2. Die Schule in den Ferien
„Was sollte das, Severus?", fragte Suzette, als sie sich draußen vor der Tür standen.
„Ich musste sie warnen! Es ist so, wie ich es sagte: Sie werden bald in Schwierigkeiten sein.".
„Wieso bist du hierher gekommen?", fragte Suzette gereizt.
„Weil ich dich gesucht habe und du hier warst!", erklärte Snape kühl.
Suzette war wütend und stiefelte davon. Wie konnte Severus hier nur hineinplatzen? Wie konnte er nur dieses Gespräch aufkommen lassen? Wieso waren ausgerechnet Nat und Des Hexen? Wieso musste sie es gerade heute herausfinden? Und wieso musste sie es gerade in dieser Situation herausfinden?
Suzette rannte davon.
Was bildetet sich Severus eigentlich ein, sie so bloßzustellen?
Suzette war es nicht gewohnt hohe Schuhe zu tragen und stakste so nur ungeschickt über die Promenade vorbei an den neonleuchtenden und wummernden Nachtclubs Camdens.
Snape hatte sie scheinbar abgehängt. In diese Gegend würde ihn nichts und niemand hinziehen. Suzette triumphierte innerlich, als sie nicht aufpasste und mit dem rechten Fuß über die Bordsteinkante trat, umknickte, hinfiel und sich den Knöchel verstauchte. Sie fluchte leise in sich hinein.
Ehe sie sich die Verstauchung heilen konnte, fuhr auch schon ein langer, glänzender Wagen vor und hielt gleich neben Suzette, die immer noch auf dem Boden hockte und sich den Fuß hielt.
Die Hintertür der weißen Limousine öffnete sich und das erste, was Suzette von ihren Insassen sah, war ein weißer Schlangenlederstiefel im Cowboy-Style.
„Suzette, werd vernünftig!", hörte sie es plötzlich hinter sich rufen. Snape war ihr doch gefolgt und fühlte sich sichtlich unwohl im bunten Nachtleben Londons. „Sei nicht so kindisch! Du weißt selbst...".
„Die Dame hat sich entschieden, mein Lieber!", sprach plötzlich eine tiefe und dumpfe Stimme, die offensichtlich zu dem weißen Schlangenlederstiefel gehörte.
„Was haben sie sich da hineinzumischen!", knurrte Snape aalglatt und machte ein gelangweiltes Gesicht.
„Entschuldigen sie, aber das Mädchen hat sich offensichtlich anders entschieden, was man ihr im übrigen nicht verübeln kann, wenn ich mir sie mal ansehen.".
„Ich frage sie noch einmal: Was geht sie das an?", brummte Snape schon etwas genervter.
Während die beiden sich stritten, konnte Suzette unbemerkt und wortlos ihren verstauchten Knöchel heilen und stand vom Boden auf.
„Suzette, komm jetzt!", Snape zerrte ungeduldig an Suzettes Kleid und der Typ, dessen Gesicht ebenfalls die Konsistenz von Schlangenleder hatte, ging dazwischen: „Hören sie, so geht man nicht mit einer Lady um!".
Suzette blickte den Kerl an und musste ein wenig in sich hinein grinsen. Sein alternden Gesicht war von einer Überdosis Sonnenbankbräune verschrumpelt und verhärmt, sodass er um Jahre älter aussah, als er eigentlich war. Er versuchte offensichtlich wie ein Dandy zu wirken, sah in Suzettes Augen allerdings eher aus wie eine traurige Witzfigur. Er trug einen weißen Hut und goldenen Schmuck um den Hals, der völlig stillos erschien. Seine Zähne waren blendend weiß gebleicht und auf seinem Jackett war sein Monogramm „M.P." gestickt.
Neureich, dachte Suzette, und musste erneut innerlich kichern, als sie daran dachte, wie Lucius Malfoy bei solchen Typen immer die Fassung verloren hatte. „Sie ziehen unseren ganzen Stand in der Dreck! Keinerlei Würde im Leib!", hatte er immer gewettert und selbst dabei niemals die oben gehaltene Nase sinken lassen.
