Kapitel 8
„Fahren wir noch ne Weile", sagte Lex.
„Okay."
Und weiter ging es.
Frisch geduscht, wenn auch den dritten Tag in Folge in denselben Klamotten, ließen sie ein weiteres dunkles Motelzimmer hinter sich. Der Morgennebel war längst den kräftigen Sonnenstrahlen gewichen, die das umliegende Farmland in ein goldenes Licht tauchten. Bevor Clark einstieg, schloss er einen Augenblick lang die Augen und sog die Wärme auf wie ein Schwamm das Wasser.
„Lex, ich muss sagen, ich bin erleichtert."
„Freut mich zu hören. Wie kommt's?"
„Heute sehen deine Sachen endlich nicht mehr so frisch aus wie am ersten Tag!", wagte Clark grinsend zu sagen.
Indigniert blickte Lex an sich herab Es war nicht zu leugnen, dass sein anthrazitgraues Hemd die eine oder andere außerplanmäßige Falte aufwies. Außerdem sah man mittlerweile deutlich die getrockneten Schlammreste und Wasserränder an den Hosenbeinen.
„Wenn du dich darüber freuen kannst", erklärte er leicht pikiert, „muss ich ernsthaft erwägen, dich zu bemitleiden, mein Bester. Und jetzt schmink dir das blöde Grinsen ab und fahr endlich."
Der Rest des Tages war nahezu eine Kopie des vorigen, mit dem bedeutenden Unterschied, dass Clark die Stimmung zwischen ihnen als nicht mehr ganz so bedrückend empfand - und das lag nicht nur am freundlichen Wetter und Lex' Scherzen. Lex hatte den Schleier ein wenig gelüftet. Das war ein Anfang, oder nicht? Irgendwann würde es schon weiter gehen. Bis dahin fuhren sie. Sie fuhren den Highway Richtung Norden, aßen unterwegs abwechselnd Schokoriegel und Räucherwürstchen, wenn sie schwiegen, war es ein einvernehmliches Schweigen, und wenn sie redeten, waren es Themen wie die Landschaft, der Zustand des Straßenbelags oder die Musik im Radio. Man konnte fast meinen, sie waren einfach gute Freunde bei einem Trip ins Blaue. Nun… fast. In Clarks Hinterkopf brodelte nach wie vor ein kolossaler Tumult, jedoch bohrte er vorerst nicht weiter, sondern klammerte sich hoffnungsvoll an den Zipfel Optimismus, den Lex' Zutraulichkeit am Morgen ihm beschert hatte.
Landschaft und Stunden zogen vorbei. Das offene Farm- und Weideland ging allmählich in Obstplantagen und dann immer dichtere Waldgebiete über, derweil das Radio unermüdlich alte Countrysongs dudelte. Am Spätnachmittag, gerade lief die Elvis Presley Version von „Country roads", war wieder ein Tankstopp fällig, und wie schon am Vortag übernahm Lex das Shoppen. Clark plante allerdings, die Tüten diesmal genauer zu durchleuchten, um nicht erneut von einer hochprozentigen Einschlafhilfe überrascht zu werden. Außerdem wollte er Lex heute nicht aus den Augen lassen. Er würde seinen Freund beobachten und sich eine Strategie zurechtlegen. Nicht dass er sonderlich scharf darauf war, Lex unter Druck zu setzen. Er wusste genau, dass das unter den gegebenen Umständen mehr als kontraproduktiv wäre, doch irgendwie musste er ihn anstupsen. Schließlich konnten sie nicht ewig vor der Realität wegfahren.
Mit mulmigem Gefühl im Bauch machte Clark sich jedoch zunächst an eine ähnlich unangenehme Aufgabe. Den Mercedes mitsamt seinem Kaffee schlürfenden Insassen im Blickfeld warf Clark die Münzen ein und wählte. Inzwischen waren ein paar Wolken aufgezogen, die mehr und mehr das freundliche Sonnenlicht abfingen. Es ratterte langsam, dann kam das bekannte Tuten. Einmal, zweimal, dreimal. Es klickte in der Leitung. Clark schloss die Augen, holte tief Luft und wappnete sich für eine Standpauke - eine Standpauke, die er verdiente, wie er sehr wohl wusste -, jedoch…
„Hier ist die Kent Farm. Wir sind im Moment nicht zuhause oder zu beschäftigt, um ans Telefon zu gehen. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht", sagte die freundliche Stimme von Martha Kent. Zwei Sekunden später kam das „Piep".
„Mom, Dad? Bitte… bitte macht euch keine Sorgen. Mir geht's gut, wirklich, und ich bin bald wieder zuhause. Das mit der Schule tut mir leid, und auch, dass ich meine Arbeit nicht machen kann, aber… ich, ähm… aber… das hier ist wichtig, und ich hole alles nach, versprochen. Ich bring das in Ordnung. Bye. Ich hab euch lieb!"
