5. Die erste Nacht

Und schließlich war der Tag des Schulbeginns gekommen. Draco Malfoy hatte nur widerwillig seine Sachen gepackt, denn eigentlich wollte er nicht zurück an diese Schule. Er hatte größere Ziele und Pläne und vor allem hatte er Angst.

Es hatte ihn sehr mitgenommen, dass sein Vater nun in Askaban ausharren musste. Ausgerechnet sein Vater! Lucius Malfoy! Den Mann, der schon immer sein größtes Vorbild gewesen war! Diesen Mann hatte man nach Askaban gebracht, wo er ständig vom kalten Atem der Dementoren umgeben war.

Draco wollte und musste den Fehltritt seines Vaters wieder gut machen und trotz alledem war er ein 16jähriger Junge, der von der Zaubererwelt nicht viel mehr gesehen hatte als die Schule. Er hatte keine Erfahrung. Wie um alles in der Welt konnte er den Fehler seines Vaters wieder gut machen? Wie konnte er die Ehre seiner Familie wieder herstellen? Wie konnte er es schaffen, dass seine Mutter wieder jemanden hatte, auf den sie stolz sein konnte?

Am liebsten hätte er es gehabt, wenn die Zeit stehen geblieben wäre und der erste Schultag niemals auf ihn zu gekommen wäre, doch die Zeit konnte man nicht aufhalten. Irgendwann war es immer so weit! Irgendwann musste auch er der Verantwortung ins Gesicht blicken, das wusste Draco und so ergab er sich wissentlich seinem Schicksal.

Das einzige, was er tun konnte, war, hart zu arbeiten, sich gut vorzubereiten und keine Zeit zu verschwenden. Was kümmerten ihn noch Schlammblüter und Blutsverräter, wo es doch um sein Schicksal ging, seine Ehre und seine Familie?

Seine Mutter mochte ihm nicht recht vertrauen, aber er würde es allen beweisen. Er hatte es drauf! Er hatte das Talent! Er hatte das Blut!

Er zeigte sich von sich selbst überzeugt, doch tief in seinem Inneren musste er zugeben, dass seine Vorstellung auch schon mal überzeugender gewesen war. Er musste daran arbeiten!

Die Ankunft im Bahnhof von Hogsmeade hatte ihm hingegen gleich wieder Oberwasser beschafft. Das neue Schuljahr damit zu beginnen, Potters Visage zu „verschönern", war doch gar kein so schlechtes Omen.

Hatte der leichtsinnige Kerl doch tatsächlich geglaubt, er könne sich unter seinem unsichtbaren Lumpen verbergen, ohne dass er ihn wahrnehmen würde!

Draco machte kurzen Prozess, zeigte, was er von seiner Tante in den Ferien gelernt hatte, nämlich einen äußerst nützlichen und wirksamen Fluch, der seinen Gegner handlungs- und kampfunfähig machte und zertrat dem vorwitzigen Gryffindor genüsslich die Nase, bevor er ihn mit seinem Lumpen zudeckte, sodass er postwendend zurück nach London gefahren werden würde. Wenigstens der würde ihm in diesem Schuljahr nicht mehr auf die Nerven fallen!

So dachte Draco, als er beim Festessen in der großen Halle am Slytherintisch saß und nirgendwo Potter erkennen konnte.

Dass Professor Snape jetzt Lehrer für Verteidigung war, interessierte ihn wenig. Auch Slughorn und die Geschichten über ihn, die ihm vorausgeeilt waren, waren ihm egal, nachdem er nicht von ihm in sein Abteil zu seinem Lieblingsschüler-Club eingeladen worden war.

Draco fiel auf, dass Professor Snape sich nicht in der großen Halle befand, dachte sich aber nichts dabei. Es würde schon seine Richtigkeit haben, dachte er, Snape konnte man vertrauen, schließlich hatte er dem Dunklen Lord seine Ergebenheit bewiesen, als er Suzette getötet hatte.

Um Suzette tat es ihm vielleicht sogar ein bisschen leid, denn sie war eine begabte Hexe gewesen. Als er noch ein Kind gewesen war, hatte sie ihm gegen die Regel in der Zauberergemeinschaft schon ein paar kleine Zaubereien gezeigt. Sie hatte ihn mit ihrem Zauberstab zaubern lassen, wenn seine Eltern gerade nicht zugegen waren und sie war jemand auf den sein Vater stolz gewesen war.

