Kapitel 7 - Dritter Tag

Geh WEG von mir!!!"

Der schrille Aufschrei machte klar, dass die Nacht keinesfalls beabsichtigte, so friedlich zu enden, wie Clark es gehofft hatte...

Er hatte sich damit abgefunden, keinen Schlaf zu finden, nachdem Lex zu ihm unter die Decke gekrochen war. Stattdessen war Clark in eine Art Meditation gefallen, die einzig und allein Lex' Atmen zur Grundlage hatte. Ein - Aus - Ein - Aus... Auf irgendetwas musste er sich schließlich konzentrieren, um nicht dauernd daran zu denken, dass es Lex' praktisch nackter Körper war, der sich an ihn schmiegte. Wie konnte man dabei nicht an Sex denken? Naja, vielleicht nicht unbedingt an Sex, aber doch an all die Dinge, die Clarks Körper gern mit Lex' Körper tun würde. Seine Nase hätte gern mehr gerochen als nur Lex' Hinterkopf. Seine Hand fühlte sich auf Lex' Brust zwar recht wohl, doch was gäbe sie dafür, den ganzen verlockenden Rest der glatten Haut erkunden zu dürfen! Ebenso Clarks andere Hand und seine Lippen. Die Vorstellung, seinen besten Freund zu küssen, sandte ein heißkaltes Zittern durch Clarks Körper, dass er fast fürchtete, den Schlafenden aufzuwecken. Also hielt er sich im Zaum. Diese Gefühle waren nicht gänzlich neu für ihn, doch es war etwas vollkommen anderes, damit nicht allein in seinem eigenen Bett zu liegen, sondern stattdessen das nichts ahnende Objekt seiner Begierde in den Armen zu halten. Clark unterdrückte ein Stöhnen, als sich ein warmes Kribbeln in seinem Unterleib regte, und er rückte dezent ein paar Zentimeter von Lex ab. Alien oder nicht, manchmal war es eine verdammte Herausforderung, ein Teenager zu sein!

Allmählich war die Sonne über den Horizont gekrochen und hatte schon bald das Appartement in fahles, staubiges Morgenlicht getaucht. Das Fenster zeigte nach Osten, und sie hatten am Abend vergessen, die Vorhänge zu schließen. Lex' Atem war unruhiger geworden, nachdem Clark den kleinen Kampf mit sich selbst ausgefochten hatte. Wie erwartet war der Schlaf nicht gekommen, dafür hatte Clark die ganze Zeit über Lex' Hand gehalten. Bis diese plötzlich begann ihn zu quetschen. Kurze, harte Fingernägel bohrten sich in seinen Handballen, als versuchten sie, die Haut zu durchbrechen. Wussten sie doch nicht, wie unmöglich dies war. Indes war es Lex, der sich wie unter Schmerzen wand und aufbäumte. Wie schon in der vorigen Nacht presste er mehrmals „Nein" und „Dad" und einiges Unverständliches hervor, bis Clark entschied, ihn zu wecken, bevor es schlimmer wurde. Er rüttelte ihn sanft. Keine Reaktion.

„Lex. Lex!", versuchte er eindringlicher und erhielt als Antwort das panisch geschriene „Geh WEG von mir!!!" sowie einen spitzen Ellenbogen gegen die Rippen. Keine Frage: Er musste Lex dringend wecken, bevor dieser sich noch selbst verletzte.

„LEX!"

Diesmal funktionierte es. Lex erstarrte und schlug die Augen auf. Blinzelte. Und bedeckte sie sofort darauf wieder mit einer Hand. Stöhnend.

„Oh Gott..."

„War es wieder so schlimm?" Clark hoffte gegen jede Wahrscheinlichkeit, jetzt etwas über die Träume zu erfahren.

„Mmh... verdammtes Licht! Ich scheine wirklich älter zu werden", murmelte Lex, während er seine Stirn knetete. „So lange hab ich noch nie ´nen Kater gehabt. Muss der Schlafmangel sein."