Blitzschnell legte er auf. Endlich bewährte es sich, dass er seinen Dad vor zwei Jahren überredet hatte, einen Anrufbeantworter anzuschaffen. Feigling!, säuselte der kleine Teufel, der sich wie eine tonnenschwere Boa Constricor um seine Schultern wickelte. Er ignorierte ihn trotzig. Jedes Problem zu seiner Zeit. Auch wenn zuhause mächtiger Ärger vorprogrammiert war, aktuell stand Lex unangefochten auf Platz eins der Problem-Hitliste. Lex Luthor, der ihn lächelnd im Wagen erwartete, während er auf seinen dampfenden Kaffee pustete.
„Alles klar zuhause?"
„Jep", entgegnete Clark knapp. Er hatte nicht vor, auch nur irgendein Thema zwischen sich und seine Strategie kommen zu lassen. Schritt Eins von Clarks Strategie: konstruktive Vorschläge. Während der letzten fünfzig bis siebzig Meilen hatte er im Stillen an einer Idee gefeilt. Inzwischen schien sie ihm konstruktiv genug, um sie Lex ohne Umschweife anzubieten, sobald die Räder wieder rollten.
„Hast du schon mal an Hypnose gedacht?"
Der Vorteil von klärenden Gesprächen im fahrenden Auto lag klar auf der Hand: Der Gesprächsteilnehmer konnte nicht einfach so abhauen. Geschickt eingefädelt, Doktor Kent!, klopfte Clark sich mental auf die Schulter.
„Hm?", fragte Lex mit den Lippen am Kaffeebecher.
„Nun, du weißt schon. Hypnose, um an deine Träume heranzukommen."
Lex ließ den Becher sinken und sah Clark an wie etwas Schleimiges, Widerliches, in das er gerade getreten war.
„Ich verspüre kein großes Verlangen, mich erneut in die Hände von Irrenärzten zu begeben", bemerkte er. „So herzerfrischend es in Belle Reve auch war, mir reicht diese Erfahrung."
„Das hab ich auch nicht gemeint, Lex. Aber es gibt doch seriöse Ansätze... hm, Therapien, Rückführungen, etwas in der Art, wobei man ganz --"
„Du meinst Regressionstherapien? Oh ja, super Idee, Clark. Dann finden wir heraus, dass ich einer der zigtausend Idioten bin, die in einem früheren Leben Napoleon gewesen sein wollen. Oder Alexander der Große, das würde keinen wundern bei mir, nicht? Nein, besser noch Cleopatra, sie war viel mächtiger und hatte die abgefahrenste Frisur. Blond steht mir eh nicht. Hey! Warum halbe Sachen machen? Was ist, wenn ich alle drei war?"
Autsch. Was jetzt, Doktor Kent? Natürlich hatte er mit Ablehnung oder Sarkasmus gerechnet. Clark war nicht so dumm, anzunehmen, dass Lex gleich hellauf begeistert wäre von seinen Vorschlägen. Also blieb er beharrlich und zumindest äußerlich ruhig.
„Lex, mach dich nicht lustig darüber. Du weißt, dass ich so etwas nicht meinte. Aber wenn du unter professioneller Anleitung herausfinden könntest, was es mit deinen Alpträumen auf sich hat, ängstigen sie dich vielleicht nicht mehr so sehr. Ich meine, es kann doch nur von Vorteil sein, Bescheid zu wissen, oder nicht?" Sehr gut, das klingt vernünftig.
Lex sah mit einem seltsam intensiven Blick zu Clark herüber. „Du hast recht", antwortete er langsam und jetzt ohne Spott in seiner Stimme, „Wissen ist der Schlüssel zu allem. Darum war ich ja bei Doktor Garner. Weil ich die Wahrheit wissen wollte. Nichts ist so wertvoll wie die Wahrheit."
„Aber Garner war skrupellos und ein Scharlatan!", regte Clark sich auf, plötzlich vergessend, dass er ruhig bleiben wollte. „Das hat gar nichts gebracht. Jedenfalls nichts Gutes. Er dich bloß als Versuchskaninchen benutzt."
„Und dich auch, Clark", kam es wie aus der Pistole geschossen zurück. „Weil du dich ungebeten eingemischt hast."
Den Aspekt überhörte Clark geflissentlich. „Könnte es nicht sein", beharrte er, „dass du bloß zu erfahren brauchst, was du Schlimmes träumst, und dann --"
„Jetzt hör endlich auf mit diesen verfluchten Träumen! Darum geht es gar nicht!" Wild gestikulierend unterstrich Lex jedes seiner Worte auch optisch. „Die Alpträume sind zwar widerlich, aber sie sind nicht mein Problem, okay?"