Am Ende war sie allerdings nichts weiter als eine Verräterin gewesen und hatte den Tod verdient!

Nur ein paar Minuten später schließlich tauchte Snape in der großen Halle auf. Er machte ein unglaublich wütendes Gesicht und zog Potter am Arm hinter sich her. Auf seiner Schulter hockte ein zerzauster, matt-schwarzer Rabe.

Draco schaffte es gerade noch so Harry höhnisch zu zugrinsen, bevor er sich abwandte und sich an den Gryffindortisch schlich. Seine Nase war wohl geheilt worden, aber sein Gesicht war immer noch blutverschmiert zum Zeichen seines Triumphes.

Draco hätte es natürlich lieber gesehen, wenn Harry unbemerkt im Hogwartsexpress zurück nach London gefahren wäre, aber er musste es nun so hinnehmen. Er hatte ohnehin größere Pläne als Harry Potter zu schikanieren.

Pip hatte sich auf Snapes Schulter nieder gelassen und konnte vom Lehrertisch aus die ganze große Halle überblicken.

Er sah die vier langen Haustische, an denen die Hogwarts-Schüler verteilt saßen und sich das Festessen schmecken ließen.

Die Neuen Schüler waren schon auf die Häuser verteilt worden und die Hausgeister erschienen zur Begrüßung ihrer neuen Schützlinge.

Nun erhob sich Albus Dumbledore. Er hatte seine Rede zum Beginn des neuen Schuljahres noch nicht gehalten und bat nun um Ruhe.

Die Überreste des Festessens verschwanden von den Tischen und die Schüler wandten ihr Blick nach vorne zum Pult, an dem nun der Schulleiter auf allgemeine Aufmerksamkeit wartete:

„Liebe Schülerinnen und Schüler, auch diesen Jahr habe ich einige Ankündigungen, sowie Neuerungen im Kollegium bekannt zu geben.", er wies auf einen dicken, alten Mann, der im Grunde recht sympathisch, wenn auch ein bisschen einfältig ausschaute, wie er zu den Schülern hinunter lächelte, „Ich darf Professor Slughorn zurück im Kollegium der Hogwarts-Schule begrüßen. Er wird seine Stellen im Fach Zaubertränke wieder aufnehmen, die er bereits vor seiner Pensionierung vor 17 Jahren inne hatte. An der Fachlehrerstelle für das Fach Verteidigung gegen die Dunklen Künste ist schließlich unser allseits bekannter Professor Snape gerückt.", er lächelte etwas verschmitzt hinüber zu Snape und wartete eine kurze Pause ab, damit sich das Raunen und Flüstern in der Halle legen konnte, dann erhob er wieder sie Stimme: „Und nun, Liebe Schülerinnen und Schüler, sollten sie sich in ihre Betten begeben. Morgen wird unweigerlich der Ernst des Lebens fortgesetzt werden.", er lachte wieder und beobachtete, wie die Schüler sich zwischen den Tischen hindurch nach draußen drängten.

Pip betrachtete hingegen Dumbledore wie er ungewöhnlich erschöpft nach seiner Ansprache auf seien Sitz am Lehrertisch zurücksank und zu Snape flüsterte: „Severus, ich muss mich wohl tatsächlich etwas zurücknehmen.", er lächelte einwenig gequält, als wolle er Snape sagen: „Du hast Recht gehabt, aber ich werde dir trotzdem das Gegenteil beweisen!".

Snape stand auf ohne etwas zu erwidern. Er hatte kein Wort und auch keine Geste mehr für diesen Mann übrig, der so viel von ihm verlangt hatte.

Suzette wartete indes in ihrem Zimmer in den Drei Besen auf Pip, der ihr allabendlich Bericht erstatten sollte. Nicht Dumbledore, sondern Suzette selbst hatte ihn darum gebeten.

Uns so flatterte schließlich der Rabe in das Zimmer seiner Freundin um ihr vom ersten Schultag zu erzählen.

So erfuhr Suzette, dass Potter beinahe im Zug vergessen wurde, dass Slughorn tatsächlich zurückgekehrt war und Snapes und Dumbledores Verhältnis deutlich abgekühlt sei.

