3. Der Ring
Suzette schritt den Schlossberg wieder hinunter. Sie spazierte sehr langsam und nahm die sommerliche Idylle in sich auf. Nun war es also wieder so weit: Die kurze Zeit der Unbeschwertheit war vorbei. Zurück in der Welt der Hexen und Zauberer. Langsam fragte sie sich ob es nicht ohnehin sinnlos war, immer hin und her zu tingeln. Wieso gab es einen so großen Unterschied in ihrer Befindlichkeit, wenn sie hier war, als in der Zeit, wenn sie in London, bei den Muggeln lebte? Wieso fühlte es sich anders an, wenn sie hier war? Es hatte nichts mit der Zugehörigkeit zu tun, das spürte sie, denn sie fühlte sich in der Umgebung von ihresgleichen eher unwohl und angespannt. Wieso mussten die beiden Gesellschaften so strikt von einander getrennt werden? Es gab sie doch: Die Muggel, die über die Zauberer Bescheid wussten, die Zauberer, die aus Muggelfamilien stammten und die Squibs. Die beiden Gruppen waren sich näher als sie glaubten oder gar wahrnehmen wollten.
Egal wie die Realität aussah, Suzette fühlte sich trotz des guten Wetters nicht wohl. Die Sonne schien und es war angenehm warm, jedoch nicht zu heiß. Ein sanfter Wind wehte. Aber Suzette fühlte nur ein schweres Herz in ihrer Brust.
Das Leben als Hexe war nicht unbedingt gefährlicher als das eines Muggels. Der Unterschied lag darin, dass sie als Hexe alle Risiken kannte, Dinge sehen konnte, die ein Muggel niemals sehen können würde, Dinge verstand, die einem Muggel völlig unglaubwürdig erscheinen würden.
Sie würde sich sofort für ein Leben ohne Magie entscheiden, wenn dieser Krieg zu Ende war, dachte sie. Höchstens mal ein klein bisschen, wenn man mal keine Lust für den Hausputz hat, aber sonst...
Suzette erreichte das alte, schmiedeeiserne Stadttor von Hogsmeade.
Sie dachte daran, dass Dumbledore sie gewarnt hatte, sie solle sich unsichtbar machen, wenn sie durch die Stadt ging und überging dieses Gebot, so wie sie einen Fuß auf die gepflasterten Straßen setzte.
Sie ging ganz gemütlich hinüber zu den Drei Besen, entschied sich aber dann, dass der Tag viel zu schön war, um ihn in einem stickigen Wirtshauszimmer zu verbringen.
Leider gab es in Hogsmeade keine wirklich aufregenden Plätze und schon gar keine Hexen in ihrem Alter, die nicht schreiend wegliefen, wenn sie den Namen Suzette Gaunt hörten. Man wusste gar nicht, was mehr abschreckte, Vor- oder Nachname.
Je länger Suzette ziellos durch die Gassen spazierte und versuchte in ihrem Kopf wenigstens einen klaren Gedanken zu fassen, desto mehr wurde ihr bewusst, dass sie hier nur ihre Zeit tot schlug, dass sie in der nächsten Zeit nichts weiter tun konnte, als die Zeit tot zu schlagen, dass das ganze Leben im Grunde nur das Totschlagen von Zeit beinhaltete.
Es widerstrebte ihr in den Drei Besen zu wohnen, wo sie vor Jahren einmal Hausverbot bekommen hatte und es widerstrebte ihr, sich immer für Dumbledore bereit halten zu müssen.
Sie würde ihm die Horkruxe zeigen müssen und er würde sie zerstören, Dinge, die eigentlich ihr Eigentum waren. Zumindest der Ring und das Medaillon waren Familienerbstücke.
Er würde sie einfach zerstören und sich mit seiner Tat rühmen. Suzette war darüber hinweg sich deswegen aufzuregen. Es war Dumbledores Natur, sich immer und überall in den Vordergrund zu spielen.
Es wurde langsam Abend. Suzette hatte sich auf eine Parkbank unter einen Baum gesetzt und die Gäste in einem Eiscafé beobachtet, als plötzlich ein schwarzer, ziemlich zerzauster Vogel heranflatterte, auf Suzettes Kopf etwas holprig zur Landung kam und erschöpft krähte.
„Hi, Pip!", sagte Suzette leise und streichelte dem schlauen Tier, das sie von London aus hier ausfindig gemacht hatte, sanft über den Kopf.
„Na los, es wird Zeit, dass wir unser Zimmer beziehen. Bin gespannt, was Rosmertha sagt, wenn sie mich in ihrer Kneipe antrifft.".
Rosmertha war keinesfalls erstaunt. Sie behandelte Suzette, wie einen ganz normalen Gast. Sie hatte ganz vergessen, dass sie diesem Mädchen einst Hausverbot erteilt hatte, nachdem sie von der Hogwarts-Schule geflogen war und in der Zauberergemeinschaft als potentiell gefährlich angesehen wurde.
