Chapter 26
Ich zuckte leicht zusammen, als die Nadel in meine Hand eindrang. Ich versuchte mich zu entspannen, schloss die Augen und legte mich auf das Bett. Die Krankenschwester war freundlich genug gewesen, um mir einen Eisbeutel zu holen, um den Bereich, in dem die Spritze in meiner Haut steckte, zu betäuben. Sobald sie aus dem Zimmer gegangen war, zog ich begierig darauf zu erfahren, was für Musik Edward für mich ausgewählt hatte, meinen iPod hervor. Er hatte sicherlich genügend Auswahl in seinem Zimmer.
Ich drückte auf „play" und wartete darauf, dass das erste Lied anfing. Als die Musik meine Ohren erfüllte, wurde ich augenblicklich davongetragen. Sie war anders, als alles, was ich bisher gehört hatte. So komplex, voll und vor allem wunderschön. Ich spürte, wie mein Mund langsam aufklappte, je länger ich zuhörte. Wo hatte er diese Musik gefunden? Wer war der Komponist? Ich war völlig versunken. Das nächste Stück begann bald darauf und war außergewöhnlich. Es war sanfter, süßer als das erste. Es ließ mir Tränen in die Augen schießen. Etwas an ihm kam mir beinahe vertraut vor, aber ich konnte es nicht einordnen.
Meine Augen flogen auf, als mir einfiel, woher ich das Stück kannte, das gerade lief. Es war das gleiche Schlaflied, das er mir nachts vorsummte, um mir beim Einschlafen zu helfen. Augenblicklich drückte ich die Wiederholungstaste, um das Stück noch einmal von Anfang an zu hören. Jede einzelne Kadenz war identisch. Es konnte nicht… ich meine… war das… war er der Pianist auf meinem iPod? War er der Komponist dieser unglaublichen Musik? Er hatte gesagt, dass er Klavier spielte und dass Musik eindeutig ein großer Teil seines Lebens war, aber konnte er wirklich hinter diesen außergewöhnlichen Kompositionen stehen?
Ich beschloss, Edward so bald als möglich zu fragen. Er wartete draußen auf mich. Ich hatte darauf bestanden, alleine meine Behandlungen hinter mich zu bringen. Er hatte protestiert, aber nachgegeben, als ich erklärte warum. Es war leichter, wenn ich die Welt um mich herum ausschließen konnte, und mich auf mich selbst konzentrieren. Dabei brauchte ich keine Ablenkung. Edward stellte eine Ablenkung dar, deshalb war er aus meinem Zimmer verbannt worden.
Die Sonate war zu beruhigend, als dass ich nicht darauf hätte reagieren können und so entspannte ich mich mehr, als ich für möglich gehalten hatten, während die sanfte Melodie durch mich hindurch floss. Es war eine Überraschung und ich war dankbar dafür.
Mir war schon übel, als die Krankenschwester zurückkam, um mich von der Infusion loszumachen und mich nach Hause zu schicken. Langsam ging ich aus meinem Zimmer zu dem, in dem Edward wartete. Ich schluckte gegen den Drang zu spucken. Sobald Edward mich sah, kam er an meine Seite und half mir nach draußen zum Auto.
„Bitte fahr langsam. Ich mach mir Sorgen darüber, was passiert, wenn du zu schnell fährst", flüsterte ich mit fest geschlossenen Augen.
„Ok", sagte er schlicht.
Ich atmete ein paar Mal tief durch, während er aus der Parklücke fuhr, und lehnte mich nach vorne, um mein Gesicht in die Hände zu legen. Langsam wiegte ich mich vor und zurück und grub die Finger in mein Haar. Ich musste es nur bis nach Hause schaffen. Ich konnte das. Vielleicht hätte ich Edward doch bitten sollen, schnell zu fahren. Es war nicht so, dass ich aus dem Fenster schaute oder so was.
Sobald das Auto anhielt, rannte ich ins Haus. Ich kümmerte mich nicht einmal mehr darum, die Tür hinter mir zu schließen, bevor ich die Treppen ins Badezimmer hoch rannte. Ich hatte es gerade noch rechtzeitig nach Hause geschafft. Ich saß mit dem Kopf immer noch über der Toilette gebeugt, als ich nach oben griff und spülte. Ich stöhnte leise. Leicht betäubt spürte ich eine neue Welle von Übelkeit über mich rollen. Das würde kein lustiger Tag werde.
