Chapter 29
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, fühlten sich meine Augen unglaublich trocken an und mein Kopf schmerzte. Ich wollte nicht aufstehen. Ich wollte so tun, als hätte der gestrige Tag niemals stattgefunden. Frische Tränen füllten meine Augen, während ich die Ereignisse des letzten Tages im Kopf Revue passieren ließ. Der Arzt hatte mir schlechte Neuigkeiten verkündet, Edwards Reaktion, meine harschen Worte...
Ich schüttelte den Kopf wütend hin und her, um die Bilder zu vertreiben und warf meine Decken von mir ab. Ich setzte mich rasch aufrecht hin und keuchte. Da, in meinem Schaukelstuhl, saß Edward. Ich blinzelte rasch meine Tränen weg, während wir einander anstarrten, ohne etwas zu sagen. Ich hatte keine Ahnung, seit wann er in meinem Zimmer war. Vielleicht war ich letzte Nacht nicht alleine gewesen.
Ich hatte gedacht, ich würde wütend sein, aber das war ich nicht – ich konnte nicht. Ich war verletzt, fühlte mich verraten, schuldig und alleine gelassen – aber ich konnte mich nicht dazu bringen, wütend auf ihn zu sein. In seine Augen zu schauen war beinahe, wie in einen Spiegel zu blicken. Obwohl er sein Gesicht ausdruckslos und ruhig hielt, verrieten seine Augen ihn. Ich sah Schmerzen und Schuld darin.
„Wie lange bist du schon hier?", fragte ich schließlich, unfähig dieses Schweigen auch nur eine Minute länger zu ertragen.
Bis zu diesem Augenblick war er wie eine unbewegliche Statue gewesen. Bei meinen Worten schien er sich kaum merklich zu entspannen. Er holte tief Luft und ließ sie langsam wieder aus. „Den Großteil der Nacht."
„Warum?"
Ich sah, wie für einen Sekundenbruchteil ein ganz bestimmtes Gefühl über sein Gesicht huschte. Ich dachte, es könnte Schmerz sein, aber ich war mir nicht sicher, weil es zu schnell verschwunden war, um es sagen zu können. „Ich kann gehen, wenn du willst."
Er machte Anstalten vom Schaukelstuhl aufzustehen, aber mein Herz schmerzte allein bei dem Gedanken, dass er gehen könnte. „Nein, das meinte ich nicht."
Scheinbar erleichtert setzte er sich wieder hin. „Es ist nur... du bist gestern den ganzen Tag weggewesen. Ich dachte nicht… ich meine… du warst so… und dann habe ich gesagt…" Ich brach ab und sah auf meine Hände, während ich herumzappelte.
Wie der Blitz war er neben mir und nahm seine Hände in seine. „Du hast nicht mehr gesagt, als ich verdient habe."
Ich sah ihn mit verschleiertem Blick an und wartete auf seine Erklärung. Er lächelte traurig und hob die Hand, um die Tränen aus meinen Augen zu streichen.
„Oh meine süße, süße Bella. Was gestern passiert ist, tut mir so leid. Was ich getan habe, war unverzeihlich. Ich war überzeugt, dass diese Behandlungen die Antwort wären. Mit ein bisschen mehr Zeit hätten sie gewirkt, das wusste ich einfach. Ich konnte dich nicht so verlieren und war wütend, als du dich geweigert hast, weiter zu machen. Ich dachte, du würdest aufgeben, die Niederlage eingestehen, sterben wollen. Ich war so völlig überzeugt, dass ich die Wahrheit vor meiner Nase nicht sehen konnte. Nicht das das eine Entschuldigung für das wäre, durch das ich dich getrieben habe."
„Edward, es ist...", begann ich, aber er unterbrach mich.
„Du hast gestern nicht mehr als die Wahrheit zu mir gesagt. Du hattest Recht, diese Behandlungen dienten einem Zweck und wirklich nur einem Zweck – um mir zu geben, was ich wollte – Hoffnung." Seine Stimme klang angeekelt. „Ich weigerte mich zu akzeptieren, dass dein Leben zu Ende ist. Du bist so jung, schön und perfekt auf jede erdenkliche Weise. Du verdienst soviel – und sicherlich etwas Besseres, als ich dir geben kann."
Er zögerte, bevor er fortfuhr. „Ich würde dir keinen Vorwurf machen, wenn du mich nie wieder sehen wolltest." Seine Stimme brach, als er seinen letzten Satz mit leiser, rauer Stimme sprach.
