieferes Einatmen, gefolgt von einem Seufzer, oder dieses fast unhörbare, feuchte Schmatzen, wenn Lex schluckte. Außerdem war da noch der Regen, der mittlerweile wieder lauter gegen das Fenster schlug. Clark durchlief den vollen Katalog der möglichen Schlafpositionen - es half alles nichts. Lex war einfach zu präsent, um ignoriert zu werden. Er tat nichts, und Clark registrierte jedes Bisschen davon.

Ein Aufschrei läutete die zweite Phase der Nacht ein. Clark fuhr mit klopfendem Herzen hoch. Er hatte gerade damit begonnen, Figuren aus dem Dschungelbuch in den verschlungenen Mustern der Tapete zu erkennen, was sich als sehr meditative Übung entpuppte, doch jetzt war auch das bisschen Entspannung wieder dahin. Vorsichtig beugte er sich nach rechts und fragte flüsternd: „Lex? Alles okay?", doch er erhielt keine Antwort.

Lex lag nach wie vor mit geschlossenen Augen da, ruhig atmend. Es war nur ein Traum gewesen. Beruhigt legte Clark sich wieder hin; den Kopf in eine Hand gestützt, betrachtete er Lex. Von draußen fiel genügend Licht von der Neonreklame herein, das Lex' normalerweise blasses Gesicht kränklich fahl erscheinen ließ. Die zuvor geröteten Augen waren jetzt von dunklen Schatten umgeben, welche deutlich zeigten, wie sehr der junge Mann Schlaf nötig hatte. Und Clark wunderte sich, dass ihm Lex' herausstechend kahler Kopf nie zuvor so fragil vorgekommen war.

Ob er geweint hat?, fragte Clark sich, was erneut Angst aufkeimen ließ. Was wäre, wenn er Lex auch dieses Mal nicht helfen konnte? Das hier war kein zweites Belle Reve, was eindeutig zur Pro-Seite gezählt werden sollte. Aber dort waren die Mauern, die es zu überwinden galt, wenigstens klar definiert gewesen. Es hatte ein Drinnen und ein Draußen gegeben. Doch jetzt…

Zum ersten Mal seit Beginn ihrer seltsamen Reise überlegte Clark ernsthaft, was seinen Freund so sehr quälen mochte, dass er dermaßen verändert war. Es musste mit den Experimenten bei Summerholt zu tun haben, soviel stand fest, aber Lex hatte gesagt, dass sich der gewünschte Erfolg nicht eingestellt hatte. Das Labor war in die Luft geflogen, bevor er seine verlorenen sieben Wochen zurückbekommen konnte, und Doktor Garner lag im Koma. Was hatten die Sitzungen zutage gefördert, das noch schlimmer war als das Wissen um Lionels Mord an seinen Eltern? Was konnte Lex so aus der Bahn werfen?

Clark seufzte und streckte unwillkürlich seine Hand aus. Er wollte die Spuren des Schmerzes von Lex' Gesicht wischen, wollte ihm Trost zukommen lassen, so wie seine Mutter es bei ihm tat, wann immer er es brauchte, doch in letzter Sekunde zuckte er zurück. Die Geste schien zu intim. Mit Lex in einem Bett zu liegen, war schon seltsam genug. Unangebrachte Sentimentalitäten würden das Ganze nur verkomplizieren.

Aus heiterem Himmel begann Lex unruhiger zu atmen, und seiner Kehle entrang sich eine Reihe von Stöhnlauten, ganz leise nur, aber intensiv genug, um Clark eine Gänsehaut über den Rücken zu jagen.

„Mmh...", entfuhr es Lex lauter, und dann „Aaahh!", und mit einem Schock wurde Clark klar, dass er gerade womöglich Zeuge eines erotischen Traumes wurde. Oh Gott! Was sollte er tun? Lex wecken? Nein, das wäre Unsinn. Auch wenn er, Clark, sich dann besser fühlen würde, machte es keinen Sinn, Lex deswegen seines Schlafes zu berauben. Er könnte natürlich einfach gehen, eine Weile draußen herumspazieren, bis es vorbei war. Es würde beiden Peinlichkeiten ersparen, wenn Lex von selbst erwachte, aber er hatte sich vorgenommen, Lex nicht unnötig allein zu lassen. Außerdem würde er ihn wahrscheinlich sowieso wecken, wenn er das Bett verließ. Also war es vermutlich das Beste, er bliebe einfach liegen, er würde die Augen schließen und langsam bis Tausend zählen... oder solange es eben dauerte. Wenn Lex wach würde, könnte er immer noch Schlaf vortäuschen.

Es dauerte jedoch nicht sehr lange, da keimten Zweifel an der Art des Traumes auf, denn das Stöhnen wurde mehr und mehr zu einem Wimmern, das, ebenso wie Lex' Gesichtsausdruck, viel eher Schmerzen widerspiegelte als erotische Phantasien. Als Lex begann „Nein, nein!" zu murmeln und mit den Händen an der Bettdecke zerrte, schalt Clark sich, nicht eher an mögliche Verletzungen gedacht zu haben. Lex reagierte nicht so wie Clark auf das Kryptonit in den Tanks, aber Garners Experimente mochten wer weiß welche Auswirkungen auf den Körper haben, wenn man sie über eine längere Zeit betrieb. Was Lex in seiner Besessenheit, die Wahrheit herauszufinden, zweifellos getan hatte. Ängstlich ließ Clark den Röntgenblick über den schlafenden Körper wandern, sondierte eine Gewebeschicht nach der anderen und atmete erleichtert auf, als er weder Knochenbrüche noch verletzte Organe fand.

