8. In der Heulenden Hütte
Snape ärgerte sich. Professor Dumbledore war ihm zuvor gekommen. Eigentlich hatte er vorgehabt Harry bei sich nachsitzen zu lassen. Er war ihm immer noch unversöhnlich böse, dass er damals in seinen Erinnerungen herumgestöbert hatte. Doch der Schulleiter hatte für den Abend bereits ein Treffen mit Potter vereinbart.
Er hatte Severus zwar erzählt, dass er dem Jungen in diesem Jahr Einzelunterricht erteilen wollte, doch nicht erwähnt, worum es dabei gehen würde. Dass er ihn nun selbst in Okklumentik unterrichten würde, bezweifelte Snape, trotzdem war er neugierig. Besonders deshalb, weil Dumbledore, der ihm sonst alles anvertraute diesmal ein Geheimnis aus der ganzen Sache machte.
Mme Pomfrey und Professor Sprout, die auch privat recht gut befreundet waren, trafen sich eines Nachmittags schließlich zu einem Spaziergang über das Schlossgelände.
Es war ein wunderschöner Samstagnachmittag und es gab keine Kranken im Krankenflügel zu versorgen.
„Sagen sie, kennen sie eigentlich diese Blume?", fragte Professor Sprout, die sich immer noch keinen Reim auf die strahlend weißen Blütenranken machen konnte, die langsam anfingen die Schlossmauer hinaufzukriechen.
„Sie wachsen sehr schnell, was?", meinte die Krankenschwester.
„Und vor allem, wo kommen sie her? Ich habe noch nie so eine Pflanze hier gesehen?", sprach die etwas spröde Kräuterkundlerin.
Mme Pomfrey zuckte mit den Schultern: „Ich doch egal, sie sehen schön aus, oder? Gibt dem alten Gemäuer etwas weiches und schönes.". Professor Sprout lächelte und brach sich eine der weißen Blüten ab, um sie in ein Knopfloch an ihrem Umhang zu stecken.
Nach einem goldenen Oktoberanfang schlug schließlich das Wetter schlagartig um. Er wurde nasskalt im hohen Norden der Insel, wo sich die Hogwarts-Schule befand.
Der Himmel verfärbte sich in ein wolkenverhangenes Grau und nicht nur in Hogwarts versank man in einer schwermütigen Herbstdepression. Suzette hockte in ihrem düsteren Zimmer in Hogsmeade und fühlte sich wie ein eingesperrtes Tier, das langsam verhaltensauffällig wurde.
An einem Donnerstag Abend hielt sie es nicht mehr aus. Zwar kam Pip sie fast jeden Abend besuchen, doch das reichte ihr nicht mehr. Aus irgendeinem Grund, sie wusste selbst nicht warum, war sie plötzlich wahnsinnig wütend. Sie hätte ihr komplettes Zimmer zerschlagen können. Sie wollte nur raus, weg, sich bewegen, etwas anderes sehen.
Kaum war Pip durch das Zimmerfenster gehüpfte, da stürzte sich auch schon Suzette auf den erschreckenden Vogel: „Pip! Du fliegst sofort zurück zum Schloss! Ich will mit Severus sprechen! Was soll das hier? Wir könnten die verdammten Horkruxe schon alle vernichtet haben! Warum brauchen die so lange? Wie lange soll ich noch hier meine Zeit verschwänden? Sag ihm das, Pip!... Oder... lass das mit den Horkruxen weg! Ich glaube Dumbledore will nicht, dass er davon erfährt.".
Der Rabe flatterte ohne ein Wort sofort zurück bergan zum Schloss. Es war Suzette sehr ernst gewesen und da wollte Pip nicht noch unnötige Worte verlieren.
Snape verstand die Sprache der Raben nicht besonders gut, doch es schien Pip sehr wichtig zu sein, denn er flatterte unglaublich aufgeregt auf seiner Stange und war zudem schon so früh zurück aus Hogsmeade.
Schließlich verstand er das gröbste, dass Suzette sich mit ihm treffen wollte, dass sie sich ärgerte und dass es so schnell wie möglich passieren musste, wenn er nicht wollte, dass sie austickte.
Er schickte sich an, eine kleine Notiz zu schreiben und steckte sie dem Raben zu. Er sollte zurück zu den Drei Besen fliegen.