„Edward", sagte ich sanft. Er sah mit soviel Traurigkeit in den Augen zu mir auf, dass es mir das Herz brach. „Ich liebe dich. Ich will niemals ohne dich sein."
Er lächelte schwach bei meinem Worten, aber seine Augen blieben gequält. „Es tut mir Leid, was ich letzte Nacht gesagt habe." Er öffnete den Mund, um mich zu unterbrechen, aber ich legte meine Hand darauf, um ihn davon abzuhalten. „Ich weiß, du denkst, du hättest es verdient, aber ich war harscher, als ich hätte sein sollen. Ich war so wütend und verletzt, aber das ist keine Entschuldigung. Als du nicht da warst, dachte ich... nun ja, ich war mir nicht sicher, ob du jemals wiederkommen würdest."
Er nahm meine Hand von seinem Mund und legte sie sich auf die Wange. "Ich werde immer bei dir sein – es sei denn du wünschst, ich würde gehen – dann würde ich es tun", versprach er ernst.
Ich streichelte seine Wange mit meinem Daumen. „Und wo lässt uns das?", überlegte ich laut.
„Das hängt von dir ab."
„Von mir?", fragte ich verwirrt.
„Du willst nicht mit den Behandlungen fortfahren, richtig?"
Mein Gesicht sackte ab. Hoffte er nach allem immer noch, dass ich weitermachen würde. „Edward, ich kann nicht", erwiderte ich verzweifelt.
„Das verlange ich auch nicht von dir."
Mein Kopf drehte sich. Was er sagte, machte keinen Sinn. „Was willst du dann?"
„Zeit."
Ich hob die Augenbrauen an. „Ich verstehe nicht."
Er griff nach oben und grub seine Hand in mein Haar. „Wir hatten eine Vereinbarung und ich habe dir ein Versprechen gegeben." Er zögerte und seufzte. „Du hast deinen Teil der Vereinbarung eingehalten, also werde ich meinen auch einhalten." Ich wusste, dass es ihm schwer fiel, den letzten Teil zu sagen, aber ich konnte das Lächeln, das sich über mein Gesicht zog, nicht zurückhalten. „Ich bitte einfach nur um Zeit. Ich will, dass du es genießen kannst, Mensch zu sein und jede menschliche Erfahrung machst, die du machen kannst, bevor ich dich verwandle."
„Ich habe nicht viel Zeit", konterte ich.
Er seufzte leise und tief. „Ich weiß", flüsterte er, unfähig, den Schmerz in seiner Stimme zu verbergen. „Aber ich will, dass du die Zeit, die dir bleibt, genießt. Bitte, Bella? Ich verspreche, dich zu verwandeln, aber sei geduldig. Genieße es, menschlich zu sein, nur noch ein bisschen länger. Du bekommst keine Chance mehr, ein Mensch zu sein."
Ich atmete tief durch und dachte über seine Bitte nach. Ich dachte, dass es ohnehin gleichgültig war, solange er mich verwandelte. Es wäre nett, noch ein bisschen Zeit zu haben, um auf Wiedersehen zu sagen, bevor ich meine Familie für immer verließ. „Ok", stimmte ich sanft zu.
Er lächelte schräg und zum ersten Mal an diesem Morgen erreichte dieses Lächeln auch seine Augen. Er lehnte sich nach vorne und küsste mich lang und hart. In diesem Kuss lag soviel Leidenschaft, dass ich mich nach mehr sehnte. Meine Lippen harmonierten so perfekt mit seinen. Ich schlang meinen Arm fest um seinen Nacken, als er mich fester an seinen Körper zog.
Wir ließen schließlich voneinander ab, als ich nach Luft schnappte. Er lachte und legte meinen Kopf an seine Brust. „Ich liebe dich, Isabella Swan."
„Ich weiß", keuchte ich während ich nach Luft schnappte. Ich fühlte, wie er vor Lachen bebte.
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„Alice, was soll das?", jammerte ich zum hundertsten Mal.
„Nichts, Bella." Ihre Augen waren etwas zu unschuldig für meinen Geschmack.
Ich funkelte sie an, während sie mich in den Salon zog. „Ich verhätschele nur eine gute Freundin. Ist das ein Verbrechen?" Sie kicherte.
