4. Severus Ankunft
Dafür, dass Dumbledore alle Horkruxe so schnell wie möglich vernichten wollte, hielt er sich in den folgenden Tagen recht bedeckt. Suzette hätte damit gerechnet, dass er ihr spätestens am nächsten Morgen eine weitere Eule schickte, um mit ihr den zweiten Horkrux zu holen.
Doch nach einer Woche hatte sie noch immer nichts mehr vom Schulleiter gehört und begann zu grübeln.
Die Ferien waren bald zu Ende und schon in der nächsten Woche wollten die Lehrer zurück nach Hogwarts kommen um ihre organisatorischen Pflichten zu erfüllen.
Mitte August! Keine Zeit des Jahres hasste Severus Snape mehr. Der Schulalltag lag in greifbarer Nähe, sodass er sich kaum noch entspannen konnte, und auf der anderen Seite saß er gelangweilt und untätig in Spinner's End herum.
In diesem Jahr war die Qual für ihn besonders schlimm gewesen, denn der Dunkle Lord hatte sich erkenntlich gezeigt für die Ermordung seiner Großnichte, die ihm in den Rücken gefallen war und hatte Snape einen persönlichen Diener zur Seite gestellt.
Wurmschwanz war ein wirklich langweiliger Zeitgenosse, ein kriecherischer Schleimbeutel ohne Rückgrat. Severus verabscheute es die ganzen Ferien über, 24 Stunden täglich, jemandem ein Heim zu bieten, dem er noch zusätzlich etwas vormachen musste, wenn er nicht enttarnt werden wollte.
Wurmschwanz war zusätzlich noch ein Schmarotzer und ein Faulpelz. Er aß Snapes Vorräte auf und weigerte sich im Gegenzug Hausarbeiten zu verrichten.
Snape kam es langsam so vor, als sein Pettigrew nur zu ihm gesandt worden, um ihn selbst, den ersten unter allen Spionen Voldemorts, auszuhorchen.
Er machte also gute Miene zum bösen Spiel und freute sich darauf die Todesseranhängerschaft endlich los zu sein, wenn er erst wieder zurück in der Schule war.
Dumbledore, der schon immer viel Wert auf Höflichkeit gelegt hatte, schickte seinen Lehrern jedes Jahr für gewöhnlich eine Eule mit einer Postkarte aus seinem Urlaub, in der er viele Grüße versandt und um die erste Lehrerversammlung des neuen Schuljahres, die noch während der Ferien stattfand, anzukündigen.
In diesem Jahr kam Dumbledores Eule besonders früh, fand Snape, als er das kleine Federknäuel in seine bescheidene Wohnung ließ.
Die Eule brachte nicht die übliche Ansichtskarte mit Rundumblick auf den Strand, aber die hatte Severus auch nicht erwartet, denn er wusste, dass der Schulleiter in diesem Jahr im Lande bleiben wollte, sie brachte ein Stück Pergament, das auf den ersten Blick leer zu sein schien.
Dumbledore hatte mitgedacht. Er hatte geahnt, dass sich möglicherweise Todesser in Snapes Nähe befinden würden, wenn dieser seine Post bekam und so hatte er das Pergament mit einem Zauber belegt, sodass es seinen Inhalt nur preisgab, wenn ausschließlich die Augen von Severus Snape darauf gerichtet waren.
Zu lesen bekamen sie schließlich Folgendes:
„Lieber Severus,
Ich benötige deine Hilfe und deinen Rat. Es ist dringend und von äußerster Wichtigkeit, sowie streng geheim, dass du umgehend nach Hogwarts kommst.
Viele Grüße
Albus Dumbledore"
Severus packte umgehend seine Koffer und war erleichtert dieses Haus und Peter Pettigrew darin zurücklassen zu können.
Es war anstrengend gewesen ständig eine Maske zu tragen. Es war schrecklich, ständig unangekündigten Besuch von Todesser zu bekommen, die einem unangenehme Fragen stellten, aus denen der reine Neid sprach. Andauernd musste er lügen. Andauernd musste er aufpassen, dass er sich nicht ein seinem eigenen Lügennetzwerk verhedderte.
Nun konnte er endlich wieder nach Hogwarts zurückkehren, wo er wenigstens halbwegs ganz er selbst sein konnte!
Auch Severus Snape hatte als ehemaliger Todesser und Spion in allen Gaststätten von Hogsmeade Hausverbot und so traf er sich mit Suzette hinter dem verbotenen Wald, auf einer Wiese bei der heulenden Hütte.
Er sah nicht besonders entspannt aus, fand Suzette und bemitleidete den armen Kerl, der im Gegensatz zu ihr, alle Mühe hatte seine Tarnung aufrecht zu erhalten.
Er erzählte zudem, dass er regelmäßig unangekündigten Besuch von verschiedenen Todessern bekam und Wurmschwanz sich in seinem Haus eingenistet hatte. Snape seufzte. Das alles war sehr anstrengend, aber dennoch notwendig. Irgendjemand musste es ja machen und er war der mit Recht am wenigsten angesehene Zauberer im ganzen Orden den Phönix. Er musste es tun, denn er hatte die meiste Schuld auf sich geladen und dies war wiederum Dumbledores Art Severus seine Fehler abarbeiten zu lassen.
Die beiden unterhielten sich über nichts von besonderer Wichtigkeit, was Suzette seltsam vorkam, denn sie hätte erwartet, dass er ihr sofort alles auf die Nase binden würde, was er vom Dunklen Lord wusste.
