Chapter 12
Ich wachte zweimal mitten in der Nacht schweißbedeckt von meinen Alpträumen auf – nun, eigentlich war es zweimal derselbe. Meine Träume waren so lebendig, dass ich jedes Mal, wenn ich aufwachte eine Weile brauchte, um zu begreifen, wo ich war und mich zu beruhigen.
Ich war in der Nacht mitten in einem Wald und rannte. Ich war mir nicht sicher, wovor ich davonlief, aber als ich durch die Bäume brach, stellte ich fest, dass ich in einer Lichtung war. Sie war wunderschön und es war Nachmittag geworden. Die Sonne schien und ich beobachtete, wie das Grass sich wellenförmig in der Brise bewegte. Mein Kopf zuckte augenblicklich nach links, als ich ein durchdringendes Knurren hörte. Da stand ein sehr großer Wolf. Er war so groß, dass er beinahe wie ein Bär aussah.
Als sein Knurren lauter wurde, wich ich zurück. Ich spürte, wie ich auf etwas Hartes traf, drehte mich um und sah Edward hinter mir stehen. Sein Gesicht sah wild aus und ich keuchte bei dem Anblick. Er legte eine Hand auf meine Schulter um mich zu stabilisieren. „Geh zurück in den Wald, Bella!", befahl er mit leiser, strenger Stimme.
Ich hörte ein markerschütterndes Schreien hinter mir und wusste, dass es von dem Wolf kam. Ich hielt meine Augen zitternd auf Edward gerichtet. Seine Augen verengten sich mörderisch. Ich hätte Angst haben sollen, aber merkwürdigerweise fühlte ich mich davon beruhigt, dass er da war. Ich wich wie angewiesen in den Wald zurück und rannte. Bald schon hörte ich lautes Schnappen und Knurren. Ich hatte Angst um Edward und rannte zurück zu der Lichtung; aber ich verlief mich. Ich konnte den Kampf hören, aber ihn nicht finden. Ich rief nach ihm, aber es kam keine Antwort. Ich suchte und suchte aber es war zwecklos.
Das war der Augenblick, in dem ich immer aufwachte. Ich war nicht bereit den Alptraum noch mal durchzumachen und beschloss aufzustehen. Es war kurz nach fünf Uhr morgens, aber ich konnte später ein bisschen schlafen, wenn ich müde wurde.
Ich nahm meinen Kulturbeutel und ging den Flur hinunter zum Badezimmer. Ich warf einen kurzen Blick in den Spiegel. Ich war ein einziges Durcheinander. Mein Haar war leicht zusammengedrückt von dem Herumwälzen in der Nacht und ich konnte immer noch einen kühlen Schimmer von Schweiß auf meiner Stirn sehen.
Ich schüttelte missbilligend den Kopf und drehte mich um, um in die Dusche zu steigen. Das heiße Wasser fühlte sich gut an und beruhigte mich. Ich stieg nur widerwillig wieder raus, aber das Wasser wurde kalt und so hatte ich keine Wahl. Ich beschloss, einen Pulli anzuziehen, weil ich nirgendwo hinging. Es war heute wieder sonnig, aber es lag eine gewisse Feuchtigkeit in der Luft.
Ich ging vorsichtig die Treppe hinunter und stellte fest, dass Charlie schon gegangen war. Er war mit Billy beim Angeln. Er hatte mir eine Nummer dagelassen, unter der er erreicht werden konnte, sollte ich irgendwas brauchen.
Während ich über alles, was ich gestern erfahren hatte nachdachte, aß ich ein bisschen Müsli und versuchte das unbehagliche Gefühl abzuschütteln, dass mich immer noch umgab.
Ich überlegte kurz, ob ich ihn anrufen sollte. Aber was würde ich sagen? „Hey Edward, ich habe gehört, dass du vielleicht eine mythische Kreatur bist, also was hast du dazu zu sagen?" Ein Teil von mir fühlte sich wie ein Trottel, auch nur daran zu denken. Es gab solche Sachen wie Vampire und Werwölfe nicht. Ich wusste sicher, dass das wahr war, aber etwas in mir bettelte mich an, es zu glauben. Edward war etwas Besonderes, soviel war klar, aber was? Er war zu perfekt, um menschlich zu sein, aber ein Vampir und ein moralischer dazuhin?