Ich kroch über den Boden und lehnte mich gegen die Dusche. Ich hatte aus vergangenen Erfahrungen gelernt, dass es in diesem Zustand sinnlos war, das Badezimmer zu verlassen.
„Geht es dir gut?", hörte ich Edward von der Tür her fragen.
Ich sah zu ihm hoch und bemerkte, wie beunruhigt er aussah. Ich hatte nicht mal mehr gewusst, dass er hier war. „Jaaa. Ich geht es..." Ich schlug die Hand so schnell ich konnte vor mein Gesicht und wandte mich wieder der Toilette zu. „Gut", beendete ich lahm, als ich fertig war.
„Oh, Bella." Edward lehnte sich nach unten, nahm mich in seine kalten Arme und drückte mich gegen seine kalte Brust. So saß er mit mir für die nächsten paar Stunden, hielt meine Haare zurück, wenn es nötig war und legte seine kalten Hände in meinen Nacken. Normalerweise wäre es mir peinlich gewesen, wenn er mich so gesehen hätte, wenn irgendjemand mich so gesehen hätte – aber mir ging zu schlecht, als dass es mich gerade noch interessiert hätte.
Mir wurde kalt, und ich versuchte aufzustehen, aber ich spürte, wie seine Arme sich um mich herum anspannten und mich an Ort und Stelle hielten.
„Was brauchst du?", fragte er sanft.
„Ich will ins Bett. Mir ist kalt."
Ohne ein weiteres Wort stand er mit mir im Arm auf und trug mich in mein Zimmer. Behutsam legte er mich in mein Bett und steckte die Decken um mich herum fest.
„Brauchst du noch mehr Decken?"
„Bitte", antwortete ich, während ich mir zusammenkrümmte. Bevor ich ihm erklären konnte, wo er suchen sollte, war er verschwunden. Er kam mit drei Decken im Arm zurück und warf sie über mich. Er legte sich nicht zu mir, stützte sich aber an meinem Bett ab und streichelte sanft mein Haar.
Ich muss abscheulich ausgesehen haben, aber er sagte nichts. Seine Augen wanderten über mein Gesicht und in ihnen lag nichts als Liebe und Bewunderung.
Mir wurde langsam warm und ich begann mich unter den Decken zu entspannen. „Danke für die Musik. Sie war unglaublich."
Er lächelte schräg und obwohl mir schrecklich übel war, spürte ich, wie mein Herzschlag sich bei diesem Anblick leicht beschleunigte.
Er grinste. Offensichtlich hörte er die Veränderung. "Es freut mich, dass sie dir gefallen hat."
„Ich habe eines der Stücke wiedererkannt. Das eine, das du mir so oft vorsummst."
„Ja." Er lächelte, während er mit seinem Handrücken unaufhörlich ganz sanft über meine Wange fuhr. „Es ist eines meiner Lieblingsstücke."
„Wo hast du es her?"
Er lächelte. „Ich habe es nirgendwo her."
Meine Augen weiteten sich. "Also war das deine Musik und du hast gespielt?"
Er lachte und nickte einmal mit den Kopf. Dann lehnte er sich nach vorne und küsste kurz meine Nasenspitze. „Ich habe dieses Schlaflied mit dir vor Augen geschrieben", flüsterte er.
Meine Augen füllten sich mit Tränen. „Es war wunderschön", antwortete ich leise.
„Du bist wunderschön." In seine Augen, tiefe Kreise von flüssigem Gold, lag so viel Liebe, dass mir der Atem stockte.
Einen Augenblick war es still, während ich alles verarbeitete. Ich konnte nicht glauben, dass er mir tatsächlich ein Stück geschrieben hatte. „Dankeschön", schaffte ich schließlich zu flüstern.
Er lächelte mich zur Antwort an und begann erneut mein Haar zu streicheln. „Warum versuchst du nicht zu schlafen?"