Dumbledore hatte Suzette ein Zimmer für das gesamte Schuljahr reserviert und auch bezahlt. Verpflegung und Zimmerservice inklusive. Suzette konnte sofort einziehen.
Das Zimmer war gemütlich, in warmen Farben eingerichtet und überaus liebevoll dekoriert. Überall lagen Deckchen, standen Figürchen und anderer Tand. Suzette hatte für sowas nichts übrig, aber sie musste es ja nicht putzen.
Das Bett war weich und groß. Es hatte zwei prall gefüllte Daunenkissen und eine warme Daunendecke.
An den Wänden hingen kitschige Landschaftsbilder mit Motiven aus der Umgebung. So hing hinter dem Bett ein Ölgemälde der heulenden Hütte und neben der Tür zum Badezimmer ein Panorama mit dem Schlossberg und der Schule darauf.
Das Badezimmer fiel eher klein dagegen aus. Es besaß eine Dusche, eine Badewanne, eine Toilette und ein Waschbecken, das nicht nur warmes und kaltes Wasser, sondern auch verschieden duftendes Wasser, schäumendes oder sprudelndes Wasser von sich gab.
Suzette verbrachte den Abend damit Dinge heraufzubeschwören, da sie keine Zeit gehabt hatte zu packen. Es war eine ihrer leichteren Übungen, aber dennoch lästig. Konnte man beim magischen Kofferpacken alles benötigte gleichzeitig in den Koffer fliegen lassen, musste beim Heraufbeschwören jedes Teil einzeln her gerufen werden.
Gleich am nächsten Morgen, bereits um sechs Uhr früh, pochte etwas verdächtig an das Fenster neben Suzettes Bett. Auf Rosmerthas Warnung vor besonders aggressiven Vampir-Moskitos in diesem Jahr, hatte Suzette bei geschlossenem Fester geschlafen. Nur widerwillig zwang sie sich die Augen zu öffnen und ihren Blick zum Fester zu bewegen.
Die Sonne war schon aufgegangen und draußen sangen sie Vögel um die Wette.
Auf ihrem Fensterbrett hingegen pochte eine völlig übermüdete Sumpfohreule gegen sie Scheibe, bis Suzette das Fenster schlaftrunken mit einem gegähnten Alohomora auffliegen ließ, sodass das Glas zersprang.
Auf den plötzlichen Glassplitterregen hin, war Suzette sofort hellwach und befreite die Eule von der Nachricht, die sie überbringen sollte.
Das Tier sprang, ohne den Eulenkeks, den Suzette ihm hinwarf zu beachten, wieder hinaus auf das Fensterbrett, machte sich nicht mal sie Mühe zurück in die heimatliche Eulerei zu fliegen und schlief auf der Stelle ein.
Die Nachricht war in Dumbledores geschwungener, schräger Schrift geschrieben und besagte folgendes:
„Liebe Suzette,
ich möchte Sie heute morgen sobald wie möglich in meinem Büro treffen.
Und bitte bringen Sie ihren Raben mit.
Viele Grüße
Albus Dumbledore"
Er hat schon mal ausführlicherer Nachrichten geschrieben, dachte Suzette bei sich und kletterte aus dem Bett um sich zu duschen und fertig zu machen.
Mit einem innerlichen Lächeln setzte sie sich wieder darüber hinweg, dass man ihr ans Herz gelegt hatte, sich draußen auf der Straße unsichtbar zu machen.
Fröhlich spazierte Suzette durch die frische Morgenluft den Berg hinan zum Schloss.
Dumbledore erwartete sie schon angespannt. Er trug einen sommerlichen Reiseumhang und schien bereit irgendwo hin zu apparieren.
„Da sind sie ja! Und sie haben ihren Raben mitgebracht! Nun er kann hier auf uns warten.", begrüßte er Suzette und erklärte: „Wir haben nicht mehr viel Zeit. Die Ferien sind bald zu Ende und ich hoffe, dass wir bis dorthin die Horkruxe gefunden und vernichtet haben. Sie wissen, wo sie sich befinden?".
Suzette konnte kaum etwas sagen, so überrumpelt fühlte sie sich. Sie nickte: „Ja, ein paar!".
Dumbledore schien ungeduldig und angespannt zu werden: „Und? Welche kennen sie?".
Suzette begann zu berichten, so kurz und knapp sie konnte: „Zum einen haben wir da ein Familienerbstück. Es ist ein Ring der Familie Gaunt. Er hat ihn mir gezeigt, er befindet sich in einer alten Hütte im Wald, aber ich weiß nicht genau, wo...".
„Eine Hütte im Wald? Das Haus der Gaunts? Ich habe dazu eine Erinnerung, ja... Ein Ring sagen sie? Dann lassen sie uns gehen. Ich weiß, wo die Gaunts zuletzt hausten. Tom Riddles Onkel war in einer meiner ersten Jahrgänge, als ich hier nach Hogwarts kam. Ein recht übelriechender Junge, wirklich!".