Seufzend verdrehte ich die Augen. Seit über einem Monat war ich nun schon extrem beschäftigt. Ich hatte mit der Schule Vereinbarungen getroffen, damit ich früher den Abschluss machen konnte. Was sich, als ich angefangen hatte, noch gut angehört hatte, aber inzwischen begann ich meine Entscheidung zu bereuen. Jeden freien Moment, den ich hatte, war dem Lernen gewidmet. Ich nahm das doppelte an Unterricht und es war dabei mich umzubringen. Ich hatte keine Zeit mehr für anderes. Glück für mich, dass Edward mir Privatunterricht erteilte.
Heute hatte Alice mich überrascht, als sie mich aufgeweckt hatte, indem sie aufgeregt in meinem Bett herumgehüpft war. Sie hatte beschlossen, dass ich einen Tag frei bräuchte, nur wir Mädchen. Ich hätte zu hart gearbeitet und müsste mir eine wohlverdiente Pause nehmen.
Ich versuchte sie davon abzubringen, aber ich musste feststellen, dass es praktisch unmöglich war, Alice irgendwas abzuschlagen. Edward war keine große Hilfe. Er hatte mich beinahe aus der Tür hinausgeschoben. Also so saß ich jetzt hier in einem dieser Drehsessel und bekam eine Pediküre und Maniküre.
„Kannst du mir nicht wenigstens vorlesen, während ich hier sitze?", fragte ich. Ich hatte darauf bestanden, einige meiner Bücher mitzunehmen, um auf der Fahrt nach und von Port Angeles zu lernen.
„Bella", quengelte Alice, „Du wirst nicht durchfallen, nur weil du dir einen Tag frei nimmst zum Entspannen und Spass haben. Keine Bücher", beharrte sie, während sie sich auf den Sessel neben mir setzte, um ebenfalls ihre Nägel gemacht zu bekommen.
Ich seufzte resigniert. Man konnte nicht mir ihr diskutieren, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.
„Welche Farbe hätten Sie gerne?", fragte die Maniküristin.
„Öh..." Ich begann mir den großen Korb voller Nagellack anzuschauen, den sie vor mich gestellt hatte, und versuchte, mich für eine halbwegs unauffällige Farbe zu entscheiden.
„Sie nimmt den da", rief Alice, streckte die Hand aus und legte einen sehr dunkel schimmernden, roten Nagellack in die Hand der Nagelpflegerin.
„Warte, nein."
„Vertrau mir, Bella. Das wird unglaublich aussehen", sie lächelte.
Die Frau sah mich mit erwartungsvoll hochgezogenen Augenbrauen an. „Ja, ok", stimmte ich ein bisschen widerwillig zu. Ich drehte mich um und sah Alice strahlen. Ich verdrehte die Augen.
Sobald unsere Nägel fertig waren, bestand Alice darauf, dass wir unsere Haare machen ließen. Tatsächlich bemerkte ich, wie ich mich entspannte, während mein Haar einschampooniert und mein Kopf massiert wurde. Ich war mir nicht sicher, was für Anordnungen die Stylistin bekommen hatten, aber bald war mein Haar auf eleganteste Weise gelockt, toupiert und festgesteckt.
Ich lehnte mich näher an den Spiegel, um ihre Arbeit zu bewundern. Mein Haar war an den Seiten aus dem Gesicht gezogen worden und streng nach hinten gesteckt, während das Haar auf der Kopfoberseite leicht toupiert war, um meinem Haar mehr Volumen zu geben, wenn es kaskadenartig nach unten floss. Das überraschendste waren die Clips, die die Seiten zurückhielten. Sie waren, aus Mangel an besseren Worten, außergewöhnlich. Sie waren von hunderten von Kristallen umrandet, die glitzerten und funkelten, wenn das Licht von ihnen reflektiert wurde.
„Es wird „Feminine Faux Hawk" genannt", kommentierte die Stylistin, während sie mich beim Bewundern ihrer Arbeit im Spiegel beobachtete.
„Wo haben Sie diese Clips her?", fragte ich, während ich vorsichtig einen in meinem Haar berührte.
„Deine Freundin", antwortete sie schlicht.
Ich drehte mich um und stellte fest, dass Alice mich anstrahlte. Sie sah unglaublich aus. Ihr Haar war geglättet und elegant um ihr Gesicht gelegt worden.
„Wo hast du diese Haarclips her?", fragte ich.
Sie zuckte mit den Schultern und ging zur Kasse um zu zahlen. „Ich hatte sie so daheim rumliegen."