Pip krähte abschätzig, denn er fühlte sich schon wieder wie eine schäbige Posteule und nicht wie der gleichwertige Gefährte einer Hexe.
Er ließ sich schließlich breit schlagen und flatterte erneut durch die finstere und stürmische Nacht hinunter in das kleine Dorf.
Suzette las die kurze Mitteilung ihres Mentors und fühlte sich gleich schon wieder ein wenig beruhigt:
„Wir treffen uns morgen gegen Mittag bei der heulenden Hütte! Bitte denke daran, unsichtbar durch die Stadt zu laufen!".
Die Zeit bis zum Freitag Mittag, wenn die Schule die letzte Unterrichtsstunde der Woche abhielt, schien gar nicht zu vergehen.
Jetzt, wo Suzette einen festen Termin hatte, auf den sie warten konnte, fiel ihr das Nichtstun umso schwerer. Sie zauberte zum Zeitvertreib der Tapete in ihrem Zimmer neue Muster und Farben, verrückte die Möbel etwas und erfand einen Zauber, mit dem man frühere Geschehnisse in einem Raum auf seiner Wand, wie auf einer Leinwand sichtbar machen konnte, was in einem Hotelzimmer interessanter gedacht war, als es sich eigentlich darstellte.
Endlich war es elf Uhr und Suzette konnte guten Gewissens ihr Zimmer und das Gasthaus verlassen, denn sie hatte ja einen Termin.
Sie pfiff auf den Hinweis mit der Unsichtbarkeit und lief als eine Hexe in der Masse von vielen durch die engen Gassen von Hogsmeade, durch das Dorftor hinauf zum Weg der zur heulenden Hütte führte, die wiederum direkt hinter dem verbotenen Wald lag, der sich an das Schulgelände von Hogwarts anschloss.
Suzette war wie erwartet viel zu früh am Treffpunkt. Es hatte Bindfäden zu regnen begonnen und der Wind wollte einfach nicht aufhören zu wehen.
Mit einem Augenblinzeln flog die Tür der schäbigen Holzhütte auf und riss aus den Angeln. Suzette trat ein. Hier wehte zwar der Wind nur durch die Ritzen, aber kalt, ungemütlich und feucht war es dennoch.
Sie wartete.
Es kam ihr vor, als würde sie Wurzeln schlagen oder festfrieren oder lebendig vermodern, doch schließlich nach einer unendlich langen Zeit des Herumsitzens knarrten die Bodendielen des Hütte und Suzette wusste, dass Sev endlich gekommen war.
Tatsächlich war der hagere Mann über die gesprengte Tür geklettert und suchte Suzette im Inneren des Spukhauses.
Pip, den Raben, trug er auf der Schulter bei sich.
Suzette konnte nicht anders und fiel ihrem Mentor mit einem plötzlichen Anfall an Überschwang um den Hals. Sie war so froh endlich mit jemandem reden zu können!
„Ist ja schon gut!", Snape löste sich von Suzette und die beiden begaben sich in das obere Stockwerk, wo es Sitzmöglichkeiten gab und wo es nicht so sehr zog, nachdem sich die Eingangstür nicht mehr an ihrem Platz befand.
„Nun, worum geht es?", fragte Snape leicht gelangweilt.
„Wie? Worum geht es? Dumbledore ruft mich unverzüglich zu sich und jetzt lässt er mich wochenlang in meinem Zimmer schmoren! Was soll das Severus?", echauffierte sich Suzette.
Snape hingegen blieb ruhig: „Dem Schulleiter geht es zur Zeit nicht besonders gut. Er hat viel um die Ohren...".
„Was kann wichtiger sein, als....", fiel Suzette ihm ins Wort und verstummte dann prompt wieder.
Snape ignorierte die Aufregung des Mädchens und fuhr fort: „Er trifft Vorbereitungen, auf das was kommen wird.".
„Vorbereitungen!", knurrte Suzette verächtlich.
„Im Augenblick ist es ohnehin zu gefährlich für Aktionen jedweder Art, Suzette.".
„Du sprichst in Rätseln.", sagte Suzette mit leicht ironischem Unterton.
„Morgen findet ein Schülerwochenende in Hogsmeade statt! Ich nehme an, so einige von ihnen werden sich in den Drei Besen treffen. Ich möchte, dass du dich unauffällig verhältst! Es ist überlebensnotwendig, hörst du!".