Jetzt verstand Clark, und schon war er aufgestanden, um die Vorhänge zu schließen. Er wunderte sich zwar, dass Lex diese wenigen Stunden als lange Zeit für einen Kater betrachtete, aber er ging nicht darauf ein.

„Besser so?"

Lex öffnete vorsichtig ein Auge und seufzte erleichtert, als er ein wohltuendes Halbdunkel vorfand. Er sah Clark an und runzelte die Stirn.

„Was ist? Warum siehst du so besorgt aus? Das sind bloß noch Kopfschmerzen."

„Du hast wieder geträumt", teilte Clark ihm ohne Umschweife mit.

Stöhnend schloss Lex erneut seine Augen. „Oh Scheiße", murmelte er.

„War ziemlich heftig, was?" fragte Clark mitfühlend. Er würde jetzt nicht darauf hinweisen, dass die Scotch-Aktion vollkommen nutzlos gewesen war. Andererseits - war sie das? Immerhin hatte sie ihm einen sehr anlehnungsbedürftigen Lex beschert. Nein! Clark rief sich innerlich zur Raison. Solch ein Gedanke war egoistisch und unangebracht!

„Hmm. Heftig… ja, wahrscheinlich war es das." Die von einem abgrundtiefen Seufzer begleitete Antwort ließ Clark aufhorchen.

„Was heißt wahrscheinlich?"

Lex zuckte stumm mit den Schultern und wich Clarks Blick aus.

„Herrgott Lex, was soll das Ganze hier eigentlich, wenn du mir nicht verrätst, was los ist!", platzte Clark lauter heraus, als er eigentlich wollte.

„Das soll heißen, ich… ich erinnere mich nach dem Aufwachen nicht an meine Träume."

Clark musste ziemlich verständnislos gewirkt haben, denn Lex lächelte auf einmal matt und fuhr mit seiner Erklärung fort. „Es sind die Träume, weshalb ich es in letzter Zeit vermeide zu schlafen, das ist wahr. Ich... ich wache immer schweißgebadet auf, kann mich aber an nichts erinnern. Das ist ziemlich ironisch, nicht?"

„Warum hast du das nicht eher gesagt? Ich dachte, es sind Alpträume, die ich quälen."

„Was hätte ich denn sagen sollen? Dass ich nicht weiß, was mich so panisch macht?" Lex schnaubte. „Egal, was es ist, ich mag es nicht, jedes Mal so aufzuwachen." Er schlug die Bettdecke zurück und setzte sich auf. Clark sah zu, wie er sich reckte und ein paar Mal den Kopf kreisen ließ. Es kribbelte ganz leicht in Clarks Fingerspitzen, als Lex sich mit beiden Händen den Nacken massierte. Dann atmete Lex einmal tief durch, bevor er nach hinten rutschte und sich mit dem Rücken gegen die Wand lehnte. Er umfasste seine Knie mit den Armen und starrte eine Weile ins Leere, während er seine Schienbeine rieb, als sei ihm kalt.

„Tut mir leid" sagte Lex dann. "Ich hatte einfach Angst, du würdest mich für paranoid halten, wenn --"

„Wenn du mir sagst, du weißt nicht, wovor du Angst hast? Lex, ich verstehe dich nur zu gut."

Ein tonloses Lachen antwortete Clark. „Die Träume sind nicht alles, was Doktor Garners Arbeit ausgelöst hat. Da sind diese Flashbacks, weißt du, verdrängte Erinnerungen aus meiner Vergangenheit, die ich im Wachzustand erlebe."

„Was für Erinnerungen?" Clark war aufgeregt. Es überraschte ihn, dass Lex plötzlich so freimütig erzählte. Er setzte sich im Schneidersitz Lex gegenüber ans Fußende des Bettes und verschwendete nicht einen Gedanken daran, dass er nur Shorts und T-Shirt trug. Oder daran, dass Lex so gut wie nackt und jetzt nicht mehr zugedeckt war. Derweil Clark damit beschäftigt war, diesen Umstand nicht zu bemerken, redete Lex weiter.

