6. Trügerischer Alltag

Draco dachte hingegen gar nicht daran das Fläschchen auszutrinken. Er hatte in dieser Nacht wichtigeres vor, als zu schlafen. Snape hatte ihn vielleicht auf dem Flur erwischt, aber nicht bei seinem eigentlichen Vorhaben.

Im Grunde war es eine fixe Idee von ihm gewesen, in Suzettes ehemaliges Zimmer einzubrechen. Er hatte gehofft, dass er dort vielleicht ein paar nützliche schwarzmagische Utensilien finden würde, aber nicht ernsthaft daran geglaubt. Viel mehr wollte er sich das Zimmer des Mädchens ansehen, dass er als kleiner Junge so gemocht hatte und schließlich so hassen musste.

Suzette war es gewesen, die ihm seiner ersten Zaubertricks gezeigt hatte. Sie hatte nie ein Problem damit, dass er noch zu jung war um zu zaubern. Andererseits hatte sie sich schließlich mit der Familie verworfen. Draco fand es schließlich spannend herauszufinden, was Suzette in der Zwischenzeit für Magie erlernt hatte und ob er vielleicht ein paar Überreste davon finden und benutzen konnte.

Der Junge war verzweifelt und klammerte sich so an jeden Strohhalm, den er irgendwo in diesem Schloss erahnen konnte. Suzette war eine schwarze Magierin gewesen, der er einst vertraut hatte. Er musst einfach in ihr Zimmer einbrechen um damit abzuschließen, dass sie ihm nicht helfen konnte, um es sich selbst zu beweisen.

Doch Draco fand etwas entgegen aller seiner rationalen Erwartungen.

Unter Suzettes Bett fand er einen etwa fußballgroße Kugel, die wohl irgendeinem schwarzen Metall bestand. Als Draco sie berührte, fühlte sie sich eiskalt an.

Auf Grund der schwarzen Farbe, der Tatsache, dass es unter dem Bett versteckt war und der Kälte, die das Ding ausstrahlte, glaubte er, dass es sich um ein verbotenes schwarzmagisches Gerät handeln musste und so beschloss er es zu stehlen.

Nun saß Draco also auf seinem Bett. Um ihn herum schnarchten seine Zimmergenossen und er versuchte irgendwie herauszufinden, wofür dieses Ding gut war und wie man es bediente.

Nach einer Stunde wurde ihm klar, dass er es in dieser Nacht nicht herausfinden würde. Er war nun doch müde geworden und seine Augenlider schwer. Er verstaute das kalte, schwarze Ding unter seinem Bett und kroch unter seine grün-silberne Decke, wo er schließlich einschlief.

Am anderen Ende des Landes wachte am nächsten Morgen Robert Smith, ein kugelrunder, älterer Mann, mit Schnauzbart und einer niedlichen grauen Meerschweinchenfrisur, in seiner Muggelwohnung auf und schaute aus dem Fenster. Heute war der erste Tag seines Jahresurlaubes und er freute sich endlich einmal tief durchatmen zu können.

Robert hatte eine große Familie und da blieb nicht allzu viel Geld übrig. Seit Jahren war er nicht mehr in Urlaub gewesen, aber das brauchte er auch nicht.

Seine Leidenschaft war sein Garten. Er pflegte ihn peinlich genau, rupfte jedes noch so winzige Unkraut mit samt Wurzel aus dem Boden und düngte seine strategisch angepflanzten Blumen mit dem teuersten Dünger, den er bekommen konnte.

Helena Smith, eine hoch gewachsene, schlanke Frau mit grauen, hochgesteckten Haaren, die früher mal rot gewesen waren, mochte den Garten hinter ihrem Haus auch sehr gerne, doch überließ sie das Arbeiten darin lieber ihrem Mann. Sie selbst genoss es sich auf eine Liege in die Sonne zu legen und den ganzen Tag nichts weiter zu tun als hin und wieder die Seite in ihrem Buch umzublättern.

Die drei Kinder, die noch zu Hause wohnten, waren mittlerweile auch schon alt genug, dass sie alleine loszogen. Im Augenblick allerdings hatten sie zur Schule zu gehen.