Suzette winkte ab: „Ja, ja. Schon gut! Ich bleib in meinem Zimmer und rühr mich nicht! Nicht dass Draco Malfoy mich noch zu Gesicht bekommt!". Sie lachte verächtlich.
Snapes Miene hingegen verzog sich leicht: „Du unterschätzt ihn. Und du unterschätzt die Gefahr!".
Suzette rollte mit den Augen: „Ich sitze seit Monaten hier fest, Severus, und in all der Zeit ist mir noch absolut nichts verdächtiges untergekommen! Die Todesser sitzen doch derzeit so gut wie alle in Askaban. Ich meine, ich zweifle nicht, dass sie irgendwann wieder raus kommen, aber im Augenblick...".
„Du unterschätzt den Dunklen Lord, Suzette, das ist gefährlich.", meinte Snape und blickte sie fest, aber unergründlich an.
Suzette hob eine Augenbraue, als wollte sie sagen: „Ja und? In wie fern?".
Die Antwort auf die ungestellte Frage kam sofort: „Nicht alle Todesser befinden sich in Askaban.".
„Ja, aber sie müssen sich doch bedeckt halten. Es ist doch nur Bellatrix! Sie können nicht einfach auf die Straße gehen. Sie werden gesucht, Severus!", sagte Suzette überzeugt.
„Du hast falsche Vorstellungen.", mahnte Snape, „Der Dunkle Lord sucht sich Anhänger. Er sucht sich neue Anhänger und er versteckt sich mit Nichten! Er ist zurück und er agiert!".
Das Mädchen kniff die Augen skeptisch zusammen: „Woher...?".
„Suzette, es passieren Morde! Menschen verschwinden spurlos! Einfach so! Und niemand weiß, warum und wie!", erklärte Severus, „Aber wir wissen, dass sie nur deshalb verschwinden, weil sie mit den falschen Personen Kontakt hatte. Der Dunkle Lord säht Terror und Furcht in der Bevölkerung und versucht so Dumbledores Anhängerschaft auszudünnen. Es ist ein einfaches Spiel mit Massenhysterie, Suzette! Und du stehst ganz oben auf der Abschussliste! Du und alle, die jemals Kontakt mit dir hatten! Meine Warnung war nicht umsonst! Bellatrix und Greyback suchen nach deinen Freunden! Sie haben deine Wohnung in London durchsucht und Robert und Helena Smith getötet...".
„Sie haben was?", schrie Suzette plötzlich außer sich, „Sie haben was getan?".
Snape wiederholte es nicht, denn es war im schwer genug gefallen es einmal zu sagen.
Suzettes Augen füllten sich mit heißen Tränen. Die Smiths hatten ihr alles gegeben, was sie heute besaß. Sie hatten alles mit ihr geteilt, obwohl sie nicht ihr leibliches Kind gewesen war. Sie hatten ihr ihren Namen gegeben und ihr die schönste Erinnerung ihres Lebens bereitet. Und jetzt waren sie wegen ihr gestorben.
Im ersten Augenblick wusste Suzette nicht, welches Gefühl diesem Schock gerecht werden konnte. Sie konnte sich keine Trauer vorstellen, die annähernd ihr Gefühl ausdrücken konnte. War es Hass oder Hoffnungslosigkeit oder Hilflosigkeit oder Schuldgefühl? Suzette fühlte sich verantwortlich.
Sie stand von ihrem Stuhl auf und wollte die Hütte verlassen. Plötzlich wollte sie mit sich allein sein um sich darüber klar zu werden, was sie fühlen sollte, doch Snape legte seine Hand auf ihre Schulter um sie zurück zu halten.
Suzette drehte sich um und er kannte am Snapes Handgelenk einen seltsamen Schimmer, wie einen Armreif.
„Suzette, es nutzt nichts! Du kannst nichts dafür! Niemand hätte ihnen helfen können. Du darfst jetzt nicht den Kopf verlieren! Der Schulleiter benötigt deine Hilfe. Also benötigt der Orden deine Hilfe! Wir können es uns nicht leisten, noch mehr Mitglieder zu verlieren!".
„Was ist das?", fragte Suzette, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und deutete auf das goldene Glänzen unter Severus Ärmel, das er sofort wieder bedeckt hatte, nachdem es nur für Sekundenbruchteile sichtbar gewesen war.