„Diese Flashbacks, oder Erinnerungen… sie… sie sind anders als die Träume. Ich weiß hinterher noch jedes Detail."

„War es so etwas, als du auf der Brüstung nach Julian gerufen hast?" Lana hatte Clark in ihrer Panik sofort alle Details erzählt, nachdem sie Lex so gefunden hatte.

„Ja", gab Lex zu. Dann sagte er zittrig: „Es war so echt, Clark. Ich war zehn Jahre jünger, und Julian… Julian war tot."

Mehrere Augenblicke lang herrschte absolute Stille. Nur das unregelmäßige Surren des Kühlschrankes zeigte an, dass die Zeit weiter verstrich.

„Es geht um deinen Vater", brach Clark das Schweigen.

„Was?" Lex fuhr überrascht hoch.

„In deinem Traum. Vorhin, und gestern Nacht auch. Du hast Dad gerufen und mehrmals Nein, und dann Dinge, die ich nicht verstehen konnte. Es klang, als würde er dir etwas antun."

Lex erschauerte sichtbar, dann lachte er zu Clarks Überraschung tonlos. „Dad, Dad, Dad. Kein Wunder. Wer sonst sollte mir Alpträume verpassen?"

Einmal mehr verlangte es Clark dringend danach, Lex von den Umständen zu erzählen, die ihn nach Belle Reve gebracht hatten. Dass Lionel ihn vergiftet hatte, seinen Geist verwirrt, dass er das Leben seines Sohnes kaltblütig aufs Spiel gesetzt hatte, um seine eigenen Verbrechen zu vertuschen. Aber wenn Lex es wüsste, würde alles wieder von vorne anfangen. Er war sicherer vor seinem Vater, wenn er es nicht wusste.

„Möchtest du etwas trinken?", fragte er stattdessen. Lex nickte.

Clark spülte den Zahnputzbecher im Bad sorgfältig aus, bevor er ihn mit kaltem Wasser füllte und zurück ins Zimmer ging. Lex saß nun mit gebeugtem Rücken auf der Bettkante. Er hatte das Gesicht in die Hände gestützt und massierte mit den Fingerspitzen seine Stirn. Clark setzte sich neben seinen armen reichen Freund. Der junge Luthor war momentan das Paradebeispiel dafür, dass Geld allein nicht glücklich machte. Dankbar nahm er den Becher entgegen und trank ihn in langen Zügen leer.

Als er Clark von der Seite anblickte, waren seine Augen dunkel, aber jetzt vollkommen klar. Ein Ausdruck lag in ihnen, als ob er träumte, aber diesmal etwas Angenehmes. Clark sah, dass er immer noch müde war, doch da war noch etwas Anderes. Das Band war auf einmal wieder zwischen ihnen, unfassbar noch wie wabernder Nebel, aber es schien sich zu verdichten, und Clark spürte ein angenehmes Kribbeln in der Magengegend. Für den Bruchteil einer Sekunde fühlte er Panik aufsteigen. Aber dann kämpfte er den irrationalen Fluchtinstinkt nieder, räusperte sich und blickte auf den Teppich.

„Clark." Lex' Stimme schien von weither zu kommen, leise und dunkel, wie sie war. Lex wiegte seinen Oberkörper sacht, wie eine Weide, die zu der unhörbaren Melodie einer Brise hin und her schwingt. „Hmm, ich hatte immer gedacht, dass wir... mh, dass wir beide… ah." Er brach ab und schloss mit einem kleinen Lachen die Augen, so als hätte er gemerkt, dass er Unsinn redete.

„Dass wir was, Lex?", fragte Clark vorsichtig. Er konnte nicht leugnen, dass ihm der Blick zuvor gefallen hatte, doch er fühlte sich, als begäbe er sich mit der Frage auf sehr, sehr dünnes Eis. Lex konnte nicht wirklich meinen, was er hoffte.

„Ach, vergiss es. Ich fasele nur. Bin noch nicht richtig wach. Wie spät ist es?"

„Kurz nach neun."

„Höchste Zeit aufzubrechen!"