Helena packte ihnen ihr Frühstück zusammen, steckte jedem noch zwei Pfund für Süßigkeiten zu und verabschiedete die drei Jungs.

Helena hätte sich nichts lieber gewünscht als eigene Kinder, doch es wollte nicht klappen und so hatten ihr Mann und sie sich entschlossen, Pflegekinder bei sich aufzunehmen.

Zwar belastet es das Ehepaar, dass die Kinder meist nicht lange in der Familien bleiben konnten, doch sie blickten auf mittlerweile 15 Jungen und Mädchen zurück, denen sie für einen kurzen Abschnitt in ihrem Leben Liebe und ein Nest geboten hatten und aus denen anständige Leute geworden waren.

Sie waren stolz darauf, dass sie diesen Kindern, die oftmals aus zerrütteten Familien, von drogenabhängigen Eltern oder Waisenhäusern kamen, eine Perspektive gezeigt hatten und so ihr Schicksal beeinflussen konnten. Zu Geburtstagen und Weihnachten kamen regelmäßig liebevolle Grußkarten und Geschenke, obwohl die ältesten der Smith-Schützlinge schon verheiratet waren und eigene Kinder hatten.

Robert Smith ging also nach unten in den Garten, um sich dem Unkraut zu widmen und entdeckte schließlich, dass sich über Nacht ein offenbar rech fruchtbares Kraut in seinem Grund angesiedelt hatte.

Helena schaute sich die strahlend weißen Blüten an und bat ihren Mann sie doch stehen zu lassen, sie würden doch niemanden stören, doch Robert kannte keine Gnade. Er zupfte und jätete den ganzen Vormittag, dass auch jede noch so kleine Blume, welche die Einheit des sattgrünen Rasens störte, eliminiert war.

Die Gryffindors und die Hufflepuffs machten sich auf den Weg zu ihrer ersten Unterrichtsstunde im neuen Schuljahr. Kräuterkunde bei Professor Sprout war ein dankbares Fach. Man konnte sich gut unterhalten und leicht eine gute Note bekommen. Professor Sprout selbst war eine sehr umgängliche Frau, gerecht und fachkundig, doch was es mit diesen seltsamen Blumen auf sich hatte, die schon seit einigen Tagen daran arbeiteten an den Gewächshäusern hinaufzuwachsen, konnte sie sich nicht erklären. Noch nie hatte sie so strahlend weiße Blütenblätter gesehen. Es schien, als würden sie nicht das Licht reflektieren, sondern aus sich selbst heraus leuchten.

Doch sie ließ sich dadurch nicht von ihrem Unterricht ablenken. Sie brachte ihren Schülern heute bei, wie man mit einer einfachen Tinktur Pflanzensamen um ein vielfaches schneller zum keimen und zu einem üppigeren Wachstum brachte.

Die erste Stunde der Sechstklässer bei Professor Snape schloss sich unmittelbar an Kräuterkunde an und so schlichen Harry, Ron und Hermine, sowie die anderen Gryffindors zurück zum Schloss, die schlimmsten Befürchtungen über Snape als Verteidigungslehrer um Hinterkopf.

Verteidigung gegen die Dunklen Künste hatten die Gryffindors wie auch schon in den Vorjahren zusammen mit den Slytherins. Die Hufflepuffs hingegen verschwanden in Richtung Wahrsagen.

Der Klassenraum, den Snape für seinen Unterricht ausgestattet hatte, war mit grausigen Bildern von verfluchten, gefolterten und sterbenden Menschen dekoriert. Er war dunkel gehalten und kalt. Niemand konnte sich hier wohlfühlen. Niemand konnte hier ein Gefühl der Sicherheit entwickeln. Man fühlte sich von allen Seiten beobachtete und kam nicht auf den Gedanken hier unkonzentriert zu werden. Man hatte immer das Gefühl aus einer dunklen Ecke des Raumes könnte man angegriffen werden und genau das wollte Snape auch erreichen: Die Schüler sollten sich unsicher fühlen, denn Unsicherheit förderte die Konzentration, etwas das im Kampf gegen die Dunklen Künste von äußerster Wichtigkeit war.