„Wie sehen sie überhaupt aus, mein Lieber? Als wollten sie auf einer Beerdigung. Ich muss sie enttäuschen, wenn sie glauben in dem Aufzug in einen Club eingelassen zu werden. Wenn ich die Lady stattdessen auf einen Drink einladen dürfte?", sagte M.P. und blickte von Snape zu Suzette, die schon fast prusten musste.
„Es ist nicht meine Absicht, in einen dieser Clubs einzukehren und ich wüsste auch nicht, was sie das angehen würde, wenn es so wäre. Im Gegensatz zu ihnen, habe ich bedeutendere Dinge zu erledigen. Kommst du jetzt, Suzette?".
„Suzette heißen sie also?", der Typ blieb hartnäckig, „Eine Französin?".
„So ist es, aber ich habe leider auch bedeutsamere Dinge zu tun, als mit ihnen über meine Herkunft zu reden. Wenn sie uns nun bitte entschuldigen würden?", sie griff Severus' Arm und stolzierte mit ihm kichernd in einen kleine Seitengasse, wo sie disapparierte, bevor Snape ihr eine Szene machen konnte.
Kaum in Hogsmeade angekommen donnerte er auch schon los: „Was sollte diese Aktion?".
„Was sollte deine Aktion?", fragte Suzette kühn zurück.
„Es ist wie ich es sage! Wir befinden uns alle in Gefahr und jeder sollte gewarnt sein!".
Suzette sagte nichts mehr, sie wusste, dass sie verloren hatte, war aber immer noch wütend.
Snape lenkte ein und vom Thema ab: „Du kannst nicht mehr nach Hogwarts zurückkehren. Es sind zu viele Kinder von Todessern an dieser Schule, die dich für tot halten.".
„Ich dachte, die wären alle in Askaban?", fragte Suzette erstaunt.
„Die meisten. Aber eben nicht alle. Schon allein Narcissa darf nicht erfahren, dass du noch am Leben bist.".
„Schon gut, schon gut! Was soll ich also hier?", fragte Suzette.
„Dumbledore hat mich aufgetragen, dich nach Hogsmeade zu bringen. Er hält das für den sichersten Ort, wo der Orden dich ein wenig im Auge hat. Außerdem sagt er, er müsse dringend mit dir etwas besprechen. Er will dich im übrigen heute noch sehen deswegen.".
Suzette zog die Augenbrauen zusammen. Was konnte der Schulleiter jetzt noch von ihr verlangen?
„Am besten du gehst gleich zu ihm hinauf. Ich muss zurück nach Spinner's End, wenn ich zu lange weg bleibe, wird Wurmschwanz noch misstrauisch.", sprach er und disapparierte.
Suzette machte sich auf den Weg bergan zum Schloss. Der Berg und schließlich das Schulgelände erschienen Suzette wie verlassen. Keine Menschenseele hielt sich in den Ferien hier auf. Die Schüler waren nach Hause oder in den Urlaub gefahren, die Lehrer ebenso. Filch brachte wie jedes Jahr sein Sommerhaus in Spanien auf Fordermann und Mme Pomfrey besuchte während der drei Monate im Sommer ihre Schwester in Glasgow.
Die Geister in den Gängen und die Portraits auf den Fluren langweilten sich zu Todes und Peeves hatte sich in eine tiefe Depression gestürzt.
Als Suzette die leeren Hallen von Hogwarts betrat war ihr durchaus mulmig zu Mute. Jeder Schritt, den sie unternahm, hallte von tausend Wänden wieder. Hunderte Augenpaare der gelangweilten Portraitierten folgen ihr und die unteren Glasmalereinen auf den kristallnen Fenstern warfen ein verwirrendes Licht-Schattenspiel auf den Fußboden und in Suzettes Augen.
Am Wasserspeier angekommen, bewegte der sich schon, ohne dass Suzette ein Wort sagen musste, zu Seite und gab den Weg in das Büro des Schulleiters frei.
Professor Dumbledore pflegte es üblicherweise in den Sommermonaten Urlaub in der Südsee zu machen, wo er eine kleine Strandhütte besaß, doch aus gegebenem Anlass musste er in diesem Jahr in England bleiben. Ein Krieg war jetzt unvermeidlich und nur er hatte die Chance gegen Voldemort zu gewinnen.