„Sie sind wunderschön. Dankeschön."
Sie lächelte, zahlte, und wir verließen das Geschäft. Ich war erleichtert, als sie nicht darauf bestand, Shoppen zu gehen und mich stattdessen zum Auto zurückführte.
„Gehen wir nach Hause?", fragte ich hoffnungsvoll. Es war schon nach vier und ich wollte noch etwas lernen, während es draußen noch hell war.
Sie grinste wissend. "Ja, aber nicht um zu lernen. Es gibt immer noch viel zu tun."
Ich beäugte sie scharf, während wir die Stadt verließen. Da war definitiv was am Laufen. „Alice Cullen, erzähl mir, was hier gerade los ist", verlangte ich mit meiner, wie ich dachte, strengsten Stimme und verschränkte die Arme vor der Brust.
Sie grinste und schüttelte den Kopf.
Ich schnaubte verärgert.
Sie seufzte. "Entspann dich einfach, Bella. Ich verspreche, niemand wird dich verletzen. Hab ein einziges Mal einfach Spass."
Ich wandte den Kopf, um aus dem Seitenfenster zu schauen. „Du hast leicht reden", murmelte ich, „du bist nicht diejenige die gegen ihren Willen zu Sachen gezwungen wird."
Ich hörte ihr hohes, engelhaftes Lachen neben mir, während wir die Straße zu schnell hinunterflitzten. Ich nahm eines meiner Schulbücher und begann zu lesen, um mir die Zeit zu vertreiben.
Bald darauf kamen wir an dem großen, weißen Haus an und ich spürte, wie sich meine Laune besserte bei der Vorstellung, Edward zu sehen. Ich hatte ihn seit Stunden nicht mehr gesehen, etwas, an das ich nicht gewohnt war. Er wich mir beinahe nie von der Seite in den letzten Tagen; nicht, dass ich etwas, dagegen gehabt hätte.
Ich sah erwartungsvoll auf das Haus, während ich ausstieg.
„Er ist nicht da", sagte Alice, als sie die Haustür öffnete. Ich spürte, wie meine Mundwinkel bei ihren Worten nach unten zogen.
„Wo ist er?", wollte ich wissen.
„Weg. Er kommt bald wieder."
Alice zwang mich die Treppen hoch in ihr Zimmer, das sie in eine Art Minisalon verwandelt hatte. Ich betrachtete das ganze Make-up und zuckte sichtlich zusammen. Ich mochte es nicht, viel Make-up zu tragen, fühlte mich immer schwer und irgendwie, als würde ich vorgeben etwas zu sein, das ich nicht war. Ich war eine schlichte Person.
"Hinsetzen!", befahl sie und tänzelte in ihren Schrank.
Ich überlegte mir, ob ich mich weigern sollte, kam aber zu dem Ergebnis, dass sie mich hochheben und in den Stuhl zwingen würde, also tat ich, wie mir geheißen.
Sie begann sich damit zu beschäftigen, auf jedes Auge eine schmale Linie Eyeliner zu zeichnen und ging dann weiter zu meinen Wimpern. Sie trat einen Schritt zurück und hob gedankenversunken eine Hand zu ihren Lippen, bevor sie einen dunklen Lipgloss in die Hand nahm und ihn auf meine vollen Lippen strich.
"So. Nicht zuviel, aber gerade genug", schloss sie glücklich. "Jetzt zieh dich an."
"Anziehen?"
„Du kannst das da nicht tragen", sagte sie und zeigte angeekelt auf mein gewöhnliches Outfit bestehend aus Jeans und einem T-shirt.
„Warum? Wo gehe ich hin?", fragte ich locker in dem Versuch sie zu überrumpeln.
Sie grinste. „Netter Versuch. Und jetzt komm."
Sie führte mich ins Badezimmer und schloss die Tür hinter mir. „Zieh das an, was hinter der Tür hängt. Ruf, wenn du Hilfe brauchst", fügte sie hinzu, während sie aufgeregt aus dem Raum tänzelte, um mir ein bisschen Privatsphäre zu gönnen.
Ich fand einen schwarzen Kleiderbeutel, der an einem Haken hing. Zögernd streckte ich die Hand auf und öffnete die Tasche. Ich keuchte auf, als ich bemerkte, was darin war. Das Kleid, das ich so bewundert hatte, als ich vor Wochen mit Alice shoppen gewesen war, lag in all seiner Schönheit vor mir. Ich streckte die Hand aus und fühlte erneut, wie seidig der Stoff war. Ich war erschrocken, als ich mich daran erinnerte, dass es ein Vermögen gekostet hatte. Auf keinen Fall konnte ich so ein Geschenk annehmen.