„Was zur Hölle ist dann dein Problem?!", rief Clark ungestüm und schlug mit der Faust auf das Lenkrad. Dahin war die angenehm heitere Stimmung. Nur Lex schaffte es immer wieder, seine Geduld so sehr zu strapazieren, bis sie zerriss. Und nur durch ein Wunder oder schieres Glück behielt das Lenkrad seine Form.
Lex' Kopf schnappte herum, und eine Sekunde lang sah er so aus, als wollte er auf die Frage antworten. Doch dann ließ er die Hände zurück in den Schoß fallen und stieß hörbar die Luft aus.
„Bitte, Clark, können wir das Gespräch verschieben?", presste er hervor. „Ich habe Kopfschmerzen."
Mit einem Schlag war Lex wieder kühl und distanziert. Clark hatte schon den Mund geöffnet, um seiner Strategie getreu erneut nachzuhaken, aber ein kurzer Seitenblick erstickte den Versuch im Keim. Sein Beifahrer hatte die Augen geschlossen und den Kopf zur Seite gedreht. Seine Lippen bildeten eine schmale, harte Linie. Er strahlte eine eisige Unnahbarkeit aus, die Clark körperlich frösteln ließ. Da war sie wieder, die Mauer. Unsichtbar, aber massiv wie eine Festung. Clark seufzte und gab auf. Feigling, wisperte es in seinem Ohr. Halt die Klappe, dachte Clark, derweil alle seine Beschlüsse dahinbröckelten wie dröger Kuchen. Draußen begann ein feiner Nieselregen den Asphalt allmählich schwarz zu färben.
Soviel zur Hypothese, dass Lex sich im Wagen nicht vor einem Gespräch drücken konnte. Von einer Sekunde auf die andere schien er meilenweit entfernt, obwohl lediglich die elegante Mittelkonsole aus lackiertem Edelholz sie trennte. Wieder einmal blieb Clark allein mit seinen Gedanken. Was hatte er nur falsch gemacht? Lex' Offenheit am Morgen hatte ihn ermutigt, Fragen zu stellen, aber er hatte sich wohl getäuscht. Anscheinend war Lex nicht bereit, weiter über sein großes Geheimnis zu reden. Wenn die Träume, die ihn so sehr plagten, nicht das eigentliche Problem waren, dann waren sie zumindest doch ein Symptom. Und wenn Lex ihm nicht noch etwas ganz anderes verschwieg, konnte es nur mit den verdrängten Kindheitserinnerungen zusammenhängen, die er kürzlich wieder ausgegraben hatte.
Damit rückte so manche Theorie, die Clark bislang aufgestellt hatte, wieder in den Hintergrund. Zum Beispiel die, dass Lionel womöglich irgendeine neue Methode gefunden hatte, um seinem Sohn zuzusetzen. Vielleicht ein Streit darüber, dass der alte Bastard ihm mal wieder die Kompetenzen in der Firma beschnitten hatte. Clark errötete bei dem Gedanken ‚alter Bastard' schuldbewusst. Das war beileibe nicht seine eigene Ausdrucksweise. Was würde sein Dad sagen, wenn er merkte, wie sehr Lex auf ihn abfärbte?
An eine simple Meinungsverschiedenheit glaubte Clark nicht mehr. Streit zwischen den Luthors war praktisch Dauerzustand, mochte er noch so sehr eskalieren. Zudem stand Lex inzwischen längst wieder auf eigenen Füßen und war nicht mehr nur „Bleistiftspitzer", von Lionels Gnaden abhängig. Nein, die Wurzel des Problems musste in der Vergangenheit verborgen liegen.
Clark wagte einen Seitenblick und fand Lex unverändert. Seine Augen waren geschlossen, und er massierte mit zwei Fingern seine Nasenwurzel, wie so oft, wenn er gestresst war. Clark seufzte leise und richtete seinen Blick wieder auf die Straße. Seine Gedanken konnte er allerdings nicht abwenden. Er nahm sich vor, im nächsten Schuljahr unbedingt einen Psychologie-Kurs zu belegen.
So viele Möglichkeiten... Egal, welche zutraf, eines blieb unverständlich: Warum redete Lex nicht mit ihm darüber? Er hatte sich bedankt, er musste doch wissen, dass er Clark alles sagen konnte.