„Was ist das?", wiederholte Suzette eindringlicher, als Snape ihr nicht antwortete. Blitzschnell griff sie nach seinem Handgelenk, bevor er es ihr entziehen konnte, und schob den schwarzen kratzigen Ärmel seines Umhangs nach oben.
Zum Vorschein kamen drei goldschimmernde Steifen um sein Gelenk, die Suzette natürlich zuordnen konnte. Sie sah ihn eindringlich an: „Wem hast du was geschworen, Sev? Bist du wahnsinnig geworden? Das kann dich umbringen!", sie schrie fast, als sie sich ausmalte ihre letzte Bezugperson auf Erden sterbend zu wissen.
Severus wusste, dass er aus der Nummer nicht mehr herauskam, auch wenn er Suzette nicht unnötig beunruhigen wollte, auch wenn er seine Mission durch Mitwisser nicht gefährden wollte: „Bellatrix.", sagte er leise und Suzette ließ angeekelt Snapes Hand los.
„Bellatrix?", rief sie aufgebracht.
„Ihrer Schwester.", sagte Snape langsam.
„Narcissa?", rief Suzette ebenso aufgebracht wie zuvor und kam sich langsam hysterisch vor, weil Snape nicht rausrückte.
„Was?", schrie sie, als er wieder Anstalten machte in Schweigen zu verfallen.
„Sie sind zu mir gekommen. Ich konnte nichts tun. Ich hätte mich sonst verraten!", er klang fast so als wollte er sich verteidigen für etwas, was Suzette noch nicht einmal gewagt hatte sich vorzustellen.
„Was?", wiederholte sie und schaute Snape tief und vorwurfsvoll in die dunklen Abgründe seiner Augen.
„Bellatrix war misstrauisch.", erzählte Snape weiter, „Deshalb musste ich ihnen schwören, dass ich ihnen helfen würde. Damit sie Vertrauen in mich setzen, verstehst du?".
Suzette verstand die Worte und den rationalen Zusammenhang, aber einen unbrechbaren Schwur auf sich zu nehmen, war keine kleine Ausrede mehr, die Misstrauen abbauen sollte. Auf welcher Seite Snape auch stand ein unbrechbarer Schwur legte ihn in seinen Handlungen fest, was auch immer das für welche sein sollten.
„Die Malfoys sind in Ungnade gefallen.", sagte Snape und Suzette bedeutete ihm mit einer Handbewegung, dass er endlich zum Punkt kommen sollte.
Snape sagte schließlich: „Der Dunkle Lord rächt sich an der Familie für Lucius' Versagen im Ministerium. Er hat Draco den Auftrag gegeben, Dumbledore umzubringen.".
Suzettes Mund blieb offen stehen, ohne dass sie auch nur annährend wusste, was sie sagen sollte.
„Narcissa ist natürlich außer sich vor Sorge und Bellatrix will sie von Dummheiten abhalten.".
Suzette schluckte und Snape fuhr fort: „Sie sind also zu mir gekommen und wollten, dass sich ihnen schwöre Draco zu helfen. Und Bella wollte mich ein bisschen aushorchen.".
„Du sollst Draco helfen Dumbledore zu töten?", rief Suzette ungläubig.
Snape nickte.
„Da sind drei Ringe! Was hast du noch geschworen?".
Snape senkte den Kopf und sprach: „Dass ich ihm helfe, Gefahren von ihm fern halte und...", er stockte, bevor er sich klar wurde, dass er Suzette nicht mit halben Erzählungen kommen brauchte: „dass ich es für ihn tue, wenn er es nicht schafft.".
„Das wirst du nicht wirklich tun, Severus!", keuchte Suzette außerstande etwas zu denken.
„Wir werden sehen.", machte Snape und enthielt sich allen folgenden Fragen, die Suzette nur so aus dem Mund tropften ohne, dass sie überlegte: „Wieso? Weiß Dumbledore Bescheid? Weiß Draco? Du wirst es nicht wirklich tun?! Severus, das kannst du nicht! Was, wenn du den Schur brichst?".
Snape disapparierte. Er konnte die Fragen nicht ertragen, denn er hatte sie für sich selbst noch nicht beantwortet. Er selbst hatte noch keine Antwort, aber Dumbledore hatte wie immer alles besser gewusst.
