Kapitel 5
Als der Sonnenuntergang den Horizont in ein rotviolettes Licht tauchte, verkündete Lex, es sei an der Zeit, ein Quartier für die Nacht zu suchen. Es dauerte nicht lange. Ein Motel war so gut wie das andere. Eine Reihe von Klonen entlang des Highways, die müde Durchreisende verschlangen und am nächsten Tag wieder ausspuckten. Clark war frustriert, angespannt und besorgt. Er hatte keinen weiteren Versuch gestartet, mit Lex zu reden. So waren die letzten Stunden in absoluter Stille vorüber gezogen. Jetzt wickelte er, auf Lex' Bitte hin, erneut das Einchecken ab. Er übergab Lex den Schlüssel und entschuldigte sich mit den Worten, er wolle noch einmal seine Eltern anrufen. Dass er eine Weile allein sein wollte, sagte er nicht laut.
Die Dinge hätten schlechter laufen können, stellte Clark fest, als er nach dem Telefonat den Rückweg ins Appartement ein wenig ausdehnte, um an der frischen Luft nachzudenken. Er hatte seinen Eltern mit vorsichtig gewählten Worten ein wenig mehr von seiner Situation erzählt. Nicht die ganze Wahrheit - wie könnte er auch, schließlich war sie ihm selbst noch ein Rätsel -, aber, wie er hoffte, genug, um Lex nicht als komplett durchgedreht dastehen zu lassen. Er verbot sich selbst, diese Möglichkeit auch nur in Betracht zu ziehen. Martha und Jonathan bestanden immer noch darauf, dass Clark einen Fehler beging. Es sei eine große Dummheit, und was er tat, ginge über Freundschaft weit hinaus, und es fiel auch das eine oder andere Schimpfwort in Verbindung mit dem Namen Luthor, doch letztlich mussten sie resignieren. Natürlich erinnerten sie sich an die letzte Abwesenheit ihres Sohnes - Clarks wilder Sommer in Metropolis. Rotes Kryptonit. Auch Clark dachte mit schlechtem Gewissen daran zurück. Aber keiner der Kents sprach diese spezielle Angst aus.
Niemand war wirklich laut geworden. Clark hatte sich bemüht, vernünftig zu klingen, und die älteren Kents hatten versucht, an seine Vernunft zu appellieren. Es lief darauf hinaus, dass er nochmals versicherte, es ginge ihm gut, und er wäre bald wieder zuhause. Sie hätten es ihm schwerer machen können, das musste er seinen Eltern zugute halten. Gleichwohl fühlte Clark sich wie gerädert, als er Lex' und sein Heim für die kommende Nacht erreichte. Appartement Nummer 11C. Lex hatte die Tür für ihn nur angelehnt.
„Clark! Mein Sonnenschein! Komm rein in die gute Stube!"
Überrumpelt vom Überschwang der Begrüßung erstarrte Clark mitten in der Bewegung, so dass die Tür mit einem dumpfen Knall hinter seinem Rücken ins Schloss fiel. Er sah sich in dem relativ düsteren Raum um. Alles war, wie man es in einem Klon-Motel erwarten konnte, bis auf eine Kleinigkeit: Lex saß, nein, vielmehr hing er auf der winzigen Couch, die bloßen Füße lagen übereinandergeschlagen auf dem Tisch, sein Hemd war unluthorhaft zerknautscht und steckte nur noch zur Hälfte im Hosenbund. In einer Hand hielt er ein Glas, neben ihm in den Kissen lag eine halbleere Flasche, die verdächtig nach etwas Hochprozentigem aussah.
„Du… du bist betrunken", stellte Clark fassungslos fest.
„Jep." Lex lächelte selig.