Suzette fand Dumbledore in Gedanken versunken in seinem Denkarium. Als er Suzette bemerkte, tauchte er aus der Steinschale auf und sah das Mädchen übermüdet und reichlich schlaff an: „Da sind sie ja, Suzette. Ich bin erleichtert, dass sie ihren Weg unversehrt zu mir gefunden haben.", sagte er leise und fast schon tonlos.
Suzette nickte.
„Severus in eine solche Gegend zu schicken hat mich ganz schöne Überredungskunst gekostet.", er lächelte müde.
Suzette erwiderte.
„Suzette, die Zeiten haben sich geändert. Ich glaube, das wissen sie. Ich muss sie bitten, da sie sich nicht mehr während der Schulzeit im Schloss aufhalten können, wenigstens ein Zimmer in Hogsmeade zu beziehen. Ich werde ihre Hilfe benötigen.".
Suzette sagte immer noch nichts, der arme, alte Mann wirkt nun zum ersten Mal verletzlich auf die junge Hexe, die sich darüber nicht wenig erschreckte.
„Lord Voldemort und seine Anhänger halten sie für tot. Sie dürfen also keinem Todesser, oder einem seiner Verwandten und Vertrauten unter die Augen kommen. Da wir hier auf Hogwarts einige Kinder von Todessern beherbergen, werden wir uns heute zum letzten Mal hier in diesen Räumlichkeiten treffen können.", erklärte er.
„Ja, Professor Snape hat es mir bereits erklärt.", sagte Suzette mit dünner Stimme.
Dumbledore lächelte: „Sie müssen meine Verfassung entschuldigen, ich bin ein wenig übermüdet. Ich finde einfach nicht wonach ich suche, doch ich hoffe, dass sie mir helfen können.".
„Worum geht es denn?", fragte Suzette ungeduldig.
„Nur die Ruhe, Suzette. Es gibt noch andere Dinge. Sehr viele Todesser sind nach meinem kleinen Abstecher ins Ministerium nach Askaban gebracht worden. Aber wiegen sie sich nicht in falscher Sicherheit. Es sind noch genug Sympathisanten da draußen und die erkennen sie nicht an dunklen Masken oder Zeichen auf der Haut. Sie müssen meine Bitte unbedingt beherzigen und sich so gut versteckt wie möglich halten. Ich habe Rosmertha eingeweiht und ihnen ein Zimmer in den drei Besen besorgt. Dort können die Mitglieder des Ordens sie ganz gut schützen.".
„Ich benötige keinen Schutz, Professor. Ich kann mich verteidigen!", meinte Suzette etwas genervt.
„Sicher können sie das!", lautete die Antwort, „Es ist nur so, dass sie sich immer noch auf gefährlichem Boden befinden, ich allerdings trotzdem ihre Hilfe hier benötige. Sie werden sich damit anfreunden müssen, wenn sie auf die Straße zu gehen, sich unsichtbar zu machen.".
Suzette ekelte sich allein bei dem Gedanken und beschloss diesen Ratschlag gänzlich zu ignorieren.
„Es gibt jedoch noch mehr schlechte Neuigkeiten. Die Todesser, diejenigen, die übrig geblieben sind, haben den Auftrag erhalten, einigen deiner Freunde aufzulauern, da sie herausgefunden haben, dass du mit Muggeln befreundet warst oder es immer noch bist. Ich werde eine Gruppe Auroren zu ihrer Sicherheit bereit halten müssen. Aber auch meine Ressourcen sind begrenzt, Suzette. Wir müssen diesen Krieg so schnelle wie möglich gewinnen, bevor Voldemort genug Anhänger gefunden hat, um den ganzen Kontinent unter seine Herrschaft zu bekommen. Bis jetzt beschränke ich mich lediglich auf Schutz und Sicherheit einzelner, doch schon bald werden wir kämpfen müssen. Ich will vorbereitet sein, Suzette. Doch ich finde nicht, wonach ich suche!".