Ich schnaubte verärgert. Ich musste hier raus. Ich beschloss einen kleinen Spaziergang zu machen und den Sonnenschein so lange zu genießen, wie ich konnte. Mein Truck war immer noch an der Schule, also konnte ich nicht weit gehen. Ich würde im Wald, der das Haus umgab, bleiben müssen.
Ich griff nach meiner Jacke für den Fall, dass es anfing zu regnen und zog mir die Schuhe an. Ich fand leicht einen Pfad in der Nähe der Hausrückseite und beschloss ihm eine Weile zu folgen.
Meine Gedanken rasten, während ich tiefer in den Schatten der Bäume ging. Ich suchte nach einem Beweis, dass er etwas Anderes als menschlich war, egal wie klein, etwas das ich übersehen haben könnte. Er hatte nie vor mir gegessen; tatsächlich hatte ich ihn oder seine Geschwister niemals überhaupt essen sehen. Sie könnten das Essen in der Cafeteria auch einfach nicht mögen, aber sie kauften immer Tablette voll mit Essen, das unangetastet blieb. Da war etwas an der Art, wie sie sich bewegten. Ich hatte niemals zuvor wirklich darauf geachtet, aber jetzt wo ich zurückdachte – es war wie mit ihrer Schönheit – zu perfekt um wahr zu sein. Sie waren in ihren Bewegungen so elegant, dass sie Ballerinas dazu brachten sich zu schämen. All ihre Stimmen waren so geschmeidig wie Honig und anziehend, verführend auf eine gewisse Weise.
Ich schüttelte den Kopf; aber was bewies das alles?
Mein Kopf fing an zu schmerzen, als er mit Fragen überschwemmt wurde. Wenn Edward ein Vampir war, war ich bereit das zu akzeptieren? Was sollte ich tun? Ob Jacobs Geschichte jetzt wahr war oder nicht – Edward war etwas Anderes als ein Mensch, er war mehr, das wusste ich ganz sicher.
Ich hatte nur zwei Möglichkeiten. Ich konnte mich von ihm fernhalten, wie ich wusste, es eigentlich tun sollte, ihn wieder ignorieren, dieses Mal aber endgültig. Der bloße Gedanke daran ließ mein Herz sinkenund ich ging schnell zu meiner zweiten Möglichkeit über. Oder ich konnte mit ihm befreundet bleiben und ihn egal was war, akzeptieren.
Er hatte wieder und wieder bewiesen, dass er nicht darauf aus war, mich zu verletzen. Erst letzte Nacht hatte er darauf bestanden, dass ich bis zu seiner Rückkehr auf mich acht gab. Wenn er wirklich eine Bedrohung für mich darstellte, hätte er bis jetzt etwas unternommen. Er war bereit mich trotz meines Zustandes zu akzeptieren und ich beschloss ihn zu akzeptieren, gleichgültig, als was er sich letztendlich erweisen würde. Ich steckte einfach zu tief drin. Ich brauchte ihn zu sehr, um ihm jetzt einfach den Rücken zuzudrehen. Ich hatte schon versucht, ihn aus meinem Leben zu vertreiben und ich war nicht bereit, das noch einmal durchzumachen; nicht solange er mich in seinem haben wollte.
Ich spürte Erleichterung, als ich schließlich zu dieser Entscheidung kam. Gut oder schlecht, ich wusste, was ich tun würde. Ich lächelte, als ich schließlich anhielt, um mir meine Umgebung anzuschauen. Ich war so in Gedanken verloren gewesen, dass ich nicht gemerkt hatte, wie weit ich gegangen war. Ich war tief im Wald. Der Himmel über mir sah dunkel aus, aber ich war mir nicht sicher, welche Tageszeit es war – die Blätterschicht war sehr dick.
Ich schluckte hart, als das Gefühl, das ich während meines Traumes gehabt hatte, wieder an die Oberfläche trat. Die Angst packte mich, als ich mich umdrehte, um nach dem Pfad zu schauen, aber er war verschwunden. Ich musste von ihm abgekommen sein, ohne es zu bemerken.
Mein Atem beschleunigte sich, als ich Panik bekam. Ich versuchte meine Schritte zurückzuverfolgen, aber da war immer noch kein Pfad. Wie lange war ich schon gelaufen? Wie spät war es jetzt? Ich zwang mich schneller zu laufen, während ich panisch nach irgendeinem Zeichen auf einen Weg hier raus suchte.