Seufzend kam Clark einen Schritt näher. Als ob er nicht schon genug Probleme hätte. Zuerst der beängstigend schweigsame Lex, dann der verletzliche Lex, der von Alpträumen geplagt wurde, oder der über Kekse philosophierende Lex, der nicht minder beängstigend war. Nun der betrunkene Lex. Wenn sein Freund weiterhin stündlich andere Persönlichkeiten an den Tag legte, wäre Clark mit seiner mehr als unprofessionellen Farm-Psychologie schnell am Ende.
„Hey, mein Freund, steh da nicht so untätig rum. Setz dich zu mir und nimm nen Schluck. Ich hab den Zahnbecher auch gut ausgespült."
Clark konnte ein mattes Lachen nicht verhindern. Wer hätte gedacht, dass dieser Trip von Minute zu Minute absurder wurde? „Danke, aber ich verzichte. Was ist das überhaupt?"
„Scotch. Gar nicht mal so schlechter, dafür, dass er nur 25 Dollar gekostet hat."
Immerhin war Lex in der Stimmung zu reden. Das war ein Anfang.
„Wo hast du das Zeug her? Hier gibt's keine Mini-Bar, soweit ich weiß."
„Von der Tankstelle heute Mittag", grinste Lex verschmitzt und rieb sich die Hände, als hätte er mit dem Kauf einen genialen Coup gelandet. Offensichtlich hatte Clark mehr als Senf und Zahnbürsten übersehen.
„Was? Du hast da schon geplant, dich zu betrinken?" entfuhr es Clark.
„Ach was. Betrinken. Nur ein Glas zum Einschlafen, Clark. Es hilft."
„Ein Glas? Die Flasche ist fast leer", gab Clark zu bedenken.
Mit zweifelndem Blick hielt Lex die Scotch-Flasche gegen das schummerige Licht des Fensters, sah dann umständlich auf seine Armbanduhr und erklärte: „Stimmt. Das ist deine Schuld, mein Freund."
„Meine Schuld?" echote Clark. Er wusste nicht, ob er lachen oder sauer werden sollte. Natürlich hätte er schneller wieder da sein können. Er vermutete, er war ungefähr eine halbe Stunde lang unterwegs gewesen, vielleicht etwas mehr. Dass Lex in dieser Zeit dermaßen hatte abstürzen können, war erstaunlich. Und bedenklich. Indessen seufzte Lex und nickte mehrmals ernsthaft, wobei er sein leeres Glas betrachtete.
„Ich hatte bloß ein Glas vor dem Schlafengehen trinken wollen, aber dann… dann… du bist nicht wiedergekommen." Er blickte anklagend auf. „Du hättest nicht so lange wegbleiben sollen, Clark. Dassis nur deine Schuld." Seine Augen waren nie zuvor so groß und so blau gewesen.
Clarks erster Impuls war, Lex fest in den Arm zu nehmen. Der zweite, ihm eine schallende Ohrfeige zu geben. Er unterdrückte beides und reagierte stattdessen verbal: „Meine Schuld, wenn du kein Ende findest? Ich hätte gedacht, eine so billige Ausrede sei unter der Würde eines Luthors."
Einen Moment lang rechnete Clark mit einer giftigen Antwort, nach dem Blick zu urteilen, den Lex ihm zuwarf, aber dann wurde das Gesicht des Milliardärs plötzlich ausdruckslos. Er wandte sich ab und schenkte sich stumm Scotch nach.
Klasse Kent, dein bester Freund ist angeschlagen, und du beleidigst ihn auch noch. Clark nahm sich vor, diplomatischer vorzugehen. Psychologie für Anfänger, Lektion Eins: Einfühlsamkeit.
„Tut mir leid, Lex, ich wollte nicht..."
„Schon gut, schon gut. Ich verzeihe dir", erklärte Lex großmütig, bevor er den Becher an die Lippen setzte und den Scotch herunterkippte wie Wasser. Mit gerunzelter Stirn beobachtete Clark ihn dabei, während er sich neben ihm auf der Couch niederließ. Bemüht, nicht allzu vorwurfsvoll zu klingen, fragte er: „Ach Lex, was soll das nur werden?"