„Meine Freunde?", stieß Suzette aus, „Ich dachte, Snape hatte ihnen nur Angst machen wollen?!".
„Oh nein, durchaus nicht! Voldemort und seine Anhänger hassen drei Dinge: Muggel, Blutsverräter und Schlammblüter. Sie gelten als Verräter und so bilden ihre Muggelfreunde einen willkommen Spaß für die Todesser. Wie ich erst kürzlich erfahren habe, befinden sich zusätzlich noch ein Squib und eine muggelgeborene Hexe in der Schusslinie. Ich habe Professor Snape gebeten, diese Party zu sprengen, weil ich hoffte, die beiden könnten sich so über den Ernst der Lage bewusst werden. Wir werden sehen.".
„Wobei soll ich ihnen helfen?", fragte Suzette schließlich. Sie wollte das Thema wechseln, denn den Gedanken, dass Des und Nat vom Orden geschützt würden, gefiel ihr nicht wirklich und sie wollte nicht weiter darüber nachdenken. Sie wollte damit nichts zu tun haben, das war Dumbledores Bier.
„Nun, schon seit einigen Jahren habe ich die Vermutung, wie es Voldemort schaffte nicht zu sterben, wie wir es nennen würden.".
Suzette schluckte, plötzlich wusste sie, worauf er hinaus wollte.
„Horkruxe, Suzette! Ich bin mir sicher er konnte mit Hilfe von Horkruxen den Todesfluch überleben!", sprudelte es plötzlich aus ihm heraus. Er wurde mit einem Mal wieder lebhafter, als er sah, dass Suzette damit kämpfte ihr Geheimnis bei sich zu behalten.
Sie nickte verständig.
„Ich muss sie nun bitten, Suzette, wenn sie etwas darüber wissen... Wissen sie etwas darüber?".
Suzette nickte.
„Dabei müssen sie mir helfen! Sagen sie mir alles, was sie wissen.".
„Ich habe nur zwei je gesehen.", antwortete Suzette.
„Wie viele sind es?", fragte er schnell.
„Es sind sieben Teile, also sechs Horkruxe.", sagte Suzette nüchtern.
„Sechs?", stieß der Schulleiter hervor, so viele hatte er nicht erwartet.
„Er wollte eine sieben-geteilte Seele.", antwortete die junge Hexe.
„Wieso gerade sieben Seelenteile?", fragte Dumbledore nachdenklich.
„Eines für jeden Eckpfeiler der Macht, sagt er.", antwortete Suzette und hatte Angst jetzt nicht zu viel zu verraten und die Frage zu provozieren, woher sie das alles wusste.
„Aber es gibt acht Pfeiler der Macht.", überlegte der Schulleiter und zog sie Stirn in Falten.
Eine Stille lag über dem Büro des Schulleiters, die Suzette langsam unheimlich wurde, deshalb setzte ihren Bericht fort: „Er hat jedem Horkrux einen Eckpfeiler zugeteilt. Er... Einer ist bereits zerstört. Es handelte sich um...".
„...sein Tagebuch!", fiel es Dumbledore ein, „Natürlich! Sein Tagebuch!".
„Es sollte seinen Willen symbolisieren.", erklärte Suzette.
„Wille bedeutet noch nicht gleich Erfolg.", sinnierte Dumbledore, „Er muss noch sehr jung gewesen sein. Unerfahren.".
„Mag sein.", sagte Suzette.
„Suzette, es ist sehr gut, dass sie mir helfen wollen. Ihre Informationen sind von höchster Wichtigkeit. Wir müssen die Horkruxe zerstören, um Voldemort entgültig zu vernichten. Im Augenblick habe ich aber kaum Zeit dafür. So banal es klingt, aber im Augenblick muss ich meinen Schülern ihre Listen mit den neuen Schulbüchern fertig stellen. Für gewöhnlich erledige ich das am Ende des vorhergehenden Schuljahres, doch Professor Umbridge hat mich da ein wenig in Verzug gebracht.", er lächelte milde und wies Suzette an zu gehen, „Ich werden ihnen in den nächsten Tagen eine Eule zu den Drei Besen schicken. Machen sie es gut und halten sie sich versteckt!".