„Kann nicht." Mir war immer noch ein bisschen mulmig, auch wenn ich nicht mehr den Drang verspürte, neben der Toilette zu sitzen.
„Willst du, dass ich dir etwas vorlese?", schlug er vor.
Ich lächelte. Er war so süß, aber ich fühlte mich schlecht dafür, dass er alles für mich tat. „Du musst nicht. Du hast genug getan."
„Ich habe nichts getan", verkündete er ernst. „Welches Buch würde dir gefallen?"
Ich seufzte; offensichtlich hatte er nicht vor auf mich zu hören. Ich dachte einen Augenblick lang darüber nach, welches Buch mir gefallen könnte. Ich liebte Jane Austen. Ich konnte mich nicht zwischen Mansfield Park und Stolz und Vorurteil entscheiden. Es waren beide Lieblingsbücher von mir.
„Du entscheidest", sagte ich schließlich. „Dort", sagte ich und nickte mit meinem Kinn in Richtung Schreibtisch, „liegt eine Sammlung von Büchern von Janes Austen. Ich liebe sie alle."
Er stand auf, nahm das Buch vom Tisch und setzte sich dann wieder in seiner ursprünglichen Haltung auf den Boden. Er betrachtete das Buch eine Sekunde lang, bevor er die Seiten überflog. „Also Stolz und Vorurteil", verkündete er, bevor er anfing zu lesen.
Ich verlor mich in dem Tonfall Edwards samtener Stimme, während er den Worten auf der Seite neues Leben einhauchte. Ich hing an an seinen Lippen und vergas darüber beinahe, wo ich war. Ich schloss die Augen und lehnte mich auf mein Kissen zurück und schlief langsam ein, während Edward eine Welt beschrieb, die soviel einfacher war als meine eigene.
„Wie geht es ihr?", hörte ich jemanden fragen.
Ich war gerade dabei aufzuwachen und hörte das Gespräch. Ich öffnete die Augen und sah in die Richtung aus der die Stimmen kamen. Im Türrahmen standen Edward und mein Vater.
„Sie schläft jetzt schon seit ein paar Stunden. Die erste Zeit, als sie nach Hause gekommen ist, war anstrengend, aber scheinbar wird es besser. Seine Stimme klang wachsam.
„Hey, Dad", antwortete ich müde und streckte meine Arme unter der Bettdecke hervor.
Er lächelte und kam an meine Seite. „Hey, Bells. Wie geht's, Kind?"
„Es geht. Warum bist du schon so früh zu Hause?", fragte ich. Draußen war es noch hell und Charlie kam normalerweise erst nach Hause, wenn es schon dunkel war.
Er lächelte schuldbewusst. „Ich wollte sicher sein, dass es dir gut geht und du alles hast, was du brauchst."
„Dad, mir geht es gut. Du hättest nicht früher nach Hause kommen müssen. Edward ist ja bei mir. Du hättest einfach nur anrufen sollen", sagte ich während ich zu Edward sah, der immer noch im Türrahmen stand und mich angrinste.
Er nickte. „Hast du schon gegessen? Kann ich dir vielleicht etwas Wasser bringen?"
Mich stieß schon der bloße Gedanke an Essen ab, aber ich beschloss, dass Trinken eine gute Idee war. „Haben wir Gatorade?"
Charlie dachte einen Augenblick lang nach, dann schaute er düster. „Ich glaube nicht..."
"Ich hole welche. Gibt es sonst noch was, was du mögen könntest?", unterbrach Edward Charlie.
„Du musst nicht. Ich kann Wasser trinken", erwiderte ich.
„Sei nicht dumm. Welche Sorte willst du?"
Ich zuckte mit den Schultern. Ich hasste das Zeug wirklich, aber immer wenn ich krank war, schien mein Körper sich danach zu sehnen. „Das hellblaue, wenn sie es haben. Dankeschön."
„Ich komm so schnell ich kann wieder. Wenn dir noch was einfällt, habe ich mein Handy dabei. Kann ich Ihnen etwas mitbringen, Chief Swan?", fragte er höflich.
„Nein – nein, Edward. Danke. Nenn mich Charlie. Ich bringe dich noch nach draußen."