„Ein wissenschaftlicher Feldversuch, der auf Erfahrung basiert", kam die prompte Antwort.
„Oh bitte. Kannst du nicht einmal ernst bleiben?"
„Das ist mein voller Ernst. Je mehr ich trinke, desto weniger träume ich."
„Gratuliere, wenn du die Flasche geschafft hast, wirst du wahrscheinlich auch nicht mehr aufwachen", entgegnete Clark säuerlich und verfluchte seine große Klappe, als er sah, dass er seinen Freund damit getroffen hatte.
„Komm schon, Clark, erspar mir den Moralapostel. Sieh mich an. Ich bin ein großer Junge. Ich weiß, was ich tue."
„Ja, das weiß ich", beschwichtigte Clark schnell, und meinte es so. Er wusste, Lex würde sich nicht zu Tode trinken, nicht jetzt, und nicht mit nur einer Flasche Scotch, aber einen Vortrag über Drogenmissbrauch konnte er ebenso wenig gebrauchen. Lex war vieles, aber weiß Gott nicht dumm.
„Ist es denn die Kopfschmerzen morgen wert?"
Lex sah ihn mit einem seltsamen Blick an. Auf einmal wirkte er sehr nüchtern.
„Clark, du hast so etwas noch nie erlebt, oder? Weder Alpträume, noch einen Kater nach zuviel Alkohol. Hab ich recht?"
„Hm... ja, im Grunde hast du recht."
Tatsache war, dass Alkohol auf Clarks außerirdischen Metabolismus keinerlei Auswirkungen hatte, und jetzt mit Lex über die Nachwirkungen von rotem Kryptonit oder seine gelegentlichen Albträume zu reden, würde ganz klar zu weit führen.
„Hmm... darum hab ich dich mitgenommen. Du bist zu gut für mich."
„Lex..."
„Ich weiß, ich habe dir meine… meine ominösen Träume noch nicht beschrieben, aber vielleicht kannst du dir ein vages Bild machen, wenn ich dir sage, dass ich die Kopfschmerzen hundertmal vorziehe. Außerdem gibt es dagegen immer noch Aspirin und Co. Und Clark? Sieh mich nicht so mitleidig an!"
Wiederum seufzend wandte Clark den Blick ab. „Sorry. Jetzt hätte ich doch gern einen Schluck. Kann ich?" fragte er, nur um irgendetwas zu sagen. So würde Lex immerhin nicht alles allein trinken.
Lächelnd füllte Lex den Becher zu einem knappen Viertel und reichte ihn Clark mit dem Hinweis: „Ich werde es leugnen, wenn dein Dad mich darauf anspricht, weißt du. Du bist zu jung für harten Alkohol."
„Danke vielmals, Mister Luthor."
Clark kippte einen winzigen Schluck herunter, fühlte die Wärme ein Stück seine Kehle hinabrinnen, bevor sie verschwand. Er merkte, dass Lex ihn beobachtete. Ein unverhangener, klarer Blick, der irgendetwas tief in Clarks Brust erzittern ließ. Lex schien geradewegs in ihn hinein zu sehen. Ernst und seltsam intensiv, so dass Clark unwillkürlich die Luft anhielt. Er sollte ausweichen, sollte sich vor diesen dunklen Augen schützen, die heißer als der Alkohol in seinen Eingeweiden brannten. Er konnte es nicht. Zwischen ihnen war ein unsichtbares Band, das beängstigend und vertraut zugleich war. Für den Bruchteil einer Sekunde wollte er Lex alles sagen, was er bisher nie hatte sagen können. Sein großes Geheimnis. Und das andere, im Grunde viel größere Geheimnis, von dem niemand wusste. Nicht einmal seine Eltern.