Meine Beine begannen zu schmerzen, als ich sie weiter und energischer vorantrieb. Ich war ohne meine Schmerzmittel genommen zu haben losgegangen und das fühlte ich jetzt. Ohne Vorwarnung stolperte ich über eine Wurzel und fiel hart auf den Boden. Ich keuchte laut auf, als ich als ich auf den harten, festen Schmutz aufprallte. Tränen schossen mir in die Augen, als der Schmerz durch meinen Körper jagte. Ich krümmte mich zus einem Ball zusammen, schlang die Arme um meine Beine und hoffte, dass die Qual auch nur für ein paar Sekunden nachließ.
„Edward", weinte ich, „Wo bist du? Ich brauche dich jetzt. Ich brauche dich."
Ich lag eine gefühlte Ewigkeit auf dem Waldboden. Ich hatte zu starke Schmerzen, um mich noch einmal zu bewesen. Ich würde darauf warten müssen, dass mich jemand fand. Mein Herz sank und Tränen fielen über mein Gesicht, als mir das klar wurde. Ich konnte tagelang hier liegen, bevor sie herausfanden, wo ich war. In meiner Hektik hatte ich keine Nachricht hinterlassen. Es gab absolut niemanden, der wusste, wo ich war.
Es wurde kälter und dunkler, als die Nacht hereinbrach. Ich fröstelte und krümmte mich noch mehr, um mich vor der Kälte zu schützen. Ich versuchte ruhig und entspannt zu bleiben, aber ich war zu besorgt und die Schmerzen überspülten mich aufs Neue. Ich versuchte meine Beine auszustrecken, schrie aber gequält auf, als ich meine Gelenke benutze. Ich zog sie schnell wieder zurück an meine Brust.
"Oh Edward, bitte finde mich", bettelte ich flüsternd. Ich wusste, dass er als einziger von allen Menschen in der Lage wäre, mich, gleichgültig was war, zu finden. Ich wusste, dass er mit seiner Familie zum Campen weg war, aber er wäre bald zu Hause, nicht wahr? Ich musste optimistisch sein. Sobald er zu Hause war, würde er mich finden. Ich konnte einer Nacht in der Kälte überleben.
Ich flüsterte wieder und wieder: "Bitte finde mich", während mein Körper zitterte, um die Kälte zu bekämpfen. Ich hörte ein Geräusch in der Nähe und riss die Augen weit auf, um in der Dunkelheit nach dem Grund zu suchen. Es war zu dunkel, um irgendwas eindeutig auszumachen. Mein Herz schlug wie verrückt in meiner Brust, während ich erfolglos nach der Quelle forschte.
Ich schrie vor Angst auf, als ich sah, wie sich eine Gestalt mir nährte.
"Bella. Sch, ich bin's, Edward. Sch." Er kam langsam auf mich zu, um mich nicht noch mehr zu verängstigen.
Das silberne Mondlicht tanzte über sein Gesicht und ich entspannte mich augenblicklich. „Edward?", flüsterte ich.
Er nickte, als er sich neben mich kniete, um mich mühelos in die Arme zu nehmen. „Ahh", rief ich gequält, als er mich gegen seine Brust legte.
„Bist du verletzt?", fragte er und hielt sofort in seiner Bewegung inne. Seine Stimme war erstickt vor Sorge.
Ich schüttelte den Kopf und presste mich fester an seinen Körper. Ich griff mit meinen Händen fest in den Stoff seines Shirts; ich wollte ihn nicht loslassen. Tränen liefen mir übers Gesicht, ich schloss die Augen und legte mein Gesicht an seine Brust.
Er richtete sich auf und begann sehr schnell zu laufen. „Ich bringe dich zu Carlisle", sagte er nach einem Moment.
Ich sagte nichts, sondern klammerte mich nur mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, an ihn. Ich öffnete die Augen nur ein einziges Mal und bemerkte, dass wir sehr schnell waren, zu schnell. Die Welt sauste mit beängstigender Geschwindigkeit an uns vorbei. Es machte mich schwindelig; ich schloss die Augen wieder und hielt sie dann auch geschlossen.
Nach einigen Minuten, spürte ich, wie er langsamer wurde – der Wind um uns nahm ab. Ich sah mich um und stellte fest, dass wir an einem sehr großen, weißen Haus angekommen waren. Er rannte die Stufen zur Tür mit Leichtigkeit hoch und schaffte es irgendwie mit mir, die ich immer noch in seinen Armen lag, die Tür zu öffnen. Ich schloss die Augen erneut und spürte, wie er weitere Stufen erklomm.