Außerdem erzählte der Rabe etwas, was Suzette stutzig machte: Dumbledores linke Hand schien verbrannt zu sein. Pip berichtete, dass sie ihm verkohlt oder abgestorben vorkam.

Suzette konnte sich keinen Reim darauf machen, auch nicht, als Pip erwähnte, dass Dumbledore recht geschwächt aussah und krank wirkte.

Suzette fragte, ob Pip wisse, was mit den anderen Horkruxen sei, ob Dumbledore sie schon gefunden und vernichtet hatte.

Pip wusste es nicht.

Es wurde spät, bis Suzette Pip entließ und er zurück zum Schloss in Snapes Büro flog, wo der neue Lehrer für Verteidigung dem Vogel extra eine Sitzstange eingerichtet hatte.

Das Büro hatte sich mit seiner neuen Stelle kein bisschen verändert. Immer noch waren die Wände mit eingelegten Amphibien und Organen zugestellt. Überall waren Flüssigkeiten in verschiedenen Farben gelagert und einen dampfenden Kessel hatte Snape immer auf dem Feuer.

Severus Snape pflegte es bis spät in die Nacht zu studieren und zu arbeiten und so fand Pip, als er von Suzette zurückkehrte den Lehrer in seinem Büro, die Nase wie in Trance in eine alte Schriftrolle vergraben.

Er nahm Pip gar nicht wahr, als er durch das Kellerfenster schlüpfte, auf seine Sitzstange flatterte und den Schnabel unter seinem linken Flügel vergrub.

Erst sehr viel später ging auch Severus in sein Schlafzimmer, um sich für den Rest der Nacht schlaflos hin und her zu wälzen.

Er fragte sich, ob es das wert gewesen war. Ob er diese Stelle als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste wirklich um den Preis seiner gesunden Seele haben wollte. Er relativierte: seiner halbwegs gesunden Seele.

Da hörte er plötzlich ein Geräusch auf dem Flur, woraufhin er entnervt ein missgelauntes Gesicht aufsetzte und sich erhob, um demjenigen, der schon in der ersten Nacht des Schuljahres die Schulregeln brach, eine saftige Portion Hauspunkte abzuziehen.

Der Schein aus der Spitze seines Zauberstabes war nur schwach, doch als er um die Ecke blickte, erkannte er recht genau sie Silhouette Draco Malfoys. Severus schreckte zurück: Ausgerechnet Malfoy!

Er überlegte nicht lange, er musste tun, was er als Lehrer tun musste: Er griff sich den Jungen am Kragen und zerrte ihn in sein Büro.

„Fünf Punkte Abzug für Slytherin!", sagte Snape und griff damit noch niedrig, denn einem Gryffindor hätte Snape für diese Regelübertretung gerne mal mit Schulverweis gedroht.

Draco hockte vor ihm wie ein Häufchen Elend. Auch ihn schien eine schlaflose Nacht umzutreiben.

Auf seiner Sitzstange blinzelte Pip, der durch das entfachte Licht aufgewacht war, unter seinem Flügel hervor und beobachtete die Szene.

Snape musste mit Malfoy sehr vorsichtig umgehen und Malfoy wusste, dass er in diesem Jahr von seinem Hauslehrer keinerlei größere Strafen zu erwarten hatte. Er würde ihm alles durchgehen lassen müssen, nachdem seine Tante Bellatrix Lestrange war.

„Was treiben sie des Nachts auf den Fluren, Malfoy?", fragte Snape und gab Draco damit sogar die Möglichkeit sich zu erklären und zu verteidigen.

„Mir war übel und ich wollte in das Badezimmer für die Vertrauensschüler.", antwortete er, obwohl er und Snape gleichermaßen wussten, dass er sich in keinster Weise auf dem Weg dorthin befunden haben konnte. Snape fragte nicht weiter, kramte in einer Schublade seines Schreibtisches nach einer kleinen Flasche, entkorkte sie und reichte sie seinem Schüler: „Das ist ein Schlaftrunk, Malfoy! Ich erwarte, dass sie auf der Stelle, leise zurück in ihren Schlafsaal zurückkehren, die Flasche austrinken und sich nachts nicht mehr auf den Fluren herumtreiben werden!".

Draco nahm die Flasche, drehte sich grußlos um und verschwand in seinem Schlafzimmer, wo man Crabbe bis auf den Flur schnarchen hören konnte.