Dann war es Lex, der mit einem scharfen Atemzug das Band jäh durchschnitt und sich abwandte. Clark fühlte sich ein wenig schwindelig. Während er zusah, wie Lex noch etwas mehr Scotch in sich hinein schüttete, diesmal direkt aus der Flasche, verschwand das schwammige Gefühl in seinem Kopf. So kann es nicht weitergehen, dachte er. Er war hier, um Lex zu helfen, und als erstes musste er das Besäufnis stoppen. Ein halber Liter purer Scotch war auch für ein drogenerprobtes Stadtkind genug.
„Lex."
„Was?"
„Tut mir leid, wenn ich darauf herumreite, aber du hast für heute genug. Gib mir die Flasche."
Er bekam zunächst nur einen tiefen Seufzer als Antwort. Dann drehte Lex den Kopf zu ihm und sagte: „Clark. Ich bin mir darüber im Klaren, dass es keine endgültige Lösung ist. Ich trinke mich allabendlich in den Schlaf und weiche den Schatten nur aus, anstatt mich ihnen zu stellen. Ich weiß das alles." Er machte eine Pause und fuhr dann leiser und mit abgewandtem Blick fort: „Aber ich bin noch nicht bereit für eine Konfrontation. Es ist nicht leicht, weißt du, die eigene Schwäche zuzugeben und etwas dagegen zu unternehmen."
Jetzt war es soweit! Das war das Persönlichste, was Lex seit Beginn ihrer Fahrt gesagt hatte. Clark schnappte danach, wie ein hungriger Hund nach einem Knochen.
„Aber… du gibst es doch schon zu! Du sagst, dass du das all das weißt, Lex, und das ist der erste Schritt. Du könntest noch einen Schritt machen und mir erzählen, was dich so quält."
„Clark..."
„Komm schon, ich bin dein Freund! Oder denkst du, ich bin einer dieser Klatschreporter, der pikante Details aus dem Luthorschen Privatleben für eine miese Story braucht? Lex, du musst --"
„Nein, ich weiß es", unterbrach Lex. „Ich weiß, dass du mein Freund bist. Deswegen bin ich zu dir gekommen gestern Nacht. Weil ich weiß, dass ich mich, trotz allem, auf dich verlassen kann."
Das kleine, unauffällige ‚trotz allem' war scharf wie eine Rasierklinge. Lex mochte es anders gemeint haben, aber für Clark stellten diese zwei Worte eine Mauer dar. Eine Mauer, die aus Lügen und Geheimnissen gebaut war. Und aus Schuldgefühlen. Eine Mauer, die er, Clark, errichtet hatte, dessen war er sich sehr wohl bewusst. Er versuchte, sie zu ignorieren.
„Dann lass mich dir doch helfen", bat Clark, vehement, wie er hoffte. „Sag etwas. Oder sag mir wenigstens, was ich tun kann."
„Du hilfst mir doch schon, Clark." Lex sah auf und lächelte matt. Seine Augen waren auf einmal trüber als zuvor. „Merkst du das nicht?"
„Aber..." Clark hatte manchmal mehr den Eindruck, er falle Lex zur Last, als dass er ihm eine Hilfe sei. Tatsache war, er fühlte sich selber hilflos.
„Nein, ich kann dir nicht mehr sagen. Jetzt noch nicht", fügte Lex sanfter hinzu. Er stützte seine Ellenbogen auf die Knie und massierte mit den Fingerspitzen langsam seine Schläfen. „Du hast recht, ich hab wirklich genug getrunken. Dafür werd ich schlafen wie ein Stein. Lass uns ins Bett gehen, okay?"
„Okay", erwiderte Clark zögerlich, und Lex' gepeinigter Ausdruck hinderte ihn daran, weiter zu bohren. Lex hatte ‚noch nicht' gesagt. Er würde ihm einfach noch ein wenig mehr Zeit geben. Was konnte er sonst tun?
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tbc.