Er stürmte in den Raum, wie die Schüler es schon von ihm im Klassenraum für Zaubertränke gewohnt waren. Er knallte die Tür hinter sich zu und fixierte jeden einzelnen den Schüler, die es in seinen Kurs geschafft hatten, obwohl er ein Ohnegleichen als ZAG-Note verlangt hatte.

Vor ihm sah er den gryffindor'schen Teil der DA, sowie ein paar seiner Slytherins, sie es mit Hilfe ihrer schwarzmagisch interessierten Eltern zu einer solchen Glanznote gebracht hatten, unter anderem auch Draco Malfoy, der viel von seiner Tante gelernt hatte, seit diese aus Askaban fliehen konnte.

„Die Dunklen Künste sind Mächte von äußerster Komplexität! Es gibt keinen Masterplan darüber, wie man ihnen gegenübertritt. Es gibt kein allgemeingültiges Rezept, keine Regeln! Die Dunklem Künste sind das allermenschlichste in uns. Sie sind Freiheit und Macht. Sie verleihen uns Kräfte, die jede schematische Magie in den Schatten stellen. Ihnen entgegenzutreten erfordert List, Mut, Intelligenz und Erfahrung. Der Kampf gegen Dunkle Magie bedeutet Flexibilität. Ihr müsst bereit sein sekundenschnell eure Strategie zu ändern, wenn ihr überleben wollt! Ihr müsst euch selbst Kräfte aneignen, die nicht in bekannte Schemata passen. Ihr müsst selbst agieren und nicht eure Schulbücher!", Snape schritt, nachdem er während seiner Ansprache einmal durch den Saal gegangen war, zu seinem Pult nach vorne, „Die erste Lektion, die es für euch in diesem Kurs zu lernen gilt, ist die Kunst der unausgesprochenen Zauber.".

Die Klasse schluckte. Sie wussten, dass es unausgesprochne Zauber gab, doch sie wussten auch, dass diese äußerst schwer zu bewerkstelligen waren und es viele erwachsene und erfahrene Zauberer gab, die sie nicht hinbekamen. Außerdem kannten sie ja Suzette und wussten, was ihre unkontrollierten Zauber anrichten konnten.

Snape blieb von der allgemeinen Angst in den Augen seiner Schüler unbeeindruckt und fuhr mit dem Unterricht fort: „Ihr werdet euch konzentrieren und die Schulbücher vor euch schweben lassen ohne auch nur einen Ton zu sagen!".

So verging die Stunde in stetigem, stummen Üben.

Kaum einer der Schüler schaffte es sein Buch länger als eine Zehntelsekunde vom Tisch abheben zu lassen. Hermine bekam es hin, dass ihr Buch einen kleinen Satz nach vorne machte und über die Kippe ihrer Bank geräuschvoll zu Boden fiel, was in einem ansonsten völlig stillen Raum natürlich doppelt so laut schepperte, was das Mädchen knallrot anlaufen ließ.

Draco Malfoy war der einzige, der es schaffte sein Buch für ein paar Sekunden vor sich schweben zu lassen. Er schaute triumphierend und abschätzig in die Klasse. Er hatte sich ganz allein eine gute Note verdient! Er war besser als Granger und besser als Potter in seinem Paradefach! Daraufhin wollte und konnte er sich sein höhnisches Grinsen nicht verkneifen.

Dieser Erfolg des Draco Malfoy war natürlich Thema Nummer eins auf dem Weg in den neuen Klassenraum für Zaubertränke.

Doch auch Ron, Hermine, Neville und Harry konnten nichts anderes sagen, als dass Draco einfach gut gezaubert hatte. Da biss die Maus keinen Faden ab. Natürlich machte Potter sich deswegen etwas Sorgen, auch weil es sich um Verteidigung gegen die Dunklen Küste, SEIN Fach, handelte. Wieso ausgerechnet Draco?

Das Klassenzimmer, das Professor Slughorn für seinen Unterricht neu eingerichtet hatte, war um einiges einladender ausgestattet, als Snapes altes und auch sein neues Klassenzimmer.

Slughorn hatte die Fenster gereinigt, das Glas von einer dicken Zaubertrank-Dunst-Schmantschicht befreit und statt der eingelegten Frösche und Lurche lieber Bücher, Schriftrollen und getrocknete Kräuter in die Regale gelegt.