"Alice, ich kann nicht. Das ist…"
„Versuch nicht mal mehr, dich davor zu drücken. Zieh das Kleid an, oder ich rufe Jasper rein, um mir zu helfen, dich festzuhalten, damit ich dich reinzwingen kann", befahl sie.
In ihrem Ton lag etwas, das jeglichen Widerspruch verbot und ich lief rot an, also ich das Kleid vom Haken nahm. Ich würde auf keinen Fall erlauben, dass Jasper mich in weniger sah, als Edward es getan hatte.
Ich war überrascht, wie gut das Kleid passte. Abgesehen davon, dass es ein bisschen zu lang war, umschmeichelte es jede Kurve perfekt, sogar die, von denen ich nie gewusst hatte, dass ich sie besaß.
Schüchtern öffnete ich die Tür zu ihrem Zimmer.
„Ich wusste, es würde perfekt passen."
„Es ist ein bisschen lang." Ich hob das Kleid hoch, während ich in die Mitte des Zimmers lief. Das Letzte, was ich wollte, war über dieses Kleid zu stolpern.
"Nicht mit denen hier." Alice hob strahlend ein paar silberne Stilettos in die Höhe.
„Auf keinen Fall", sagte ich und wich zurück. „Ich werde mich umbringen, wenn ich die da anziehe."
„Sei nicht so dramatisch. Sie sind perfekt", sagte sie, während sie auf mich zukam. Ich dachte daran, wegzulaufen, wusste aber, dass ich nicht weit kommen würde.
Besiegt seufzte ich, als ich vor ihr stand, nun ein paar Zentimeter größer. Sie lächelte breit, ganz offensichtlich zufrieden damit, was auch mir geworden war.
Ohne ein weiteres Wort nahm sie mich in die Arme und flog die Treppen mit mir hinunter. Ich setzte zum Protest an, aber bevor ich etwas herausbekommen hatte, setzte sie mich vor der Wohnzimmercouch ab. Sie befestigte mein Haar an ein paar Stellen und nickte zufrieden.
„Wenn es klingelt, mach auf", kommandierte sie mit einem Grinsen, während sie zurück in ihr Zimmer sauste.
„Alice", wimmerte ich, „was ist los?" Nervös brach ich ab. Zum ersten Mal heute, war ich alleine.
Ich zuckte zusammen, als ich die Klingel hörte und ging langsam zur Tür, sorgfältig darauf bedacht in meinen neuen Schuhen nicht zu stolpern.
Meine Augen weiteten sich, als ich sah, wer da vor mir stand. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie etwas so Wunderschönes gesehen. Ich hatte das Gefühl zu träumen. Einige Male blinzelte ich, um aufzuwachen, während ich versuchte, alles in mich aufzunehmen. Edward stand mit einem schwarzen Anzug bekleidet und einer einzigen roten Rose in der Hand, vor der Tür. Er sah genauso erschrocken aus, wie ich. Ich fühlte, wie seine Augen hungrig über mich strichen und lief rot an.
„Wow", keuchte er, immer noch bewegungslos.
Nach einem langen Augenblick trat er vor. „Du bist einfach wunderschön." Die Ehrlichkeit in seinen Augen war Beweis genug und meine Röte vertiefte sich.
„Ich könnte dasselbe über dich sagen." Nie zuvor hatte ich Edward schwarz tragen sehen und ich wusste, warum. Der Kontrast zu seinem Haar und seiner Haut war strahlend und steigerte seine ohnehin bereits unnatürliche Schönheit nur noch.
„Bist du bereit", fragte er und überreichte mir die Rose.
„Und wo gehen wir hin?"
Er grinste. „Das wirst du sehen. Komm schon, sonst kommen wir zu spät."
Er bot mir seinen Arm an und seufzend ergriff ich ihn. „Hab ich dir nicht vor kurzem erzählt, wie sehr ich Überraschungen verabscheue?", fragte ich, während ich meine Füße vor mir auf dem Boden fest im Auge behielt, um nicht zu stolpern.