Indessen war Lex weit davon entfernt, zu einem ruhigen Schlaf zurückzukehren. Clark konnte mittlerweile mehr Worte aus dem Gemurmel erkennen, Worte wie „Nein", „Nicht" und „Bitte", und der Tonfall war derartig flehend, dass es Clark einen Stich ins Herz versetzte. Er legte eine Hand auf Lex' Arm, um ihn zu beruhigen, doch Lex zuckte unter der Berührung zusammen und rief nun lauter: „Nein!"

Ganz offensichtlich träumte er sehr lebendig, und alles andere als erfreulich. So ging es nicht weiter, entschloss Clark, er würde ihn wecken. Damit verstärkte er den Druck auf Lex' Arm, rüttelte ihn leicht.

„Lex? Wach auf. Hörst du mich?"

Anstatt aufzuwachen, wälzte Lex sich ächzend hin und her, so dass Clark ihn mit beiden Händen festzuhalten versuchte. Panik kam auf. Was sollte er tun, wenn Lex in diesem Traum gefangen war? Das Traummonster seiner kurzzeitigen Nachbarin Sarah kam ihm in den Sinn, und er wünschte, seine Mom wäre hier.

„Bitte Lex", flehte Clark eindringlich, „du musst aufwachen!" Er kniete inzwischen neben dem Schlafenden, der sich immer kräftiger wand, so dass Clark notgedrungen seinen Griff verstärkte. Reflexartig fuhr Lex' linke Hand an Clarks Kehle und umklammerte sie mit einem eisernen Griff, der jedem anderen die Luftzufuhr abgeschnitten hätte.

„Lass mich. Lass. Mich!", schrie Lex. „Dad! NEEIIN!!!" Clark fühlte, wie sämtliche Muskeln in Lex sich bei diesem Aufschrei anspannten, und dann war plötzlich alles vorbei. Lex sackte in sich zusammen, die Hand fiel schlaff auf seine Brust, und von seinen verzerrten Zügen blieben nur ein paar feine Linien, während sich das Gesicht gespenstisch schnell zu Ausdruckslosigkeit glättete.

Stille.

Clark war wie erstarrt. Sekundenlang, vielleicht waren es auch Minuten, hörte er nichts als sein eigenes Herz, das laut in seinen Ohren pochte. Dann, nach schier endloser Reglosigkeit, atmete Lex einmal tief ein und schlug die Augen auf.

„Clark? Was --", begann er, verstummte jedoch verblüfft, als Clark ihn an den Schultern packte, um ihn in eine sitzende Position zu zerren, und ihn dann ungestüm umarmte.

Clark entging nicht, dass Lex sich in seinen Armen versteifte, doch er war zu erleichtert, um darüber nachzudenken. Er brauchte einfach diesen kurzen Augenblick des Kontaktes, um sich zu vergewissern, dass Lex lebte. Im selben Moment, in dem Clark sich lösen wollte, weil ihm die körperliche Nähe peinlich bewusst wurde, entspannte Lex und schmolz förmlich gegen ihn. Ein Kribbeln fuhr durch Clarks Körper. Lex' Haut war warm und roch dezent nach Seife und Schlaf. Es war beruhigend und aufregend zugleich, dass Lex die Umarmung akzeptierte, ja, sie sogar erwiderte.

Nach wenigen Sekunden bemerkte Clark ein weniger beruhigendes Detail. Lex war oberhalb der Bettdecke nackt. Zwangsläufig existierte auch ein Ort namens „unterhalb der Bettdecke", und war es nicht vollkommen falsch, ausgerechnet jetzt daran zu denken? Hände streichelten sanft seinen Rücken, als sei er plötzlich derjenige, der Trost brauchte. Clark schwirrte der Kopf. Was war hier los? Dann bewegte Lex sich, und als seine Wange an Clarks Ohr entlang strich, machte Clark sich räuspernd los. Seine Wangen brannten wie Feuer. Es war ihm schrecklich peinlich, und doch war es seltsam vertraut gewesen, Lex so nah zu sein.

„Clark, was ist los?", fragte Lex sanft.

„Was los ist?", platzte es aus Clark heraus. „Gott, Lex, du hast mich vielleicht erschreckt! Du hast nicht geatmet und es sah so aus, als ob... ich hatte Angst, dass du... dass du..." Er konnte es nicht sagen.

„Was? Dass ich tot wäre?"

Jetzt, wo Lex es aussprach, klang es auf einmal dumm und kindisch. Clark zuckte mit den Schultern.

„Sag mir, was passiert ist."

„Du weißt es nicht? Du hast geschrieen, Lex, und ich wollte dich wecken, aber es wurde immer schlimmer, und dann... dann warst du auf einmal so still."

Von einer Sekunde auf die andere verdunkelte sich Lex' Blick, und er zog die Bettdecke schützend vor seine Brust.

„Tut mir leid, dass ich dich erschreckt hab'", sagte er leise.

„Lex..."

„Schon gut, es war nur ein Traum." Daraufhin legte Lex sich wieder hin, zog die Decke bis über seine Schultern und schloss seine Augen.

„Falls du drüber reden willst, ich bin da", bot Clark vorsichtig an.

„Ich weiß. Lass uns noch etwas schlafen."

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tbc.