Stattdessen erzählte er von der Qualität des diesjährigen Elfenweins und den Innovationen in der Kesselschmiedekunst.
„Was ist los?", fragte Suzette schließlich, die zwar höflich zugehört, sich aber nicht für Severus' Gespräch interessiert hatte, „Wieso hat Dumbledore dich schon vor allen anderen Lehrern aus den Ferien gerufen?".
„Er hat mir die Stelle als Lehrer für die Verteidigung gegen die dunklen Künste angeboten.", sagte Snape schließlich tonlos, als würde es ihn überhaupt nichts angehen.
„Das ist doch wunderbar! Das hast du doch immer gewollt!", freute sich Suzette aufrichtig für den jungen Lehrer.
„Er hat einen Grund dafür, Suzette!", sagte Snape düster.
„Ja, er hat keinen anderen gefunden!", sagte Suzette immer noch fröhlich, doch Snape reagierte nicht.
„Ich weiß nicht, was der alte Mann plant. Ich weiß aber, dass ein Gryffindor das selbst oft nicht so genau weiß.", meinte er.
Suzette wusste nicht, was sie noch dazu sagen sollte. Sie blickte ihn fragend an.
„Er verlangt Dinge von mir, die ich beim besten Willen nicht tun kann!".
Suzette sagte nichts. Es fiel Snape ohnehin schwer über sein persönliches Befinden zu sprechen, wenn er es ihr also nicht freiwillig erzählen wollte, da wollte sie ihn nicht dazu zwingen.
Severus sagte dann schließlich auch nichts weiteres dazu. Er dachte bei sich, dass er Suzette nicht mit seinen Sorgen belasten wollte, hätte es aber tatsächlich gerne gehabt, wenn das Mädchen etwas Interesse an seinen Sorgen gezeigt hätte.
„Wer wird Zaubertränke unterrichten?", fragte Suzette.
„Dumbledore sagt, er wolle Slughorn aus der Pensionierung zurück holen.", erzählte Snape.
„Dein Vorgänger?", fragte Suzette.
„Ja. Bei ihm hab ich das Tränkebrauen gelernt. Leider ist er ein buchfixierter Idiot!", erklärte Severus und verzog das Gesicht zu einer angewiderten Fratze, „Wenn ich nur daran denke, wie er einige Schüler bevorzugt hat und diesen Slug-Club gegründet hat! Widerlich! Immer diese Abende zu denen er uns eingeladen hat!".
Suzette verstand nicht.
„Slughorn hat seine besseren Schüler bevorzugt behandelt. Er hatte Lieblinge und das hat er auch ganz offen dadurch gezeigt, dass er diejenigen zu seinen kleinen Privatparties einlud. Er wendete immer viel zu viel Zeit dafür auf, als für die Perfektionierung und Forschung der Zaubertrankbrauerei. Für ihn stand alles, was es zu wissen galt, im Lehrbuch.", erklärte Snape.
„Und? Warst du im Slug-Club?", fragte Suzette und grinste.
„Was glaubst du denn?", fragte Snape zurück und grinste keineswegs, „Ich war im Slug-Club. Aber nicht, weil er mich mochte, oder bevorzugte wegen eines ansprechenden Äußeren, sondern weil ich etwas vom Brauen verstand. Am Ende war ich besser als er. Er und sein nutzloses Lehrbuch!", zischte Snape voller Verachtung.
„Und er kommt einfach so aus seiner Pension zurück?", fragte Suzette skeptisch.
„Dumbledore will es versuchen. Weiß der Teufel, wie! Aber wenn Slughorn eine Chance wittert sich zu profilieren, dann sagt er nicht nein! Der Dunkle Lord sucht im übrigen nach ihm. Er wird sich also ohnehin auf der Flucht befinden. Ich denke, dass er gerne in die schützenden Gemäuer von Hogwarts zurückkehren wird. Er war und ist noch immer ein Feigling!".
„Der Dunkle Lord sucht nach ihm?", stieß Suzette hervor und Snape nickte: „Frag mich jetzt aber nicht, warum! Ich habe keine Ahnung!".
„Er war doch auch sein Lehrer, nehm ich an.", vermutete Suzette und Snape nickte nur leicht.
Bis zum Schuljahresbeginn waren es noch ein paar Wochen hin, doch Dumbledore meldete sich nicht bei Suzette. Sie machte sich langsam wirklich Sorgen: Hatte er den Ring zerstören können? Hatte er die anderen Horkruxe allein gefunden? Wieso kamen keine Briefe mehr?
Snape wusste nicht, was der Schulleiter allein in seinem Büro trieb, doch er war sich sicher, dass er es sich wohl überlegte. Er vertraute Albus Dumbledore, Suzette blieb skeptisch.
„Was macht dich so sicher, dass er deine Hilfe braucht?", fragte Snape.
„Weil er mich darum gebeten hat!", antwortete Suzette, „Und jetzt ruft er mich nicht zu sich.".
Suzette hatte das Gefühl, als redeten im Augenblick alle aneinander vorbei. Snape verheimlichte ihr etwas, Suzette wagte es nicht das Wort Horkrux auszusprechen und Dumbledore kochte oben im Schloss sein eigenen Süppchen.
Suzette wusste nicht, was Snape wusste und Snape wusste nicht, warum Suzette überhaupt hier war. Und schließlich wussten sie beiden nicht, was Dumbledore vorhatte.