Er lachte lauthals neben mir, während er mich zu seinem Auto führte. Ich war zu beschäftigt mit meinen Füßen, um zu bemerken, in was ich da einstieg, bis Edward die Tür hinter mir schloss.
Es war nicht sein Volvo.
„Wo hast du dieses Auto her?", fragte ich, als er einstieg.
„Das ist mein Auto für besondere Gelegenheiten", antwortete er gut gelaunt.
„Besondere Gelegenheiten?"
Er lächelte, nahm meine Hand in seine und führte sie an seine Lippen. „Du wirst es sehen."
Ich kräuselte meine Lippen, nahm ihm meine Hand weg und verschränkte die Arme vor der Brust, um meine Verärgerung darüber, dass er mich im Dunkeln hielt, zu zeigen.
Ich hörte ihn neben mir lachen, während wir den gewundenen Highway hinunterfuhren. Ich hatte keine Ahnung, wo er mich hinbringen könnte, vor allem, so wie wir angezogen waren.
Als er langsamer wurde, betrachtete ich schließlich meine Umgebung. Wir waren in Port Angeles, aber warum? Port Angeles war eine Touristenstadt, nicht mehr. Was könnten wir tun, was Abendgarderobe erforderte?
Ich beobachtete neugierig, wie Edward vor einem kleinen, aber sehr netten Hotel parkte. Ich runzelte die Stirn, als er ausstieg und zu meiner Seite des Autos kam, um mir seine Hand anzubieten.
Widerwillig legte ich meine Hand in seine und stellte mich neben ihn. Ich gestattete ihm, mich in das Hotel zu führen, wo wir neugierige Blicke ernteten. Ich zuckte vor ihnen zurück und lehnte mich verlegen schwerer an Edwards Seite.
Schießlich hielten wir vor einer Reihe Türen. Edward drehte sich mit Augen, die vor Begeisterung leuchteten, zu mir.
„Schließ deine Augen."
Ich seufzte, tat aber wie geheißen. Wir liefen noch einige Schritte, bevor wir anhielten. Ich öffnete gerade den Mund um zu fragen, was los war, als ich seine Lippen plötzlich an meinem Ohr fühlte.
„Öffne deine Augen, Bella."
Langsam öffnete ich die Augen und atmete scharf ein. Wir waren in einem wunderschön dekorierten Ballsaal. Alles war bordeaux- und tiefgoldfarben geschmückt. Weinrote Lichter lehnten an den Wänden und ließen den Raum sehr verführerisch und romantisch aussehen. In den Ecken standen zwei kleine Tische, die mit dicken goldenen Tischtüchern bedeckt waren, die Stühle waren mit tiefrotem Stoff verkleidet, der mit einer goldenen Schärpe zurückgebunden war. In der Mitte war eine hölzerne Tanzfläche. Rote Lichter leuchteten auf die Tanzfläche hinab und gaben ihr etwas Mysteriöses. Sanft leuchtende Kerzen verzierten die Decke, gerade mit soviel Licht, um es nicht zu dunkel werden zu lassen.
In der Ecke bemerkte ich Edwards gesamte Familie, die strahlend lächelten. Ich drehte mich um und sah Edward mit verwirrtem Blick an. Er lächelte zu mir hinab und setzte einen sanften Kuss auf meine Stirn.
„Ich wollte etwas Besonderes für dich machen. Du hast in letzter Zeit so viel gearbeitet und ich weiß, dass du den Abschlussball verpassen wirst", sagte er mit nur einem Hauch von Traurigkeit in der Stimme. Ich lächelte und streichelte sanft seine Wange. Wir beide wussten, dass ich viel zu krank sein würde, um zum Ball zu gehen, wenn es an der Zeit war. „Ich will, dass du deinen Augenblick hast. Ich will nicht, dass du etwas verpasst."
Ich spürte, wie sich meine Augen mit Tränen füllten. Er hatte das alles für mich getan. Ich wusste nicht, was ich getan hatte, um ihn zu verdienen, aber ich war so dankbar, dass er in meinem Leben war. Wir sahen einander lange an, bevor wir hörten, wie jemand sich räusperte. Errötend sah ich zu seiner Familie und stellte fest, dass Emmett hinterhältig grinste.
„Also wenn ihr zwei da drüben dann mal fertig seid, lasst uns anfangen", dröhnte er.