In diesem Moment schlugen zwei Gedanken wie Bomben in Clarks Gehirn ein. Er keuchte auf. Zwei Gedanken, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Der erste schrie: Vergewaltigung! Es war bekannt, dass Opfer oft die Schuld bei sich suchten und aus Scham schwiegen. Clark wurde beinahe übel bei der Vorstellung, dass Lionel Luthor seinem Sohn Gewalt angetan haben könnte. Oder jemand anders. Konnte es wirklich ein so schreckliches Geheimnis in Lex' Vergangenheit geben? Der zweite Gedanke war nicht minder verstörend: Lex vertraut mir nicht, weil er weiß, dass ich Geheimnisse vor ihm habe. Clarks Hände quetschten zitternd das Lenkrad.
„Geht's dir nicht gut, Clark?"
„Was?" Clark schreckte auf.
„Du wirkst etwas… übermüdet", sagte Lex. „Vielleicht sollte ich mal ans Steuer."
„Neinein. Alles klar."
„Quatsch. Ich seh doch, dass dich was beschäftigt."
Beinahe hätte Clark laut aufgelacht. Er wusste, dass er noch nicht bereit war, Lex auf seine neuesten wilden Theorien anzusprechen, die er gerade eben entwickelt hatte. Er wusste auch, er sollte verständnisvoll und geduldig sein. Trotzdem war es zu spät, um die Worte zu bremsen, die hysterisch aus seinem Mund strömten:
„Beschäftigt? Du meinst, mich beschäftigt etwas? Ach ja? Und das wundert dich? Wir fahren tagelang herum, quer durch die Pampa. Wo sind wir überhaupt? Ich hab keine Ahnung, wozu diese Odyssee gut ist. In der einen Minute redest du normal mit mir, dann schweigst du wieder stundenlang und scheinst am anderen Ende des Universums zu sein. Ich schwänze die Schule, ich hintergehe meine Eltern und ich mache mir verdammt nochmal Sorgen um meinen besten Freund! Oh ja, Lex, du Blitzmerker, mich beschäftigt durchaus etwas!"
Grabesstille breitete sich fühlbar im Auto aus. Am liebsten hätte Clark seinen sogenannten Freund gepackt und alle Antworten aus ihm heraus geschüttelt, die er brauchte. Er war sauer, und er hatte so was von das Recht dazu!
„Mit Freund meinst du mich, oder?", kam die leise Frage von rechts.
„Himmel! Das fragst du doch wohl nicht im Ernst!", polterte Clark, dessen Geduld sich nun endgültig verabschiedet hatte. Es trug auch nicht gerade zur Besserung seiner Stimmung bei, dass Lex überhaupt nicht auf ihn reagierte, sondern stattdessen mit zusammengekniffenen Augen die Landschaft observierte, als rechnete er jeden Moment damit, dass Bigfoot aus dem Gebüsch gesprungen kam. Viel war freilich nicht zu erkennen. Inzwischen regnete es in Strömen, und dazu war die Abenddämmerung hereingebrochen. Bald würde es stockfinster sein. Clark schüttelte leise seinen Kopf und konzentrierte sich auf die Straße. Als er ein paar Meilen später überlegte, das wievielte unangenehme Schweigen auf ihrer Reise dies jetzt sein mochte, fiel ihm auf, dass seine Wut verraucht war. Sie war verschwunden, genauso schnell, wie sie gekommen war. Richtig so, Kent. Es geht hier nicht um deine Probleme. Also sei ein braver Junge und beklag dich nicht. Fahr weiter. Verschwörerisch nickte Clark seiner inneren Stimme zu und begrub sein persönliches Kriegsbeil. Fürs erste.
„Sag mal, weißt du, wo wir sind?", fragte Lex unvermittelt.
„Wie bitte?", seufzte Clark.
„Wo sind wir eigentlich? Ich hab vergessen, auf die Schilder zu achten."
Clark runzelte die Stirn. „Hab ich nicht eben noch gesagt, ich weiß nicht, wo wir sind?"
„Okay Clark, Zeit, das GPS zu aktivieren."
„Wie bitte?", sagte Clark zum zweiten Mal.
„Wir haben uns verfahren."
„Wir haben uns verfahren?"
„Nun, ich war lange nicht mehr hier, und wenn ich ehrlich bin, habe ich damals als Siebenjähriger nicht wirklich auf die Straßenführung geachtet."
„Sag mal, Lex, wovon redest du?"
„Warte, ich hab's gleich."
Flink tippte Lex auf der zu blinkendem Leben erwachten kleinen Anzeigetafel herum. Nach kaum einer Minute lehnte er sich zufrieden zurück. „Alles klar. Ich hatte doch recht. Nur ein bisschen verfahren zum Glück. Es ist nicht mehr weit."
Das war also das Gefühl, wenn man sich nicht nur wie im falschen Film vorkam, sondern blindlings von einem falschen Film in den nächsten stolperte.
„Soll das heißen, wir haben ein Ziel?"
„Dachtest du etwa, wir fahren sinnlos durch die Gegend?"
„Ähm..."
.
.
tbc.