Suzette griff nach Dumbledores Arm, als der sich zum Disapparieren bereit machte.
Es fühlte sich an, als würden sie durch einen engen Schlauch gepresst und alles Luft müsste aus ihrem Körper entweichen, doch nach nur dem Bruchteil einer Sekunde standen sie beiden in mitten eines sonnendurchfluteten Waldstücks.
„Das ist die Hütte der Gaunts nichts wahr?", fragte Dumbledore und erwartete Bestätigung.
Suzette nickte: „Ja, hier sind wir gewesen.". Es war ihr mittlerweile egal, was sie noch von ihren Geheimnissen preisgab. Dumbledore würde ohnehin alles herausfinden und es war notwendig, dass die Horkruxe von einem Fachmann so schnell wie möglich zerstört wurden. Wer, außer Suzette und Dumbledore und vielleicht Snape, wusste denn überhaupt noch etwas darüber?.
„Es ist ein Ring. Er müsste sich in der Hütte befinden.", sie betraten den verrottenden Bretterhaufen und Suzette kniete sich nieder nach den morschen Bodendielen.
„Hier unten irgendwo.", erklärte Suzette und kramte unter den zersplitterten Holzbrettern, an denen sie sich die Hände aufriss. Sie fluchte, doch schließlich fand sie wonach sie gesucht hatte. Sie zog den plumpen Ring mit dem großen, schwarzen Stein hervor, den sie dort nach einem Treffen mit Voldemort zurück gelassen hatte.
Das Gefühl, dass er auf der Haut verursachte, war immer noch das gleiche. Es brannte, doch es verbrannte nicht, es fror, aber es gefror nicht und es ätzte, doch es verätzte nicht. Es war durch und durch ein unangenehmes Gefühl, was ursprünglich auch der Grund gewesen war, warum Suzette das Familienerbstück, etwas, was sie nie besessen hatte, nicht mitgenommen hatte.
Dumbledore nahm ihr den Ring aus der Hand und untersuchte ihn genau.
„Das ist nicht möglich!", sprach er zu sich selbst und verstummte dann wieder.
Suzette fragte nicht nach, was er meinte, denn es interessierte sie nicht und außerdem hasste sie es, wenn Leute sich damit wichtig machten, indem sie in Rätseln sprachen.
„Lassen sie uns zurück apparieren, Suzette! Wir haben, was wir brauchen!.
Suzette griff diesmal nicht nach dem Arm des alten Zauberers, denn diesmal wusste sie, wo sie hin apparieren sollte.
Es ploppte leicht und sie und der Schulleiter erschienen am Rand des verbotenen Waldes.
Dumbledore konnte die Augen nicht mehr von dem Ring lassen und erklärte Suzette hastig: „Ich werde den Ring zerstören. Ich werde es tun!", er sagte es, als wolle er sich selbst davon überzeugen und nicht Suzette, als müsste er es sich selbst versprechen.
„Ich werde es tun müssen!", sagte er schließlich, „Suzette, bitte lassen sie mich jetzt allein. Ich werde diesen Horkrux erst einmal einer ordentlichen Untersuchung unterziehen müssen.".
„Was ist mit Pip?", fragte Suzette.
„Ach ja, der Vogel!", erinnerte sich Dumbledore, der immer noch gedankenverloren auf das plumpe Schmuckstück stierte, „Er wird im Schloss bleiben, um unsere Schüler ein wenig im Auge zu behalten. Jetzt wo Potter keine Leibwächterin mehr hat, der ich vertraue, braucht er zumindest jemanden, der ihn unauffällig beobachtet.", er lächelte auf die vertraute Art und Weise und schritt langsam über den Schlosspark hinüber zur Schule.
Suzette hingegen machte sich auf den Weg zurück nach Hogsmeade.
Was wohl so besonders an dem blöden Ring gewesen ist, fragte sich Suzette und verdrängte den Gedanken bald wieder. Es ärgerte sie, dass Pip im Schloss bleiben musste, dass Dumbledore das einfach so bestimmt hatte.
Sie lief den Feldweg hinunter in das kleine Dorf, wo man sie inzwischen kannte und sich an ihre Anwesenheit und die Tatsache, dass sie keine kaltblütige Mörderin war, gewöhnt hatte.
Man mochte sie vielleicht nicht, aber man wechselte nicht mehr demonstrativ die Straßenseite, wenn man Suzette kommen sah.
Suzette verstand nicht, wo das Problem und die Gefahr lag, sich hier zu zeigen. Hier liefen keine Todesser herum. Niemand wusste, dass man sie eigentlich für tot halten müsste und viele erkannten in ihr gar nicht die kleine Suzette Smith, die damals aus der Gemeinschaft geflogen war.
Suzette gönnte sich am Stadttor eine Eiswaffel und pflückte sich eine Blume, die durch ihre blendend weiße Farbe aus dem Grün der scheinbar unendlichen Wiesen zwischen Hogwarts und Hogsmeade herausstieß.