Ich sah peinlich berührt zu Boden; neben mir hörte ich Edward lachen. Aus dem Nirgendwo fing Musik an zu spielen und Edward zog mich auf die Tanzfläche. Augenblicklich versteifte ich mich. Ich war dankbar für alles, was er getan hatte, aber ich würde unter keinen Umständen tanzen. Ich war viel zu tollpatschig und wusste nicht mal, wie das ging.
Edward drehte sich zu mir um und legte neugierig den Kopf schräg. „Was ist los?", fragte er.
„Ich tanze nicht", sagte ich leise.
„Warum?"
Ich seufzte verlegen. „Für den Fall, dass du es noch nicht bemerkt haben solltest, ich scheine zwei linke Füße zu haben", sagte ich etwas schärfer als beabsichtigt.
Seine Augen nahmen einen wissenden Blick an und er grinste. „Es liegt alles an der Führung."
Er begann aufs Neue, mich in Richtung Tanzfläche zu ziehen, aber ich grub meine Füße in den Boden und weigerte mich, mich zu bewegen. Ich konnte sehen, wie seine Familie im Zimmer herumwirbelte. Auf keinen Fall würde ich jemals mit ihnen zu vergleichen sein. Ich kannte mich gut genug um zu wissen, dass ich irgendwie stolpern würde und uns beide auf den Boden befördern.
Er spürte meinen Widerstand und drehte sich seufzend um. Er betrachtete mich nachdenklich, bevor er mit einem boshaften Glitzern in den Augen auf mich zukam. Ich wich zurück, fand mich aber schnell ohne Möglichkeit auf Flucht gefangen zwischen Edward und der Wand.
„Ich sehe schon, ich werde dich überzeugen müssen." Er legte seine Hände lächelnd auf die beiden Seiten meines Gesichts. Ich schluckte hart, ohne meine Augen von ihm zu nehmen.
Er lehnte sich nach unten und fuhr mit den Lippen meine Wange hoch und runter, so dass ich zitterte.
„Bella." Ich spürte seinen kühlen Atem über meine Wange spielen. „Wirst du nicht mit mir tanzen? Nicht ein einziges Mal?"
Ich schüttelte den Kopf. Er begann ganz langsam meinen Nacken hinunterzuwandern. Ich fühlte, wie meine Atmung sich beschleunigte, als seine Küsse tiefer und tiefer wanderte.
„Bitte? Ich verspreche dir, ich werde nicht zulassen, dass dir etwas zustößt."
Ich keuchte, als ich seine Zunge eiskalt, sanft über mein Schlüsselbein streichen fühlte. Was tat er da mit mir? Mein gesamter Körper wurde heiß, als seine Zunge meine Haut verließ. An den Stellen, an denen sie gewesen war, stand meine Haut in Flammen.
„Vertraust du mir nicht, Bella?" Seine Lippen waren zurück an meinem Ohr.
„Doch", würgte ich mit zittriger Stimme hervor.
Er zog sich breit grinsend zurück. „Tanz mit mir. Wenn es dir nicht gefällt, dann verspreche ich dir, dich niemals wieder zu fragen."
Ich sah an dem Blick in seinen Augen, dass er wusste, er hatte gewonnen. Ich seufzte. „Du betrügst", murmelte ich, als er wieder meine Hand nahm und mich auf die Tanzfläche zog.
Ich fing während einer Drehung Alice' Blick auf und sie lächelte mir ermutigend zu. Edward legte meine Hände um seinen Nacken und ich spürte, wie ich nervöser wurde.
„Edward", flüsterte ich heiser und starrte ihn mit ängstlichen Augen an. „Ich kann wirklich nicht tanzen."
Er lächelte. „Ich habe dir schon mal gesagt: Es liegt alles an der Führung." Und damit hob er mich hoch und stellte meine Füße auf seine. Professionell begann er mich durchs Zimmer zu wirbeln. Bevor ich wusste, wie mir geschah, stellte ich fest, dass ich lächelte; tatsächlich Spass hatte.
Wir tanzten die ganze Nacht hindurch in den Armen des anderen. Es war eine absolut magische Nacht, eine, die ich lange nicht vergessen würde. In dieser Nacht schlief ich mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht wegen allem, was Edward für mich getan hatte, ein.
„Ich liebe dich." Ich flüsterte kaum, als ich spürte, wie der Schlaf mich einholte.
„Ich liebe dich auch", hörte ich ihn schwach flüstern, als ich einschlief.