Ich hatte ein schlechtes Gefühl dabei, dass die beiden alleine waren und sah meinen Vater vorwurfsvoll an.
Er lachte und fuhr mir durchs Haar. „Mach dir keine Sorgen. Ich bring ihn dir an einem Stück zurück. Ich will ihn nur ein paar Sachen fragen."
Ich runzelte die Stirn, während ich beobachtete, wie die beiden mein Zimmer zusammen verließen, aber ich war zu müde, um zu protestieren. Ich legte meinen Kopf zurück und kuschelte mich unter die Decken. Dann hatte ich einen Idee. Ich suchte mein Zimmer rasch mit den Augen ab und entdeckte, wonach ich gesucht hatte, auf meinem Schreibtisch. Langsam stand ich immer noch etwas gekrümmt auf, weil mein Magen immer noch schmerzte, und holte meinen iPod. Zufrieden kuschelte ich mich wieder in mein Bett, machte ihn an und lauschte ein weiteres Mal Edwards süßer Melodie.
„Hey."
Meine Augen flogen auf und ich zuckte zusammen. Edward kniete neben meinem Bett. Er hatte einen der Ohrstöpsel herausgezogen und ich spürte noch immer seine Lippen an meinem Ohr, als er leise lachte.
„Ich habe dir deinen Saft mitgebracht." Er hielt eine Hand hoch, damit ich die Flasche sehen konnte.
Es dauerte einen Moment, bis ich mich beruhigt hatte. Ich hatte halb geschlafen, als er gekommen war und war völlig in seiner Musik versunken gewesen, sodass ich es nicht bemerkt hatte, als er hereingekommen war.
Ich atmete ein paar Mal tief durch, um mich zu beruhigen, und nahm die Flasche von ihm entgegen. „Dankeschön."
Ängstlich darum bedacht, meinen Magen nicht zu reizen, nahm ich ein paar kleine Schlucke und lächelte. „Also, worüber haben du und Charlie gesprochen?" Ich versuchte locker zu klingen, aber sogar ich selbst hörte die brennende Neugierde in meiner Stimme.
Er grinste. „Nichts zu Schreckliches. Er ist nur ein besorgter Vater."
Ich zog die Augenbrauen zusammen. „Was hat er gesagt?", wollte ich wissen und unterdrückte ein Gähnen.
Er lächelte, griff nacheine Strähne meine Haare und steckte sie mir hinters Ohr. „Er wollte nur wissen, was meine Absichten mit dir sind." Er zuckte mit den Schultern, als sei das keine große Sache.
Ich lief leicht rötlich an. „Was hast du ihm gesagt?"
Er feixte. „Ich habe ihm gesagt, dass du etwas Besonderes für mich bist." Er lehnte sich nach unten und küsste meine Stirn. „Und dass ich dich sehr liebe." Seine Lippen wanderten meine Wange hinunter zu meinen Lippen. „Dass ich länger hierbleiben und nirgendwohin gehen würde." Seine Lippen waren in diesem Moment nur noch Zentimeter von meinen entfernt. Ich konnte tatsächlich seinen kalten Atem schmecken und mein Mund wurde feucht.
„Hm", brachte ich heraus, bevor seine Lippen auf meinen lagen und er mich sehr süß küsste.
„Das hat ihn sicher glücklich gemacht", konnte ich gerade noch sagen, während ich nach Luft schnappte.
Er zuckte mit den Schultern, als ob es ihn nicht interessieren würde, ob er meinen Vater glücklich machte. „Es ist die Wahrheit."
Ich starrte in seinen Augen und sah nichts außer Liebe darin. Meine Kehle verengte sich. „Ich liebe dich so sehr", würgte ich hervor.
Er legte den Kopf schräg und küsste mich rasch auf die Lippen. „Ich weiß." Lächelnd fuhr er mit der Hand durch mein Haar.
„Schlaf, du siehst erschöpft aus!", befahl er.
Ich legte mich zurück aufs Bett, müde genug um zu schlafen, obwohl ich bereits den Großteil des Tages schlafend verbracht hatte. Ich schloss die Augen und hörte den vertrauten Klang von Edward, der etwas summte, von dem ich nun wusste, dass es mein Schlaflied war.