Lex erhob sich energisch und streckte seine müden Muskeln. Einen Moment lang ließ Clark seinen Blick über den schlanken, sehnigen Körper streifen, dann wandte er sich schnell ab.

„Hast du was dagegen, wenn ich zuerst dusche?"

Ohne aufzublicken antwortete Clark: „Nein. Geh nur." Er konnte ein erleichtertes Seufzen nicht vermeiden, als die Badezimmertür sich hinter seinem Freund schloss. Seine Wangen brannten wie Feuer.

Es passierte immer häufiger, dass er feststellte, wie attraktiv er Lex fand, wobei ‚attraktiv' die Sache nicht ganz auf den Punkt traf. Oft hatte er über ein passendes Wort nachgedacht. ‚Hübsch' kam nicht in Frage. Lana war hübsch. Übernatürlich hübsch sogar. Und zwar innerlich wie äußerlich. Ihre zarten, mädchenhaften Kurven konkurrierten mit ihrem engelsgleichen Wesen. Chloe war hübsch. Mit ihren großen Augen und dem alles überstrahlenden Lächeln. Und beide waren zweifellos attraktiv. Lex hingegen… für einen Mann sah er irgendwie gut aus, fand Clark. Nicht dass Clark jemals zuvor über die Attraktivität von Männern nachgedacht hatte. Er war groß und schlank. Weitaus muskulöser, als man vermuten könnte, wenn man ihn im Anzug sah. Lex war elegant. Lex war ungewöhnlich und irgendwie exotisch interessant, und das nicht nur, weil er reich und kahlköpfig war. Dass Lex' Hände ihm gefielen, hatte Clark schon vor langer Zeit beim Billardspielen bemerkt. Heute war ihm aufgefallen, dass er Lex' Beine mochte. Nein, sei ehrlich, sagte Clark zu sich selber. Fakt war, er mochte alles an Lex. Vom kleinen Zeh bis zu den nicht vorhandenen Haarspitzen. Und zwar ein bisschen mehr, als es sich für einen besten Freund gehörte.

Ungebeten wie immer erschien der kleine Teufel auf Clarks Schulter und flüsterte ihm hämisch ins Ohr: Gib's zu, du Feigling, du findest Lex heiß!

„Oh Gott", murmelte Clark und plumpste rücklings aufs Bett. Wie konnte er gerade jetzt diese Gedanken zulassen? Das war mehr als unangebracht, nicht zu reden von peinlich. Er sollte Lex' Freund sein, sollte ihm zuhören und helfen, nicht ihn… heiß finden. Und doch hatte der vermaledeite kleine Teufel recht: Selbst in seinem momentan eher erbärmlichen Zustand wirkte Lex anziehend auf ihn. Und er musste zähneknirschend zugeben, dass er es genoss, soviel Zeit mit ihm zu verbringen. Kent, du bist ein mieser, mieser, mieser bester Freund…

„Hey Clark?"

Erschrocken fuhr Clark hoch. Die Tür war wieder offen, und Lex lehnte am Rahmen, die Klinke in der Hand.

„Ja, was ist?", brachte Clark krächzend hervor, während sein Herz dröhnte wie ein Vorschlaghammer auf Speed.

„Danke."

„Wofür?"

„Für alles. Dass du hier bist. Ich weiß wirklich zu schätzen, was du für mich tust."

„Schon gut. Ist doch selbstverständlich." Na prima. Falls Clarks glühende Wangen in dem Halbdunkel zu sehen waren, konnte er es immer noch auf die sprichwörtliche Kent'sche Bescheidenheit schieben. Immerhin war er bestens darin trainiert, eine Fassade aufrecht zu erhalten.

„Nein, das ist es nicht. Du bist ein guter Freund, Clark, und dafür bin ich dankbar. Ich... ich wollte nur, dass du das weißt."

Damit verschwand Lex im Bad. Und Clark umarmte sein schlechtes Gewissen, das soeben die Größe eines mittleren Wolkenkratzers angenommen hatte.

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tbc