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Am Tag meines Abschlusses bekam ich meinen ganz eigenen kleinen Applaus. Edward und seine Familie saßen neben meinem Vater ganz vorne und jubelten mir zu. Ich hatte härter gearbeitet, als in meinem ganzen Leben zuvor und nun machte ich meinen Schulabschluss ein Jahr früher. Natürlich war Edward während jedes Schrittes bei mir gewesen. Er war der beste Tutor, den ich hätte verlangen könnten.
Meine letzten paar Monate waren der Himmel auf Erden gewesen. Edward nahm jede sich bietende Gelegenheit wahr, um mir neue Dinge zu zeigen, mir zu gestatten, soviel vom Leben zu erfahren, wie möglich. Er achtete immer sorgsam darauf, es nicht zu übertreiben, aus Angst, ich könnte krank werden.
Inzwischen hatte ich beinahe dauernd Schmerzen. Ich hatte Bettruhe verordnet bekommen und war auf Morphium gesetzt worden. Mir blieben nur noch Wochen. Edward wich mir niemals von der Seite, nicht einmal mehr nachts, um die Fassade aufrechtzuerhalten. Charlie beschwerte sich nie. Es war nicht, als ob etwas hätte passieren können.
Charlisle übernahm meine Behandlung. Er besuchte mich täglich, um mich zu untersuchen, zu sehen, wie es mir ging und nahm alle nötigen Änderungen in der Medikamentendosis vor.
Die Zeit war gekommen.
Der Plan war wirklich einwandfrei. Ich würde an Herzstillstand sterben; Carlisle würde mir Hilfe leisten und mich für tot erklären. Edward würde kommen und mich zu Alice nehmen, die mit einem Auto warten würde. Sie hatten schon einen Ort ausgewählt, wo ich verwandelt werden würde, weit weg von allem und jedem. Alles, was wir noch tun mussten, war einen Tag auszuwählen.
Es war Freitag und Charlie hatte sich einen Tag freigenommen. Er hatte das in letzter Zeit oft gemacht; Drei-Tage-Wochenenden, um so lange wie möglich bei mir zu sein. Ich musste Abschied nehmen.
Wir spielten gerade Karten, als ich plötzlich inne hielt und zu ihm hoch sah. Ich war dankbar dafür, dass ich mich dazu entschlossen hatte, bei ihm zu leben. Er war wirklich ein toller Vater. Ich war froh für die Gelegenheit, ihn besser kennenzulernen. Ich hatte Edward gebeten, für eine Weile zu gehen, damit ich ein letztes Mal alleine mit ihm sprechen konnte.
„Dad?"
„Ja, Schatz?"
„Ich bin froh, dass ich die letzten paar Monate bei dir gewohnt habe."
Er lächelte. „Ich auch. Es ist nett, dich um mich zu haben."
„Ich liebe dich, Daddy."
„Ich liebe dich auch Bells."
„Und das werde ich immer tun. Das weißt du, oder? Egal, was passiert."
Er schluckte hart. „Genug damit", erwiderte er schroff, „Das ist kein Abschied."
Ich sah ihn traurig an; ich wusste, wie falsch er lag. Ich konnte sehen, dass seine Augen verschleierten. Er hob die Hand und wischte sich grob die Feuchtigkeit weg.
„Spielen wir jetzt Karten oder was?", knurrte er beinahe.
Ich lächelte. „Ja, Dad, lass uns spielen", antwortete ich.
Ich umarmte ihn in dieser Nacht mit aller Kraft, die ich noch hatte. Ich wusste, es war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Ich sagte ihmnoch einmal, wie sehr ich ihn liebte und er erwiderte lächelnd, das er mich auch liebte.
Der Plan verlief ohne Probleme. Alice und Edward brachten mich zu einer kleinen Hütte, die Stunden entfernt war. Ich war mit Morphium vollgepumpt, damit ich es so bequem wie möglich hatte, während wir fuhren.
Edward legte mich behutsam auf das Bett, das sie für mich vorbereitet hatten und lächelte.
„Bist du bereit?"
Ich schluckte. „Ja", flüsterte ich.
„Ich liebe dich", sagte ich ihm und sah ihn seine angespannten Augen. „Ich vertraue dir."
Er lehnte sich nach unten und ich spürte seinen Mund an meinem Ohr. „Ich werde dich niemals verlassen. Ich liebe dich, Bella."
Ich fuhr mit den Fingern durch sein Haar, während er sich über meinen Nacken beugte. Das war er – der Beginn meiner Ewigkeit.
The End