"Carlisle?", hörte ich ihn nervös rufen.
"Was ist los, Edward?"
„Ich hab sie so im Wald gefunden. Sie muss sich verlaufen haben. Ich weiß nicht, wie lange sie schon dort war, bevor ich sie gefunden habe. Sie scheint Schmerzen zu haben, aber sie sagt, sie sei nicht verletzt."
Er sprach so schnell, dass ich beinahe nicht alles mitbekam.
"Leg sie auf die Couch und ich schau sie mir an", antwortete Carlisle ruhig.
Edward versuchte, mich auf die Couch zu legen, aber ich verspannte mich und hielt klammerte mich fester an ihn. Ich wollte nicht loslassen. Er seufzte and setzte sich mit mir auf seinem Schoß hin.
"Bella?", hörte ich Carlisle fragen.
Ich wandte den Kopf um ihn anzusehen und er lächelte.
"Du bist in Sicherheit. Edward hat dich gefunden." Er konnte die nackte Angst immer noch in meinen Augen sehen und versuchte, mich zu beruhigen.
Ich nickte schwach, lockerte meinen Griff um Edward jedoch nicht.
"Edward sagt, du hast Schmerzen. Kannst du mir erzählen, was passiert ist?"
Ich öffnete den Mund um zu sprechen, aber es kamen keine Wörter heraus. Ich schloss den Mund und versuchte es von Neuem. „Ich... Ich hab mich verlaufen", sagte ich mit leiser, heiserer Stimme.
"Weißt du, wie lange du im Wald warst, bevor Edward dich gefunden hat?"
"Nein. Ich bin früh am Morgen losgegangen."
Ich spürte ein Grollen in Edwards Brust und hätte schwören können, dass ich ihn hatte knurren hören. Ich sah verwirrt zu ihm hoch, sagte aber nichts.
"Ich muss schauen, ob du verletzt bist. Edward sagte, du hättest Schmerzen."
"Ich bin hingefallen, aber damit hat es nichts zu tun. Ich habe vergessen, meine Schmerzmittel zu nehmen. Ich habe... ich bin ein bisschen krank... und mit dem ganzen Gerenne … und dann bin ich hingefallen."
Er lächelte warm. "Damit kann ich dir helfen. Könntest du Edward loslassen, damit ich dich schnell untersuchen kann, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist."
Ich überlegte kurz; ich wollte nicht loslassen, aber schließlich nickte ich. Ich ließ sein Hemd los und versuchte, von seinem Schoß zu rutschen, aber als ich versuchte, meine Beine zu benutzen, schrie ich vor Schmerz auf.
Edward zog mich augenblicklich zurück an seine Brust und ich sah, wie Carlisle die Lippen kräuselte. Sie wechselten einen Blick, der mich Glauben machte, sie unterhielten sich privat. Carlisle griff nach seiner Medizintasche neben der Couch und zog eine kleine, durchsichtige Flasche mit einer Spritze hervor.
Ich wimmerte und versteckte mein Gesicht an Edwards Brust. Ich hasste Spritzen. Nach dieser langen Zeit sollte man eigentlich denken, dass ich an sie gewohnt war, aber allein ihr Anblick verängstigte mich.
"Sch, Bella, entspann dich. In ein paar Minuten geht es dir besser, das verspreche ich", hörte ich Edward flüstern. Seine Lippen waren nur Zentimeter von meinem Ohr entfernt. Sein kühler Atem kribbelte im Nacken und sandte Schauer meinen Rücken hinab.
Ich streckte meinen Arm Carlisle entgegen und bevor ich es überhaupt bemerkte, war er fertig. Innerhalb von Minuten, spürte ich, wie die Schmerzmittel wirken und mein Körper begann sich zu entspannen.
"Dankeschön", murmelte ich.
Ich war sehr müde und spürte, wie meine Augenlider mit jeder Sekunde schwerer wurden. Die Schmerzmittel verstärkten meine Müdigkeit nur noch.
"Schlaf jetzt, Bella. Du bist jetzt sicher", hörte ich Edward flüstern, als er mich wieder in die Arme hob. Ich wusste nicht, wo er mich hinbrachte und es interessierte mich auch nicht. Ich konnte die Sicherheit, die ich spürte, wenn ich ihm so nahe war, nicht abstreiten; genauso wenig wie die Erleichterung, dass er wieder bei mir war.
